r^ ^^^B^H r-=\ — ^^^ _D ^^^^^™ ,-q __^^^^^ ru I _D 5t— ~ D D j^^^^i CO r^l D rn ^^^^^^ ^=^^= □ DER ORGANISMUS DER INFUSIONSTHIERE. I DER ORGANISMUS DER INFUSTONSTHTERE NACH EIGENEN FORSCHUNGEN IN SYSTEMATISCHER EEIHENFOLGE BEARBEITET VON D E FRIEDRICH STEIN, O. Ö. PROFESSOR DER ZOOLOGIE AN DER K. K. UNIVERSITÄT ZU PRAG. I. ABTHEILUNG. ALLGEMEINER THEIL UND NATURGESCH» HTE DER HYPOTKR'HEN INTUSIONSTHIERE. MIT 14 KUPFERTAFELN. LEIPZIG, VERLAG VON WILHELM ENGELMANN. 1859. Das Recht der englischen und französischen Uebersetzung behält sich der Verleger vor. SEINEN FREUNDEN HEEliN D ß ERNST BRÜCKE, O. O. PROFESSOR DER PHYSIOLOGIE AN DER K. K. UNIVERSITÄT ZU WIEN, REITER DES KAIS. ÖSTERREICHISCHEN* FRANZ JOSEPH-ORDENS ETC. ETC. UND HERRN D E AUGUST EM. REUSS, O. Ö. PROFESSOR DER MINERALOGIE AN DER K. K. UNIVERSITÄT ZU Fl;«,. 1;ITTER DES KAIS. ÖSTERREICHISCHEN FRANZ JOSEPH-ORDENS etc. etc. WIDMET DIESE SCHRIET HOCHACHTUNGSVOLL DER VERFASSER. V o p w o r t. \\ ie vielfach auch die in neuester Zeit mit so regem Eifer der Infusorienwelt zugewen- deten Forschungen noch von einander abweichen mögen, darin stimmen sie ohne Ausnahme mit einander überein, dass das von Ehrenberg aufgeführte und zu seiner Zeit mit Recht allgemein bewunderte wissenschaftliche Gebäude der Infusorienkunde an so erheblichen Mängeln leide und zum Theil auf so unhaltbaren Grundlagen beruhe, dass eine wesentliche Umgestaltung des- selben zu einem dringenden wissenschaftlichen Bedürfnisse geworden sei. Die Lösung dieser Aufgabe ist jedoch überaus schwierig, und es wird noch einer geraumen Zeit und der vereinten angestrengten Kräfte vieler tüchtiger Forscher bedürfen, bevor wir uns eines einigermaassen vollendeten, den gegenwärtigen Anforderungen der Wissenschaft entsprechenden Infusorien- systems werden erfreuen können. Ehrenberg hat viele Jahre mit eisernem Fleisse gearbeitet, um das ungeheure Material zusammen zu bringen und zu bewältigen , welches er in seinem all- bekannten grossen Infusorienwerke niedergelegt hat. Wenn wir nun gleich nach dem heutigen Standpuncte unseres Wissens eine sehr bedeutende Anzahl der von ihm unter dem Namen der Infusionsthiere zusammengefassten mikroskopischen Lebensformen als den eigentlichen Infusorien durchaus fremdartige Organismen von vornherein ausscheiden können, so bleibt doch immer noch ein umfangreicher Kreis von Formen übrig , die sämmtlich von Neuem geprüft und viel ein- gehender untersucht werden müssen, als dies von Ehrenben/ geschehen ist, wenn ihre wahre Natur und ihre gegenseitigen Beziehungen zu einander definitiv festgestellt werden sollen. Schon das blosse Auffinden nur der wichtigsten dieser Formen erfordert einen grossen Aufwand von Zeit und Mühe, und setzt eine jahrelange Beschäftigung mit der Infusorienwelt voraus, und wie oft muss jede einzelne Form untersucht werden, bevor man sich sagen kann, Avenigstens die wichtigsten Eigentümlichkeiten ihres Baues völlig richtig aufgefasst zu haben. Ich habe seit zehn Jahren meine Thätigkeit fast unausgesetzt auf das Studium der Infu- sionsthiere verwendet. Durch die von mir zunächst über die Fortpflanzung und Entwickelung dieser Thiere angestellten Untersuchungen gelangte ich frühzeitig zu der festen Ueberzeugung, dass sie keineswegs so hoch organisirte Geschöpfe seien, als wofür sie Ehrenberg ausgegeben hat, dass ihre innere Organisation von diesem Forscher durchaus irrig gedeutet worden sei und dass auch die Kenntnisse, welche wir demselben über ihre äussere Gestaltung verdanken, noch vieler Berichtigungen und Ergänzungen bedürften. Die Resultate meiner Forschungen , welche sich am ausführlichsten in der von mir im Jahre 1854 herausgegebenen Schrift: „Die Infusionsthiere k°{ VIII auf ihre Entwicklungsgeschichte untersucht" veröffentlicht finden, haben nicht wenig dazu beigetragen, dass ein allgemeiner Umschwung in den Ansichten über den Organismus der Infu- sorien eintrat, und dass fortan das eifrige Bestreben erwachte, die Naturgeschichte derselben nach neuen Principien zu bearbeiten. Ich selbst stellte bereits in der Vorrede zu der eben genannten Schrift eine solche Bearbeitung in Aussicht. Seitdem bin ich rastlos bemüht gewesen, immer tiefer in die feineren Organisationsverhältnisse und in die Entwickelungsgeschichte der Infusorien einzudringen, um dadurch die noth wendigen Grundlagen zu einem naturgemässern Systeme derselben zu gewinnen. Ich fand jedoch bald, dass eine planlose Untersuchung der heterogensten Formen , wie sie der Zufall dem Beobachter in die Hände spielt , nicht zu einem erwünschten Ziele fuhren werde, da ich nur zu oft die Erfahrung machte, dass ich bei einer für sich allein betrachteten Form gar manche feinere Strueturvcrhältnisse und selbst sehr wichtige Charactere übersah, auf die ich erst aufmerksam wurde, wenn. der Blick zuvor durch einen Vergleich vieler nahe verwandter Formen geschärft worden war. Ich entschied mich daher mehr und mehr für eine vorwiegend gruppenweise monographische Bearbeitung der Infu- sorienwelt. Da ich bei meinen früheren Untersuchungen ganz besonders die vorticellenartigen Infusorien berücksichtigt hatte, so wählte ich nunmehr eine andere natürliche Gruppe, die mir am meisten eine gründliche Revision zu erfordern schien, zum vorzugsweisen Gegenstand meiner Forschungen. Diese Gruppe wird von den drei Ehrenbctyschcn Familien der Oxytrichinen, Euploten und Aspidiscinen gebildet, denen ich noch eine vierte, erst von mir begründete Fa- milie, die Chlamydodontcn , zugesellt habe. In diesen vier Familien erkannte ich eine eigene Ordnung, welcher ich den Namen der hypotrichen Infusorien ertheilte. Die gesammten übrigen Infusorienformen vertheilcn sich mir in vier gleichwcrthige Ordnungen , in die der peritrichen, heterotrichen, holotrichen und geisseltragenden Infusorien; sämmtliche Ordnungen beruhen auf der Form und Anordnung der äussern Körperwimpern. Neben dem umfassendsten Studium der hypotrichen Infusionsthicre , die ihren Platz zwischen den peritrichen und heterotrichen Infu- sorien einnehmen, versäumte ich keine Gelegenheit, mich auch mit den zu den übrigen Ord- nungen gehörigen Infusorienformen, in so weit sie mir nicht schon durch frühere Unter- suchungen bekannt waren, möglichst vertraut zu machen; am wenigsten befasste ich mich mit den geisseltragenden Infusorien , die ich einstweilen um so eher glaubte mehr bei Seite liegen lassen zu können, als sie sich am weitesten von den übrigen Ordnungen entfernen. Die Früchte meiner bisherigen Forschungen sind zum Theil in der vorliegenden Schrift niedergelegt , welche die erste Abtheilung eines grösseren Werkes bilden soll , in welchem ich nach und nach die Naturgeschichte aller von mir aufgefundenen und hinlänglich genau unter- suchten Infusionsthicre in zusammenhängenden Monographien zu bearbeiten gedenke. Diese erste Abtheilung, welche, wie dies auch bei jeder folgenden der Fall sein wird, ein in sich abgeschlossenes Ganzes darstellt, besteht aus einem einleitenden allgemeinen und einem spe- cialen Thcile. Der allgemeine behandelt in einem ersten Abschnitt die verschiedenen Phasen, welche die Infusorienkunde bisher durchlaufen hat; ich habe darin gezeigt, wie die irrigen Vor- stellungen entstanden, welche so lange über die Natur der Infusorien verbreitet waren, und wie diese allmählig richtigeren Ansichten Platz machten; ich habe ferner die eigentlichen Infusions- thicre aus der grossen Masse der mit ihnen seit alter Zeit zusammengeworfenen fremdartigen Organismen auszuscheiden gesucht und sie schliesslich als eine selbstständige Thierklasse be- O } . > 4 IX stimmt, welche ich durch scharfe Charactere zu begränzen bemüht war. Dieser Abschnitt ist vornehmlich darauf berechnet, den minder eingeweihten Leser schnell mit allen namhaften Lei- stungen auf dem Gebiete der Infusorienkunde bekannt zu machen und ihn so auf den Standpunct zu versetzen, den die Wissenschaft in den letzten Jahren eingenommen hat und von dem aus meine Untersuchungen unternommen wurden. — Im zweiten Abschnitt des allgemeinen Theiles habe ich hauptsächlich nach den Ergebnissen meiner eigenen Beobachtungen eine zusammen- fassende, vergleichende Darstellung von dem allgemeinen Bau der Infusorien, von den verschie- denen Formen und Verrichtungen ihrer einzelnen Organe und von ihrer Entwicklung geliefert, wobei ich Gelegenheit fand, vielerlei neue Thatsachen zur Sprache zu bringen. Ein besonderes Interesse dürften in diesem Abschnitt unter Anderem die Resultate in Anspruch nehmen, zu denen ich hinsichtlich der geschlechtlichen Fortpflanzung und des Befruchtungsaetes der Infu- sorien gelangt bin. Die von mir in meinen früheren Arbeiten entwickelten Ansichten über die Acinetincn habe ich trotz der Angriffe , welchen sie ausgesetzt waren , noch immer nicht auf- geben können, sie erfuhren jedoch eine wesentliche Modifikation. Der specielle Theil umfasst die Naturgeschichte der hypotrichen Infusionsthiere in strenger systematischer Reihenfolge. Ich war so glücklich, die meisten der von Ehrenberg beschriebenen, hierher gehörigen Infusorienformen wieder aufzufinden und ihre gesammten Organisationsverhält- nisse weit vollständiger und genauer zu ergründen , als sie von diesem Forscher dargestellt wor- den sind. Ausserdem lernte ich noch eine nicht unbedeutende Anzahl neuer oder doch von früheren Beobachtern nur sehr ungenügend erforschter Arten kennen, die zum Theil zur Auf- stellung von neuen Gattungen Veranlassung gaben. Die von Ehrenberg aufgestellten Gattungen bewährten sich meistens als wohlbegründet, nur mussten sie zmveilen enger begränzt und durch- weg durch neue schärfere Charactere bestimmt werden. Das Letztere gilt auch von seinen Arten. Bei der Auseinandersetzung der Arten bin ich , soweit dies möglich war , bis auf O. F. Müller, den ersten Begründer der wissenschaftlichen Infusorienkunde , zurückgegangen. Im Ganzen wurden von mir 42 Arten hypotricher Infusionsthiere unterschieden, die sich in 20 Gattungen vertheilen. Sämmtliche Arten, mit Ausnahme einer einzigen, sind abgebildet worden ; die Abbil- dungen wurden durchweg nach ein und derselben 300maligen Linearvergrösserung entworfen. Von jeder Art habe ich mehrere Ansichten gegeben oder verschiedene Entwicklungsstufen der- selben dargestellt. Namentlich wurden die näheren Vorgänge bei der Theilung bei vielen Arten sorgfältig ermittelt; sie erwiesen sich oft sehr complicirt und erfolgten nach eigenthümlichen, bisher unbekannt gebliebenen Gesetzen. Zu den werthvollsten Resultaten meiner Forschungen dürften die von mir bei zwei Gattungen entdeckten reichhaltigen Thatsachen gehören, welche sich auf die embryonale Fortpflanzung derselben beziehen. — Das Material zu meinen Unter- suchungen lieferten die nächsten Umgebungen von Prag, Tharand in Sachsen und meiner Vater- stadt Niemcgk, welche in der preussischen Provinz Brandenburg, 5 Stunden nördlich von Witten- berg gelegen ist. Ausserdem habe ich mir auch Kenntniss von den im Meere lebenden Infusorien- formen zu verschaffen gesucht; ich besuchte zu dem Ende zwei Mal, jedoch leider nur auf kurze Zeit, che norddeutschen Küsten und Hess mir öfters Sendungen von Seewasser kommen. Die zu dem vorliegenden Werke gekörigen Kupfertafeln waren bereits sämmtlich ge- stochen, und ich hatte auch schon einen beträchtlichen Theil des Textes vom allgemeinen Theil ausgearbeitet, als mir die vortreffliche, auf sehr genauen und umsichtigen Beobachtungen X beruhende und an neuen Entdeckungen so reiche Schrift von Claparede und Lachmann : „Etudes sur les Infusoires et les Rhizopodes. Livraison I. Geneve 1858" zuging, welche sich ebenfalls die Aufgabe gestellt hat, die Naturgeschichte der Infusionsthiere auf neuen Grundlagen zu errichten. Es war nun nicht mehr möglich, an der Anlage und der beabsichtigten Durchführung meiner Arbeit noch irgend eine wesentliche Veränderung vorzunehmen; ich führte daher zuvörderst den allgemeinen Theil meines Buches zu Ende und ging erst vom speciellen Theil an auf die Schrift von Claparede und Lachmann ein, die ich ohnehin nicht mehr Müsse fand, ihrem ganzen Umfange nach gründlich zu studiren. Die eben genannten Forscher haben eine grosse Anzahl der hypotrichen Infusorienformen beobachtet, welche von mir in dem vorliegenden Werke abge- handelt sind; von denselben wird jedoch lediglich die Organisation , nicht die Entwickelungs- geschichte berücksichtigt. Im Allgemeinen zeigt sich zwischen den Resultaten unserer von einander ganz unabhängig geführten Untersuchungen eine grosse und sehr erfreuliche Ueber- einstimmung ; die vorhandenen Differenzen habe ich überall speciell hervorgehoben , sie werden sich bei einer nochmaligen Controle der betreffenden Arten ohne Zweifel leicht ausgleichen lassen. Am weitesten gehen unsere Ansichten in systematischer Beziehung auseinander. Möge mein Werk, an dem ich seit Jahren mit angestrengtem Fleisse gearbeitet habe, sieh einer beifälligen Aufnahme zu erfreuen haben , und mögen die Mängel und Irrthümer desselben eine nachsichtige Beurtheilung finden. Ich werde alsdann nicht verfehlen, baldmöglichst mit der zweiten Abtheilung hervor zu treten, welche die monographische Bearbeitung der hetero- trichen und holotrichen Infusorienformen umfassen soll. Reiche Materialien liegen mir dazu bereits vor. Prag Ende September 1859. F. Stein. Iiilialtsverzeiclmiss. Seite Vorwort I" Allgemeiner T heil. Erster Abschnitt, lieber die Hauptresultate der bisherigen Infusorienforschungen 1 Schluss. Begriffsbestimmung der Infusionsthiere ii Zweiter Abschnitt. Ueber die Organisation der Infusionsthiere im Allgemeinen :>> |. Vom Körperparenchym der Infusionsthiere •">■"> 2. Von den stabförmigen Körperchen im Parenchym der Infusorien CO 3. Von den Pigmenten, Fetten und anderen körnigen Ablagerungen im Parenchyni 64 4. Von den Bewegungsorganen und der darauf zu gründenden Eintheilung der Infusionsthiere CS 5. Von dem Ernährungsorganismus der Infusionsthiere 75 6. Von den .contractilen Behältern und dem Wasserkanalsystem der Infusionsthiere 86 7. Von der Fortpflanzung und Entwicklung der Infusionsthiere 91 Specieller Theil. Eis l es Buch. Die Ordnung der hypotrichen Infusionsthiere 107 Erste Familie. Clilamyriorioiita 109 1. Galtung. Phascolodon 109 Phascolodon vorticella HO 2. . » Chilodon II" Chilodon cucullulus .... I I i 3. - - Opisthodon H5 Opislhodon Niemeccensis 115 4. " » Chlamydodon 115 Chlamydodon Mnemosyne. . 116 5. • ii Scaphidiodon I IC Scaphidioilon navicula 117 6. ii ■■ Trochilia 117 1. Trochilia palustris I 18 2. ii ii sigmoides 118 7. . ii Ervilia H9 1. Ervilia monostyla II' 1 2. . fluviatilis I -'<> Zweite Familie. Aspidiscinn I- 1 ' Gattung Aspidisca 121 1. Aspidisca lyncaster '-- 2. - lynceus 123 3. turrita 124 4. < costata 125 5. ii polystyla 125 XII Seiti Dritte Familie. Euplothia I2f 1 . Gattung. Uronychia Uronychia transfuga 129 2. » Styloplotes 130 Styloplotes appendiculatus 132 3. - » Euplotes 133 1. Euplotes patella 135 2. ii liarpa 137 3. ii charon 137 Vierte Familie. Oxytrichina 140 1. Galtung. Onychodromus 143 Onychodromus grandis I i"> 2. » » Stylonychia 146 1. Stylonychia mylilus Ii7 Fortpflanzung und Entwickelung 1. Quertheilung 2. Längslheilung 155 3. Fortpflanzung durch Embryonen Iö(i 2. Stylonychia pustulata 161 3. " » histrio 166 3. •■ i Pleurotricha 168 1. Pleurotricha grandis Ij69 2. » lanceolata 170 4. ii Kerona Kerona poh purum 173 5. " Stichotricha 1 7 4 Stichotricha secunda 175 fi. ii ■■ Uroleptus I7(i Uroleptus musculus i / 2. ii piscis I7S 3. » rattulus ISO 4. ii violaceus 180 Psilotricha INI Psilotricha acuminata ISI Oxytricha IS2 1. Oxytricha gibba Isi 2. pellionella 183 3. » affinis 186 4. « ferruginea l!S7 '). mystacea 188 (i. ,, fallax ISO 7. - plalystoma 190 Urostyla 191 1. Urostyla Weissei I02 2. » grandis I95 Ueber die Fortpflanzung und Entwickelung von Urostyla grandis I97 3. Urostyla viridis 206 LI B R AR '-»AS* 1 Erster Abschnitt. Ueber die Hauptresultate der bisherigen Infiisorienforschungen. Im Jahre 1675 wurden von dem holländischen Naturforscher Anlon v. Leeuwenhoek in einem Gefässe mil stellendem Regenwasser die ersten Infusionsthiere entdeckt; es verging jedoch fast noch ein volles Jahrhun- dert, während dessen bereits viele Infusorienformen theils noch durch Leeuwenhoek selbst, Iheils durch Joblot, Daher, Will, Needham , Trembley , Schaeffer, Degeer und namentlich Roesel bekannt wurden, bevor in den zoo- logischen Schriften von Infusionsthieren die Rede war. Dieser Name taucht zum ersten Male im Jahre 1763 bei dem bekannten Verfasser der mikroscopischen Gemüths- und Augenergötzungen, Ledermüller, auf, und zwei Jahre später wurde durch die von der Göttinger Societät der Wissenschaften gekrönte Schrift von Wrisberg : »Ob- servationum de animalculis infusoriis satura. Goettingae 1763.« die lateinische Benennung in den wissenschaftlichen Verkehr gebracht. Die Urheber dieser Namen wollten damit nur jene überaus kleinen, dem blossen Auge unsicht- baren und allein mit Hülfe von Vergrösserungsgläsern deutlich unterscheidbaren Thierformen bezeichnen, welche massenhaft in allen fauligen Flüssigkeiten auftreten. Diese geheimnissvollen , der Forschung so schwer zugäng- lichen Wesen erregten damals die allgemeinste Aufmerksamkeit und Theilnahme, und zwar vornehmlich deshalb, weil es den Anschein hatte, als könne man sie durch blosses Uebergiessen thierischer oder vegetabilischer Sub- stanzen mit Wasser nach Belieben ins Dasein rufen. Der von Ledermüller und Wrisberg in einem so beschränkten Sinne gebrauchte Name würde wohl kaum Beachtung gefunden haben, oder doch nie zur allgemeinen wissenschaftlichen Geltung gelangt sein, hätte ihn nicht der grosse dänische Zoolog Ollo Friedrich Midier, der einen bedeutenden Theil seines arbeitsreichen Lebens auf ein specielles und umfassendes Studium der Infusorienwelt verwendete, seit dem Jahre 1773 adoptirt und ihm eine viel weiter greifende Bedeutung beigelegt. Midier vereinigte nämlich unter dem Namen Infusorien alle rücken- marklosen, nicht mit gegliederten Bewegungsorganen versehenen Thierformen, welche lediglich mittelst des Mi- kroscopes bestimmbar sind und ausschliesslich in Flüssigkeiten leben , mögen dies nun faulige Infusionen , oder die natürlichen stehenden und fliessenden Gewässer, oder der normale Inhalt der innern Organe lebendiger Organis- men sein. Die bei weitem grössere Anzahl von Thieren , welche unter diese Begriffsbestimmung fallen, waren Entdeckungen von Müller, und indem er diese, wie die bereits bei früheren Autoren vorkommenden Infusorien- formen, welche er selbst hatte untersuchen können, nicht blos sorgfällig beschrieb, sondern auch nach den Prin- cipien Linne's zum ersten Male in ein System brachte, worin Gattungen und Arten unterschieden, wissenschaftlich benannt und durch präcise Diagnosen characterisirt wurden, lieferte er den thalsächlichen Beweis, dass die Infu- sorienwelt nicht ein chaotisches Reich von regellos wechselnden und in einander übergehenden Formen sei, wie noch Linne selbst wenige Jahre zuvor behauptet halle, sondern dass in ihr dasselbe Gesetz der Formbeständigkeit walte, wie in der übrigen Thierwcll. Stein. Organismus der [nfusionsthicre. 2 Die Resultate von Müllers Forschungen sind in zwei klassischen Arbeiten niedergelegt, nämlich in der Vermium terrestrium et fluviatilium historia. Havniae et Lipsiae 1773 Vol. I Pars I, worin jedoch nur die Süss- wasserbewohner abgehandelt wurden, und in dem erst nach Müllers frühzeitigem 1785 erfolgtem Tode von Otlo Fabrieius herausgegebenen , auch durch bildliche Darstellungen fast aller beschriebenen Formen erläuterten Werke : »Animalcula infusoria fluviatilia et marina, quae delexit, systematice descripsit et ad vivum delineari curavit O.F. Müller. Opus posthumum cura 0. Fabricii. Havniae I78G.« Der Inhalt der früheren Arbeit ist zum grössten Theil wörtlich in diese letztere übergegangen, daher jene entbehrlich ist, während diese die ganze Summe des Wissens umfasst, das sich Müller nach etwa zwanzigjährigen mühsamen Forschungen von der Infusorienwelt erworben halte. Durch beide Werke fand der Name Infusorien allgemeinen Eingang in die Wissenschaft, und er hat sich seitdem so fest eingebürgert, dass es vergebliches Bemühen sein würde, ihn durch einen anderen, wenn auch viel zweckmässiger gewählten , verdrängen zu wollen. Müller stellte die Infusionsthiere in die sechste Linne'sche Thierklasse , die der Würmer, und bildete aus ihnen eine besondere Ordnung, die Anfangs aus 13, zuletzt aus 17 meist sehr artenreichen Gattungen bestand, welche nach folgendem Schema angeordnet waren: A. Infusorien ohne äussere Organe: a) dickliche: Monas, Proteus, Volvox, Enchelys, Vibrio; b) häutige: Cyclidium, Paramae- cium, Kolpoda, Gonium, Bursaria. B. Infusorien mit äusseren Organen: a) nackte: Cercaria, Trichoda, Kerona, Himantopus , Leucophra. Vorlicella; b) mit einer Schale bedeckte: Brachionus. Diese Gattungsnamen sind fast sämmtlich noch heute im Gebrauch , nur werden sie in einem andern , viel engeren Sinne genommen , als ihr Begründer damit verknüpfte. Wenn man erwägt, auf wie wenige brauchbare Vorarbeiten sich Müller stützen konnte, und wie unvoll- kommen die Instrumente waren, mit denen er beobachtete, so müssen wir seine Leistungen sehr hoch anschlagen. Müller war jedenfalls der erste epochemachende Schriftsteller auf dem Gebiete der Infusorienkunde, ihm verdanken wir die Fundamente, aufweichen das ganze neuere Gebäude dieser zoologischen Disciplin beruht. Eine Einsicht in die wahre Natur der Infusionslhiere konnte natürlich mit den damaligen optischen Hulfsmilteln nicht erreicht werden; daher sind alle Anschauungen Müllers über die eigentliche Organisation, die Ernährung, Fortpflanzung und Entwickelung dieser Thiere höchst ungenügend und grossenlheils irrig. Müller hatte bei einer nicht unbedeutenden Anzahl seiner Infusorien deutliche innere Organe erkannt, ja bei den grössten und vollkommensten (den späteren Rädei thieren) unterschied er sogar einen Darmkanal oder doch Theile desselben, namentlich den Schlundkopf mit seinen beiden Kiefern, den er musculus deglutorius nannte; dessen- ungeachtet behauptete er, dass die Infusorien nicht im Stande seien, fremde Körper aus der Aussenvvelt aufzu- nehmen und zu verdauen 1 ). Bei den Vorticellen, Trichoden und Keronen würden wohl häufig durch den von ihren Wimpern erregten Strudel kleine Thiere und andere Körperchen in eine Oetfnung des Körpers oder in einen Schlund hineingetrieben, sie würden aber nur einige Augenblicke im Innern schnell umhergewälzt und dann auf demselben Wege und in Folge desselben Wimperspieles wieder ausgeworfen , ohne getödtet worden zu sein oder eine Veränderung erlitten zu haben. Nach Müller's Ansicht war zur Ernährung der Infusorien das blosse umgebende Wasser vollkommen ausreichend ; wie dasselbe aufgenommen werde, darüber hat er sich nicht klar ausgesprochen, er setzte aber wohl überall einen Mund voraus. In Betrelf der Fortpflanzung hatte er beobachtet, dass sich viele Infusorien durch Längs- oder Quertheilung, oder auf beide Weisen vermehrten, und er warnte nachdrücklich da- vor, die in der Theilung begriffenen Thiere nicht für besondere Arten oder für zwei in der Begattung begriffene Individuen anzusehen, wie es häufig von früheren Beobachtern geschehen war. In andern Fällen nahm er aber 2 ) \) 0. F. Müller Animalcula infusoria p. XII. »In Omnibus meis observnlionibus per plures annos instilutis , ne minimum ani- malculum vel moleculam unquam devorari , contra quotquot vorlice Vorticellarum , vel vibralione pilorum Tricbodarum Keronarumque in voraginem seu aperturam earum agebautur. eadem vi ciliis vel pilis irretila, vebemenlerque momenlis paucis circomacla absque ullius vi- lae jactura ejici semper vidi.« i) Ebendaselbst p. VI. 3 selbst wieder eine Begattung an. Bei einigen der höchsten Formen , namentlich bei der Gattung Brachionus wurde von Müller bereits ausser dem Darm noch ein Eierstock, wenn auch nicht ganz klar, unterschieden; auch beobachtete er, wie die grossen Eier aus dem Körper traten, äusserlich an ihm hangen blieben und wie aus den- selben die Jungen hervorschlüpften. Gleichwohl spricht er sich schliesslich zu Gunsten der Ansicht aus, dass alle Infusorien auch ohne Eltern , durch die sogenannte generatio aequivoca aus blossen sich zersetzenden organischen Substanzen entstehen könnten. Letzlere sollten zuerst in blasige Häutchen übergehen , welche aus netzförmig an einander gereihten Kügelchen bestanden. Weiterhin sollten sich die Kügelchen von einander trennen, lebendig werden und überaus einfache und kleine die Flüssigkeit massenhaft erfüllende Infusionsthierchen bilden, die hin- sichtlich ihrer Substanz und Organisation ganz und gar von den übrigen Infusorien verschieden und als die Keime zu allen Thier- und Pflanzengestalten anzusehen seien 1 ). Schliesslich sei noch erwähnt, dass Müller bereits der spatern Eintheilung der Infusionsthiere in zwei Klassen oder Ordnungen auf der Spur war. In der noch von ihm selbst geschriebenen Vorrede zu seinem nachge- lassenen Werke werden nämlich sämmtliche Infusorien in zwei Abtheilungen gebracht, in die Infusorien im engern Sinne und in die Bullaria 2 ). Unter letzterem Namen sollten alle diejenigen Infusorienformen zusammengefassl wer- den , welche sich schon äusserlich durch einen complicirtern Körperbau und bedeutendere Grösse auszeichnen , im Innern deutliche, oft blasig erscheinende Eingeweide erkennen lassen und sich durch Eier oder lebendige Junge fortpflanzen. Zu den Infusorien im engern Sinne sollten dagegen alle kleinern, gallertartigen, homogenen Formen gerechnet werden , bei denen gar keine Organe unterschieden werden könnten und deren Fortpflanzung unklar sei. Dass die Bullarien vorzugsweise die Räderthiere der spateren Autoren umfassen sollten, geht schon aus ihrer Begriffsbestimmung hervor, noch deutlicher aber aus dem Zusatz zu der Gattung Brachionus 3 ), dass in ihr die voll- kommensten Bullarienformen enthalten seien. Hatte Müller die Herausgabe seines letzten grossen Werkes noch selbst besorgen können, so würde uns dieses jedenfalls in einer ganz anderen und wesentlich vollkommeneren Form vorliegen, als die ist, welche ihm 0. Fabricius gegeben hat und auch nur geben konnte. Gleichzeitig mit Müller, oder doch bald nach ihm haben noch Bonnet, Saussure, Goeze, v. Gleiclien-Rtissworm, Eichhorn, Herrmann, Corli, Colombo, Guanzati und in besonders hervorragender Weise Spallanzani und Franz v. Paula Schrank , dann spater in unserem Jahrhundert Treviranus, Oken, Gruithuisen , Dulrochet, Nilzsch und na- mentlich Bory de St. Vincent nach verschiedenen Richtungen hin fördernd auf die Infusorienkunde eingewirkt, ei- nen wesentlich umgestaltenden Einfluss auf dieselbe vermochten sie jedoch nicht auszuüben, da ihnen sämmtlich nur dieselben unvollkommenen oder doch nicht viel bessere Mikroscope zu Gebote standen, wie Müller, und da sie zum grossen Theil weniger eigene umfassende Untersuchungen anstellten, als darauf bedacht waren, dem von Müller zusammengebrachten Material eine andere, zeitgemässere systematische Form zu geben. Seine Arbeiten blieben daher noch während der drei ersten Decennien unseres Jahrhunderts die Hauptquelle für die Erkenntniss der Infusionsthiere. Nur in Betreff ihrer Eintheilung wurde in diesem Zeiträume ein wesentlicher Schritt in der be- reits von Müller angedeuteten Richtung vorwärts gethan. Dulrochet wies nämlich im Jahre 1812 in den Annales du Museum Tome XIX p. 355 nach, dass unter den Müller' sehen Infusorien zwei sehr verschiedene Organisationstypen mit einander zusammengeworfen seien. Bei den einen, welche die grosse Mehrzahl bilden, konnten keine gesonderten Eingeweide ermittelt werden; sie zeig- ten auch äusserlich die einfachsten Körpergestalten. Bei den anderen , wozu Müllers Gattung Brachionus und eine Anzahl verwandter Formen gehören , die in den Gattungen Vorticella , Trichoda und Cercaria zerstreut stehen, liessen sich innere Organe, namentlich ein scharfbegränzter Darmkanal, zum Theil auch ein deutlicher Eierstock unterscheiden. Ihr Körper bestand ferner meist aus drei gesonderten Abschnitten, einem vorderen, aus- und ein- 1) Ebendaselbst p. XXIV. 2) Ebendaselbst p. VII. 3) Ebendaselbst p. 333. stülpbaren, scheibenförmigen, gelappten Wirbelorgane, aus dem eigentlichen, die Eingeweide enthaltenden Leib und aus einem scharf abgesetzten, sehr beweglichen, quergeringelten, wie ein Fernrohr aus- und einschiebbaren und am Ende meist in zangenartige Fortsätze auslaufenden Schwanz. Wenn das Wirbelorgan in Thätigkeit war, so machte es auf den Beobachter täuschend den Eindruck, als ob ein Kammrad schnell um seine Axe getrieben würde. Dutrochet nannte deshalb diese Infusorienformen Rotiferes, und da er beobachtet zu haben glaubte, dass bei ihnen der Mund und After dicht neben einander im Grunde des Wirbel- oder Räderorgans lägen, so erkannte er hierin, wie auch in dem Räderorgan, welches schon von Schrank als Respirationsorgan gedeutet worden war 1 ), eine Verwandtschaft mit den Ascidien; er schlug deshalb vor, die Rotiferen ganz von den übrigen Infu- sorien zu entfernen und sie mit den Mollusken Cuvier's zu vereinigen. Die Systematiker nahmen nun sämmtlich, Lamarck und Cuvier an der Spitze, die Gruppe der Rotiferen an, in Deutschland vertauschte man aber diesen Na- men mit der Bezeichnung Rotatoria (Räderthiere), weil bereits früher eine Gattung den Namen Rotifer erhalten halte. Lamarck stellte die Räderthiere zu den Polypen, aus den übrigen Infusionsthieren bildete er zuerst eine ei- gene Klasse des Thierreiches und zwar die erste oder unterste. Cuvier dagegen liess die gesammten Müller' sehen Infusorien in einer Klasse vereinigt, er stallte diese an das Ende seines vierten und letzten Organisationsplanes, der Zoophyten oder Strahlthiere , und theilte sie in zwei Ordnungen, in die Räderthiere und in die homogenen Infusionsthiere. Dies war der Standpunct unserer Wissenschaft, welchen Christian Gottfried Ehrenberg vorfand , dem der Ruhm beschieden war . eine neue glänzende Aera der Infusorienkunde zu begründen. Nachdem Ehrenberg sich be- reits Jahre lang erfolgreich mit dem Studium der niederen thierischen und vegetabilischen Organismen beschäftigt und sich in einem Grade, wie kein anderer gleichzeitiger Forscher, mit feineren mikroscopischen Untersuchungen vertraut gemacht halte, ging er mit den neusten, ausserordentlich verbesserten, achromatischen Mikroscopen, wie sie ihm zuerst Chevalier in Paris und später noch vorzüglicher Pislor und Schick in Berlin lieferten, an die schwie- rige Aufgabe, den gesammten Organisationsgehalt der Infusionsthiere definitiv festzustellen und namentlich zu einer festen Ansicht über die bisher so unklar gebliebenen inneren Structurverhältnisse derselben zu gelangen. Schon nach wenigen Jahren war Ehrenberg in der glücklichen Lage, der Berliner Academie der Wissenschaften Resultate vorlegen zu können, die die herkömmlichen Ansichten von den Infusionsthieren zum grossen Theil völlig umstiessen, über ihre Naturgeschichte ganz neue . auf offenbar sehr sorgfältige und scharfe Beobachtungen gestützte Anschau- ungen verbreiteten, und daher überall, wo sie bekannt wurden , ein ausserordentliches Aufsehen erregten. Denn nun erschienen auch diejenigen Infusionsthiere, welche noch Cuvier als homogene bezeichnet hatte und welche für kaum mehr, als blos äusserlich geformte, belebte Schleimmassen gehalten worden waren, mit einer reichen äusseren und inneren Organisation ausgestattet, die sie auf eine gleiche Stufe mit den gesammten übrigen Thie- len erhob. Die erste epochemachende Arbeit von Ehrenberg waren die »Beiträge zur Kenntniss der Organisation der Infusorien und ihrer geographischen Verbreitung, besonders in Sibirien« (Abhandlungen der Berliner Academie aus dem Jahre 1830 S. 1 — 88); sie wurden in Verbindung mit einem kleinen altern Aufsatz über die geogra- phische Verbreitung der Infusionsthiere in Nordafrica und Westasien auch als besondere Schrift herausgegeben, unter dem Titel: »Organisation. Systematik und geographisches Verhältniss der Infusionsthierchen. Mit 8 Kupfer- tafeln. Berlin 1 830.« Diese Schrift zählte später als erster Beitrag zur Erkenntniss der Organisation in der Rich- tung des kleinsten Raumes. Die zweite wichtige Arbeit von Ehrenberg findet sich in den Abhandlungen der Ber- liner Academie aus dem Jahre 1831 S. I — 154 unter der Ueberschrift : »Ueber die Entwickelung und Lebensdauer der Infusionsthiere nebst fernem Beiträgen zu einer Veiirleichunü; ihrer organischen Svsteme.« Als besondere Schrift führt sie den Titel: »Zur Erkenntniss der Organisation in der Richtung des kleinsten Raumes. Zweiter I) Schrank Fauna Boica Band III. Ablli. 2. S. I i' Beitrag. Entwicklung, Lebensdauer und Structur der Magenthiere und Räderthiere oder sogenannten Infusorien, nebst einer physiologischen Characterislik beider Klassen und 412 Arten derselben. Mit 4 Kupfertafeln. Berlin 1832.« Die dritte noch bedeutendere Arbeit erschien in den Abhandlungen der Berliner Academie aus dem Jahre 1833 S. 145 — 336 unter der Ueberschrift : »Dritter Beitrag zur Erkenntniss grosser Organisation in der Richtung des kleinsten Raumes« mit II Kupfertafeln, und als besondere Schrift unter gleichem Titel Berlin 1834. Hierzu wurden die ebenfalls wichtigen: »Zusätze zur Erkenntniss grosser organischer Ausbildung in den kleinsten thieri- schen Organismen« veröffentlicht (Abhandl. der Berl. Academie aus dem Jahre 1835 S. 151 — 180), die auch beson- ders unter dem Titel erschienen: »Zusätze zur Erkenntniss grosser Organisation im kleinen Räume. Mit 1 Kupfertafel. Berlin 1836.« Zuletzt gelangten Ehrcnbercfs vieljährige Forschungen über die lebenden Infusionsthiere in dem allbekannten grossen Prachtwerke: »Die Infusionsthierchen als vollkommene Organismen. Ein Blick in das tiefere Leben der Natur. Nebst einem Atlas von 64 Kupfertafeln. Leipzig 1838« zum Abschluss, worin sich die Resultate aller früheren Arbeiten nebst einer ungemein reichen Fülle neuer Thatsachen zu einem wohlgegliederten systematischen Ganzen verarbeitet und durch zahlreiche, alle bis dahin bekannt gewordenen bildlichen Darstellungen weit hinter sich lassende Abbildungen erläutert finden. Dieses grossartige Werk wird noch lange Zeit den Ausgangspunct für alle ferneren Infusorienforschungen bilden, und zu allen Zeiten als eins der herrlichsten Denkmale menschlichen Fleisses und Scharfsinnes bewundert werden. Ehrenberg erwies sich zunächst als ein treuer Nachfolger Müllers; er nahm ganz und gar die Begränzung an, die Müller den Infusorien gegeben hatte, und hielt dieselbe durch alle seine Arbeiten hindurch als wohlbegründet und naturgemäss fest. Selbst in dem grossen Infusorienwerke findet sich keine andere Bestimmung des Begriffs Infusionsthier, als die folgende, an die Spitze der Vorrede gestellte: »In den reinsten Gewässern und auch in trüben, stark sauren und salzigen Flüssigkeiten der verschiedenen Erdzonen, in Quellen, Flüssen, Seen und Meeren, oft auch in den innern Feuchtigkeiten der lebenden Pflanzen und Thierkörper. selbst zahlreich im Körper des leben- den Menschen, ja auch periodisch getragen in Wasserd ünsten und Staub der ganzen Atmosphäre unserer Erde, giebl es eine den gewöhnlichen Sinnen des Menschen uubemerkbare Welt sehr kleiner lebender eigentümlicher Wesen, die man seit nun etwa 70 Jahren Infusorien nennt.« Man sieht hieraus, class Ehrenberg noch im Jahre 1838 die Infusorien so begränzt , wie Müller 1773. dass er also wohl nicht im Stande war, morphologische, allen Infu- sorien gemeinsame und sie scharf von den gesammten übrigen Thieren unterscheidende Charactere aufzustellen. Ehrenberg hat auch allen von Müller beschriebenen Infusorienformen einen mehr oder weniger genau bestimmten Platz in seinem eigenen Infusoriensysleme angewiesen; nur sehr wenige schloss er als fremdartige Organismen aus. Es waren dies gewisse Arten der Gattungen Vibrio und Cetraria, die zu den Eingeweidewürmern wanderten, und einige Arten der Gattung Leucophora, in welchen theils blosse Kiemenfragmenle von Muschelthieren , theils junge Alcyonellen erkannt wurden. Ausserdem erfuhren die 3/»//er'schen Infusorien noch insofern eine bedeutende Reduction, als nicht wenige Formen zusammengezogen werden mussten, die auf unwesentliche äussere Gestaltverschiedenheiten hin von ein- ander speeifisch und selbst generisch getrennt worden waren; andere ergaben sich nur als verschiedene Lebens- stadien einerund derselben Art, so namentlich viele Arten der Gattung Vorticella , und noch andere wurden als blosse Fragmente oder verstümmelte Individuen dieser oder jener Art erkannt, was namentlich von Mitgliedern der Gattungen Kerona und Trichoda gilt. Für die aus dem Kreise der Mw//er'schen Infusorien ausscheidenden Formen, so wie für diejenigen, welche nicht wieder aufgefunden werden konnten und daher zweifelhaft oder ganz unbe- stimmbar blieben, gewährte Ehrenberg reichlichen Ersatz durch das grosse Heer neuer Formen , welche erst von ihm in die Wissenschaft eingeführt wurden. Diese lassen sich jedoch sämmtlich, wie grosses Interesse sie auch für sich darbieten, auf die Grundformen zurückführen, die bereits Müller als Infusorien bestimmte. Wenn nun gleich Ehrenberg, wie Cnvier. streng an dem Muller sehen Infusorienbegriff festhielt, so war er 9 Stein, Organismus der Iiifusioosltiierc. Li t I 3 R A 6 doch darin mit Dutrochet und den auf ihn folgenden Systematikern von Anfang an vollkommen einverstanden, dass die Räderthiere von den (ihrigen Infusionsthieren abzusondern, ja ihnen scharf gegenüber zu stellen seien; nur dazu konnte er sich nicht entschliessen, jede Verbindung zwischen beiden Thiergruppen zu lösen, vielmehr schienen ihm die Räderthiere bei aller Verschiedenheit von den Infusionsthieren im engern Sinne dennoch mit denselben weit inniger verwandt zu sein, als mit irgend einer andern natürlichen Abtheilung des Thierreicb.es. Um diese Bezie- hungen systematisch auszudrücken, erhob Ehrenberg sowohl die Räderthiere, welche er zuerst ganz scharf und naturgemäss begränzte, wie auch die Infusorien im engern Sinne, welche fortan Magent liiere (Polygastrica) genannt wurden, zu selbstständigen Thierklassen und schloss beide wieder unter der allgemeinen Bezeichnung Infu- sionsthiere zu einer höheren systematischen Einheit, zu einem für sich bestehenden Organisationsplane zusammen. Dass für Ehrenberg von vornherein die innere Identität von Räder- und Magenthieren feststand, dass bei beiden Gruppen eine gleiche Anlage der Organisation vorausgesetzt wurde, hat auf den Gang seiner Untersuchungen den grössten Einfluss ausgeübt und ist für dieselben zum Theil verhängnissvoll geworden. Waren die Räderthiere die vollkommensten Infusionsthiere, so mussten in ihnen auch die Eigenthümlichkeiten der Infusorienorganisation am deutlichsten ausgeprägt sein, und ihre Untersuchung, die ohnehin mit weit geringeren Schwierigkeiten verknüpft war, musste den Schlüssel für das Verständniss der einfachem Infusorien, der Magenthiere , an die Hand geben. Ehrenberg befolgte daher bei allen seinen Forschungen das Verfahren , dass er stets Räder- und Magenthiere wie zwei untrennbare Gruppen gleichmässig und gleichzeitig bearbeitete, sie fortgesetzt mit einander verglich, und die reichen Resultate, welche die Beobachtung der Räderthiere ergab, dazu benutzte, sich in den unklaren und für sich allein unverständlich bleibenden Organisationsverhältnissen der Magenthiere zurecht zu finden. In den ersten der oben citirten vier academischen Abhandlungen nimmt die meisterhafte und fast er- schöpfende Darstellung der gesammten Organisation eines der grössten Räderthiere, der Hydatina senla (Vorticella senta Müller) die hervorragendste Stelle ein 1 ). Sie, sowie die Erläuterung des Baues von noch vier andern Räder- thiergaltungen gewährten die erste klare Einsicht in die Organisation der Räderthiere und lehrten, wie zusammen- gesetzt dieselbe sei. Ehrenberg wies unmittelbar unter der strukturlosen, durchsichtigen Haut scharfbegränzle, bandförmige Muskeln von bestimmter Zahl und Lage und eine deutliche, hinter dem Räderorgan im Nacken gelegene Gehirnganglienmasse und davon ausgehende Nervenstränge nach. Er zeigte ferner, dass der Mund am Grunde des Räderorgans näher der Bauchseile, eine zweite Oeffnung, die der Kloake, dagegen kurz vor dem hintern Körperende oder am Grunde des Schwanzes liege, und dass der Darmkanal aus einem kugligen, muskulösen, im Innern mit zwei sehr complicirten gezähnten Kiefern bewaffneten Schlundkopfe, einer kurzen engen Speiseröhre, einem weiten, darmartigen, am Anfange mit zwei pancreasartigen Drüsen besetzten Magen und einem kurzen, engen, in die Kloake ausmündenden Mastdarm bestehe. Quere, in gleichen Abständen auf einander folgende, ringförmige, schmale Reifen wurden als Gefässe gedeutet, die durch ein medianes Rückengefäss mit einander in Verbindung stehen sollten; es konnte jedoch an ihnen weder ein Pulsiren, noch eine innere Flüssigkeitsströmung beobachtet werden. Von Ge- schlechtsorganen wurde ein ansehnlicher sack- oder herzförmiger, dem Dannkanal anliegender, wenige grosse Eier entwickelnder Eierstock nachgewiesen, der mit einem kurzen Eiergange in die Kloake ausmündet. Der Austritt der Eier durch die Kloaköffnung, die Entwickelung von dem Mutterthiere völlig gleichen Jungen und ihr Ausschlüpfen aus den Eiern wurden direct beobachtet. Als Samen bereitende Organe betrachtete Ehrenberg zwei, bei allen Indi- viduen vorhandene, lange, geschlängelte, strangförmige Organe, die im vordem Ende neben dem Schlundkopfe beginnen, sich zu beiden Seiten der Leibeshöhle herabziehen und in eine geräumige, von Zeit zu Zeit sich plötzlich zusammenziehende Blase übergehen, die mit einer halsförmigen Verengerung in die Kloake ausmündet. Durch die Contractionen dieser Blase sollte der in ihr sich ansammelnde Samen in den benachbarten Eierstock hinüber- geschnellt werden und hier die Befruchtung der Eier bewirken. I; Abhandl. der Berliner Academie vom Jahre 1830 S. 27 — 33. Diese in hohem Grade aüerkennenswerthe Entdeckung des so sehr zusammengesetzten Baues der Rader- thiere ging aller Wahrscheinlichkeit nach ganz oder theilweise den von Ehrenberg in derselben Abhandlung über die Magentliiere veröffentlichten Beobachtungen voraus, und sie erweckte wohl erst in ihm den Gedanken, dass auch die Organisation dieser Thiere eine weit zusammengesetztere sein werde, als bis dahin geahnt worden war. Die Systematiker, von Dutrochet an bis auf Cuvier, hatten die Räderthiere vornehmlich wegen des bei ihnen zu unter- scheidenden Darmkanals von den übrigen Infusionsthieren abgesondert , musste nun nicht aber bei den letzteren ebenfalls ein wenn auch einfacher gestalteter Darmkanal vermuthet weiden . der sich nur den bisherigen Beobach- tungen entzogen haben mochte, weil man nicht die rechte Untersuehungsmelhode befolgte? Um über diesen Punct zu einer festen Ansicht zu gelangen, nahm Ehrenberg zu einem ganz in Vergessenheit gerathenen Experimente seine Zuflacht, welches bereits im vorigen Jahrhunderte von einem sorgfältigen und verdienstvollen Mikrographen, dem Freiherrn v. Gleichen genannt Russworm, in ähnlicher Absicht und nicht ohne Erfolg angewendet worden war. Die Thatsache, dass die Knochen der Thiere, welche mit Krappwurzeln gefuttert werden, nach kurzer Zeit rolli gefärbt erscheinen, brachte Gleichen auf den Gedanken, ob man nicht auch den Infusionsthieren »ein ihre Ein- geweide färbendes Futter« geben könne 1 ). »Ich färbte also,« fährt er fort, »etwas Wasser mit Karmin und ver- mischte es mit einer Infusion von Weizen , in welcher eine grosse Menge der grössten Pandeloquen- und kleinen Ovalthierchen (Paramaecium colpoda und Glaucoma scintillans von Ehrenberg) schon einige Monate lebte. Gleich des andern Tages sah ich meine Erwartungen von dieser Anstalt erfüllt und mich nicht nur durch die innere Böthe der meisten dieser Thierchen von einer wirklich geschehenden Einschluckung der Speise überzeugt, sondern ich lernte auch zugleich ihr Inneres noch besser kennen « Gleichen unterschied nämlich im Inneren rothe Kugeln, die »mit hellen Ringen wie Froscheier« umgeben waren, und er sah dergleichen auch öfters am hinteren Ende der Thiere ausgeschieden werden. Anstatt nun aber in ihnen die nur in Blasenräumen eingeschlossenen kugelförmig zusammengeballten Karmintheilchen wieder zu erkennen, sah er sie seltsamer Weise für die Eier oder die Em- bryonen der gefutterten Infusionsthiere an; er verfolgte deshalb die wieder ausgeworfenen Karminballen mit der grössten Aufmerksamkeit, in der Hoffnung, sie lebendig werden und sich in junge Thiere umwandeln zu sehen. Da jedoch weder das Eine noch das Andere zu beobachten war, so wurde er in seiner Annahme wieder schwankend, und er erklärte schliesslich, dass die ausgeworfenen Ballen vielleicht nichts weiter als die Excremente der gefüt- terten Thiere sein möchten. So hatten denn gleich die ersten Fülterungsversuche der Infusorien das eigene Schick- sal, dass sie eher zu irrigen Vorstellungen über die Organisation derselben Veranlassung gaben, statt diese genauer aufzuschliessen ; mit den später von Ehrenberg wieder aufgenommenen sollte dies in einem nicht minderen Grade der Fall sein. Ehrenberg hatte sich bereits in der frühesten Periode seiner Forschungen bemüht, das Gleicherische Füt- terungsexperiment zu wiederholen 2 ), es war jedoch stets misslungen, weil er dazu nur mineralische Farbstoffe oder doch mit solchen versetzte, wie sie in den gewöhnlichen Tuschkästen enthalten sind, angewendet hatte. Diese zer- theilen sich aber im Wasser nicht fein genug und fallen schnell zu Boden. Erst als er sich 10 Jahre später organi- scher Farbstoffe, des reinen Karmins, Indigos und Saftgrüns, bediente, die sich im Wasser in äusserst feine und in ihm suspendirt bleibende Molecüle auflösen, glückten die Versuche vollkommen, und sie wurden nun sogleich über eine grosse Anzahl der verschiedenartigsten Infusorienformen ausgedehnt. Ehrenberg ging hierbei im Allgemeinen so zu Werke, dass er erst zu dem bereits auf dem Objectglase in einem flach ausgebreiteten Wassertropfen isolirten Infusionsthiere eine kleine Quantität Farbstoff hinzusetzte, und nun mit der unermüdlichsten Ausdauer das Thier so 1) F. v. Gleichen, genannt Russivonn, Abhandlung über die Samen- und Infusionstierchen. Nürnberg (778. S.( 40 undTaf. XXIII. b. und S. 151. T;.f. XXVIII. Fig. 19. — Man vergleiche auch desselben Verfassers Auserlesene mikroscopische Entdeckungen bei den Pflanzen, Blumen, Bliithen, Insecten und andern Merkwürdigkeiten. Nürnberg (781. S. 48 und Taf. XXII. Fig. 8. Die letztere Abbildung, welche ein mit Karmin gefüttertes Glaucoma scintillans darstellt, ist die gelungenste, und für die damalige Zeit vorzüglich. 2) A. a. 0. S. 22. 2* 8 lange unter dem Mikroscope verfolgte , bis er ermittelt hatte , wie und wo die Farbpartikelchen in das Innere des Körpers eindrangen . welche Bahn sie hier durchliefen und an welcher Stelle sie endlich wieder nach aussen geför- dert wurden. Bei den meisten Infusorien liess sich leicht beobachten , wie theils in Folge der Totalform ihres Körpers, theils in Folge der Stellung und Bewegung ihrer Wimpern die Farbtheilchen in dichter Strömung vor- zugsweise nach einem bestimmten Puncto hin dirigirt und dann nach der entgegengesetzten Richtung wieder fort- geschleudert wurden. In der Nahe dieses Punctes wurde dann auch bei genauerer Beobachtung eine deutliche Mundöffnung erkannt und gesehen, wie durch dieselbe Theile des äussern Farbstromes in das Innere des Körpers eindrangen, hier sich eine Strecke weit in einer bestimmten Bahn bewegten, dann aber plötzlich verschwanden, während gleich darauf bald hier, bald dort ein vorher nicht sichtbar gewesener runder Blasenraum auftauchte, der dicht mit zusammengedrängten Farbtheilchen erfüllt war. Auf diese Weise füllte sich das Innere des Körpers nach und nach mit zahlreichen farbstoffhaltigen Blasen an, und je mehr dies der Fall war, um so häufiger war an einer bestimmten . meist in der Nähe des hintern Körperendes gelegenen Stelle die Ausscheidung von kleinern oder grössern Farbstoffballen zu beobachten, daher diese Stelle als After bezeichnet wurde. Dies ist in wenigen Worten das reine Besultat der Ehrenbcrg , sehen Fütterungsversuche, deren Werth darin besteht, dass durch sie nicht blos die bei den altern Forschern 1 ] so verbreitete Ansicht von einer Aufnahme der Nahrungsstoffe durch die gesammte Körperoberfläche für die meisten Infusionsthiere eine gründliche Widerlegung fand, sondern dass auch zum ersten Male und gleich bei sehr vielen Infusorien Mund und After unterschieden und genau ihrer Lage nach bestimmt wurden. Damit wurde ein ganz neues und offenbar sehr wesentliches Element zur schärfern Characterislik der einzelnen lnfusorienformen und zu ihrer naturgemässern Classification in die Wissenschaft eingeführt, von dem auch Ehrenberg sofort den glücklichsten und ausgedehntesten Gebrauch machte. Allein er blieb hierbei nicht stehen, sondern ging noch einen Schritt weiter und über die unmittelbare Beobach- tung hinaus. Die mit Farbstoffen erfüllten Blasenräume, welche Gleichen für Eier oder Embryonen halten wollte, wurden von Ehrenberg für von eigenen häutigen Wandungen begränzle Magenblasen erklärt, welche wie die Beeren an einer Weintraube mittelst enger Stiele an einem zwischen ihnen sich hindurchziehenden und Mund und After ver- bindenden röhrenförmigen Darmkanale festsitzen sollten. Magen. nicht Blinddärme, seien diese Anhänge des Darms deshalb zu nennen , weil sie nicht zum Verdauungsprozess vorbereitete Stoffe aufnähmen . sondern mit ganz rohen Stoffen unmittelbar gefüllt würden, und weil die Thierchen willkührlich bald den ersten, bald den letzten mit Uebergehen der andern füllten 2 ]. »Unangefüllt,« erklärt Ehrenberg weiter 3 ), »sind diese Blindsäcke wegen farbloser Durchsichtigkeit, wegen fadenförmig zusammengezogener Form und kleinen Durchmessers nicht zu unterscheiden, jedoch kann sie das Thier auch mit Wasser füllen , und dann erscheinen sie als die farblosen Blasen , welche wohl die Meisten bisher für Eier oder verschluckte Monaden hielten. Ihre Veränderlichkeit in Zahl und Form ist nun wohl zu begreifen. Angefüllt mit festen Nahrungsstoffen erscheinen diese Magensäcke wie abgeschlossene Kugeln, indem der Verbindungskanal, welcher zum Darm geht, sich zuschnürt und durchsichtig wird. Auch sind die Magen- säcke einer willkührlichen Ausdehnung fähig und füllen sich bei Raubthieren daher zuweilen mit ganz unverhält- nissmässig grossen Stäbchenthieren und dergleichen. Wird einer stärker ausgefüllt, so verhindert seine Erweiterung, dass die benachbarten gefüllt werden, daher sieht man immer mehr Magen, wo dieselben kleiner und gleichför- miger erscheinen, weniger, wo einzelne grösser sind.« Man brauchte indessen nur zu erwägen, dass sich bei den Futterungsversuchen niemals weder der vorausgesetzte Darmkanal, noch die zahlreichen Aeste, welche von ihm abgehen sollen, mit Farbstoffen injicirten. und dass bei Thieren , welche weder flüssige noch feste Nahrungsstoffe 1) Man vergleiche z. B. Schrank Fauna Boica III. Band 2. Abth. S. 14. 2) A. a. 0. S. 34. Anmerkung. 3) Ebendaselbst S. 25. 9 aufgenommen hatten , keine Spur von Magenblasen zu entdecken war, um von vornherein gegen diesen den Infu- sorien zugeschriebenen Ernährungsorganismus mit dem grössten Misstrauen erfüllt zu werden. Die wirkliche Existenz des von Ehrenberg angenommenen Ernährungsapparates musste ihm natürlich sehr willkommen sein ; denn damit ergab sich für die bisher nur negativ bestimmten Infusionsthiere im engern Sinne ein positiver Character, und dieser hatte die ausgezeichnete Eigenschaft, dass er eben so scharf den Unterschied, wie die nahe Verwandtschaft zwischen den Rädertliieren und den Infusorien im engern Sinne bezeichnete. Letztere wurden nun fortan unter dem Namen der Polygastriea oder Magenthiere als eine scharf bestimmte Thierklasse behandelt, obgleich die Fütterungsversuche bei einer nicht unbedeutenden Anzahl derselben völlig vergeblich geblie- ben waren. Die Bacillarien, Vibrionien, Closterinen und alle gleichförmig grün gefärbten Infusorienformen hatten sich nie zur Aufnahme farbiger Substanzen bringen lassen, sie konnten demnach auch gar keinen Anspruch auf den Namen Magenthiere machen ; Ehrenberg liess sie aber dennoch mit den Farbstoffe aufnehmenden Formen beisam- men, weil sie sich denselben durch ihre gesammte übrige Organisation zu innig anzuschliessen schienen. Bei einem Theil der Formen, welche sich mit Farbstoffen anfüllen Hessen, war nur ein Mund, aber keine besondere Auswurfs- stelle zu beobachten. »Von ihrer Structur, sagt Ehrenberg 1 ), machte ich mir die Idee, als wäre bei ihnen Mund- und Auswurfsöffnung ein und dasselbe, oder als hinge die sichtbare Mehrzahl kleiner Magen mit dem Munde radienartig zusammen.« Dies war also nur eine Idee, nicht wirkliche Beobachtung; gleichwohl wurden jene Formen als Anentera (darmlose) bezeichnet und aus ihnen die erste Hauplabtheilung der Magenthiere gebildet, der auch alle diejenigen Infusorien zuertheilt wurden, welche gar keine Farbstoffe aufnahmen. Die übrigen mit Mund und After versehenen Magenthiere erhielten den Namen Enterodela (darmführende) und bildeten die zweite Haupt- abtheilung. Die relative Stellung von Mund und After gab bei den Enterodelen zur Aufstellung von vier Gruppen Veranlassung. In der Gruppe der Anopisthia liegen Mund und After neben einander in derselben Grube, in der der Enantiotreta einander gegenüber am vordem und hintern Körperende. In der Gruppe der Allotreta befindet sich nur der Mund oder der After am Ende, in der der Katotreta liegt weder Mund, noch After am Ende. Nachdem den Magenthieren ein so complicirter Ernährungsorganismus zuerkannt worden war, hätte man wohl erwarten sollen, dass sich bei ihnen auch für die übrigen thienschen Functionen scharf ausgeprägte innere Organe herausgestellt hätten. Allein Ehrenberg sah in dieser Beziehung nicht mehr, als seine Vorgänger; nur bei einigen grünen Arten der JI/H//er : schen Gattung Cercaria , die zu der neuen Gattung Euglena erhoben wurden, bemerkte er in der Nähe des vordem Körperendes einen schon von Nitzsch im Jahre 1817 bei einer dieser Arten beobachteten 2 ) rothen Pigmentfleck, der als Auge gedeutet und woraus auf das Vorhandensein von Nerven ge- schlossen wurde 3 ). Ferner hatte Ehrenberg bei Kolpoda cucullus fadenförmige, netzartig verstrickte Fasern, welche aus sehr kleinen an einander gereihten Körnchen bestanden, in Absätzen aus der Analöffnung auswerfen sehen; er deutele diese Fasern als Eierstock, die Körnchen als Eier und liess den Eierstock periodisch ausgeschieden wer- den 4 ). Ebenso wurde das plötzliche Zerfliessen der Magenthiere in einen feinkörnigen Schleim für einen Geburtsact von Eiern erklärt, wofür dieser Vorgang auch schon von den altern Forschern, z. B. von Gleichen, gehalten worden war 3 ). Dies waren die Anschauungen , welche Ehrenberg in seiner ersten Abhandlung über die Organisation der Infusorien im engern Sinne entwickelte. Wie Vieles an denselben hypothetisch ist und einer genauem Begründung bedurft hätte, ist zum Theil angedeutet worden, zum Theil leuchtet es nach dem Mitgeteilten von selbst ein. An die Darstellung der Organisation der Räder- und Magenthiere schloss Ehrenberg seinen ersten Entwurf zu einer neuen 1) A. a. 0. S. 35. 2) Nitzsch Beilrag zur Infusorienkunde oder Naturbeschreibung der Cercarien und Bacillarien. Halle 18 17. S. 10. 3) A. a. 0. S. 33. 4) A. a. 0. S. 24. 26. 77 und Taf. III. I. und 14. a. 5) Auserlesene mikroscopische Entdeckungen S. IUI und Taf. XLIX. Fig. 19. Stein, Organismus der Infusiunslliiere. 10 systematischen Eintheihmg der gesammten Infusionsthiere , der bereits die Hauptgruppen so hinstellt, wie sie in dem endgültig angenommenen System erscheinen, und in dem sich die bis dahin gebrauchlichen, viel zu weit und unbestimmt gefassten Gattungen durch eine grosse Anzahl kleinerer, meist scharf und natürlich begrenzter ersetzt finden. Da die neue Eint heil ung in Ehrenbergs erster Abhandlung weniger ausgeführt und nicht so übersichtlich dargestellt ist, als in der zweiten, so wollen wir sie erst nach dieser in Betracht ziehen. Die zweite Abhandlung bringt über den inneren Bau der Bader- und Magenlhiere keine wesentlich neuen Aufschlüsse, sie ist aber sehr reich an interessanten Detailangaben über die verschiedenen Formen der Schlund- kiefer, des Darmkanals und der mit dem Darmkanal in Verbindung stehenden Drüsen bei den Bäderthieren 1 ). Sie stellt ferner für die äussern Körperabschnitte oder Körperregionen und für die verschiedenen Arten der Körper- bedeckung und der von derselben ausgehenden Fortsatze, welche bei Bader- und Magenthieren zu unterscheiden sind, eine bestimmte Nomenclatur fest 2 ), wobei wieder mancherlei interessante Einzelheiten zur Sprache kommen, auf die ich, so weit sie die eigentlichen Infusionsthiere betreffen, in den speciellen Abschnitten meiner Arbeit zurück- kommen werde. Die frühern Angaben über den Ernährungsapparat der Magenthiere werden mit noch grösserer Bestimmtheit und Zuversicht wiederholt, ohne dass neue, überzeugendere Thatsachen beigebracht würden 3 ). An die Stelle der Idee, welche sich Ehrenberg Anfangs von dem polygastrischen Ernährungsapparat der Anentera gebildet hatte, tritt nun die Abbildung einer ideal vergrösserten Monade mit weitem, ringsum bewimpertem Munde, von dem zahlreiche gestielte Magenblasen in das Innere des Leibes hinabhängen. Ebenso bestimmt werden die Darmformen, welche sich bei den Enterodelen finden sollen, abgebildet und letztere hiernach in drei Gruppen gesondert, in die Cyclocoela , Orthocoela und Campylocoela. Bei den Cyclocölen fällt Mund und After zusammen, und der Darmkanal beschreibt einen Kreis; sie entsprechen genau der früher aufgestellten Abtheilung Anopisthia. Bei den Orthocölen ist der Darmkanal ein grader Schlauch in der Längsaxe des Körpers, bei den Campylocölen verläuft er ausserhalb der Längsaxe , jedoch in der Längsrichtung des Thieres gekrümmt oder gewunden. Die Enantiotreta sollen überwiegend graddarmig, die Allotreta und Katotreta meist krummdarmig sein. Zu den wenigen, bisher auf die Gattung Euglena beschränkten Fällen von dem Vorkommen eines augen- ähnlichen , rothen Pigmentfleckes bei den Magenthieren fügte Ehrenberg ferner eine Anzahl neuer hinzu , die zur Aufstellung der Gattungen Amblyophis , Ophryoglena , Eudorina , Microglena und Lagenula Veranlassung gaben ; auch wurden jetzt zwei winzige schwarze Pünctchen , die schon früher bei einer altern Gattung Distigma in der Nähe des vordem Körperendes unterschieden worden waren , ebenfalls für Augen erklärt 4 ). Für die Augennatur dieser Pigmentflecke konnte jedoch kein anderer Grund geltend gemacht werden , als dass sich bei den Bäder- thieren sehr allgemein in der Nackengegend ähnliche, nur weit schärfer umschriebene rothe Pigmentflecke finden, die in einem nachweisbaren Zusammenhang mit dem Gehirnganglion stehen und offenbar als Sehorgane fungiren. Ausserdem wurden noch einige Versuche über die Vermehrung von Bäder- und Magenthieren mitgetheilt, die einzeln in enge, mit reinem Brunnenwasser gefüllte, eine vollkommene Uebersicht mit der Loupe gestattende Glasröhren gebracht worden waren. In einer derselben hatte ein Individuum von Paramaecium aurelia nach 24 Stun- den durch Quertheilung 8 Individuen geliefert, und in einer andern waren in derselben Zeit aus 3 Individuen 12 hervorgegangen. Ehrenberg schliesst hieraus, dass ein einziges Magenthier durch Theilung schon am siebenten Tage eine Million Individuen liefern könne, und dass man mithin zur Erklärung zahlloser Mengen von Infusorien in höchst kurzer Zeit keiner Generatio primiliva mehr bedürfe 5 ). Ihr vorzüglichstes Interesse erhielt die zweite Abhandlung Ehrenberg's aber dadurch, dass er in derselben 1) Abhandlungen der Berliner Academie vom Jahre 1831 S. 44—54. 2) S. 19 — 40. 3) S. 40 — 44. und Taf. III Fig. I — 4. 4) S. 12 — 19 und Taf. I — II. 5) S. 9—12. 11 schliesslich sein System vollständig entwickelte und alle von ihm selbst beobachteten Räder- und Magenthierarten characterisirte. Alles was sich auf die Räderthiere bezieht, nmss hier unberücksichtigt bleiben, da die vorliegende Schrift nur die eigentlichen Infusionsthiere zum Gegenstande hat, diese aber allein in der Elirenberg' sehen Klasse der Magenthiere enthalten sind. Der sehr ausführliche Character, welcher den Magenthieren beigelegt wird l ), beruht wesentlich auf der innern Organisation derselben, die nun positiv so angegeben wurde, wie sie sich Elirenberg vor- stellte. Besonders auffallend ist hierbei noch die Aufführung eines über die ganze Körperoberfläche verbreiteten, zarten Gefässsystemes, von dem früher gar nicht die Rede war, welches daher ohne alle nähere Begründung dasteht. Ohne Zweifel wurden die parallelen, dicht neben einander siehenden eingedrückten Längslinien, welche sich an der äussern Oberfläche fast aller dicht mit Wimpern besetzten Infusionsthiere finden, für Gefässe gehalten, was gewiss nicht geschehen wäre , wenn nicht unausgesetzt die Räderthiere als untrügliches Vorbild der Magen- thiere festgehalten worden wären. Dies geht auch sonst aus der ganzen Fassung des Characters der Magenthiere hervor, der also lautet: »Skelet- , wirbel- und fusslose, zuweilen geschwänzte, nackte oder gepanzerte, sehr kleine, dem blossen Auge wenig sichtbare, aber zahllos durch alle Gewässer verbreitete Thiere, welche schwimmen und meistens mit Wimpern Strudel- oder Radbewegungen im Wasser machen. Ein Netz von wasserhellen, sehr feinen, selten deut- lichen Linien überzieht die ganze Oberfläche des Körpers und erscheint als ein zartes Gefässsyslem ohne Herz- erweiterung und Pulsation. Scharfer Tastsinn und oft durcli schönrothes Pigment ausgezeichnete Augenspuren deuten, nicht selten vereint, auf ein gesondertes Nervensystem hin. Die meisten, auch die kleinsten, haben einen gewimperten Mund, der entweder ohne Darm unmittelbar zu einer Mehrzahl von Speisebehällern oder Magen führt (wie bei den darmlosen), oder in einen ausgebildeten mit vielen Magentaschen traubenartig versehenen Darm übergeht (wie bei den darm führenden). Der unbewaffnete Schlund ist ohne Auszeichnung. Keine Kiemen. Gebären einer netzförmigen und gekörnten Masse. Männliche Geschlechtsorgane noch unerkannt. Eierlegen oder Lebendiggebären neben dreifacher Selbsüheilung, nämlich Quertheilung, Längstheilung und Bildung sich ablösen- der, frei werdender Knospen. Grösste Vermehrungsfähigkeit unter allen bekannten organischen Wesen. Keine Verwandlung. (Ob man die inneren zahllosen Körnchen innere Knospen oder Eier nennen dürfe, kann nur spätere Beobachtung entscheiden).« Das Infusoriensystem Ehrenbercjs ist nach den Grundsätzen der natürlichen Systematik gebildet, es weicht jedoch in seiner ursprünglichen Anlage dadurch wesentlich von der herkömmlichen Form natürlicher Systeme ab, dass die Familien, welche in demselben unterschieden werden, nicht in eine, sondern in zwei aufsteigende Reihen geordnet sind, die als Ordnungen bezeichnet werden und deren Glieder einander parallel sein sollen, in der Weise, dass sich zu einem Gliede der einen Reihe ein oder zwei analoge Glieder in der andern finden. Die erste Ordnung umfasst alle nackten Formen (Nuda) , d. h. diejenigen, deren Körper ohne besondere schutzende Hülle, oder, wie Ehrenberg sagt, »ohne Körperbedeckung« ist; die zweite enthält die gepanzerten Formen (Loricata), deren Körper mit einer schützenden Hülle versehen ist, mag dies nun die zu einer starren Schale erhärtete äusserste Körperschicht, oder ein den Körper umschliessendes , aber von ihm abstehendes Gehäuse oder ein dem Körper innig anliegender gallertartiger Mantel sein. Die Magenthiere werden zunächst in zwei Kreise gesondert, die Anenlera und Enterodela, deren Charactere oben angegeben worden sind; jeder Kreis besteht aus den beiden Ordnungen der Nackten und Gepanzerten. Die Anenlera werden dann weiter nach dem Vorhandensein äusserer Organe in drei Abiheilungen gebracht, in die Anhanglosen (Gymnica), deren Körper unbehaart und ohne ver- änderliche Fortsätze ist, in die Behaarten (Epitricha) , deren Körper durch Borsten oder Wimpern behaart ist, und in die Wechselfüssigen (Pseudopodia), deren Körper mit fussähnlichen veränderlichen Fortsätzen versehen ist, die aber nur bei einigen wenigen Formen wirklich beobachtet, bei den übrigen blos vorausgesetzt wurden. Die \) A. a. 0. S. 55. 3* 12 Enlerodelen zerfallen nach der relativen Lage von Mund und After in die schon oben characterisirten Abtheilungen der Anopisthia oder Einmündigen, Enantiolreta oder Gegenmiindigen, der Allotreta oder Wechselmündigen , und der Katotreta oder Bauchmündigen. Nun erst folgen die Familien, deren im Ganzen 20 unterschieden werden, die 78 Gattungen mit 291 Arten umfassen. Zur besseren Uebersicht dieser Eintheilung lasse ich hier den Rahmen des Systems bis auf die Familien herab folgen, wobei zu beachten ist, dass die in den beiden Ordnungen einander entsprechenden Familien gegenüberstehen. Erster Kreis. Anentera. Zweiter Kreis. Enterodela. Erste Ordnung. Nackte. Zweite Ordnung. Gepanzerte. Erste Abtheilung. Anopisthia. Erste Abtheilung. Gymnina. 6. Farn. Vorticellina. fi. Farn. Ophrydina. 1. Fam. Monadina. 1. Farn. Cryplomonadina. Zwei te Abtheilung. E nan tiotre ta. 2. Fam. Vibrionia. 2. Fam. Closterina. 7. Fam. Enchelia. 7. Fam. Colepina. 3. Fam. Astasiaea. Dritte Abtheilung. Allotreta. Zweite Abtheilung. Epitricha. 8. Fam. Trachelina. 8. Fam. Aspidiscina. 4. Fam. Cyclidina. 3. Fam. Peridinaea. 9. Fam. Ophryocercina. Dritte Abtheilung. Pseudopodia. Vierte Abtheilung. Katotreta. 5. Fam. Amoebaea. 4. Fam. Bacillaria. 10. Fam. Kolpodea. 5. Fam. Arcellina. 11. Fam. Oxytrichina. 9. Fam. Euplota. Ich bin weit davon entfernt , die ausserordentlichen Verdienste Ehrenberg's um die Ausbildung des Infuso- riensystems zu unterschätzen, ich kann diese jedoch nicht in den Hauptabtheilungen seiner Klassifikation erkennen. Dass zum obersten Eintheilungsprincipe Organisationsverhältnisse gewählt wurden, die sich nicht auf eine für Jedermann überzeugende Weise begründen liessen, kann unmöglich gutgeheissen werden. Wollten wir aber auch ganz von dem angenommenen innern Unterschied zwischen Anentera und Enterodela absehen und diese beiden Abtheilungen lediglich nach der An- oder Abwesenheit eines Afters unterscheiden, so hätten doch zu den Anenteris nicht die Gruppen gebracht werden dürfen , deren Mitglieder die Aufnahme fester Nahrungsstoffe beharrlich ver- weigerten und keine Spur von Mundöffnung erkennen liessen, wie die Vibrionia, Bacillaria und Closterina, vielmehr hätte aus ihnen noch eine dritte Abtheilung, die der Astoma, gebildet werden müssen. Allein auch mit dieser Abänderung würde das System in der Praxis noch immer ausserordentliche Schwierigkeiten dargeboten und häutig zu irrigen Bestimmungen Veranlassung gegeben haben. Wie schwer hält es bei den sehr kleinen Formen, darüber Gewissheit zu erlangen, ob sie mit einem Munde versehen sind oder nicht, ob sie also der Abtheilung der Astoma oder der Anentera angehören. Nicht mindere Schwierigkeiten verursacht in der Abtheilung der Enterodela die Bestimmung des Afters, weil er nicht, wie der Mund, eine vorgebildete, zu jeder Zeit wahrnehmbare Oeffnung ist, sondern sich nur in dem Momente zu erkennen giebt, in welchem Excremente nach aussen entleert weiden. Man kann nun aber oft Stunden lang ein Thier verfolgen und ist doch nicht so glücklich, die Ausscheidung von Excre- menten zu beobachten; gelingt dies endlich wirklich einmal, so bleibt man oft wieder ungewiss, ob die Excremente genau am Ende des Thieres und nicht etwa dicht vor demselben hervortreten. Auf diesen geringfügigen Umstand kommt es aber an, ob ein enterodeles Infusionsthier in die Abtheilung der Allotreta oder in die der Katotreta oder der Enantiolreta gehört. Eine andere schwache Seile des Systems liegt in der so consequent durchgeführten Sonderung von nackten und gepanzerten Formen , die nur dadurch möglich wurde , dass unter dem Namen Panzer die heterogensten Ge- bilde zusammengefasst wurden. Wollte man auch hieran keinen Anstoss nehmen, so wird man doch häufig beim Bestimmen einer Infusorienform in die Lage kommen, nicht zu wissen, ob dieselbe in die Ordnung der nackten oder der gepanzerten Infusorien zu stellen sei; denn zwischen beiden Ordnungen bestehen durchaus keine scharfen 13 Gränzen , sondern sie gehen ganz allmählig in einander über. Wir weiden auf diesen Punct weiter unten zurück- kommen; liier genüge es beispielsweise nur auf einen solchen Fall hinzuweisen. Wer mit Ehrenberg in Crypto- monas, Cryptoglena, Peridinium und Glenodinium gepanzerte Formen erkennt, der wird sicherlich geneigt sein, Chlorogonium , Phacelomonas , Microglena und Polyloma ebenfalls als gepanzerte zu bestimmen; iliesc Gattungen stehen aber in Ehrenberg's System in der Ordnung der nackten Infusorien. Gegen die Zweckmässigkeit von Ehrenberg's Einlheilungsprincipien spricht endlich auch das Resultat, zu welchem dieselben führen. Es ergeben sich Verbindungen von Galtungen, die nach ihrer gesammten übrigen Organisation völlig von einander verschieden sind , und andererseits werden Gruppen , die in der innigsten Ver- wandtschaft mit einander stehen, widernatürlich aus einander gerissen. In ersterer Beziehung vergleiche man z. B. nur die Gattungen , welche die Familien der Trachelina , Colpodea und Enchelia zusammensetzen , und man wird mir gewiss beistimmen, wenn ich in diesen Familien unnatürliche Combinationen von Formen erblicke, die oft gar nichts weiter mit einander gemein haben, als die relative Lage von Mund und After. In letzterer Beziehung bieten die Aspidiscina eins der schlagendsten Beispiele dar; sie erscheinen im System mit den von ihnen fundamental verschiedenen Trachelinen und Ophryocercinen verbunden , während sie sich doch ihrem gesammten Baue nach so innig an die Euplota anschlicssen, dass sie von diesen kaum als gesonderte Familien gelrennt zu werden verdienen. Aus allen diesen Gründen werden wir Ehrenberg's System nicht beibehalten können. Ehrenberg's dritte und vierte Abhandlung, welche eben so innig mit einander zusammenhängen, wie die erste und zweite, erweiterten die Kennlniss der inneren Organisation der Magenthiere auf eine höchst über- raschende Weise und brachten dieselbe im Wesentlichen bis zu der Stufe der Ausbildung, von der aus Ehrenberg in seinem grossen Infusorienwerke die Naturgeschichte der Magenthiere bearbeitete und über die er bis auf den gegenwärtigen Augenblick nicht weiter hinausgegangen ist. Auch die innere Organisation der Räderthiere erhielt in der dritten Abhandlung noch eine wichtige Bereicherung. Ehrenberg entdeckte nämlich bei verschiedenen Gat- tungen auf beiden Seiten der Leibeshöhle mehrere eigenlhümliche, kleine, gestielte, zitternde Organe 1 ), welche die Form von Notenzeichen hatten, mit ihren Stielchen den beiden als Hoden betrachteten, strangfürmigen Organen aufsassen und mit ihrem erweiterten, zitternden Ende frei in der Leibeshöhle flotlirten. Diese Organe wurden für Kiemen erklärt und mit ihnen ein schon früher vielfach beobachtetes, äusseres , röhrenförmiges Organ im Nacken der Räderthiere in Zusammenhang gebracht, welches zuerst für ein Begaltungsorgan gehalten worden war, nun aber als Respirationsröhre gedeutet wurde. Durch dieselbe sollte Wasser zur Unterhaltung des Respirationsprozesses in die Körperhöhle ein- und ausgeführt werden. Ausserdem wurden in der dritten Abhandlung zahlreiche neue Räder- und Masenlhierformen Geschildert, von denen die interessantesten durch Abbildungen erläutert wurden, in denen ein grosser Fortschritt zu erkennen ist. Zu den Magenthieren allein kamen 27 neue Gattungen hinzu; auch musslen in der Abiheilung der Anenteia noch zwei neue Familien, die Dinobryina und die Volvocina , errichtet werden 2 ]. Die Hauptrepräsentanten der letzteren Familie waren zwar längst bekannt, sie hatten aber bis dahin für einfache Thiere gegolten und waren deshalb von Ehrenberg in seinen beiden ersten Abhandlungen mit den Peridi- näen vereinigt worden ; jetzt lieferte er den überraschenden Beweis, dass sie aus vielen Individuen zusammen- gesetzte Monadenstöcke seien. Was nun die neuen Aufschlüsse über die innere Organisation der Magenthiere anbetrifft, so beziehen sich dieselben zunächst auf den Ernährungsorganismus. Ehrenberg entdeckte nämlich bei G verschiedenen Magenthieren, welche zur Aufstellung der drei neuen Gattungen Chilodon (Anfangs Euodon genannt), Nassula und Prorodon Ver- anlassung gaben, einen sich scharf absetzenden, graden und starren, röhrenförmigen Schlund, der an seiner innern Oberfläche nach Art einer Fischreuse von dicht neben einander stehenden borslenförmigen Zähnen ausgekleidet )) Abhandlungen der Berliner Academie aus dem Jahre 1833. S. 188 — 89. 2) S. 279—8:'. Stein, Organismus der fnfusionstbierc. 14 war. welche sich nach vorn zu kräftiger, harter und scharfer begränzt zeigten und mit diesen Enden gegen einander geneigt und weiter von einander entfernt werden konnten. Ehrenberg erblickte hierin eine neue Verwandtschaft zwischen Magen- und Räderlhieren und verglich den Schlund jener Galtungen mit dem Schlundkopfe der Räder- Lhiere, und die borstenförmigen Zahne der ersteren mit den beiden Kiefern der letztem; natürlich rnussle nun das frühere Kennzeichen der Magenthiere: »der unbewaffnete Schlund ohne Auszeichnung« aufgegeben werden 1 ). Bei zwei Arten der Galtung Nassula (N. elegans und N. ornata) wurden ferner meist zahlreiche, schön violett gefärbte . bei Bursaria vernalis mehr vereinzelte und rötbliche blasenartige Kugeln im Innern lies Körpers beobachtet, die den Thieren das Ansehen gaben, als waren sie mit violetten oder rölhlichen Substanzen gefüttert worden. Ehrenberg deutele diese farbigen Kugeln als einen eigen th Umlichen . von den Thieren erzeugten und die Verdauung befördernden Saft, der sich in den Darm ergiesse, die Excremente färbe und mit ihnen vereint aus- geschieden werde; er sollte dem farblosen Absonderungsproducte der pancrealischen Drüsen der Räderlhiere analog sein. Da im vordem Körperende von Nassula elegans, dem Zahncylinder gegenüber, meistenteils ein grösserer, aus dicht, neben einander liegenden violetten Kügelchen zusammengesetzter Fleck vorhanden war, so wurde dieser für den Bildungsheerd des violetten Darmsafles erklärt; ein heller, in der Mittellinie der Rückseite verlaufender perlschnurförmiger Kanal sollte ihn von dort aus nach dem hintern Drittel des Körpers führen und ihn hier in die Magenblasen ergiessen. Diese Annahme stützte sich darauf, dass im hintern Körperende gewöhnlich die grössten violetten Kugeln lagen, und dass hier häufig ein Zusammenfliessen kleinerer beobachtet wurde 2 ). Wir werden weiter unten sehen, dass sich diese Erscheinungen auf eine viel einfachere und ungezwungenere Weise erklären lassen. Das bei weitem wichtigste und am meisten unsere Aufmerksamkeit verdienende Moment in Ehrenberg's dritter Abhandlung war aber dies, dass in ihr zum ersten Male wieder innere Organisationsverhältnisse der Magen- thiere zur Sprache gebracht und gleich sehr umfassend erörtert wurden, von denen bereits die altern Mikrographen einige Kenntniss halten, die aber später gänzlich unbeachtet geblieben waren. Der wackere Roesel, der im vorigen Jahrhunderte die besten Abbildungen vorticellenartiger Infusorien lieferte, unterschied schon im Jahre 1755 an allen Individuen seines mispel form igen Afterpolypen (ich erkenne darin Epistylis flavicans Ehbg.) im Innern des Körpers einen hellen, geschlängelten, strangförmigen Körper und eine kleine, helle Blase, und erklärte sie für wesentliche Organe dieses Thieres 3 ) Ferner beobachtete er im Innern aller Individuen seines berbersbeerförmigen Afterpolypen (Opercularia berberina Stein) ein scharf begränztes helles ovales Organ 4 ). Spallanzani entdeckte sodann 1776 bei Paramaecium aurelia zwei sternförmige contraclile Organe, von denen er vermuthet, dass sie zur Respiration bestimmt seien 5 ). »Die beiden Sterne,« sagt er, »liegen fast in den Brenn- puneten dieser elliptischen Thiere und haben in ihrer Mitte eine sehr kleine Kugel. Sie sind stets in Bewegung, mögen die Thiere stillstehen oder sich bewegen , und ihre Bewegung ist eine regelmässig alternirende. Alle 3 — 4 Secunden schwellen die beiden kleinen centralen Kugeln zu 3 — 4 mal grösseren Schläuchen an, dann nimmt ihr Umfang wieder ab; Zu- und Abnahme des Umfangs erfolgt sehr langsam. Derselbe Rhythmus ist an den Strahlen zu beobachten, nur mit dem Unterschiede, dass, wenn die kleinen Kugeln anschwellen (s'enflent), die Ausdehnung der Strahlen abnimmt (les rayons se desenflent), und dass, wenn diese anschwellen, der Umfang der kleinen Kugeln abnimmt.« Etwa in der Mitte zwischen den beiden stein förmigen Organen unterschied Spallanzani noch ein sehr kleines , länglich elliptisches Gebilde (Fig. XVIII. R.) , an welchem unaufhörlich eine continuirliche Bewegung zu beobachten war. Es war dies der Mund des Thieres, der jedoch noch nicht als solcher erkannt wurde. 1) S. 168 — 72 uiid Taf. I und II 2) S. 179 — 82. 3) Roesel v. Rosenhof Monatlich herausgegebene .Inseclenbelustigungen Band III S. 615 und Taf. C. Fig. 5. 6. o. p. 4) Ebendaselbst S. 61 i und Taf. XCIX. Fig. 3—9. ü) Spallanzani Opuscules de physique animale et vegetale. Traduils par Senebier. Geneve (777. Tom. I. p. -'48 und PI. II. ig. XVIII. A. ,\. 15 Unabhängig von Spallanzani beobachtete auch Gleichen 1778 die contractilen Blasen von Paramaecium aurelia, doch unterschied er nur die vordere und übersah auch die strahlenförmigen Fortsatze derselben. Zuerst war ihm nur an der einen Seite des Thieres »eine Erhöhung wie ein Bläschen aufgefallen, das seine Stelle nicht veränderte.« Als sich aber das Thier beim Verdunsten des Wassers abplattete, sah er zu seiner Ueberraschung, dass das Bläschen »mehr als zehnmal nach einander bald hineingezogen, bald wieder heraus und in die Höhe getrie- ben wurde,« und er warf deshalb die Frage auf, ob nicht das Bläschen das Herz des Thieres sein möge 1 ). — End- lich hat auch 0. F. Müller bei mehreren ächten Infusionsthieren innere drüsenähnliche Organe (z. B. bei seiner Kolpoda meleagris und Vorticella polymorpha) und einzelne constante wasserhelle Blasen (z. B. bei seiner Enchelys retrograd.! und pupula, Trichoda auranlia, ignita und vermicularis) angegeben; am schärfsten sind beide Gebilde bei seinem Paramaecium marginalen , worin ich Prorodon niveus Ehbg. erkenne, hervorgehoben. Die grosse wasser- helle Blase liegt hier am hintern Ende und vor ihr in der Axe des Körpers ein gewundener weisser Strang, den Müller als »luor intestini spiralis« bezeichnet 2 ). Ehrenberg's Aufmerksamkeit wurde erst spät auf diese beiden Organe hingelenkt , nachdem er bei dem von ihm schon unzählige Male beobachteten Paramaecium aurelia eines Tages die beiden sternförmigen contractilen Blasen Spallanzani 's zufallig wieder aufgefunden halte. Wurden eine grosse Anzahl von Thieren auf einmal durch ein aufgelegtes Deckgläschen etwas glattgedrückt., so sah er »alsbald von jenen zwei Blasen aus bis S strahlen- förmig nach allen Körpergegenden hinlaufende Kanäle, welche sich langsam erweiterten, wenn die Blasen sich zusammenzogen und fast verschwanden , und die sich langsam verengten und zuletzt verschwanden , wenn die Blasen sich erweiterten ; die strahlenförmigen Kanäle waren in ihrer Ausdehnung dicht bei den Blasen zwiebei- förmig erweitert.« Sofort untersuchte Ehrenberg nun andere Magenthiere auf contractile Blasen, und er traf dieselben noch bei 24 Arien an. Bei den meisten waren sie ohne strahlenförmige Ausläufer und nur in einfacher Anzahl vorhanden. Ausserdem wurde noch bei Chilodon cucullulus, welches allein mit 3 contractilen Blasen versehen war. und bei drei Arten der Gattung Nassula, etwas später auch bei Paramaecium aurelia, ein «rundliches, weniger durchsichtiges Organ« neben den contractilen Blasen beobachtet, offenbar also Analoga der von Roesel und Müller beobachteten weissen drüsenartigen Organe. Die letztem Gebilde boten gar keinen Anhaltspunct für ihre Deutung dar. in den contractilen Blasen aber konnte Ehrenberg wegen ihrer zu langsamen Bewegung weder ein Herz, noch wegen der zu geringen Entwicklung eines Gefässsystemes, das er jedoch in schwachen Spuren als sehr feine netzförmige Kanäle bei Paramaecium beobachtet haben wollte , ein Respirationsorgan erkennen. So wurde denn wieder zu dem bedenklichen Auskunfts- mittel gegriffen, die Räderthiere über die fraglichen Organe der Magenthiere Aufschluss geben zu lassen. Es lag natürlich sehr nahe, die contractile Blase der Magenthiere dem als Samenblase gedeuteten contractilen Organe der Räderthiere gleich zu setzen. Da mit dem letzteren noch drüsenartige Organe, die sogenannten Hoden oder Samen- drusen in Verbindung standen, so mussten auch bei den Magenthieren analoge Gebilde vorhanden sein. Die ein- zigen Organe, welche hier noch der Deutung harrten, waren die bei Chilodon, Nassula und Paramaecium beobachteten opakern, rundlichen Organe; sie wurden daher von Ehrenberg für Samen bereitende Drüsen, und die contractilen Blasen für Samenblasen erklärt. Auf diese Weise hatten die Magenthiere nun auch ein männliches Geschlechtssystem erhalten, und sie galten fortan als Zwitterthiere 3 ). Der neuen Lehre von dem doppelten Geschlechte der Magenthiere eine breitere Basis zu geben , war die Hauptaufgabe von Ehrenberg's vierter Abhandlung, die ausserdem noch 15 neue Galtungen von Magenthieren auf- führte 4 ; und einige Zusätze zum Gefässsystem der Räderthiere brachte, darunter die Berichtigung, dass das angeb- )) v. Gleichen Abhandlung von den Saamen- und Infusionslhierchen S. 152 und Taf. XXIX. Fig. I. 2. a. 2) Müller Animalcula infusoria p. 92 und Tal. XII. Fig. 28. 29. b. c. 3) S. 172 — 79. 4) Abhandlungen der Berliner Academie aus dem Jahre 1835 S. 17 1 — 75. 4" 16 liehe Rückengefäss sich neuerlich als ein Längsmuskel herausgestellt habe 1 ). In Betreff des weiblichen Geschlechts- organismus der Magenthiere wird angegeben, dass derselbe aus kugel- oder eiförmigen, periodisch den ganzen Körper des Thieres erfüllenden, zu anderen Zeiten aber fehlenden, in netzförmig anaslomosirenden Röhren liegenden Kornern bestehe, die häufig lebhaft grün, auch gelb, blau, roth und braun gefärbt seien. Namentlich bei Thieren mit grünen Eiern, wie z. B. bei Stentor polymorphus, könne man sich leicht von der periodischen Ausscheidung der Eier über- zeugen, da ihr Körper bald lebhaft grün gefärbt, bald ganz wasserhell und farblos erscheine. Beobachte man sie auf einer Glasplatte mit wenig Wasser, so zerreisse zuletzt der Körper an einer Stelle und es würde dann ein Theil der grünen Eier künstlich geboren , das Thier aber lebe weiter fort , wenn man nur neues Wasser hinzu setze, un- natürliche Geburtsact der Eier durch die After- und Geschlechtsöffnung sei schwer zu beobachten, aber bei Colpoda cucullus wirklich gesehen. Bei einigen Formen, namentlich bei Monas vivipara , würden die Eikörnchen schon im Innern des Mutterthieres lebendig, aber der wirkliche Act des Auskriechens der Jungen aus solchen Eikörnchen oder leere zurückgelassene Eischalen hätten sich noch bei keinem Magenthiere beobachten lassen 2 ). Die Einatur der Körner war also doch weder aus ihrer Entwicklung, noch aus ihrer Structur dargethan , auch war durchaus nicht näher nachgewiesen, dass sie wirklich in netzförmig anastomosirenden Röhren enthalten sind. Das periodi- sche Verschwinden von Körnern in einem lebendigen Organismus berechtigte ferner noch nicht zu dem Schlüsse, dass sie wirklich aus dem Körper ausgeschieden werden; es ist eben so gut möglich, dass sie nur resorbirt werden. Genug, Ehrenberg's Gründe für einen weiblichen Geschlechtsapparat der Magenthiere hatten durchaus keine zwin- gende Beweiskraft. Zu Gunsten der männlichen Geschlechtsorgane der Magenthiere konnten auch jetzt keine andern Gründe geltend gemacht werden, als die von der Analogie mit den Räderthieren hergenommenen. Dafür aber lieferte Ehrenberg den sehr dankenswerlhen Nachweis, dass die sogenannte Samendrüse ein bei den Magenthieren sehr allgemein verbreitetes Organ sei, welches bei den verschiedenen Arten unter verschiedenen Formen auftrete, am häufigsten in der Kugel- und Eiform, nicht selten aber auch in Nieren-. Band- und Perlschnurform. In nicht minder allgemeiner Verbreitung wurden ferner auch die contractilen Blasen nachgewiesen, eine Communicalion derselben mit den Samendrüsen konnte jedoch nicht beobachtet werden. Trotzdem lässt Ehrenberg abführende Gefässe von der Samendrüse nach der contractilen Blase hingehen und letztere nur das erweiterte Ende dieser Samenleiter sein. Ferner nimmt er an, dass die contractile Blase entweder unmittelbar durch eine oder mehrere Oeffnungen, oder mittelbar durch strahlenförmige Ausläufer mit dem bald einfachen, bald mehrfachen, aber ebenfalls noch nicht dar- stellbar gewesenen Eileiter in Verbindung stehe 3 ). Man muss zugeben, dass dies Alles recht wohl so sein konnte, nur fehlte es an jedem Beweise für die gemachten Annahmen. Das Uebelste war, dass nicht einmal bei den Räder- thieren in den als Samendrüsen bezeichneten Organen die Entstehung von Spermalozoen hatte beobachtet werden können, und dass sich eben so wenig in ihren contractilen Blasen entwickelte Spermatozoon erkennen Hessen. Die Beobachtung der sogenannten Samendrüsen der Magenthiere bietet bei vielen Arten durchaus keine Schwierigkeiten dar, es muss daher gewiss auflallen, dass ein so genauer Forscher, wie Ehrenberg, dieselben so lange übersehen konnte, während er doch bereits in seinen beiden ersten Abhandlungen bei gewissen Formen den Verlauf des Darmkanales mit einer Bestimmtheit darstellte, wie kaum später bei irgend einer andern Form. Sollte dieser Umstand nicht daraufhinweisen, dass vielleicht bei jenen Formen nur sträng- und schnurförmige Samen- drüsen, welche sich zwischen den verschluckten Nahrungsstoffen hinschlängelten, gesehen und für den Darmkanal, nach welchem Ehrenberg so eifrig suchte, gehalten wurden? Ich für meine Person bin überzeugt, dass in den meisten Fällen eine solche Verwechselung stattgefunden hat. Ganz sicher gilt dies von der Gattung Stentor, der Ehrenberg in der zweiten Abhandlung S. 43 einen durch viele Anschwellungen rosenkranzförmigen Darmkanal i) S. 169. 2) S. 155 — 56. 3) S. 158 — 07. 17 zuschreibt, welcher auch auf Taf. III. Fig. 3 für sich abgebildet ist. Genau von derselben Gestalt und Grösse ist die Samendrilse von Stentor polymorphus. Dass diese in den beiden eisten Abhandlungen als Darmkanal aufgefasst wurde, wird noch evidenter dadurch bewiesen, dass Ehrenberg in der ersten Abhandlung S. 26 bemerkt: »Bei der Gattung Stentor (Vorticella polymorpha, stentorea) sah schon Müller den Verlauf des Darmkanals, erkannte ihn aber nicht,« und dass er in der dritten Abhandlung S. 320 das in Müllers Abbildungen dargestellte schnurförmige Organ wieder als Samendrüse cilirt. Ehrenberg hat ferner in der ersten Abhandlung auf Taf. V. Fig. B. b. 5. der Vorticella citrina einen Darm- kanal zucrlheilt, der genau die Form und Lage zeigt, welche der Samendrüse dieses Thieres zukommen. — En- chelys pupa besitzt meinen Untersuchungen zufolge eine lange, fast ganz grade, strangförmige Samendrüse, welche die Langsaxe des Körpers einnimmt; diese wurde offenbar auch von Ehrenberg gesehen und für einen vorn mit dem Mund, hinten mit dem After zusammenhängenden Darmkanal gehalten, der dann weiter durch seitliche Aeste mit den die Nahrungsstoffe umschliessenden Blasenraumen in Verbindung gesetzt wurde. So entstand der polyga- strische Ernährungsapparat, der auf Taf. II. Fig. I. 15. abgebildet ist. Auch bei Leucophrys patula giebt Ehrenberg mit grosser Bestimmtheit den Verlauf des Darmkanales an (vergl. Taf. II. Fig. II. I. und 6). Leider ist die in der ersten Abtheilung gelieferte Darstellung dieses Thieres von der spater im grossen Infusorienwerk gegebenen so total verschieden, dass es zweifelhaft bleibt, was für ein Thier eigentlich unter dem Namen Leucophrys patula gemeint wurde. Ich vermulhe, dass in beiden Fällen Bursaria truncatella Müll, beobachtet wurde, von welchem Thiere Ehrenberg auch nur eine ungenaue und fehlerhafte Darstellung geliefert hat; hinsichtlich der Leucophrys patula der ersten Abhandlung ist mir dies fast gewiss. Denn ich habe oft Exemplare von Bursaria truncatella gesehen, welche äusserlich den von Ehrenberg abgebildeten Individuen der Leucophrys patula täuschend ähnlich waren. Ihre sehr lange, strangförmige Samendrüse zeigte sich nicht selten eben so weitläuftig spiralförmig gewunden, wie Ehrenberg den Verlauf des Darmkanales bei Leucophrys patula darstellt. So dürfte sich denn auch der Darmkanal dieses Thieres auf eine nicht scharf genug beobachtete Samendrüse reduciren. Das grosse Infusorienwerk von Ehrenberg ist ganz und gar auf die Anschauungen von der innern Organi- sation der Bäder- und Magenlhiere basirt, welche die im Vorstehenden analysirten vier academischen Abhandlungen zu begründen versuchten; es setzt dieselben als in allen wesentlichen Punclen bewiesen voraus. Schon der präg- nante Titel dieses Werkes: »Die Infusionslhierchen als vollkommene Organismen« lässt daran nicht zweifeln. Was Ehrenberg damit sagen wollte, geht am deutlichsten aus den Worten hervor, mit denen er den allgemeinen Theil seiner dritten academischen Abhandlung (S. 196) schliesst: »Somit wären denn bei den Infusorien, als den kleinsten Körpern, welche der menschliche Gesichtssinn überhaupt zu erreichen vermag, alle die Systeme der Organisation, welche den Organismus des Menschen begründen, nicht rudimentarisch, sondern theils augenschein- lich, theils mit der grössten Wahrscheinlichkeit eben so in sich vollendet, nur in anderer Form gestaltet, aufgefunden und die thierische Organisation auf eine beim Menschen und dem Biiderthiere, ja der polygastrischen Monade gleiche Summe, einen einzigen durchgreifenden Typus gewiesen.« Dieser Ausspruch könnte auch dann noch nicht gerechtfertigt erscheinen , wenn Ehrenberg 's Auffassung der Infusorienorganisalion in jeder Beziehung begründet wäre. Denn wie unendlich complicirler und darum vollkommener sind doch alle einzelnen organischen Systeme selbst noch bei den niedrigsten Wirbelthieren, geschweige denn beim Menschen, im Vergleich zu denen der höch- sten Infusionslhiere, die Bäderthiere mit inbegriffen! Der Unterschied in der Organisation der Infusionsthiere und des Menschen ist doch wahrlich mehr als ein blos formeller. Das Prädicat »vollkommene Organismen« für die Infusionslhiere würde also nur den Sinn haben können, dass bei ihnen für die Grundäusserungen des thierischen Lebens, für Empfindung, Bewegung, Ernährung und Fortpflanzung, eben so gut bestimmte Organsysteme vorhanden sind, wie beim Menschen. Den Magenlhieren waren durch Ehrenberg's bisherige Arbeiten ein polygastrischer Darmkanal, Spuren eines netzförmig verzweigten Blulgefässsyslemes . ein complicirler hermaphroditischer Geschlechtsapparat und Augen 5 Stein, Organismus . 2) p. 247—60. — 3) p. 260 — 67. - ■ 4) p. 267 — 72. — 5) p. 286 — 87. — 6) p. 283 — 84. — 7) p. 289 — 308. 27 Sicher sei nur, dass sich die meisten Infusorien durch Theihmg, einige auch durch Knospenbildung vermehrten. Die conlractilen Blasen hall Dujardin für nahe unter der Oberfläche gelegene, mit Wasser erfüllte Vacuolen, welche abwechselnd Wasser aus der Aussenwek aufnehmen und es dann wieder ausslossen, sie seien demnach wohl nach dem Vorgange von Spallanzani als Rospirationsorgane zu betrachten 1 ). Dass den Infusorien endlich Au^en, Nerven und Blutgefässe abgesprochen werden, ist selbstverständlich. Von dem Standpuncle aus, den die eben analysirte Abhandlung einnimmt, bearbeitete Dujardin sein be- kanntes, einen Theil der Suites de Buffon bildendes Handbuch der Infusurienkunde: »Histoire naturelle des Zoophyles. Infusoires, comprenant la physiologie et la Classification de ces animaux. Ouvrage accompagne de 22 planches. Paris 1841.« Die in demselben auf p. 2G — 1 1 4 gegebene allgemeine Schilderung der Infusorienorganisation ist ein wörtlicher Abdruck der Abhandlung in den Annales des sc. nat. Tome X von p. 247 — 312. Der specielle Theil fusst überall auf Ehrenberg und 0. F. Müller; er enthält zwar auch viele eigene Beobachtungen, diese bleiben aber an Schärfe und Genauigkeit meist weit hinter denen von Ehrenbern zurück. Es weiden manche neue Formen geschildert und verschiedene Gattungen naturgemässer begränzt oder neu begründet, nicht selten aber auch bereits klar auseinandergesetzte Formen wieder verwirrt. In positiver Richtung wird weder die Organisation , noch die Entwickelungsgeschichte der Infusionsthiere um einen wesentlichen Schritt vorwärts gebracht. Wahrend Dujardin in seinen ersten Abhandlungen die Rhizopoden als eine besondere Klasse des Tier- reiches betrachtet, fuhrt er dieselben in seinem Handbuche nur als eine für sich bestehende Ordnung der Infusions- thiere auf. Zu den letztern rechnet er ausserdem alle Ehrenberg' sehen Magenlhiere mit Ausnahme der Bacillarien und Closterinen, und seltsamerweise auch noch die zwei von Ehtenberg mit den Räderthieren vereinigten Gat- tungen Chaetonotus und Ichthydium. Diese entfernen sich allerdings, wie neuerlich M. Seliullze näher nachgewiesen hat 2 ), sehr erheblich von den übrigen Räderthieren, aber mit den Infusionsthieren können sie schon wegen des abgeschlossenen Darmkanals und der entwickelten Geschlechtsorgane unmöglich verbunden werden; wahrschein- lich gehören sie zu den Turbellarien. Noch wunderlicher aber ist es, dass Dujardin aus jenen beiden Gattungen und der Ehrenberrj sehen Magenthiergattung Coleps. so wie aus einer ganz unklaren, Planariola genannten Form, die nur ein Fragment von einem höheren Thiere zu sein scheint, eine eigene Hauptabiheilung seines Infusoriensyslemes bildet, die er »symmetrische Infusorien« nennt, während er alle übrigen Infusorien als »unsymmetrische« bezeichnet und zu einer zweiten Hauptabiheilung vereinigt. Soll Coleps ein symmetrisches Infusionsthier sein, dann muss man auch alle andern Infusorien, welche den Mund am vordern Ende in der Längsaxe zu liegen haben, z. B. Prorodon. Holophrya, Lacrymaria, Enchelys etc. für symmetrische erklären Im Uebrigen hat Dujardin! s System 3 ) das Verdienstliche, zuerst die Bewegungsorgane, also äussere, un- zweideutige und im Allgemeinen leicht zu beobachtende Korpertheile , die auch die meisten und auffallendsten Ver- schiedenheiten darbieten, zum Haupteintheilungsprincip der Infusorien erhoben zu haben. Leider kannte Dujardin diese Verschiedenheiten im Einzelnen nur zu wenig genau, um eine glückliche Anwendung von seinem Eintheilungs- prineipe machen zu können. Er sondert die asymmetrischen Infusorien in fünf Ordnungen , die jedoch keine beson- deren Namen erhalten haben. Die Mitglieder der ersten Ordnung, welche nur die Familie der Vibrioniden umfasst, besitzen keine sichtbaren Bewegungsorgane. Die zweite Ordnung begreift die durch ihre veränderlichen Körper- fortsätze (Pseudopodien) ausgezeichneten Rhizopoden , mit denen jetzt auch die Acinetinen Ehrenberg 's vereinigt werden. Sie sind in drei sehr ungleiche Familien: Amibiens, Rhizopodes (Polythalamien und Arcellinen) und Acti- nophryens (Aclinophrys, Trichodiscus, Podophrya, Acineta und Dendrosoma) gesondert. Die dritte Ordnung umfasst alle Infusorien mit geisselartigen Bewegungsorganen; sie besteht aus den sechs Familien: Monadiens, Volvociens, Dinobryens, Thecamonadiens, Eugleniens und Peridiniens. Die Thecamonadiens entsprechen den Cryptomonadinen, die Eugleniens den Astasiäen Ehrenbenjs , eine Aenderung der Familiennamen war daher unnöthig; die übrigen 1) p. 305. — 2) »Ueber Chaelonotus und Ichthydium und eine neue verwandte Gattung Turbanella« in Müllers Archiv 1853. S. 241—34. — 3) A. a. 0. p. 126—27. 28 Familien sind ebenfalls ganz ähnlich begränzt , wie die gleichnamigen Familien Ehrenberg's. In Dujardin s vierler und fünfler Ordnung endlich sind alle bewimperten Infusorien enthalten, und zwar soll die vierte Ordnung die For- men ohne contractile Körperbedeckung, oder, was für gleichbedeutend gehalten wird, die Formen ohne regelmassig reihige Anordnung der Wimpern begreifen. Sie wird aus den fünf Familien: Enchelyens, Trichodiens, Keroniens. Ploesconiens und Erviliens zusammengesetzt; von diesen entsprechen die Keroniens den Oxylrichinen. die Ploesco- niens den Euploten und Aspidiscinen Ehrenberg's. Die kleine Familie der Erviliens schliesst sich innig an die Eu- ploten an, ihre bekannteste Form ist bei Ehrenberg nur eine Species der Gattung Euplotes. Die Enchelyens dagegen enthalten ganz andere Thiere. als die gleichnamige Familie Ehrenberg's , und zwar nur sehr ungenügend beobach- tete, grösslentheils sich nahe an Cyclidium glaucoma Ehbg. anschliessende Formen. Die Familie der Trichodiens ist hauptsachlich aus einigen Ehrenberg' sehen Trachelien und Amphilepten (A. anser und margaritifer) und aus Loxodes rostrum Ehbg. gebildet. Die fünfte Ordnung umfasst die bewimperten Infusorien mit lockerer, netzförmiger, contractiler Körper- bedeckung, welche stets an der regelmassig reihigen Stellung der Wimpern oder deren Anordnung im Quincunx, so wie an Granulationen und Höckerchen der Oberfläche zu erkennen sein soll. Sie besteht ebenfalls aus fünf Fami- lien: den Leucophryens , Parameciens, Bursariens, Urceolariens und Vorticelliens. Die Familie der Leucophryens ist auf Infusorien gegründet, die grösslentheils zu der von Purkinje und Valentin 1 ) im Jahre IS33 unterschiedenen Gattung Opalina gehören. Die Familie Parameciens ist hauptsächlich aus Mitgliedern der Ehrenberg' sehen Enchelien (Lacrymaria, Holophrya, Prorodon), Trachelinen (Glaucoma, Chilodon, Nassula) und Kolpodeen (Kolpoda, Paramae- ciuni und Amphileptus) zusammengesetzt. Die Bursariens begreifen die meisten Arten der Gattung Bursaria , die Gattungen Ophryoglena und Spirostomum und einige verwandte Formen. Die Familie Urceolariens besteht aus den Ehrenberg' sehen Gattungen Stentor, Trichodina, Ophrydium und Urocentrum. Die Vorticelliens endlich umfassen die Ehrenberg' sehen Gattungen Vorticella, Carchesium, Zoothamnium, Epistylis, Opercularia, Vaginicola und Cothurnia. Hierauf folgen schliesslich in einer zweiten Hauptabtheilung, und gewissermaassen eine sechste Ordnung des Sy- stems bildend, die symmetrischen Infusorien mit ihren vier Gattungen Coleps, Planariola , Chaetonotus und Ichthy- dium. Anhangsweise hat Duj ardin auch eine gedrängte Uebersicht der Naturgeschichte der Räderthiere geliefert, die er mit dem ganz ungerechtfertigten und unnöthigen Namen der Systoliden bezeichnet. Ein Hauptverdienst der Duj ardin' sehen Klassifikation liegt in der scharfen Sonderung der geisseltragenden von den bewimperten Infusionsthieren ; auch werden wir in seinen beiden ersten Ordnungen , abgesehen von der Vereinigung sämmtlicher Acinetinen mit den Rhizopoden , durchaus natürliche Gruppen anerkennen müssen. Ob aber diese mit den geisseltragenden und bewimperten Infusorien in derselben Klasse vereinigt werden dürfen, das ist eine Frage, die eine nähere Prüfung verlangt hätte. Die beiden Ordnungen, in welche Dujardin die bewimperten Infusorien zerlegte, sind völlig unnatürlich und beruhen auf ganz unzuverlässigen Characteren. Es genügt, darauf hin zu weisen , dass die Enchelyens und Trichodiens der vierten Ordnung eben so gut in regelmässige Reihen geordnete Wimpern besitzen, wie die Mitglieder der fünften Ordnung, denen sie sich auch in ihrem Gesammthabitus anschliessen. und dass der Körper vieler Mitglieder der vierten Ordnung, z. B. von Oxytricha, Urostyla und Trache- lius, weit contractiler ist, als der von manchen Mitgliedern der fünften Ordnung, z. B. von Paramaecium und Ophryoglena. Eben so wenig können wir in den zehn Familien, in welche Dujardin die bewimperten Infusorien Iheilt, einen Fortschritt im Vergleich zu Ehrenberg's Eintheilung seiner enterodelen Magenthiere erblicken, die fast genau den bewimperten Infusorien entsprechen. Eben so früh, wie Dujardin in Frankreich, und ganz unabhängig von ihm, trat in Deutschland VF. Focke gegen den polygastrischen Ernährungsorganismus der Infusorien auf und zwar zuerst 1835 auf der Naturforscher- Versammlung in Bonn 2 ;, und dann 1842 auf der in Mainz 3 ). Dieser Forscher machte die Entdeckung, dass bei 1) Purkinje et Valentin An phenomeno generali el i'undamentali motus vibratorii. Vratislaviae 183b. p. 43. 59. — 2) Isis von 1836. S. 78S — 87. — 3) Amtlicher Berit-ht über die 20. Versammlung deutscher Naturforscher und Aerzte in Mainz 18 42. p. 227. 29 Loxodes bursaria Ehbg., welches Thier er richtiger als Paramaecium bursaria beslimmte, und bei einer Vaginicola (ohne Zweifel war es V. crystallina) die angeblichen grünen Eikörnchen Ehrenberg's zwischen dem Rande und dem Centrum des Körpers in einer bestündig rotirenden Strömung begriffen seien , sie stiegen auf der einen Seite herab und auf der andern wieder hinauf. Die Vaginicola nahm leicht Indigo auf, und nun beschrieben die sich bildenden blauen Kugeln genau dieselbe Bahn, wie die grünen Körner. Die Rotation der Farbstoffkugeln wurde später auch bei Paramaecium bursaria. aurelia und andern Magenthieren beobachtet und Focke schloss daraus mit Recht, dass diese Erscheinung mit der Annahme eines polygastrischen Darmkanales unverträglich sei. Ehrenberg konnte die Thatsache nicht läugnen und suchte nun seine Lehre durch Berufung auf die grosse Contractilität des sehr weichen gallertartigen Körpers vieler Infusorien zu verlheidigen l ) , die beständige Verschiebungen der innern Theile in ihrer Lage gegen einander bewirke, mithin auch ein Auf- und Abwogen der mit dem Darmkanal zusammenhängen- den Magenblasen veranlassen könne. »Es ist ein Irrthum im Urlheil über das Gesehene grade in der Art, wie im Scheeren- und Zangenspiel der Kinder, wo die auf netzartig verbundene Scheerenarme gestellten Bäumchen oder Thiere beim Bewegen der Scheerenarme ihren Ort sehr zu verändern scheinen, ohne irgend aus ihrer wahren und festen Stellung weg zu kommen.« Dieser Vergleich passt jedoch ganz und gar nicht, denn die Farbstoffballen wogen nicht bald aufwärts, bald abwärts und regellos durch einander, sondern jeder bewegte Ballen durchläuft von dem Puncte aus, an dem er sich grade befindet, immer erst den ganzen Umfang des Körpers, bevor er wieder auf den- selben Punct zurückkehrt. Auch wird die Rotation der Ballen nicht entfernt durch die Contractilität des Körpers bedingt; denn diese ist grade bei Param. aurelia und bursaria ausserordentlich gering, und eine genaue Beobach- tung der Rotation ist ja überhaupt nur bei völlig stillstehenden Thieren möglich. Derselbe von der Rotation der Nahrungsstoffe bei Param. aurelia gegen die Polygasterie entlehnte Einwurf wurde von Rymer Jones I S38 in der Versammlung der britischen Naturforscher in Newcastle , an der Ehrenberg Theil nahm, wieder erhoben 2 ). Letzterer entgegnete hierauf, dass grade P. aurelia eine für Beobachtungen über den Darmkanal weniger günstige Form sei. Allein sie gehört doch zu den wenigen, bei welchen der ganze Verlauf des Darmkanals mit den an ihm hängenden Magenblasen abgebildet wurde. Schliesslich stellte Ehrenberg, von der Gewalt der ihm entgegenstehenden Thatsachen gedrängt, die neue Hypothese auf, dass sich zuweilen der Darm- kanal der Infusorien auf Kosten der anhängenden Magensäcke so weit ausdehne, dass er die ganze Körperhöhle ausfülle und dann schienen die verschluckten Stoffe, welche Magensäcken sehr ähnlich sähen, im ganzen Körper zu circuliren. Die verschluckten Stoffe circuliren aber bei P. aurelia und bursaria unaufhörlich in derselben Rich- tung, was durch die neue Hypothese auch nicht entfernt erklärt wird. Rymer Jones bestritt daher auch fernerhin die Polygasterie der Infusorien mit denselben Gründen 3 ), und sein Landsmann Edw. Forbes trat gleichfalls da- gegen auf 4 ). In Deutschland fanden Dujardiris Anschauungen von der Organisation der Infusorien bereits I 839 an dem bekannten Pflanzenphysiologen J. Meyen einen entschiedenen Vertreter 5 ). Er erklärte die Infusorien für blasenartige Thiere, deren Höhle mit einer schleimigen, etwas sulzigen Substanz erfüllt sei. Von der Mundöffnung aus erstrecke sich schräg in die innere Körpersubstanz hinein ein cylindrischer, hinten offener Speisekanal, dessen unterer Theil mit Wimpern ausgekleidet sei und sich bei eingenommener Nahrung allmählig bis zur Grösse der Kugeln aus- dehne, welche das Innere derselben Infusorien erfüllten. Meyen nennt diesen hintern Abschnitt des Speisekanals Magen; die Wimpern desselben sollen die eingedrungenen Stoffe schnell im Kreise umhertreiben, bis sie zu einer regelmässigen Kugel zusammengeballt sind. Diese Kugel werde zuletzt durch den fort und fort von den äussern Wimpern in den Speisekanal getriebenen Nahrungsstrom aus dem Magen in die Körpersubstanz hineingeschoben, I) Ehrenberg die Iiifusionslhiere S. "Hii. — "2) Annais of natural history 1838. Vol. II p. 121 und ein Auszug in Müllers Archiv 1839. S. 80 — 81. — 3) Annais of n. h. 1839. Vol. III p. 7 4 und Rymer Jones a general outline of the animal Kingdom 1841. p. 58. — 4) Annais of natural hislory 1840. Vol. V p. 364. — 5) Meyen Einige Bemerkungen über den Verdauungsapparat der Infusorien in Müllers Archiv 1839. S. 74 — 79. Slein, Organismus der Infusionshiere. ft 30 worauf sich sofort im Magen eine neue Kugel bilde; letzlere schiebe, wenn sie aus dem Magen trete, die ältere Kugel und den zwischen beiden gelegenen Schleim vor sich her und so würden nach und nach die altern Kugeln von den nachfolgenden immer weiter rückwärts und zuletzt auf der entgegengesetzten Seite nach vorwärts bewegt. Man sieht, dass diese Erklärung von der Entstehung der Ehrenbertf sehen Magenblasen nur eine unbedeutende Modifikation der Lehre Dujardin's ist, und dass Meyen bei seiner Schilderung nur Paramäcien und Vorticellen im Auge hatte. Die contractilen Blasen fasst Meyen genau wie Dujardin auf. Wahrend so die Hauptsäule des Ehrenberg' sehen Infusoriengebäudes zusammenbrach, drohte demselben von Seite der Botaniker eine neue Gefahr. Es wurden nämlich an den Sporen verschiedener Algen und an den in den Antheridien vieler höherer Cryptogamen entwickelten Spermatozoen , die man anfangs für Entophyten hielt, so täuschend waren ihre Bewegungen den thierischen ähnlich, Wimpern und geisselartige Bewegungsorgane entdeckt, die bisher als ausschliessliches Eigenthum der Thierwelt und als besonders für die Infusorien characteristische Organe gegolten hatten. Zuerst erkannte G. Thuret 1840 an den langen geschlängelten, wurmförmigen Spermato- zoen der Charen zwei lange dicht hinter dem vordem Ende eingefügte schwingende Geissein, die in allen Stücken genau mit den Geissein oder Rüsseln der monadenartigen Infusorien übereinstimmten 1 ]. Alsdann machte Fr. Unger IS43 die schöne Entdeckung, dass sich in den angeschwollenen Endschläuchen der bekannten Süsswasseralge Vaucheria clavata der gesammle Inhalt zu einer grossen, ovalen, grünen Spore entwickelte, deren farblose durch- sichtige Membran auf der ganzen Oberfläche dicht mit zarten, lebhaft schwingenden Wimpern besetzt war. Die Spore durchbricht zuletzt das Ende des Schlauches, schwärmt lebhaft, anscheinend willkührlich, im Wasser umher und gleicht in diesem Zustande täuschend gewissen auf der ganzen Oberflache wimpernden Infusorien, z. B. einer grünen Holophrya. Nach etwa zwei Stunden verliert sie aber ihr Wimperkleid, fällt zu Boden und fängt an zu kei- men 2 ). Noch in demselben Jahre bestätigte Thuret die Beobachtungen Unger's und schilderte zugleich die Schwärm- sporen verschiedener Conferven 3 ). Einige derselben, die von Prolifera rivularis und Candollii. sind oval, grün und am vordem Ende mit einem farblosen warzenförmigen Vorsprung versehen, der einen Kranz von zarten langen Wimpern trägt; andere sind länglich eiförmig, grün und nach vorn in einen farblosen schnabelförmigen Fortsalz ausgezogen, der zwei oder vier Geissein trägt; ersteres ist bei Conferva rivularis und glomerata, letzteres bei Chae- tophora elegans der Fall. Die letzteren Formen der Schwärmsporen sehen manchen grünen monadenartigen Infuso- rien, z. B. den Gattungen Chlamydomonas, Microglena, Phacelomonas, zum Verwechseln ähnlich, ja die Schwärm- sporen von Chaelophora elegans besitzen sogar, wie einige Jahre später Fresenius 3 ) nachwies, einen eben solchen rothen Augenfleck, wie viele grüne monadenartige Infusorien. Thuret entdeckte ferner 1 845 im Vereine mit Decaisne die Spermatozoen der Fucaceen, die sich ebenfalls mittelst zweier langer Geissein bewegen und im Innern des Kör- pers ein rothes, augenähnliches Granulum enthalten 4 ). Die vielen , in den folgenden Jahren in derselben Richtung von den Botanikern gemachten Beobachtungen aufzuzählen, gehört nicht hierher. Die angeführten Thatsachen reichten allein schon hin, die Naturforscher auf den Gedanken zu fuhren, dass viele von Ehrenbergs grünen geisseltragenden Infusorien, namentlich die ganz starren Formen, nichts weiter sein möchten, als Schwärmsporen von Algen. Wollte man sie als Thiere festhalten, so war man in Verlegenheit, wodurch sie von den beweglichen Algenkeimen unterschieden werden sollten, denn es war an ihnen in derThat oft nicht mehr Organisationsdetail nachgewiesen, als an den letzteren. Jedenfalls war nun eine scharfe Begrenzung der Infusorienwelt ausserordentlich schwielig und unsicher geworden, und die Versuchung lag nahe, jede Grunze zwischen den niedersten Regionen des Thier- und Pflanzenreiches zu läugnen. Es lehrte denn auch Kützing bereits I844 die Umwandlung von wahren Infusorien (namentlich von Chlamydomonas pulvisculus) in s I j Annales des sc. oa-tur. Botanique. 1840. II Ser. Toni. XIV p. (17 und PI. 7. — 2) Fr. Unger Die Pflanze im Momente der Tliier- werdung. Wien IS43. ■ 3) Recherches sur les organes locomotems des spores des Algues. Annales d. sc. nat. ßolanique 1843. II Ser. Tome XIX p. 2G6 und PI. 10 und II. — 4) G. Fresenius Zur Coutroverse über die Verwandlung von Infusorien in Algen. Frank- furt a. .Main 1817. — -V Annales des sc. nat. Bolnnique II. Ser. 1845. Tome 111 p. t — 15 und Taf. I und II. 31 Algen 1 ), und auch v. Flolow blieb in seiner Abhandlung über Haematococcus pluvialis'-') über die Grunzen zwischen Infusorien und Algen zweifelhaft. Von grossem Einfluss auf die weitere Entwicklung der Infusorienkunde war es, dass sich im Jahre 1845 einer der ersten deutschen Zoologen, C. Th. v. Siebold, mit der grössten Entschiedenheit den neuern, gegen Ehren- berg' 's Darstellung der Infusorienwelt gerichteten Bewegungen anschloss. Er resümirte in seinem »Lehrbuch der vergleichenden Anatomie der wirbellosen Thiere « S. 7 — 25 nicht blos den damaligen Standpunct der Forschungen in höchst klarer und präciser Weise, sondern er theilte auch mehrere werthvolle neue Thatsachen mit. die von einem eingehenden Studium der Infusionsthiere und der mit ihnen zusammengeworfenen Organismen zeugten. ■v. Siebold erklärte sich in allen wesentlichen Puncten für Dujardin's Auffassung der Ernährungsweise der Infusorien, er hob aber bestimmter das Vorkommen einer wirklichen Speiseröhre und die sehr allgemeine Verbreitung eines Afters bei den mit einem Mund versehenen Formen hervor. In der contractilen Blase und den öfters mit ihr in Ver- bindung stehenden strahlenförmigen Ausläufern erkennt er die erste Anlage eines Circulationssystemes ; während der Diastole des contractilen Hohlraumes werde derselbe mit einer aus dem umgebenden Parenchym hervorquel- lenden Ernährungsflüssigkeit gefüllt, welche bei der Systole wieder in das Parenchym zurücktrete. Nerven, Muskeln und Sinnesorgane werden den Infusorien eben so entschieden , wie von Dujardin , abgesprochen ; nur allein der dunkle Streifen im Stiel gewisser Vorlicellinen wird für einen Längsmuskel erklärt. Der höchst schwachen , nur auf der Analogie mit den Räderthieren beruhenden Lehre von dem doppelten Geschlechte der Infusionsthiere entzog v. Siebold auch noch die einzige Stutze, auf der sie beruhte, indem er den wichtigen Nachweis führte 3 ), dass auch das angebliche männliche Geschlechlssystem der Räderthiere eine ganz andere Function, als die von männlichen Geschlechtsorganen erfülle, v. Siebold erkannte nämlich, dass sich in den beiden mit der contractilen Blase im Zusammenhang stehenden strangförmigen Organen, den vermeintlichen Samen- drusen Ehrenberg's, ein gefässartiger starrer Kanal entlang winde, der durch die kurzen, ein schwingendes Wimper- läppchen enthaltenden Seitenäste, welche Ehrenberg für selbstständige, den Hoden blos äusserlich angeheftete Kie- men gehalten hatte, frei in die Leibeshöhle ausmünde. Hiernach konnten die fraglichen Organe nur die Bedeutung eines Wassergefässsystemes haben, welches durch die kurzen Seitenäsle Wasser aus der Leibeshöhle in die beiden Längsstämme und aus diesen in die contractile Blase führt, durch deren Contractionen es dann nach aussen gepumpt wird. Dem Wassergefässsystem legte v. Siebold eine respiratorische Function bei , indem er mit Ehrenberg annahm, dass durch die Nackenröhre der Räderthiere das zur Respiration dienende Wasser in die Leibeshöhle gelange. Wie richtig v. Siebold diese Verhältnisse aufgefasst hatte, lehrten die spätem vortrefflichen Untersuchungen über den Bau der Räderthiere von Fr. Leydig'') und über die Fortpflanzung dieser Thiere von F.Cohn 5 ). Nur der Eintritt des Wassers durch die Nackenröhre bestätigte sich nicht, da diese als völlig geschlossen erkannt wurde und als ein fühlerartiges Organ aufgefasst werden musste. Hiermit wurde auch die respiratorische Function des Wassergefäss- systems wieder zweifelhaft und viel wahrscheinlicher, dass dasselbe nur die Bedeutung eines Secretionsorganes habe, welches das aus dem Darmkanal in die Leibeshöhle übertretende und für die Ernährung überflüssige Wasser und vielleicht auch andere aus dem Organismus auszuscheidende gelöste Stoffe nach aussen befördere. Dass das Wassergefässsystem auch nicht entfernt zu der männlichen Geschlechtsfunction in Beziehung stehen könne, das wurde auf das Evidenteste durch die epochemachende Entdeckung der männlichen Räderthiere durch Brightwell und Dalrymple in den Jahren 1818 und 49 dargethan 6 ;, welche Leydig und Coli» in den eben erwähnten Abhand- lungen bestätigten und erweiterten. Nachdem sich die angeblichen männlichen Geschlechtsorgane der Räderthiere als ein Wassergefässsystem I) Kützing Ueber die Verwandlung der Infusorien in niedere Algenformen. Nordhausen 1844. — 2} Nova acta Acad. Cae. Leop. Car. Vol. XX. P. It. p. IS. — 3) A. a. Ü. S. 181. — 4) Zeitschrift für wissenschaftliche Zoologie 18.V1. Bund VI. S. 1 — 120. — 5) Ebendaselbst 1836. Band VII. S. 43 1—86. — 6) Annais of nat. bist. 1848. Vol. II p. 153 und 18 19 Vol. III p. 5 1 8 und besonders Philosoph. Transact. 1849. II. p 331. b* 32 ergeben halten, konnte fortan gar nicht mehr davon die Rede sein, die contractile Blase und die sogenannte Samen- drüse der Magenthiere, zwischen welchen nie ein Zusammenhang nachgewiesen worden war, als ein männliches Geschlechtssystem zu bezeichnen. Welche Function v. Siebold der contractilen Blase beilegte, ist bereits erwähnt worden; die Bedeutung der Samendrüse liess er unbestimmt, vermuthete aber, dass sie zur Forlpflanzung der Infusorien in Beziehung stehe, nur sei sie kein Samen bereitendes Organ, eigentliche Geschlechtsorgane fehlten überhaupt den Infusorien gänzlich. Was Ehrenberg für Eier gehalten habe, seien nichts weiter als Parenchym- oder Pigmentkörner oder zerfallene Nahrungsstoffe gew r esen. Die Samendrüse musste natürlich nun eine andere unbe- stimmtere Bezeichnung erhalten, v. Siebold wählte den Namen Kern (Nucleus), der bis auf die Gegenwart fast allge- mein im Gebrauch geblieben ist. Dieser Name würde schwerlich Ansloss erregt haben, hätte nicht v. Siebold den Nucleus der Infusorien mit einem Zellenkern , dem er freilich oft täuschend ähnlich sieht , und den Infusorienkörper mit einer Zelle verglichen und behauptet, dass die Infusorien sowohl , als auch die Hhizopoden in ihrer Zusammen- setzung einer einfachen Zelle gleichkämen und mithin als einzellige Thiere zu bezeichnen seien. Von den Infusorien werden nicht blos die Bacillarien und Closlerinen als vegetabilische Organismen aus- geschlossen, sondern auch die ganze Gruppe der Volvocinen wird dem Pflanzenreiche überwiesen, und auch unter den übrigen Anenteren Ehrenberg's sollen noch viele, nicht näher bezeichnete pflanzliche Formen enthalten sein. v. Siebold verlangt selbst von den einfachsten thierischen Organismen, dass sie die Fähigkeit besitzen, ihre äussern Umrisse durch willkührliche Contraction und Expansion des Körperparenchyms zu verändern. Weil dies die Vol- vocinen nicht vermögen, und weil sie auch in ihrer ganzen übrigen Organisation gewissen Schwärmsporen der Algen zum Verwechseln ähnlich sind, werden sie ehen für vegetabilische Organismen erklärt 1 ). Aus den Amöhäen, Arcellinen und Polythalamien bildet v. Siebold mit Recht wieder eine selbständige Thierklasse , die der Rhizopo- den, welche mit der Klasse der Infusorien zu einem eigenen Organisationsplane des Thierreiches , dem der Pro- tozoen, vereinigt wird. Die Protozoen bilden den untersten Kreis des Thierreiches, sie werden als »Thiere characterisirt , in welchen die verschiedenen Systeme der Organe nicht scharf ausgeschieden sind, und deren unregelmässige Form und einfache Organisation sich auf eine Zelle redlichen lassen.« Die beiden Klassen der Pro- tozoen werden lediglich nach den Bewegungsorganen unterschieden, bei den Infusorien »bestehen sie hauptsächlich aus Flimmerorganen«. bei den Rhizopoden »aus verästelten, stets veränderlichen und gänzlich zurückziehbaren Fortsätzen.« Die Infusorien theilt v. Siebold nicht glücklich in zwei Ordnungen, in die Mundlosen (Asloma), wohin die geisseltragenden Formen und die auf der ganzen Oberfläche wimpernden Opalinen gerechnet werden, und in die mit einer Mundöffnung und Speiseröhre versehenen Formen (Stomatoda), die alle übrigen bewimperten Infu- sorien umfassen. Gegen v. Siebold's Darstellung der Infusorien- und Räderthierorganisation traten zwar sofort zwei eifrige Schüler Ehrenberg's , 0. Schmidt 2 ) und C. Eckhard 3 ) in die Schranken, allein da sie fast nur Ehrenberg's Angaben wiederholten, ohne irgend erhebliche und unzweideutig für denselben sprechende neue Thatsachen anzuführen, so blieb ihre Vertheidigung völlig erfolglos und unbeachtet, Von Werth war in Eckhards Aufsatz die Mittheilung einiger, wenn auch unvollständiger Beobachtungen über das Auftreten von grossen Keimkugeln im Leibe von Stentor coeruleus und polymorphus, deren Entwickelung zu lebendigen, dem Mutterthier unähnlichen Jimgen ver- folgt wurde 4 ). Die verschiedenen, durch Ehrenberg's grosses Infusorienvverk angeregten und überhaupt erst möglich gewor- denen Bearbeitungen localer Infusorienfaunen Messen die Controverse über die Organisation dieser Thiere meist I) In einer spätem ausführlichen Abhandlung; »Ueber einzellige Pflanzen unil Thiere« in der Zeilschrift für vvissensch. Zoologie 1849. Band I. S. 270 — 94 hat v. Siebold, anknüpfend an die Schrift von Naegeli, »Galtungen einzelliger Algen. Zürich 1849« seine An- sichten über die Stellung der Bacillarien, Closlerinen und Volvocinen zu den Algen weiter zu begründen versucht. — 2) »Versuch einer Darstellung der Organisation der Hüderthiere mit Bezug auf die neuesten gegen die Elirenberg'scUen Ansichten gerichteten Angriffe.« Wieg- mann' 's Archiv 1846. S. 07 — 81. — 3) »Die OrganisationsverhHItnisse der polygastrischen Infusorien etc.« Ebendaselbst S. 209 — 35. — 4) A. a. 0. S. 227 — 29. 33 ganz unberührt und folgten in allen Stücken unbedingt Ehrenberg; sie behandelten deshalb auch immer gleichzeitig die Rhizopoden. Bacillarien, Closterinen und Räderlhiere. Von Riess 1 ) und Schmarda 2 ) wurde die Wiener Infuso- rienfauna bearbeitet, letzterer berücksichtigte zugleich auch die nördlichen Küsten des adriatischen Meeres und stellte einige neue Formen auf 3 ). Eichwald behandelte die Infusorienfauna Russlands 4 ); nach seinen Abbildungen zu urtheilen, können jedoch seine Bestimmungen als nicht sehr zuverlässig gellen. Weit gründlicher und manche neue Thatsachen enthaltend sind die seil 1841 von F. Weisse über die St. Petersburger Infusorien veröffentlichten Arbeiten 5 ). Von besonderem Interesse ist die von ihm entdeckte Fortpflanzungsweise des Chlorogonium euchlo- ruiu , die darin besteht, dass der gesammle Leibesinhalt des Thieres durch fortgesetzte, jedoch ziemlich unregel- mässig erfolgende Theilung in einen traubigen Haufen von beweglichen Keimkörnern zerfallt, die dann plötzlich nach aussen hervorbrechen; vom Mutterlhier bleibt nichts weiter als die leere, abgestorbene Körperhülle zurück 6 ). Umgekehrt schloss sich der sorgfältig beobachtende Focke seit 1847 wieder innig an Ehrenben/ an, obgleich er noch eben so entschieden, wie früher, die Darmmagentheorie verwarf 7 ). Er erklärte Ehrenberg's Begränzung und Eintheilung der Magenlhiere für wohlbegründet und naturgemäss, wenn sie auch in einzelnen Punclen der Berich- tigung bedürftig sei. Die einfachsten Formen, deren thierische Natur man in Zweifel gezogen habe, eigneten sich nicht zu physiologischen Studien , sondern man könne sie nur durch die grösseren und vollkommneren verstehen lernen. Die natürliche Verwandtschaft der meisten Familien sei so einleuchtend, dass es genüge, nur bei wenigen Arten die Organisation mit Sicherheit erkannt zu haben. Focke hat sich bisher mit den ersten 10 Familien der Ehrenberg' sehen Anentera beschäftigt, die monographischen Darstellungen, welche er von den Closterinen und den Bacillarinen (Euastrum und Navicula) geliefert hat, enthalten jedoch meiner Ansicht nach kein einziges Moment, aus dem auch nur mit Wahrscheinlichkeit auf die thierische Natur dieser Organismen geschlossen werden könnte. Das von Ehrenberg behauptete schneckenfussartige Bewegungsorgan konnte nicht aufgefunden werden, und die Wimpern, welche Focke an der innern Oberfläche der Closterinen gesehen haben wollte, sind von Niemand bestätigt worden. Was über die unzweifelhaft lliierischen Anentera mitgetheilt wird, ist Alles mit Dujardins und v. SiebolcFs Ansichten von der Organisation der Infusorien wohl vereinbar, für welche sich 1849 noch v. Frantzius , auf Unter- suchungen von Ophrydium versalile und Paramaecium aurelia gestützt, mit voller Entschiedenheit aussprach 8 ), Dagegen wurden von 0. Schmidt einige sehr beachtenswerthe feinere Structurverhältnisse der Infusorien zur Sprache gebracht, die offenbar gegen die Deutung der Infusorien als einzellige Organismen sprachen und auf eine nähere Verwandtschaft derselben mit den Turbellarien hinwiesen 9 ). Schmidt, zeigte nämlich, dass bei Para- maecium aurelia und der nahe verwandten Bursaria leucas Ehbg. genau eben solche stabfürmige Körperchen in der äusseren Körperbedeckung enthalten seien, wie in der Hautschicht der Turbellarien, die äussere Körperschicht der Infusorien könne daher unmöglich mit einer Zellenmembran verglichen werden. Ferner entdeckte Schmidt. dass die contraclile Blase von Bursaria leucas mit einer constanten Oeffnung nach aussen münde, und er schloss daraus, dass durch diese Wasser zur Unterhaltung des Respirationsprozesses ein- und ausgepumpt werde, und dass die contraclile Blase mit ihren strahlenförmigen Ausläufern durchaus dem Wasscrgefässsysteme der Turbellarien entspreche. Endlich bestätigle Schmidt die Beobachtung Eckhards hinsichtlich der Entwicklung lebendiger Jungen bei Stentor coeruleus. I) F. Iticss Beiträge zur Fauna der Infusorien mit dem beigefügten Ehrenberg' sehen Systeme. Wien 1840. — 2) L. Schmarda Kleine Beiträge zur Naturgeschichte der Infusorien. Mit ■> Tafeln Abbildungen. Wien 1 8 i 6 . — 3) Vergl. auch dessen Abhandlung über neue Infusorienfonnen in den Denkschr. der Wiener Acad. I. 1SÖ0. p. 9. — 4) Eichwald Beitrag zur Infusorienkunde Russlands. Bullelindes Natural, de Moscou 1844. T. XVII. Erster Nachtrag hierzu Bulletin (847. T. XX mit 2 Tafeln. Zweiter Nachtrag Bull. 1840. T. XXI mit 1 Tafel. Dritter Nachtrag Bull. 1S32 mit 2 Tafeln. Diese Abhandlungen erschienen auch als besondere Schriften. — 5) Bulletin de l'Acad. de St. Petersbourg Tome III. No. 2. 20. 21. 22. Tome IV. No. 8. 9. TomeV. No.3.15. Tome VI. No.7. 20. 23. Tome Vit. 20. Tome VIII. 18. Tome XI. S. Vergl. ferner Melanges biologiques de l'Acad. de Sl. Petersbourg. T. II. p. 32 u. 134. — 0) Bulletin de l'Acad. de St. Petersbourg. Tome. VI No. 2 und Wiegmann's Archh 18 4 S . I. S. 03 — 71. 7) W. Focke Physiologische Studien. Erstes Heft. Bremen 1847. Zweites Heft 1834. — 8) A. de Frantzius Analecta ad Ophrydii versatilis historiam naturalem. Vratislaviae 1849. - 9) Frorirj/s Notizen für Natur- und Heilkunde. Drille Reihe. Band IX. 1849. S. 5 — 0. S i u i i) . Organismus der lufusiouslliityc. {) 34 In manchen Beziehungen hinter der Zeit zurück blieb eine spätere umfangreiche Schrift von M. Perty: »Zur Kenntniss kleinster Lebensformen, nach Bau, Functionen, Systematik, mit Specialverzeichniss der in der Schweiz beobachteten. Mit 17 Tafeln. Bern 1852.« Sie steht ganz auf dem Standpuncte des Dujardin'schen Hand- buches, ja die Darstellung mancher Formen versetzt uns in die Zeiten 0. Müller's zurück. Perty hat offenbar der Infusorienwelt viel Fleiss zugewendet und sehr viele Formen, darunter gar manche neue, beobachtet, aber die mei- sten sind nicht intensiv genug untersucht, und bei sehr vielen sind nicht einmal die notwendigsten Bestimmungs- elemente ermittelt. Nucleus, contractile Stelle, Schlund und Lage des Afters werden fast nie erwähnt, ja Perly spricht geradezu den meisten Infusorien den Nucleus ab 1 ). Ebenso unzureichend sind die Angaben über die Art der Bewimperung und über die Beschaffenheit des Mundes, dessen Lage nicht selten sogar bei ganz grossen Formen unbestimmt gelassen wird. Bei einer so oberflächlichen Betrachtung der mikroscopischen Lebensformen ist es begreiflich, dass Perly die spontane Erzeugung derselben wieder vertheidigt, dass er ferner die verschiedenartigsten rundlichen Gebilde im Innern des Körpers, z. B. Fettkörner, Oeltropfen und die kugligen Zersetzungsproducte der aufgenommenen Nahrungsstoffe, für sporenartige Keime, welche Blastien genannt werden 2 , erklärt, und dass er jede scharfe Gränzbestimmung zwischen den niedrigsten thierischen und vegetabilischen Organismen läugnet. Perly setzt aus den bewimperten und geisseltragenden Infusorien Dujardiris und aus den Vibrionien und Acinetinen Ehrcnbercjs seine Klasse der Infusorien zusammen, vereinigt damit aber wunderlicher Weise aueb sämmtliche Schwärmsporen der Algen, ungeachtet er weiss, dass diese sich zu Algen entwickeln. Er gesteht selbst, dass die so begränzte Klasse allerdings eigenthümlicher Art sei und sich nicht mit einer andern Klasse des Thier- oder Pflanzenreichs parallelisiren lasse, sie werde aber doch durch einige gemeinschaftliche Merkmale (»alle bestehen aus zarter protoplasmatischer Substanz, ermangeln differenzirter organischer Systeme, können sich durch Theilung fortpflanzen und allen ist Spiralbewegung eigen«; gerechtfertigt; wolle man diese Klasse nicht annehmen, so bleibe nichts weiter übrig, als alle geisseltragende Formen dem Pflanzenreiche zu überweisen 3 ). Perty (heilt seine Infusorienklasse in zwei Ordnungen , in die Giliata , deren Körper an allen oder einigen Stellen mit »Bewegungswimpern« bekleidet ist und die meist einen Mund besitzen, und in die Phytozoidia, welche mundlos und nie bewimpert sind, aber sehr häufig schwingende Fäden tragen und von denen viele in ihrem Lebenscvclus bald dem Thier- bald dem Pflanzenreiche angehören und zwischen beiden oscilliien 4 . Aus den Cilialen werden zwei Sectionen gebildet; die erste umfasst die Formen mit schwingenden Wimpern, also sämmt- liche bewimperte Infusorien Dujardin's; die zweite besteht allein aus den Acinetinen Ehrenberg's, deren Tentakeln fälschlich als nicht schwingende, wenig contractile Wimpern bezeichnet werden. Die Phytozoiden zerfallen in drei Sectionen, in die Filigera, welche den geisseltragenden Infusorien Dujardin's entsprechen, in die Sporozoidia, welche meist durch Fäden, selten durch Wimpern sich bewegend in entschiedene Algenbildungen auswachsen , also doch nichts weiter als Schwärmsporen von Algen sind, und in die Lampozoidia oder Vibrioniden , welche keine Spuren äusserer oder innerer Organe erkennen lassen. Die Infusionslhiere und Rhizopoden zusammen bezeichnet Perty mit dem Namen Archezoa, der jedenfalls der altem Benennung Protozoen weichen muss. Die von Perty aufgestellten neuen Gattungen und Arten sind zwar zum Theil wohlberechligl, und machen das Hauptverdienst seiner Schrift aus, die ausserdem auch noch die Kenntniss der geographischen Verbreitung der Infusorien fördert, sie bedürfen jedoch fast sämmtlich einer weit sorgfältigem Begründung und müssen viel schärfere Charactere erhalten. Fassen wir die neuem bis zum Jahre 1849 reichenden Infusorienforschungen zusammen, so müssen wir ihnen das Verdienst zugestehen , den polygastrischen Ernährungsapparat und das doppelte Geschlechtssystem, welches Ehrenberg seinen Magenlhieren zuschrieb, gänzlich beseitigt zu haben. Auch wurde die Klasse der Infu- I A. ,i. a. 0. S. 53. — 2) S. (JG. — 3) S. .)3G. — 4: S. 22. 35 sionslhiere von vielen fremdartigen Organismen gereinigt, und in immer naturgernassere Glänzen eingeschlossen, nur nach dem Pflanzenreiche hin blieb ihre Begränzung noch mehrfach unklar, namentlich bot die Stellung der Vol- vocinen fortgesetzt erhebliche Schwierigkeiten dar. Die Bedeutung des Nucleus dagegen, dessen sehr allgemeine Verbreitung bei den Infusorien bereits sicher constatirt war, hatte sich auch nicht, entfernt ergründen lassen, und hinsichtlich der contractilen Blase blieb man zweifelhaft, ob dieselbe zu den Circulations- oder zu den Respirations- organen zu rechnen sei. In tiefes Dunkel gehüllt blieb der erste Ursprung der Infusionsthiere ; man wusste nur mit Sicherheit, dass sich die meisten sehr leicht durch Theilung, eine beschrankte Anzahl auch durch Knospenbildung vermehrten, und vermochte also wohl zu begreifen, wie eine Flüssigkeil in kurzer Zeit von einer Unzahl von Indi- viduen bevölkert werden konnte, wenn nur ein einziges Individuum zu derselben Zugang gefunden hatte, woher aber dieses stammte, und wie Infusorien in abgekochten Flüssigkeiten und in der ersten besten durch atmosphä- rische Niederschlüge gebildeten Lache erscheinen konnten, das war noch immer höchst räthsclhaft. Zur Lösung dieser Probleme haben in den nächstfolgenden Jahren die Arbeiten von F. Colin und meine eige- nen Forschungen unstreitig am meisten beigetragen, und wir dürfen, ohne unbescheiden zu sein, wohl das Verdienst für uns in Anspruch nehmen, neue Bahnen gebrochen und die ausserordentlich erfolgreiche Thäligkeit. welche gegenwärtig auf dem Gebiete der Infusorienkunde herrscht, vorzugsweise angeregt zu haben. Colin verfolgte als Botaniker mit besonderer Vorliebe die zwischen dem Thier- und Pflanzenreich streitigen mikroscopischen Lebens- formen, insbesondere die Naturgeschichte der Volvocinen. Zuerst nahm er die Untersuchungen v. Flotow's über den Chlamydococcus pluvialis A. Braun (Haematococcus pl. Flotow, Protococcus pl. Kützing), wieder auf und lieferte 1850 darüber eine umfassende Monographie 1 ). Colin zeigte, dass dieses Geschöpf zu den Volvocinen gehöre und der Gattung Chlamydomonas Eltbg. so nahe verwandt sei, dass es kaum von derselben generisch getrennt werden könne. Der Chiana dococcus besteht aus einer farblosen, durchsichtigen, dünnhäutigen kugligen Hülle, welche zunächst eine wässerige Flüssigkeit und im Gentrum einen rundlichen bald grün , bald scharlachrot!] gefärbten Körper umschliesst, der sich nach vorn in eine farblose Spitze auszieht, die zwei lange, die Hülle durchbohrende geisseiförmige Wimpern trägt. Mittelst der beiden Geissein bewegt sich der Chlamydococcus genau in derselben Weise wie die Schwärmsporen der Algen, aber auch ebenso wie unzweifelhafte geisseltragende Infusionsthiere. Colin vermochte zwischen den Bewegungen der letzteren und denen der Schwärmsporen bei der sorgfältigsten ver- gleichenden Beobachtung auch nicht den leisesten Unterschied wahrzunehmen, eben sowenig zwischen den Geis- sen einer Euglena, die er wegen der hohen Energie ihrer Contractililät durchaus als Thiere anerkennt, und denen der Schwärmsporen. Der Chlamydococcus hat ein bewegliches und ein ruhendes Lebensstadium, in beiden vermag er sich durch Theilung zu vermehren, In dem beweglichen Stadium zerfällt der in der Hülle eingeschlossene Körper gewöhnlich zuerst in zwei, dann in vier Portionen, eine jede bekommt später an dem einen zugespitzten Ende zwei neue Geissein, sie durchbricht nun die Mutlerhülle und sondert, nachdem sie frei geworden ist, eine neue, erst innig anliegende, dann durch Wasseraufnahme aufschwellende Hülle ab. Die neue Generation verhält sich nun wie die frühere. Zu gewissen Zeiten aber zieht sich der Chlamydococcuskürper in seiner Hülle kuglig zusammen und um- giebt sich innerhalb derselben allmählich mit einer neuen, weit derbem geschlossenen Hülle, die ihn auch bei gänz- lichem Wassermangel vor dem Absterben schützt; die ursprüngliche Hülle lost sich allmählich auf. Dies ist der ruhende Zustand; während desselben kann die Chlamydococcuskugel durch fortgesetzte Theilung in 2, i oder 8 Segmente zerfallen und diese vermögen ebenfalls, wenn die günstigen Lebensbedingungen vorhanden sind, die derbe Hülle zu sprengen und sich wieder zu der beweglichen Form zu entwickeln, indem sie zwei Geissein ent- wickeln und um sich eine neue Hülle ausscheiden. Bisweilen erfolgt die Theilung des ruhenden Chlamydococcus- körpers in einer höhern Potenz \on 2, so dass 16 — öi Segmente entstehen. Die aus denselben hervorgehenden beweglichen Formen sind ebenfalls mit zwei Geissein versehen, scheiden aber nie eine Hülle aus; sie wurden von I) Cohn s Nachtrüge zur Naturgeschichte des Protococcus pluvialis Kützing. « Nova Acta Acad. Caes. Lcop. Carol. Nat. Cur. (850. Vol. XXII. P. II. p. 607—764. 9* 36 Colin später als Microgonidien bezeichnet, wahrend die eine Hülle absondernden Formen Macrogonidien genannt wurden. Dies sind die Grundzüge aus der Naturgeschichte des Chlamydococcus, wie sie Colin ermittelte; er machte ausserdem die interessante Entdeckung, dass die Hülle des Chlamydococcus nach der Einwirkung von Jod und Schwefelsaure blau gefärbt wurde, mithin aus Holzfaser oder Cellulose bestehen musste. Vorzüglich dieser Um- stand . und dann die Erwägung, dass alle Eigenschaften , welche der Chlamydococcus mit wahren geisseltragenden Infusionsthieren, z. B. den Euglenen. gemein hat, sich auch bei den Schwärmsporen der Algen finden, bestimmte Colin, in dem Chlamydococcus einen entschiedenen vegetabilischen Organismus und zwar eine einzellige Alge zu erkennen. Die Analogie mit der vegetabilischen Zelle lag um so näher, als erst unlängst bei den Pflanzenphysiologen die Lehre in Aufnahme gekommen war, dass die innere, stickstoffhaltige Auskleidung der Zelle, der sogenannte Primordialschlaueh , den ursprünglichen und wesentlichsten Theil derselben, die aus Cellulose gebildete Membran aber nur ein Absonderungsproduct des Primordialschlauches darstelle. Demgemäss bezeichnete Colin die Hülle des Chlamydococcus als Hüllzelle, den eingeschlossenen Körper als Primordialzelle, und ersah in dem ruhenden Zu- stand das eigentliche vegetative, in dem beweglichen das den Schwärmsporen der Algen analoge Lebensstadium. Die Entdeckung einer neuen Volvocinenform, der Stephanosphaera pluvialis, gab Colin I 832 zu einer zweiten interessanten Monographie Veranlassung 1 ), in der nun sämmlliche Volvocinen mit voller Entschiedenheit zu Algen degradirt werden. Die Stephanosphaera schliesst sich ebenso innig an Chlamydococcus, wie an Pandorina. Gonium und Volvox an; sie besteht aus einer kugligen, ebenfalls von Cellulose gebildeten und eine wässerige Flüssigkeit umschliessenden Hülle, an deren innerer Oberfläche in einem grösslen Kreise acht einzelne grüne Individuen (die Primordialzellen Cohris) sitzen, deren jedes zwei, die gemeinsame Hülle durchbohrende, lebhaft schwingende Geis- sein aussendet. Durch eine sich dreimal wiederholende Theilung kann jedes der acht Individuen , nachdem sie sich zuvor ansehnlich vergrössert haben, in acht neue Individuen zerfallen, die ihre besondern Geissein entwickeln und eine besondere sie gemeinsam umschliessende Hülle absondern. Die mütterliche Kugel enthält alsdann acht lebhaft in ihr sich umhcrtummelnde und zuletzt nach aussen hervorbrechende Töchlerkugeln, deren jede wieder aus acht Individuen besteht. Bisweilen zerfallen die acht Individuen einer Kugel durch sich oftmals nach einander wieder- holende Theilungsacte in eine grosse Anzahl kleiner spindelförmiger Körperchen, die keine Hülle ausscheiden, sondern sich gänzlich von einander trennen, an dem einen Ende vier Geissein bekommen und nun in der Matterhülle nach allen Richtungen hin durch einander wogen. Zulelzt brechen sie aus derselben vor und zerstreuen sich im Wasser; ihr weiteres Schicksal blieb unerforscht. Colin sieht in diesen beiden Entwickelungsweisen ganz analoge Verhäll- nisse wie bei ächten Algen , z. B. bei Hydrodyction , und bezeichnet deshalb die zulelzt erwähnten spindelförmigen Körperchen als Microgonidien , die in einer Mutterkugel entwickelten Tochterkugeln aber als Macrogonidien. Wie ihm früher Chlamydococcus und Chlamydomonas als einzellige Algen im strengsten Sinne des Worts erschienen waren, so stellen sich ihm nun Stephanosphaera und die übrigen Volvocinen als Zellenfamilien dar. In einer dritten Abhandlung 2 ) gab Colin 1854 eine sehr sorgfältige Schilderung von einer dritten Volvocinen- form, dem Gonium pectorale. Er zeigte, dass auch hier wesentlich derselbe Bau vorhanden sei und eine eben solche Macrogonidienbildung statt finde, wie bei Stephanosphaera. Die einzelnen Individuen, welche bei Gonium pectorale in einer tafelförmigen Hülle stecken, zeigten aber ein höchst auffallendes schon von Ehrenberg gekanntes Organisa- tionsverhältniss. welches gerechtes Misstrauen gegen die Deutung der Volvocinen als Algen hervorrufen musste. Im vordem Ende nahe hinter dem Ursprung der beiden Geissein fanden sich nämlich conslant bei jedem Individuum Primordialzelle) zwei bis drei wasserhelle Vacuolen. die in kurzen Intervallen abwechselnd verschwanden und dann wieder erschienen, die ganz den Eindruck eines Hohlraums machlen, der sich mit Weisser füllt und es nach einiger I) »Ueber eine neue Gattung aus der Familie der Volvocinen.« Zeitschrift für wissenschaftliche Zoologie Band IV. S. 77 — I 16. - Untersuchungen über die Entwickelungsgeschichte der mikroscopischen Algen und Pilze. « Nova Act. Acad. Caes. Leopol. 185». Vol XXIII. P;,rs f. p. 163—209. r 37 Zeit wieder austreibt und die in allen Beziehungen mit den contraclilen Hohlräumen der achten Infusionsthiere voll- kommen Übereinstimmten 1 ). Dieselben contraclilen Hohlräume hatte Ehrenberg auch bei Volvox erkannt, und Colin beobachtete sie ferner noch bei Chlamydomonas. Das plötzliche Verschwinden der Hohlräume setzt offenbar ein sehr energisches Contractionsvermogen in der die Hohlräume umgebenden Substanz voraus, ein solches konnte man aber doch unmöglich dem Inhalte einer blossen Pflanzenzelle zuschreiben. An keiner wirklichen Schwärmspore Hess sich etwas Aehnliches beobachten. Colin fühlte zwar das ungeheure Gewicht dieser Thatsache, dennoch beharrte er schliesslich bei der Ansicht, dass die Volvocinen Algen seien. Co/in's fortgesetzte Studien über die Volvocinen führten endlich 1856 zu der wichtigen Entdeckung einer geschlechtlichen Fortpflanzung bei dem am längsten bekannten Repräsentanten der ganzen Familie, dem Volvox globator 2 ). Von mir war bereits 1854 nachgewiesen worden 3 ), was Colin aber ganz mit Stillschweigen übergeht, dass bei V. globator ausser der gewöhnlichen, schon von Ehrenberg im Wesentlichen richtig dargestellten Vermeh- rungsweise durch acht im Innern des Mutterstockes entstehende Töchterstöcke (Macrogonidien Colin s) noch eine andere Entwickelungsweise auftrete, die darin besteht, dass von den vielen Individuen, welche einen Stock zusam- mensetzen, einige 30 — 50 im ganzen Umfange der Kugel zerstreut liegende sich zu gewissen Zeiten zu vergrössern anfangen und nach und nach zu ziemlich umfänglichen, ganz gleichartig bleibenden grünen Kugeln auswachsen. Ich zeigte ferner, dass die Kugeln, wenn sie ihre definitive Grösse erreicht haben, in ihrem ganzen Umfange eine sie umhüllende Gallertschicht ausscheiden, die sich immer mehr verdickt und zuletzt die Form einer zierlichen, ganz starren, sternförmigen Kapsel annimmt. Volvoxstöcke mit solchen sternförmigen Kapseln waren von Ehrenberg für eine eigene Art (Volvox slellatus) gehalten worden, während er die Zwischenstufe mit blos vergrösserten, noch nicht von einer sternförmigen Hülle umschlossenen Individuen als Sphaerosira volvox beschrieb. Das Verdienst von Co/m besieht nun darin, dass von ihm entdeckt wurde, dass keineswegs alle jene 30 — 30 Individuen, welche sich zu Zeiten in einem Volvoxstöcke zu vergrössern anfangen, die eben geschilderte Entwickelung durchmachen , sondern eine kleinere oder grössere Anzahl derselben zerfällt nach und nach durch forlgesetzte Theilung in eine unbestimmte Anzahl von Segmenten, die in einer Ebene tafelförmig an einander gereiht liegen. Die aus der letzten Theilung hervorgegangenen Segmente bilden sich in gelbe spindelförmige Stäbchen um, welche nach vorn in einen zarten, farblosen, gekrümmten Schnabel von der Länge des Stäbchens auslaufen. Der Schnabel trägt an seiner Basis zwei lange, lebhaft schwingende Wimpern und zeichnet sich durch ein ausserordent- liches Contractionsvermogen aus ; er kann sich verlängern und verkürzen, drehen und zusammen winden. Diese höchst beweglichen Stäbchen sind die Spermatozoon und die Individuen, aus denen sie hervorgingen, die Männchen des Vol- voxstockes. Die übrigen Individuen des Stockes, welche sich vergrösserten, ohne sich zu theilen, müssen als Weibchen gedeutet werden. Sie haben zu der Zeit, wenn die Spermatozoon vollständig entwickelt sind und sich nun in dem innern mit Wasser erfüllten Räume der Volvoxhülle zerstreuen, ihre definitive Grösse erreicht und erscheinen als kurz- gestielte, an der innern Oberfläche der Volvoxhülle aufgehängte Kugeln In diese Kugeln dringen die Spermatozoen ein und bewirken die Befruchtung, deren nächstes Resultat ist, dass nun erst die Bildung der oben erwähnten stern- förmigen Hülle erfolgt. Wenn diese vollendet ist, stirbt der Volvoxstock ab, und die sternförmigen Kapseln, die Colin als Sporen bezeichnet, fallen auf den Boden der Gewässer. Was weiter aus ihnen wird, ist noch unbekannt. Ohne Zweifel ist die geschlechtliche Fortpflanzung des Volvox globator den in neuester Zeit bei verschie- denen Algen, namentlich bei Vaucheria, Oedogonium, Bulbochaele und Sphaeroplea durch Pringsheim*) und Colin ) entdeckten geschlechtlichen Forlpflanzungsweisen in vielen L'eziehungen analog, allein es bleibt doch immer noch ein höchst wesentlicher Unterschied zwischen Volvocinen und Algen übrig, den bereits Thuret nachdrücklich betont \) A. a. 0. S. 193. 200. 201. — 2) Annales des sc. nalur. (856. Bolanique IV. Ser. Tom. V. p. 323 — 32. — 3) Stein »Die Infu- sionsthiere auf ihre Enlwickelungsgeschichte uniersucht.« Leipzig 1854. S 43—16. — 4) Monatsberichte der Berliner Academie von 1855 S. 133 — 65; von 1856 S. 225—37 und von 1857 S. 313—30 und Jahrbücher für wissenschafll. Botanik 1837. Band I. S. 1 81 und S. 284 — 306. — 5) Ebendaselbst 1855. p. 335—31. Stein, Onrauismns der [nfusionslhiere. L L I B R A R V a 38 hat 1 ). Die befruchtete Algenspore keimt und wächst wieder zu einem rein vegetirenden Organismus, zu einer ein- oder mehrzelligen Alge aus. welche erst in einem spätem Lebensstadium bewegliche Keime hervorbringt. Die Volvocinen dagegen sind ihr ganzes beben hindurch sich bewegende Organismen, die nur vorübergehend in einen ruhenden Zustand übergehen, wie dies die wahren Infusionsthiere auch thun; aus dem ruhenden Zustande tritt sofort wieder die sich bewegende Form hervor. Die Vermehrung durch Theilung im ruhenden Zustande kann keine Veeetationserscheinuner sein , denn sie findet sich beiden ruhenden Zuständen der Infusionsthiere ebenfalls, wie wir weiter unten sehen werden. Die beweglichen Algenkeime gehen nach kurzer Zeit zur Vegetation über und sind nicht im Stande, sich während der Bewegung durch Theilung zu vermehren, die Volvocinen dagegen pflanzen sich während ihrer Bewegung fortgesetzt durch Theilung fort. Muss uns schon ein Organismus, der sich sein ganzes Lehen hindurch rastlos bewegt und sich zugleich fortpflanzt, aber nie vegetirt, als ein seltsames Mitglied der Pflanzen- welt erscheinen, so werden wir an seiner vegetabilischen Natur vollends irre werden, wenn sich zeigt, dass dessen Parenchym mit einem energischen Conlraclionsvermögen begabt ist. Dass ein solches vorhanden sein muss, bewei- sen aber die bei den meisten Volvocinen nachgewiesenen contractilen Hohlräume. Auch der ausserordentlich con- tractile und expansible Schnabel an den Spermatozoen des Volvox glohalor spricht doch wohl dafür, dass dieselben Producte eines lliierischen Organismus sind. Aus diesen Gründen und wegen der unläugbaren innigen Verwandt- schaft , die zwischen Volvocinen, Cryptomonadinen und Euglenen statt findet, nehme ich keinen Anstand, den Volvocinen wieder ihren Platz unter den geisseltragenden Infusionslhieren anzuweisen. Dass die Hülle von Chlamy- docoecus und Stephanosphaera aus Cellulose besieht, kann uns nicht mehr beunruhigen, seitdem wir wissen, dass auch der Mantel der Ascidien von Cellulose gebildet wird. Die geschlechtliche Fortpflanzung von Volvox globator steht übrigens nicht mehr isolirt da; sie findet sich, wie wir bald sehen werden, auch bei den höheren Infusorienformen. Aus den ganz vor Kurzem von einem sorg- fältigen und eifrigen Forscher, //. /. Carter, veröffentlichten Beobachtungen geht ferner hervor, dass auch noch bei anderen geisseltragenden Infusorien, nämlich bei Eudorina elegans und Cryptoglena lenticularis, eine geschlechtliche Fortpflanzung vorkommt 2 ). Die Spermatozoen werden hier ebenfalls dadurch gebildet, dass bei gewissen Indivi- duen das gesammle Korperparenchym durch fortgesetzte Theilung in einen Haufen spindelförmiger oder rundlicher Körperchen zerfällt, die sich mittelst zweier endständiger Geissein lebhaft bewegen. Der Befruchlungsact selbst und seine Wirkung ist noch nicht hinlänglich klar erkannt. Von Colin wurde noch eine zweite Ehrenberg 'sehe Infusorienfamilie dem Pflanzenreiche überwiesen, deren thieiische Natur bisher noch von Niemand in Frage gestellt worden war, nämlich die Vibrionia. Von diesen Orga- nismen wissen wir in der Thal nichts weiter, als dass sie anscheinend willkührlich bewegte, bald grade, bald geschlängelte, bald spiralig gewundene, mehr oder weniger deutlich gegliederte Fäden sind, die keine Spur von wei- terer Organisation erkennen lassen. Colin zeigte nun 3 ), dass sich die anscheinend willkührlichen Bewegungen der Vibrionien ganz genau auf die Bewegungserscheinungen zurückführen lassen, welche unzweifelhaften Algen, den Oscillarieen , eigen sind Die Vibrioniengattung Spirochaela stimmt in ihren Bewegungen und auch in ihren Formen so vollkommen mit der Oscillarieengattung Spirulina überein, dass sie gradezu als eine blosse Art der letzlern Gattung angesehen werden muss. Bei beiden Organismen besteht das Hauplmoment der Bewegung in einem Drehen des Fadens um seine Längsaxe, in Folge dessen sich der Faden sehr rasch bald vorwärts, bald rückwärts schraubt. Ganz ähnlich wie Spirochaela verhält sich die Gatt. Spirillum und die kürzeren Formen der Gatt. Vibrio. Die längeren .sich langsam bewegenden Formen dagegen reihen sich ohne Zwang an die farblosen Oscillarieen an, welche die Galtung Beggiatoa bilden. In fauligen Infusionen finden sich neben zahllosen frei umherschwärmenden Individuen von Vibrio lineola Elibg. (Baclerium termo Dujard.) gewöhnlich auch kuglige, lappige oder hautartige, dicke Gallort- massen, in denen zahllose, unbewegte Sirichelchen, welche Vibrio lineola sehr ähnlich sehen, eingebettet liegen. Colin I) Annales des sc. Dal. Botanique 1850. Tome XIV. p. 3li. — 2) Annais of natura] hislory 1888. III. Ser. Vol. II. p. 237—33. 3) oUeher die mikroscopischen Algen und Pilze. <■ Nova aela Acad. <'.. Leop. Car. Vol. XXIII. Pars I. p. \ l (i — :i2. 39 glaubt, dass jene Strichelchen aus der Gallertmasse ausschwärmen und dann den Vibrio lineola liefern; er erkennt dalier in den Gallertmassen einen morphologisch mit Palmella und Tetraspora zunächst verwandten, zu den Wasser- pilzen zu rechnenden vegetabilischen Organismus, aus dem er die Gattung Zoogloea bildet. Vibrio lineola würde hiernach nur die Schwärmform eines Wasserpilzes sein. Wenn man auch diesen Punct noch nicht für ausgemacht ansieht, so thun doch Cohris Untersuchungen überzeugend dar, dass die Bewegungen der Vibrionien keine will- kürlichen sein können. Damit fallt aber auch der einzige Grund weg, der bisher die Stellung der Vibrionien bei den Infusionsthieren zu rechtfertigen schien. Einige andere Arbeiten von Colin schliessen sich so innig an meine eigenen an, dass wir sie am füglichsten im Zusammenhange mit denselben betrachten. Der Entwickelungsgang meiner Infusorienforschungen ist am klarsten aus meiner letzten zusammenfassenden Arbeil: »Die Infusionsthiere, auf ihre Entwicklungsgeschichte untersucht. Leipzig 1854« zu ersehen; daher ich hier hauptsachlich dieser folge. Meine ersten Beobachtungen wurden in Wiegmantis Archiv für Naturgeschichte 1849 S. 92 — 148 und in der Zeitschrift für wissenschaftliche Zoologie 1852 Band III S. 475 — 509 veröffentlicht. Zum Studium der Infusorienwelt war ich zunächst durch nieine Unter- suchungen über die gregarinenartigen Thiere 1 ) angeregt worden. Ich halte in diesen nur in den thierischen Ein- geweiden, namentlich im Darmkanal der Insecten und Würmer schaarenweis vorkommenden Geschöpfen eine eigene, den einfachsten Rhizopoden und Infusionsthieren nahe verwandte , aber von beiden doch wesentlich verschiedene Abtheilung der Protozoen erkannt. Ueber ihre Organisation konnte bei der bedeutenden Grösse, die viele Grega- rinenformen erreichen, nicht der mindeste Zweifel übrig bleiben; sie ist höchst einfach. Der Körper stellt einen meist länglichen, ringsum geschlossenen Schlauch dar, der von einer derben, elastischen, hyalinen und völlig struclurlosen Membran begränzt wird und ein sehr weiches, breiartiges, von vielen Fettkörnchen getrübtes Paren- chym umschliesst. Innerhalb desselben liegt ein heller, rundlicher, scharf begränzter Nucleus mit einem oder meh- reren Nucleolis. Andere innere Organe fehlen durchaus, ebenso jede Spureines Mundes. Gewöhnlich setzt sich das vordere Körperende durch eine Einschnürung und eine dieser entsprechende senkrechte Scheidewand wie eine Art Kopf ab, und dieser ist häufig in einen hohlen rüsselartigen Fortsatz oder eine Haflscheibe ausgezogen; auch findet sich bei einigen Formen noch eine zweite Scheidewand in der Mitte des Körpers. Die meist sehr trägen und lang- samen Bewegungen gleichen denen der Eingeweidewürmer; sie werden durch die Contractionen und Expansionen des gesammten Körperparenchyms vollführt. Die Nahrung der Gregarinen besteht in den thierischen Flüssigkeiten, welche in ihrer Umgebung vorkommen; diese werden von der gesammten Körperoberfläche aufgesogen. Die Fort- pflanzung wird durch die Conjugation zweier Individuen eingeleitet, die sich kugelförmig zusammenziehen und sich so innig an einander schmiegen, dass sie zwei mit ihren Grundflächen zusammengefügte Halbkugeln darstellen. Um diese bildet sich eine von den beiden Individuen abgesonderte kuglige Hülle, die nach und nach die Form einer derben , dickwandigen Cyste annimmt. Die beiden eingeschlossenen Halbkugeln verschmelzen später vollständig mil einander zu einem einzigen Ballen, und dieser zerfällt zuletzt in eine Anzahl eigenthümlich geformter Sporen, aus denen sich wieder dem Muttcrthier ähnliche Junge entwickeln 2 ), Nachdem ich durch genaue Untersuchung einer grossen Anzahl von Gregarinenformen die unerschütterliche Ueberzeugung gewonnen hatte, dass wirklich zahlreiche entwickelte Thiere exislirten, welche sich ohne Muskeln bewegen, ohne Nerven empfinden, ohne Darmkanal verdauen und ohne Geschlechtsorgane durch einen höchst ein- fachen Forlpflanzungsmodus die Erhaltung ihrer Art sichein, dass also Thiere existirten, aufweiche die von v. Sirbold aufgestellte Begriffsbestimmung der Protozoen vollkommen anwendbar war. wurde es mir immer einleuchtender. I) Stein »Ueber die Natur^der Gregarinen.« Ifiüller's Archiv 1 848. S. 182 — 223. — 2) Dies gilt wenigstens von den in Insecten lebenden Gregarinen. Bei den in den Regenwürmen] vorkommenden geht nach neuem Untersuchungen von A 7 . Lieberkuhn (Memoires des savants etrangers de l'Academ. de ßelgic|ue (855. Tome XXVI. p. I — 46; aus den Sporen zunächst ein ambbenarliges Junge hervor. das sich dann wieder in eine Gregarine umwandelt. Dass die Conjugation zweier Individuen bei den Gregarinen der Inseclen Hegel ist, davon habe ich mich durch sehr umfassende Untersuchungen bestimmt überzeugt. Unumgänglich nolh wendig ist jedoch diese Conjugation nicht, sondern es kann auch ein vereinzeltes encystirtes Thier Sporen liefern, wie Lieberkühn richtig hervorgehoben hat. 10" 40 dass auch die gegen Ehrenbergs Auffassung der Infusorienorganisation gerichtete Opposition wenigstens in den wesentlichsten Punclen im Rechte sein weide. Schon um ein selbstständiges Urlheil über den Organisationsgehalt der Infusorien zu gewinnen, fühlte ich mich lebhaft zu einem Studium derselben hingezogen, noch mehr aber trieb mich dazu der Gedanke an, bei ihnen vielleicht dieselbe Fortpflanzung nachweisen zu können , wie bei den grega- rinenartigen Thieren, von denen manche Formen, namentlich Monocystis agilis (Proteus tenax Dujard.) auffallend an die Aslasiäen unter den Infusorien erinnerten. Im Herbst 1847 begannen meine Infusorienforschungen. Natürlich war von Anfang an mein vorzuglichstes Augenmerk darauf gelichtet, einen Encystirungsprozess bei den Infusorien aufzufinden, wozu um so mehr Hoffnung vorhanden war, als bereits v. Siebold bemerkt hatte, dass sich die Euglena viridis zu Zeiten kugelförmig zusammen- ziehe und mit einer Art Kapsel oder Cyste umgebe 1 ). Sehr bald beobachtete ich diese Erscheinung bei demselben Thiere; allein die neu gebildeten, noch ganz weichen Cysten umschlossen immer nur ein einziges Individuum, die älteren, härteren dagegen enthielten häufig zwei oder vier kleinere, die nur durch eine einmalige oder doppelte Thei- lung aus einem ursprünglich einfachen Thier hervorgegangen sein konnten. Gleichzeitig wurden auch die ersten Cvsten von zwei bewimperten Infusorien (Prorodon niveus und Holophrya discolor) aufgefunden; sie waren sehr weich und gallertartig und enthielten nur ein einziges kugelförmig contrahirtes Thier, das sich leicht aus den Cysten hervorpressen liess. Im folgenden Winter untersuchte ich anhaltend die wegen ihres häufigen, massenhaften Auftretens in Heu- infusionen so bekannt gewordene Colpoda cucullus 2 ). Die Organisation dieses Thieres zeigte sich wesentlich anders und einfacher, als sie Ehrenberg dargestellt hat, und die von ihm behauptete periodische Ausscheidung eines aus netzförmig verbundenen, schnurförmigen Eierröhren zusammengesetzten Eierstockes reducirte sich auf ein zufälliges, lediglich durch Wassermangel bedingtes Zerfliessen einzelner Individuen, in Folge dessen die innern grobkörnigen Bestandtheile aus dem Körper hervortraten und ein ganz unregelmässiges Haufwerk bildeten. Eine Entwickelung der einzelnen Körner zu jungen Colpoden liess sich in keiner Weise constatiren. Hiermit war das Hauptargument, auf welchem Ehrenberg's Lehre von dem weiblichen Geschlechtsorganismus der Infusionsthiere beruht, widerlegt. Es wurde aber auch der wahre Hergang bei der Fortpflanzung der Colpoden ermittelt. Diese Thiere vermehren sich nicht, wie andere Infusorien, während sie ihre gewöhnliche Lebensthätigkeit fortsetzen, durch Theilung, sondern sie thun dies nur, nachdem sie sich kugelförmig zusammengezogen haben und in einen ruhenden Zustand über- gegangen sind. Alsdann bildet sich um den contrahirten Körper, der sich unaufhörlich auf demselben Flecke langsam im Kreise herumwälzt und sich häufig schon zu (heilen anfängt, eine dickwandige Cyste, in welcher der Körper durch fortgesetzte Theilung in zwei oder vier, seltener in acht Segmente zerfällt, die die Organisation des Mutter- thieres zeigen, sich eine Zeit lang lebhaft in der Cyste umhertummeln, dann aber zur Ruhe kommen und sich oft wieder mit Specialcysfen umgeben. Das häufige Vorkommen von leeren gesprengten grossen und kleinen Cysten liess keinen Zweifel darüber, dass die in ihnen eingeschlossen gewesenen Theilungssprösslinge aus den Cysten später wieder zu neuer Lebensthätigkeit hei ausgetreten sein musslen. Offenbar ist dieser ganze Vorgang genau der- selbe wie bei den ruhenden Zuständen des Chlamydococcus pluvialis und daraus folgt, dass die Vermehrung des Chlamydococcus während seines ruhenden Lebensstadiums nicht entfeint einen Beweis für dessen vegetabilische Natur abgeben kann. Die von mir entdeckte Fortpflanzungsweise der Colpoden. die unlängst durch Weisse durchaus bestätigt worden ist 3 > . erklärte nun mit einem Male auf die einfachste und natürlichste Weise von der Welt das schnelle und zahlreiche Erscheinen dieser Thiere in Heuaufgüssen, die mit dem reinsten, destillirten oder frisch abgekochten Wasser bereitet worden waren , eine Thatsache , die so oft zur Begründung der materialistischen Lehre von einer 1) v. Siebold » Lehrbuch der vergleichenden Anatomie « S. 25. — 2) Stein »Die Infusionsthiere« S. 15 — 25. — 3) J. F. Wtisse »Einige Worte über vegetabilische Aufgüsse und über die Vermehrungsart von Colpoda cucullus.« Melanges biologiques de l'Acad. de St Petersbourg 1838. Tome III. |j. 29 — 37. 41 elternlosen Zeugung organischer Körper missbraucht worden war. Am Heu sitzen die winzig kleinen, den Sporen vergleichbaren Cysten von Colpoden und deren Theilungssprösslingen, und es bedarf nur der Darreichung der unentbehrlichsten Lebensbedingung der Infusorien, des Wassers, um die in den Cysten eingeschlossenen und wohl- verwahrten Keime der Colpoden wieder zu neuer Lebensenergie zu erwecken. In den durch die Maceration des Heues frei werdenden organischen Substanzen finden dann die aus den Cysten geschlüpften jungen Colpoden eine reichliche Nahrung. An den aufgeweichten Heustengeln lassen sich auch leicht die an ihnen hängenden Cysten nachweisen. Der natürliche Aufenthalt der Colpoden scheinen nasse Wiesen zu sein; trocknen die nassen Stellen aus , so bleiben die encystirten Colpoden an den Grasstengeln kleben. Es mögen aber auch die Colpodencysten oft von ihrer ursprünglichen Bildungsstätte durch die Winde fortgeführt und nur zufallig auf Heu abgesetzt werden. Hiermit war der Schlüssel zur Erklärung des Auftretens von Infusorien in beliebigen, durch atmosphärische Niederschläge eben erst gebildeten Wasserlachen, so wie in künstlichen, mit den verschiedenartigsten Körpern berei- teten Infusionen gefunden; es kam nun darauf an, den Encystirungsprozess weiter verbreitet bei den Infusorien nachzuweisen, namentlich für solche Formen, die sich in künstlichen Infusionen und in der ersten besten Wasser- ansammlung einzustellen pflegen. Eine der gemeinsten Erscheinungen in fauligen Infusionen ist die Vorticella micro- stoma; sie bildete den nächstfolgenden Gegenstand der Untersuchung 1 }. Auch von diesem Thiere wurden sehr bald ruhende, encystirte Formen aufgefunden, und zwar zuerst grosse isolirte kugelförmige Cysten, in welchen noch ganz deutlich der kugelförmig contrahirte Vorticellenkörper zu unterscheiden war, dann aber auch Cysten, die sich um jüngere, noch auf ihren Stielen sitzende Vorticellenkörper gebildet hatten. Da sich nun ferner ergab, dass die Vermehrung der Vorticellen durch Theilung und Knospenbildung keineswegs auf den ausgewachsenen Zustand des Thieres beschränkt war, sondern schon auf sehr frühen Entwicklungsstufen eintrat, so kam ich auf die Vermuthung, es möge bei den Vorticellen ein Generationswechsel stattfinden , der darin bestehe , dass auf eine Reihe von durch Theilung und Knospung entstandenen Generationen zuletzt eine Generation folge, die mittelst einer andern, der geschlechtlichen Zeugung der übrigen Thiere äquivalenten Fortpflanzungsweise die ersten Keime neuer Vorticellen hervorbringe. Die freien kugelförmigen Cystenzuslände der Vorticellen schienen mir eine Einleitung zu dieser letz- tern Fortpflanzungsweise zu sein; allein die Bemühungen, an denselben weitere Veränderungen zu beobachten, blieben einstweilen ohne Erfolg. Bald nachher wurden meine Forschungen durch das Studium der Vaginicola crystallina 2 ) in eine ganz andere Bahn gedrängt. Dieses vorticellenähnliche Thier ist im Grunde einer den grössern Theil des Körpers umschliessen- den und von ihm abgesonderten, biegsamen, hyalinen, becherförmigen Hülse befestigt, mit der es auf Conferven und Wasserlinsenwuizeln aufsitzt. In Gesellschaft dieses Thieies traf ich ungemein häufig und auf demselben Pflanzentheile dicht neben einander sitzend ein Geschöpf, in dem ich bald die von Ehrenberg nicht sehr klar dar- gestellte Acineta mystacina erkannte. Für ein selbstständiges Infusionsthier schien mir seine gesammte Organisation gar zu abweichend von der aller andern, wohl aber bot es auffallende Analogien mit der Vag. crystallina dar. Die Acin. mystacina besass eine ganz ähnliche Hülse , wie die Vaginicola , nur war dieselbe nach hinten oft stielartig verengert und ihre Mündung durch eine dachförmige Zusammenneigung des vordem Theils der Seitenwandungen in der Art verschlossen, dass nur sechs, von der Mitte strahlenartig nach aussen verlaufende, schmale Spalten frei blieben. Unmittelbar unter dem dachförmigen Verschluss war durch ein gallertartiges Bindemittel ein völlig geschlos- sener rundlicher Körper aufgehängt, von dem nach vorn zahlreiche, durch die Spalten der Hülsenmündung hervor- tretende, fadenförmige und in einem Knöpfchen endende Tentakeln ausstrahlten, welche sich langsam verkürzten und verlängerten, auch hoben und senkten. Der Körper besass weder einen Mund, noch liessen sich in seinem ganz homo- genen Innern verschluckte fremde Körper nachweisen; nur ein contractiler Hohlraum und ein runder Nucleus war vorhanden. Da sich auch Acineten fanden , deren Körper noch keine Spur von Tentakeln zeigte , und da ich ferner I) A. a. 0. S. 25 — 35. — 2) Ebendaseihst S. 35—42. Stein, Organismus der In lusiinistliiere. | ] 42 mehrfach beobachtete, dass bei Vag. crystallina der sich von seiner Hülse ablösende Körper die Hülse nicht, wie es sonst Regel ist, verliess , sondern in der Mündung derselben schweben blieb und eine Gallertschicht auszuscheiden anfing, so zweifelte ich nicht langer daran, dass die Acineta mystacina nur einen aus der Metamorphose der Yagin. crystallina hervorgegangenen ruhenden Zustand der letzteren darstellte, ja in einem Falle glaubte ich die Metamor- phose direct verfolgt zu haben. Es kam nun weiter darauf an, den Zweck einer solchen Metamorphose zu ermitteln. Bei Acin. mystacina hatte ich oft das Volumen des eigentlichen Körpers ausserordentlich verringert gefunden, ich schloss daraus, dass auf Kosten der Körpersubstanz irgend eine Art von Keimen entwickelt und nach aussen ausgeschieden worden sei. Dieser Schluss erwies sich auch als vollkommen richtig. Ich fand nämlich demnächst auf Cyclops quadricornis sehr häufig eine andere , fast immer gleichzeitig mit vorticellenartigen Infusorien , namentlich mit Epistylis digitalis vor- kommende Acinetenform 1 ), und an dieser machte ich zuerst die folgenreiche Entdeckung, dass sich im Innern des Acinetenkörpers ein dem Mutterthier völlig ungleiches, äusserst bewegliches Junge entwickelte, welches den Aci- nelenkörper am vordem Ende durchbrach und höchst lebhaft und stürmisch im Wasser umherschwärmte. Ich nannte dieses Junge wegen seiner Analogie mit den Schwärmsporen der Algen Schwärm sprössling. Der länglich ovale Körper desselben zeigte sich sehr contractu und biegsam und vor der Mitte mit einem dichten Wiin- pernkranze umgeben, sonst war er nackt und ringsum geschlossen; in der ganz homogenen Leibessubstanz war nur ein contractiler Hohlraum und ein rundlicher Nucleus zu unterscheiden. Bei einer dritten Acinetenform 2 ) , welche ich sehr häufig auf Wasserlinsenwurzeln in Gesellschaft von Vor- ticella nebulifera und Epistylis nutans antraf, beobachtete ich die allmähliche Entwickelung des hier ganz ähnlich gestalteten Schwärmsprösslings aus einem dem Nucleus der Acinete vollkommen gleichenden und demselben oft innig anliegenden rundlichen Körper. Hierdurch kam ich zuerst auf die Vermuthung, dass sich der Schwärmspröss- ling aus dem Nucleus der Acinete entwickeln werde. Die beiden zuletzt erwähnten Acinetenarten unterschieden sich wesentlich von der Acin. mystacina. ihr Körper wird nämlich von keiner Hülse umschlossen, sondern sitzt frei am Ende eines steifen Stieles, der dieselbe Beschaffenheit hat, wie der Stiel der Vorticellinengattung Epistylis. Da für mich feststand, dass sich die Vaginicola crystallina in die Acineta mystacina umbilde, so war zu erwarten, dass auch noch andere vorticellenartige Infusorien in einen Acinelenzustand übergehen würden. Die Uebereinstimmung in der Stielbildung bei unsern beiden Acineten mit der der Gattung Epistylis, das so häufige gleichzeitige Vorkom- men von Acineten und Epistylisarten auf ein und demselben Körper und die unverkennbare Aehnlichkeit zwischen den Schwärmsprösslingen der Acineten und den Knospensprösslingen der Vorticellinen überhaupt bestimmten mich daher zu der Annahme, dass die steifstieligen Acineten in den Entwickelungskreis der Gattung Epistylis gehörten und dass sie das letzte Glied desselben darstellten, welches nur die Bestimmung habe, die Keime zu neuen Epi- stylisstöcken zu produciren. Die Schwärmsprösslinge unserer Acineten mussten dieser Annahme zufolge wieder zu einem jungen Epistylisthier werden. Es gelang jedoch niemals, diesen Uebergang direct zu verfolgen, sondern ich verlor sie wegen ihrer ungestümen Bewegungen immer kurze Zeit nach ihrem Austritt aus dem Acinetenkörper aus dem Auge 3 ). Bei einem wiederholten Studium der Vorticella microstoma beobachtete ich wieder in grosser Anzahl die bereits erwähnten kugelförmigen Cysten. Bei vielen derselben war der eingeschlossene Körper in eine völlig ge- schlossene Kugel umgewandelt. Es fanden sich aber auch sehr häufig ganz ähnliche Cysten mit quergerippten 1) Ebendaselbst S. 48 — 58. Die von mir entdeckten Aeinelinen blieben in meiner Schrift ohne systematische Namen , weil ich sie für blosse Enlwickelungsstufen vorticellenarliger Infusorien ansah. Ich suchte sie sogleich auf bestimmte Vorticellinen zureduciren, und das war jedenfalls ein verfrühtes Unternehmen. Da diese Reductionen , wie wir gleich sehen werden, zweifelhaft geworden sind, so wird es zweckmässiger sein, jene Acinetinen einstweilen durch besondere Namen zu fixiren, bis ihre Natur definitiv festgestellt sein wird. Die auf den Cycloperj lebende Acinete (Taf. III. Fig. 38 — 41 meiner Schrift) mag Acineta Cyclopum heissen. — 2) Ebendaselbst S. 59 — 64 und Taf. III. Fig. 3 2 — 33. Diese Acinete mag Acin. Lemnarum heissen. - 3) Die Acineta Lemnarum wurde anfangs von mir als eine Entw ickelungsslufe der Fpislylis nutans betrachtet, später zog ich es vor, sie von Vorticella nebulifera abzuleiten. 43 Wandungen, die nach hinten in einen kurzen holden Stiel ausgezogen waren. Bei noch anderen, etwas länger gestielten gingen von dem Scheiteltheile des eingeschlossenen Körpers die für die Acineten so characteristischen geknöpften Tentakeln aus 1 ). Die letzteren Formen stellten unverkennbar die Podophrya lixa Ehbg. dar. Hiernach schien es keinem Zweifel unterliegen zu können, dass die Podophrya fixa die Acinetenform der Vort. microstoma darstelle, welche aus einer einfachen Metamorphose der Vorticellencysten hervorgehe, indem der eingeschlossene Vorticellenkörper sich ausdehne und gegen den einen Pol der Cyste dränge. Da sich auch ungestielte Podophryen fanden, von deren Körper nach allen Richtungen hin Tentakeln ausstrahlten ich bestimmte sie irrthiimlich als Acti- nophrys sol Ehbg.), so nahm ich an, dass diese aus den Vorticellencysten in Folge einer allseitigen gleichförmigen Ausdehnung des eingeschlossenen Körpers entstanden seien. In diesen Ansichten wurde ich noch mehr dadurch bestärkt, dass bereits vor mir Pineau in Frankreich 1845 einen genetischen Zusammenhang zwischen Podophrya fixa und Vorticella microsloma nachzuweisen gesucht hatte; nach ihm sollte sich die Podophrya lixa aber in Yor- ticella microstoma umwandeln 2 ) und aus den Vorticellencysten sollte sich eine Oxytricha entwickeln 3 ). Mit den über die Entwickelung der vorticellenartigen Infusorien gewonnenen Resultaten trat ich im Herbst 1849 vor die Oeffentlichkeit 4 ). Es waren zwar schon zuvor einige vereinzelte Beobachtungen über die Entwicke- lung und Geburt von innern Sprösslingen bei Infusorien gemacht worden, die Mittheilungen darüber waren jedoch so unvollständig, dass sie fast ganz unbeachtet blieben; auch ging aus denselben keineswegs hervor . dass die Sprösslinge eine von dem Mutlerlhier ganz und gar verschiedene Generation bildeten, v. Siebold erwähnte 1835 ganz beiläufig in seiner berühmten Abhandlung über Monostomum mutabile 5 ) , dass er bei einer der im Darmkanal der Frösche lebenden Infusorienformen (ohne Zweifel war es eine Bursaria. keine Opalina) »im Schwanzende eine durchsichtige Höhle (Uterus) beobachtet habe, in welcher sich viele Junge äusserst lebhaft bewegten, von denen mehrere ihren Aufenthaltsort verliessen und gleich ihren Müttern im Wasser geschickt um- herschwammen.« Auffallend ist, dass v. Siebold dieser Beobachtung in seiner vergleichenden Anatomie gar nicht gedacht hat. Ferner hatte Focke 1844 auf der Naturforscherversammlung in Bremen die wichtige Mittheilung gemacht 6 ), dass er im Herbst und Winter bei grossen und sehr blassgrünen Exemplaren von Loxodes bursaria die Entwickelung von ein bis drei lebendigen Jungen innerhalb der Samendrüse Ehrenberg's, die deshalb als Uterus zu bezeichnen sei, beobachtet habe. Der Austritt der Jungen wurde ebenfalls verfolgt, von diesen aber nur ange- geben, dass sie dieselbe Farbe und dieselbe Anordnung der contraclilen Blasen und der Samendrüse besässen. wie das Mutlerthier. Die Beobachtungen von Eckhard und 0. Schmidt über die Entwickelung lebendiger Jungen bei Stentor coeruleus und polymorphus sind bereits oben (S. 32 und 33) erwähnt worden. Der Werth von Focke s Entdeckung wurde erst erkannt, als Colin dieselbe 1851 in seiner sorgfältigen Mono- graphie von Loxodes bursaria bestätigte, erweiterte und zum Theil berichtigte 7 ). Colin zeigte, dass die innern Sprösslinge dieses Thieres, die er Embryonen nennt, keineswegs in dem Nucleus, sondern in einer besondern Höhle liegen, welche durch einen die Körpersubstanz durchsetzenden Gang mit der Aussenwelt communicirt. Durch diesen Gang treten die Embryonen, deren Ursprung dunkel blieb, nach aussen. Sie waren stets farblos, ohne Mund, auf der ganzen Oberfläche bewimpert und sehr häufig mit kurzen, am Ende geknöpften, fadenförmigen Fort- sätzen versehen, und im Innern enthielten sie zwei conlractile Blasen. Colin hebt mit besonderm Nachdruck hervor, dass die Embryonen von dem Mutterlhiere total verschieden seien, dass mithin bei Loxodes bursaria eine Meta- morphose, wenn nicht gar ein Generationswechsel stattfinden müsse. Wichtig war in Colins Arbeit ferner der Nachweis, dass die grünen Körner im Leibe von Loxodes bursaria Chlorophyllkörner seien und dass der Nucleus. 1) A.a.O. S. 139— I4G u.Taf. IV. Fig. 21. 30.3 I. — z) Annales des sc. nat. 1845. III. Ser. Tome III p. 18 -2 — 89 u. Tome IV. p. 103—4. 3) Ebendaselbst I 849. Tome IX. p. 100. — 4) Stein »Untersuchungen über die Entwickelung der Infusorien. « Wiegmann's Archiv für Nalurgeseh. 1849. S. 92—148. — ö) Wiegmann's Archiv 1835 1. S. 73 — 74. — 6) Amtlicher Bericht über die 22. Versamml. deutsch. Naturf. und Aerzte in Bremen 1845. Abth. II. S. 110. — 7) Colin » Beiträge zur Entwickelungsgeschiclile der Infusorien. Zeitschrift für wissenschafll. Zoologie 1851. Band III. S. 257 — 79. II* 44 wie zuerst v. Siebold angegeben halle 1 /, aus zwei ganz verschiedenen Beslandlheilen . dem eigentlichen bohnen- förmigen Nucleus und einem demselben anliegenden kleinen weizenkornähnlichen Nucleolus bestehe und dass beide von eigenen Membranen begiänzt seien. Schliesslich führt Colin noch an, dass er auch bei Urostyla grandis häufig das Innere von einer grossen Anzahl dunkler Kugeln erfüllt gefunden habe, die den Loxodeskeimen sehr ahnlich sahen. Als sie durch Quetschen des Thieres frei wurden, fingen sie sich lebhaft an zu bewegen, sie zeigten sich nun auf der ganzen Oberfläche bewimpert und enthielten einen verwaschenen Kern und zwei contractile Blasen. Colin zog später auch den Encystirungsprozess der Infusorien in den Kreis seiner Untersuchungen 2 ). Er beobachtete die Cyslenbildung bei Vorticellen und Euglenen, bei Prorodon teres, Holophrya ovum, Trachelius ovum, Trachelocerca olor und Amphileptus fasciola , auch gedenkt er einer bei Chilodon uncinatus (?) von Auerbach beobachteten Cyslenbildung. welcher Forscher später selbst noch den Cystenzustand von Oxytricha pellionella beschrieb 3 ). Colin folgerte bereits aus den bisherigen Untersuchungen, dass das Encystiren ein in der Klasse der Infusorien verbreiteter, bei sehr verschiedenen Familien stattfindender Prozess sei, der theils zum Schutz gegen äussere schädliche Einflüsse, theils als Vorbereitung zu einer Fortpflanzung eintrete. Colin machte ferner auf die Verwandtschaft zwischen Cyslenbildung und den verschiedenen Formen von Gehäuse- und Panzerbildung bei Infu- sorien aufmerksam, und er bezeichnete mit Recht nur diejenigen Infusorien als gepanzert, die von einer spröderen, starren, niemals conlractilen (?) Haut begiänzt seien. In einem besondern Aufsatze 4 ) ging er specieller auf die äussere Körperbedeckung der Infusorien ein ; er zeigte , dass Loxodes bursaria und Paramaecium aurelia von einer zarten structurlosen Membran begiänzt seien, die er »Cuticula« nennt. Inzwischen waren meine eigenen Forschungen fortgesetzt darauf gerichtet gewesen, neue Thatsachen zur weitein Begründung des genetischen Zusammenhanges zwischen den vorticellenarligen Infusorien und den Acine- tinen aufzufinden. Wenn bei meinen bisherigen Beobachtungen und Schlüssen nicht Irrthümer mit untergelaufen waren, so mussten sich nach und nach für alle vorticellenartigen Infusorien die zu ihnen gehörigen Acinetenformen nachweisen lassen. Ich bemühte mich daher, mir so viele Vorlicellinen als nur möglich zu verschallen. Da diese Thiere vorzugsweise auf Wasserlinsenwurzeln, Wasserkäfern, Phryganidenlarven, Crustaceen und Wasserschnecken- gehäusen festsitzen, so durchsuchte ich diese Körper mit der grössten Ausdauer auf Vorticellinen. Meine Bemühun- gen wurden von dem günstigsten Erfolge gekrönt. Ich lernte nicht blos die meisten bereits bekannten Vorticellinen kennen, sondern ich entdeckte auch eine nicht unbedeutende Anzahl neuer Formen. Unter diesen waren bei weitem die interessantesten die neuen Gattungen Lagenophrys und Spirochona und die merkwürdige Acinetenform Den- drocometes paradoxus. Ueber diese Formen und über neuere die Entwickelung der Vorlicella microstoma betref- fende Beobachtungen berichtete ich bereits 1852 in einer besondern Abhandlung 5 )). Die übrigen neuen Formen gehörten den Gattungen Epistylis, Opercularia, Zoothamnium und Cothurnia an. Das anhaltende Studium der von mir aufgefundenen Vorlicellinen führte zu einer schärferen Begränzung der einzelnen Galtungen, auch wurden viele neue Thatsachen über ihre feinere Organisation und namentlich über ihre Forlpflanzung durch Theilung und Knospen- bildung, über die Entwickelung der Familienstücke und über die Gehäusebildung der Vaginicolen und Cothurnien ermittelt. Sehr verbreitet wurde von mir bei den Vorticellinen die Cyslenbildung nachgewiesen und gezeigt, dass diese ebenso wie die Fortpflanzung durch Theilung und Knospenbildung auf allen Altersstufen eintreten könne. An den grössern freien kugelförmigen Cysten der Vurticella microstoma entdeckte ich noch eine neue eigentümliche Entwickelungsweise 6 ]. Der encyslirte und in eine einfache kuglige Blase umgewandeile Vorticellenkürper bekam nämlich häufig eine unebene blasig -höckrige Oberfläche; einer oder mehrere von den Höckern wuchsen nach und i) Lehrbuch der vergleichenden Anatomie S. 24. — 2) Zeitschrift für wissenschaftl. Zoologie 1853. Band IV. S. 253 und 1854. Band V. S. 434 — 35. — 3) Ebendaseihst Band V. S. 430—33. — 4) Ebendaselbst Band V. S. 420—29. — 5) Stein «Neue Bei- trage zur Kenntniss der Enlwickelungsgeschichte und des feineren Baues der Infusionsthiere.« Zeitschrift für wissensch. Zoologie 1852. Band III. S. 475 — 509. — 6) Stein » Die Infusionsthiere. « S. 194 — 96. 45 nach in zapfen förmige Fortsätze aus, die die Cystenwandung durchbohrten. Zuletzt öffnele sich das frei in die Aussenwelt hervorragende Ende des Zapfens, und es quoll nun plötzlich eine weiche, zusammenhaltende, trübe Gallertmasse hervor, die an der Mündung des Zapfens hängen blieb und sich bald darauf zu einem hellen kugel- förmigen Tropfen erweiterte, in dem zahlreiche, sehr kleine, opake, monadenähnliche Keime sich lebhaft durch ein- ander bewegten. Nach wenigen Minuten floss der Gallerttropfen in Folge von immer stärkerer Wasseraufnahme aus einander, und die Keime zerstreuten sich sehr behende nach ollen Richtungen; ihr Bewegungsorgan Hess sich nicht deutlich erkennen. Da ich im Nucleus sowohl der freien, als der encystirten Vorticellen häufig eine kleinere oder grössere Anzahl scharfbegränzter , scheibenförmiger Kerne auftreten sah, so vermuthcte ich, dass dies der Anfang zu einer Art innerer Brutbildung sei, die zu Zeiten bei gewissen encystirten Vorticellen eintrete und zuletzt mit dem eben geschilderten Geburlsacte endige. Den bei weitem höchsten Werth aber hatte für mich die Constatirung der Thatsache, dass sich in Gesell- schaft der vorticellenartigen Infusorien sehr häufig auch Acinetinen fanden. Die meisten derselben waren bis dahin ganz unbekannt geblieben. Es wäre sicherlich durchaus ungerechtfertigt gewesen, aus dem blossen Nebeneinander- vorkommen von Vorticellinen und Acinetinen auf einen entwickelungsgeschichtlichen Zusammenhang dieser beiden Infusoriengruppen zu schliessen. Der Umstand , dass in Infusionen neben den Cystenzuständen von Vorticella mi- crostoma von mir in sehr vielen Fällen die Podophrya fixa beobachtet wurde, konnte ein rein zufälliger sein, da ja in Infusionen auch noch mancherlei andere Infusorienformen sehr häufig vorkommen; ebenso zufällig konnte das von mir oft beobachtete massenhafte Vorkommen der A. Lemnarum und der Vorticella nebulifera auf ein und der- selben Wasserlinsenwurzel sein. Wenn sich dagegen in den allerverschiedensten Localitäten auf ein und demselben Naturkörper immer nur eine bestimmte Vorticellinenform und ein und dieselbe Acinetenform und sonst kein anderes Infusionslhier vorfanden, so konnte ich darin kein blosses Spiel des Zufalles mehr erkennen, sondern ich hielt mich für berechtigt, einen innern nothwendigen Zusammenhang zwischen beiden anzunehmen. Nun traf ich aber auf Dytiscus marginalis nie ein anderes Infusionslhier, als die Opercularia articulata, und zwar meist in zahlreichen dicht bei einander sitzenden Familienstücken; in den meisten Fällen fanden sich dann auch zahllose Individuen einer Acinetenform mit birnförmigem . am ganzen freien Rande mit Tentakeln besetztem Körper, deren Stiel genau dieselben Structurverhältnisse zeigte, wie das Stielgerüst der Opercularien '). Die Aci- neten sassen in der Regel unmittelbar unter und zwischen den Opercularienstöcken oder doch in ihrer nächsten Umgebung. Ferner beobachtete ich vielfach an ganz verschiedenen Orten reichästige Familienstöcke von Epistylis plicalilis. die dicht und stets mit ein und derselben Acinetenform 2 ) besetzt waren. Wieder eine andere Acineten- form kam auf den Stöcken von Epistylis branchiophila vor 3 ). Auf dem Flusskrebse fand ich zwar verschiedene Vorticellinen, besonders häufig aber Epistylis crassicollis und in ihrer Gesellschaft unzählige Male eine sonst nirgends beobachtete Acinetenform, die wieder genau die Stielbildung von Epistylis crassicollis zeigte 4 ). Ein ganz seltsames acinetenartiges Geschöpf, der Dendrocometes paradoxus , wurde von mir ebenfalls in den verschiedensten Locali- täten auf den Kiemenblättern von Gammarus pulex fast constant in Gesellschaft eines ebenso seltsamen vorticellen- artigen Thieres, der Spirochona gemmipara , beobachtet. Diese Acinetine ist stets ungestielt und stimmt in ihrer starren, panzerartigen Körperbedeckung auf's vollkommenste mit der Spirochona überein ; dagegen unterscheidet sie sich von allen bekannten Acinetinen sehr auffallend durch den Besitz von dicken, starren, mehr oder weniger verästelten, armartigen Fortsätzen, die die Stelle der gewöhnlichen retractilen Tentakeln vertreten. Diese Fälle von Nebeneinandcrvorkommen von Vorticellinen und Acinetinen, die sich auch neuerlich hier bei Prag immer wieder bestätigten , so wie gewisse Analogieen im Bau und Wachsthum beider Thierformen waren für mich ein Hauptbestimmungsgrund, die Acineten in den Entwickelungskreis derjenigen Vorticellinen zu ziehen, 1) A.a.O. S. 117- 122 und Taf. II. Fig. 2— 6. Sie heisse A. Operculariae. — 2) S. 1 2 — « 4 und S. 95 uud Taf. I. Fig. 1 . D E. Sie heisse A. quadriloba. — 3) S. 124 und Taf. 1. Fig. (0. Sie heisse A. Phryganidarum. — 4) S. 23 4 und Taf. VI. Fig. 27 — 41. Sie heisse A. Aslaci. S l e i n , Organismus der lufusionstliiere. J2 46 in deren Gesellschaft sie so conslant vorkamen. Ausserdem beobachtete ich noch eine Anzahl anderer Acinetinen, die entweder isolirt oder doch nicht immer in Gesellschaft derselben Vorticellinenform vorkamen ; über ihren Zu- sammenhang mit einer bestimmten Vorticellinenform konnten daher auch nur Vermuthungen ausgesprochen werden. Hierher gehört ausser der schon erwähnten Acinela Lemnarum und A. Cyclopum die sehr eigentümliche grosse Acinete mit dem zungenförmigen Fortsalz 1 ), ferner die diademartige Acinete, der der Name A. cothurnata gebührt, unter dem sie schon vor mir von Weisse beschrieben wurde 2 ) , sodann die A. tuberosa Ehbg. und endlich die von mir auf Hyphydrus ovatus entdeckte Acinete 3 ). Ueber die Abstammung der merkwürdigen, auf den Kiemenblättern der Wasserasseln lebenden, gefingerten Acinete 4 ), die sich am nächsten an Dendrocometes anschliesst, konnte nicht einmal eine Vermuthung geäussert werden. Ob die von mir auf den Gallertkugeln des Ophrydium versatile beobachteten, der gefingerten Acinete ähnlichen Gebilde 5 ) wahre Acineten waren, ist mir neuerlich deshalb zweifel- haft geworden, weil sie grüne und braune Chlorophyllkörner enthielten. Die Acinetinen waren vor mir sehr gewöhnlich als die nächsten Verwandten der Rhizopoden angesehen worden, ja Dujardin hatte sie gradezu mit den Rhizopoden vereinigt und in seine Familie der Actinophryen gebracht. Ich wies dagegen nach, indem ich die bereits von Kölliker 6 ) sorgfällig studirle Actinophrys Eichliornii und die von mir in der Ostsee aufgefundene Actinoph. oculata analysirle, dass die Actinophryen und die Acinetinen trotz aller äusseren Aehnlichkeit fundamental von einander verschieden seien. Die Actinophryen sind wahre Rhizopoden, die an jeder beliebigen Stelle der Körperoberfläche die verschiedenartigsten thierischen und vegetabilischen Körper als Nahrung aus der Aussenwelt aufnehmen können und zwar auf eine Weise, die neuerlich Claparede näher geschildert hat 7 ); die unverdaulichen Nahrungsresle werden ebenfalls wieder an den verschiedensten Puncten der Körper- oberfläche nach aussen geschieden. Die Acinetinen dagegen besitzen wedereinen Mund noch einen After, ihr Körper enthält niemals fremde, thierische oder vegetabilische Körper, sondern sie vermögen nur mittelst ihrer Ten- takeln gelöste organische Substanzen aufzunehmen. Diese ganz eigenthümliche Ernährungsweise, auf die ich weiter unten zurückkommen werde, schien gleichfalls dafür zu sprechen, dass die Acinetinen keine selbslsländigen Thier- formen seien. Als das wichtigste Resultat meiner Untersuchungen über die Acinetinen stellte sich heraus, dass sich im Innern derselben ganz allgemein Schwärmsprösslinge entwickelten. Ich sah immer nur einen Schwärmsprössling in einer Acinete entstehen, und die Anlage zu demselben lieferte stets der Nucleus. In allen Fällen vergrössert sich zuerst der Nucleus, indem er entweder an dem einen Ende anschwillt (Acineta ligulata), oder einen zapfenförmigen Fortsatz entwickelt (Acineta Lemnarum) oder sich mehr oder weniger verästelt (Acin. Operculariae). Zuletzt schnürt sich die vergrüsserte Portion oder ein Zweig des verästelten Nucleus ab , und dieses Segment bildet sich dann unmittelbar zu einem Sprössling aus , der stets in einer besondern Aushöhlung der Leibessubstanz dicht neben dem persistirenden Theile des Nucleus liegt. Die reifen Schwärmsprösslinge sind bald nur partiell (Acinet. Lemnarum, Cyclopum, Astaci, Dendrocometes paradoxus), bald auf der ganzen Oberfläche bewimpert (Acineta ligulata, cothurnata, Operculariae), und enthalten stets einen Nucleus und einen oder mehrere contractile Hohlräume. Sie durchbrechen meist an dem vordem Ende den Acinetenkörper, der sich bald nach ihrer Geburt wieder schliesst, sich dann wieder wie ein unversehrter Körper verhält, nach und nach seinen frühem Umfang erhält und später einen neuen Sprössling entwickelt. Die Schwärmsprösslinge gleichen in allen Beziehungen gewöhnlichen bewimperten Infusionslhieren, nur besitzen sie keinen .Mund; sie beweisen schlagend, dass die Acinetinen zu den wahren Infusionsthieren gehören und nichts mit den Actinophryen zu thun haben. Niemals waren mir unter den Tausenden von Acinetinen, welche I) S. 103. und Taf.II. Fig. H — ■>■>. Ich nenne siejetzl A. ligulata. — 2) Bulletin de l'Acad. de Sl. Petersbourg. Tom. V. No.3. — 3) S. 226 und Tal - . V. Fig. 32 — 36. Sie mag A. Hyphydri heissen. — 4) S. 228 und Taf. V. Fig. 19 — 22.. Sie mag einstweilen A. digitata heissen, obwohl sie von den übrigen Acineten generisch verschieden ist. — 5) S. 247 und Taf. IV. Fig. 4. 5. — 6) Zeit- schrift für wissenschaftliche Zoologie 1849. Band I. S. 198—2 17. — 7) »Ueber Actinophrys Eichhornn.% Müllers Archiv 1854. S. 398. 47 ich zu beobachten Gelegenheit hatte, Individuen in der Theilung vorgekommen; diesen Umstand deutete ich eben- falls zn Gunsten meiner Ansicht , dass die Acinelinen keine selbständigen Infusorienformen seien. Nicht minder schien dafür die Thalsache zu sprechen, dass. während die Entwickelung von Schwärmsprösslingen bei den Aci- nelinen eine der allergewöhnlichslen Erscheinungen war, eine analoge Fortpflanzungsweise bisher nur höchst selten bei einigen wenigen bewimperten Infusionsthieren beobachtet worden war. Das weitere Schicksal der von den Acinetinen geborenen Sprösslinge hatte ich aller Mühe ungeachtet nicht ergründen können; sie entzogen sich früher oder später meinen Nachforschungen, ohne eine Verwandlung eingegangen zu sein. Dagegen sah ich nicht selten in solchen Acinelinen bereits einen reifen Schwärmsprössling, die noch gar nicht ihre definitive Form erreicht hatten. z.B. in völlig armlosen Deudrocometen. Konnte ich wohl in solchen einfachen, regungslosen, kugligen Kapseln ein selbständiges Infusionsthier erblicken, und war es nicht natürlicher, sie von den so analogen Knospenspröss- lingen der stets gleichzeitig vorkommenden Spirochona gemmipara abzuleiten? Die mit steifäsligen Vorticellinen zusammen vorkommenden Acinetinen leitete ich von gewöhnlichen Individuen der ersteren ab, indem ich annahm, dass die sich von ihren Stielen ablösenden Thiere sich in der nächsten Umgebung wieder festsetzten, einen neuen Stiel ausschieden und ihren contrahirt bleibenden Körper mit einer dünnen Cystenhülle umgäben; der Körper sollte sich dann in eine geschlossene Blase verwandeln und nach aussen Tentakeln hervortreiben. Die zu contractilstieli- gen Vorticellinen gezogenen Acinetenformen leitete ich auf die schon für Vorticella microstoma angegebene Weise aus den Cystenzuständen derselben ab. Die Bedeutung des Nucleus der Infusionsthiere war bisher völlig dunkel geblieben, meine Untersuchungen über die Entstehung der Schwärmsprösslinge bei den Acinetinen lieferten den ersten Beweis , dass der Nucleus das eigentliche Fortpflanzungsorgau der Infusorien sein müsse. Ich zeigte ferner, dass der Nucleus der Infusionsthiere stets aus einer umgränzenden structurlosen Membran und aus einem homogenen feinkörnigen Inhalt bestehe. Ausser den Beobachtungen über die Vorticellinen und Acinetinen enthielt meine Schrift noch mancherlei neue Thatsachen über verschiedene andere Infusorien, namentlich bereicherte sie die Naturgeschichte der Gattungen Volvox, Chilo- don , Trichodina, Opalina, Phacelomonas und des Uoxodes bursaria , der sich in jeder Beziehung als ein wahres Paramaecium erwies und daher fortan Param. bursaria genannt wurde. Cohris Beobachtungen über die Organisation dieses Thieres und seine Fortpflanzung durch lebendige Junge , so wie Weisse's Entdeckung der Brutbildung bei Chlorogonium euchlorum wurden bestätigt und zum Theil erweitert. Ausser in den bereits oben angeführten Fällen wurde die Cystenbildung noch bei Volvox globator und dem erst von mir unterschiedenen Volvox minor, ferner bei Chilodon cucullulus , Stylonychia pustulata , Glaucoma scintillans und bei einer neuen Nassula (N. ambigua) nach- gewiesen. Sowohl bei Acinetinen , als auch bei Actinophryen beobachtete ich einen Conjugationsact, in diesem konnte ich jedoch keine Beziehung zur Fortpflanzung erkennen, da ich bei Actinophrys oculata nicht selten drei, vier und mehrere Individuen mit einander conjugirt antraf. In Betreff der Organisation der Infusionsthiere führten .alle meine Untersuchungen , wie auch die von Colin , zu dem Resultate, dass Dujardiris und v. Sicbold's Ansichten von der Infusorienorganisation im Wesentlichen die richtigen gewesen waren. Die von mir aufgestellte Lehre, dass die Acinetinen in den Entwickelungskreis der Vorticellinen gehören — man hat sie als die Acinetentheorie bezeichnet — war ohne Zweifel diejenige Seite in meinen Arbeiten , welche eine nur sehr unvollkommene Begründung erhalten hatte, sie wurde daher auch sehr bald von den verschiedensten Seiten her heftig angegriffen. Die ersten gewichtigen Einwürfe gegen die Acinetentheorie rühren von Cienkowski her. Durch meine Arbeiten angeregt , hatte dieser Forscher sich die Aufgabe gestellt , den Encystirungsprozess bei möglichst vielen Infusorienformen nachzuweisen 1 ). Es gelang ihm dies auch für eine ziemliche Anzahl dadurch, dass er Objeclgläser, aufweichen bestimmte Infusorienformen in einem Wassertropfen isolirt waren, auf Klötze in eine nur am Boden mit Wasser erfüllte Untertasse stellte, die dann mit einer Glastafel bedeckt wurde. Auf diese t) »Ucber Cvsteubildung bei Infusorien.« Zeitschrift für Wissenschaft!. Zoologie 1855. Band VI. S. 301—6. 12 48 Weise wurde die Verdunstung des Wassers auf den Objectgläsern verhindert und ein und dasselbe lnfusionsthier konnte mehrere Tage lang in seinem kleinen Wasserraume verfolgt werden. Nach 2 — 7 Tagen gingen viele der zu den Versuchen verwendeten Infusorien in den ruhenden Zustand über. An den Cystenzuständen einer Nassula , die Cienkowski zuerst als N. viridis Duj. bestimmte, in der er aber später meine N. ambigua erkannte, wurde eine ganz ähnliche Entwickelung und Geburt von lebendiger Brut beobachtet, wie ich an den Cysten der Vorticella micro- stoma nachgewiesen habe. Im Innern des encystirten Nassulakörpers bilden sich nämlich rundliche Blasen , diese verlängern sich in einen die Cystenwand durchbohrenden Schlauch , letzterer platzt an der Spitze und es quillt ein kugliger Haufen von monadenarligerBrut hervor, die Cienkowski als Schwärmsporen bezeichnet. Aehnliche Schläuche, nur in geringerer Anzahl, hatte auch ich oft in den Vorticellencysten auftreten und Brut liefern sehen. Cienkowski hatte auch die von mir als die Acinetenform der Vorticella microstoma betrachtete Podophrya fixa auf die vorhin angegebene Weise isolirt, und er machte nun die wichtige Beobachtung, dass sie sich ebenfalls encystirte und jene kurzgestielten quergerippten Cysten lieferte, die mir so häufig zwischen den Cysten der Vorti- cella microstoma begegnet und von mir für directe Uebergangsstufen der Vorticellencysten in Podophryen ange- sehen worden waren. In einem zweiten, speciell gegen die Acinetentheorie gerichteten Aufsätze giebt Cienkowski die näheren Details an 1 ). Diese Angaben sind vollkommen richtig, wie ich mich selbst seit 183 5 durch eigene Beobachtung vielfach überzeugt habe. Es folgt jedoch hieraus weiter nichts, als dass die Podophryen nicht aus Vorticellencysten hervorgehen und dass sie deshalb nicht länger zum Entwickehmgskreis der Vort. microstoma gerechnet werden dürfen. Mit den Podophryen habe ich übrigens irriger Weise eine ganz verschiedene Acineten- form zusammengeworfen, die nicht, wie die Podophryen, im ganzen Umfange des Körpers gleichförmig mit Ten- takeln besetzt ist, sondern nur zwei bis vier Tentakelbüschel trägt (vergl. meine Schrift Taf. IV. Fig. 33 — 35. 38. 39. 41. 45 — 48 und Fig. 29). Sie ist der gewöhnlichste Begleiter der Vort. microstoma und in fauligen Infusionen überaus häufig, weshalb sie einstweilen den Namen Acineta infusionum führen mag; sie producirt auch allein die den Knospensprösslingen der Vorticellen so ähnlichen, nackten, mit einem Wimperkranze versehenen Schwärm- sprösslinge (Fig. 36. 37), nicht aber thut dies die Podophrya fixa 2 ). Es bleibt daher immer noch eine auf Vort. microstoma beziehbare Acinetenform. die A. infusionum, übrig. Bei Podophrya fixa beobachtete Cienkowski nur eine Vermehrung durch Theilung, die jedoch von der sonst bei den Infusorien vorkommenden Theilung wesentlich verschieden ist. Nachdem sich nämlich der kugelförmige, überall dicht mit Tentakeln besetzte Körper im Aequator ringförmig eingeschnürt hat, nimmt das vordere Segment allmählig eine länglich ovale Gestalt an, die an demselben vorhandenen Tentakeln werden eingezogen und seine ganze Oberfläche (nicht blos das vordere Ende, wie Cienkowski angiebt) bedeckt sich mit einem sehr dichten und zarten Wimpcrkleide. Nun schnürt sich der vordere Theilungssprössling von dem hintern ab; während letzterer unverändert die Podophryenform beibehält, gleicht ersterer vollkommen einem ringsum bewimperten Schwärm- sprössling, er bewegt sich eben so gewandt, schwärmt eine längere oder kürzere Zeit umher, dann aber werden seine Bewegungen langsamer, und er bleibt bald ganz still liegen. Der Körper nimmt wieder die Kugelform an. die Wimpern verschwinden, und auf der ganzen Oberfläche treten die gewöhnlichen Tentakeln hervor. So erhalten wir zunächst eine ungestielte Podophrya , die später durch Absonderung eines Stieles die gewöhnliche Form annimmt. Ich selbst habe diese Vorgänge in neuerer Zeit unzählige Male verfolgt, niemals aber beobachtete ich im Innern einer Podophrya einen Schwärmsprössling ; ich schliesse daraus , dass der von einer Podophrya durch Querthei- lung sich abschnürende bewegliche Sprössling dem Schwärmsprössling anderer Acineten entspricht. Cienkowski hat endlich auch die Schwärnisprösslinge der so eben von mir als Acin. infusionum bezeich- neten Acinetenform beobachtet, und es gelang ihm, dieselben so lange zu verfolgen, bis sie wieder zur Buhe kamen. Sie verwandelten sich jedoch keineswegs in eine Vorticelle , sondern lieferten wieder eine Acinete. Diese 1) »Bemerkungen über Steins Acineten -Lehre.» Melanges biologiques lires du Bullet, de l'Acad. de St. Pelersbourg 1855. Tome II. |). 203—72. — 2) Die auf Taf. IV, Fig. 32 meiner Schrift abgebildete Podophrya fixa enthalt irrthümlieher Weise einen Schwärmsprössling. 49 Thatsache. so wie die übrigen von Cienkowski ermittelten Vorhältnisse waren natürlich der Acinetentheorie äusserst ungünstig und schienen sie völlig zu beseitigen. Cienkowski selbst folgerte jedoch daraus nur, dass die Acinelen- lehre lediglich für Vorlicella microstoma als hypothetisch und nicht auf Thatsachen begründet anzusehen sei. Auch Carler liess sich dadurch noch nicht bestimmen, den Gedanken, dass dennoch die Acinetinen in den Entwickelungs- kreis der Vorticellinen gehören könnten, aufzugeben, da er in den ostindischen Gewässern bei Bombay auf Epi- stylisstöcken ebenfalls wiederholt Acineten angetroffen hatte 1 ). Mit der grössten Entschiedenheit trat dagegen 1856 ,/. Lachmann gegen die Acinetentheorie auf. In einer von gründlichen eigenen Forschungen zeugenden Abhandlung 2 ) über die Organisation der Infusorien im Allgemeinen und die der Vorticellen insbesondere, auf die ich im folgenden Abschnitt specieller eingehen werde, wies Lachmann zuvörderst nach, dass die Acinetinen diejenigen Infusionsthiere, welche sie mit ihren Tentakeln ergriffen haben, mittelst derselben wahrhaft aussaugen. Während sich nämlich gewisse Tentakeln verkürzten und verdickten, erwei- tere sich ihr knopfförmiges Ende zu einer tellerförmigen Saugscheibe und durch diese dringe der Chymus des gefangenen Thieres in die Axe des Tentakels und ströme durch diese in den Acinetenkörper; jeder Tentakel sei mithin ein wirklicher Säugrüssel. Dies ist, wie ich jetzt aus eigener Erfahrung weiss, für die Acinetinen mit retrac- tilen Tentakeln durchaus richtig, allein bei Dendrocometes paradoxus und Acineta digitata muss dennoch eine andere Nahrungsaufnahme stattfinden. Denn die dicken fingerförmigen Tentakeln der A. digitata sind zugespitzt und kaum an der Spitze ein wenig biegsam, geschweige denn in einen Saugnapf ausdehnbar; dasselbe gilt von den zugespitz- ten Endästen der ganz starren, regungslosen Arme von Dendrocometes. Auf letzteres Geschöpf, das doch überall so leicht zur Untersuchung zu haben ist und der Acinetentheorie besonders zur Stütze gedient hat, ist Lachmann überhaupt gar nicht eingegangen. Die Gründe, welche von Lachmann gegen die Acinetenlehre vorgebracht werden, sind im Wesentlichen dieselben, wie die von Cienkowski. Lachmann hebt zunächst hervor, dass die directe Umwandlung der Vaginicola crystallina in Acineta mystacina durch die von mir mitgetheillen Beobachtungen noch keineswegs überzeugend bewiesen werde, und dass sie überhaupt höchst unwahrscheinlich sei, worin ich ihm Becht gebe. Wenn Vorticellen isolirt wurden, so wurden zwar häufig genug die Cystenzustände , aber keine Fortentwickelung derselben zu Aci- neten beobachtet. Bei zwei Acinetenformen verfolgte endlich Lachmann den ausschwärmenden Sprössling, den er als Embryo bezeichnet und den er sich innerhalb einer abgeschnürten Portion des Nucleus entwickeln lässt, bis zur Verwandlung, und es ergab sich, dass der Schwärmsprössling wieder zu einer Acinete wurde. Einen grossen Theil seiner Untersuchungen hat Lachmann gemeinschaftlich mit E. Claparede angestellt. Beide haben eine bedeutende Anzahl wichtiger Entdeckungen, namentlich während eines längeren Aufenthaltes an den norwegischen Küsten gemacht, worüber sich bereits in Lachmanns Abhandlungen reiche Andeutungen finden. Die Besultate ihrer Forschungen wurden in einer gemeinsamen Arbeit niedergelegt, welche 1858 mit der einen Hälfte des Preises gekrönt wurde, welchen die Pariser Academie der Wissenschaften für die genauere Erforschung der Fortpflanzungs- und Entwickelungsverhältnisse der Infusionsthiere ausgesetzt hatte; die andere Hälfte des Preises wurde der ausserdem nur noch coneurrirenden Arbeit von N. Lieberkühn zuerkannt. Beide Preisschriften liegen leider noch nicht gedruckt vor, jedoch haben Claparede und Lachmann einen Auszug aus ihrer Arbeit ver- öffentlicht 3 ) , der das Hauptergebniss ihrer entwickelungsgeschichtlichen Forschungen zusammenfasst. Von Lieber- kühn kenne ich nur zwei frühere Aufsätze. Der eine: »Beiträge zur Anatomie der Infusorien« 4 ), bezieht sich hauptsächlich auf die Organisation der Ophryoglena flavicans und Bursaria flava, bei denen Lieberkühn ein eigen- thümliches, räthselhaft gebliebenes, uhrglasförmiges Organ in der Umgebung der Mundspalte entdeckte; ausserdem werden neue Thatsachen über die contractilen Behälter und deren gefässartige Fortsetzungen bei verschiedenen Infusorien mitgetheilt und daraus gefolgert, dass dieses System der Circulalion der Säfte vorsiehe. In dem zweiten 1} Annais of natural history. Vol. 20. p. 21 — 41. — 2) Müllers Archiv 1856. S. 340 — 98. — 3) »Note sur la reproduclion des Infusoires.« Annales des seien, nal. 1857. IV. Ser. Tome VIII. p. 221 — ii. — 4 Müller's Archiv 1856. S. 20 — 36. Sic in, Organismus der Iiifusionsl liiere. io 50 Aufsatz: »Ueber Protozoen« 1 ), bestätigt Lieberkühn meine Angaben über die Entwickelnng des Schwärmsprösslings von Acineta infusionum (Taf. IV. Fig. 47 meiner Schrift) für eine Acinete der Fischkiemen , was der Behauptung Lachmann 's gegenüber, dass der Schwarmsprössling sich in einem abgeschnürten Nucleusstücke entwickele, von Wichtigkeit ist. Ferner bestätigte Lieberkühn die von mir beobachtete Conjugation mehrerer Individuen von Actino- phrys; spater sah er die conjugirten Individuen sich wieder von einander trennen. Irgend welche Folgen dieses Vorganges Hessen sich durchaus nicht nachweisen. Was nun die Arbeit von Claparede und Lachmann betrifft, so geht dieselbe abermals von meiner Schrift aus, der das Verdienst zugestanden wird, eine ganz neue Epoche in der Entwickelungsgeschichte der Infusions- thiere begründet zu haben. Dies hindert natürlich nicht, die Acinetentheorie aufs Aeusserste zu bekämpfen. Die Verfasser beobachteten die Schwärmsprösslinge von 1 1 verschiedenen Acinetenformen ; für den Namen Acineta führen sie ohne triftigen Grund 2 ) die Benennung Podophrya ein, die Schwärmsprösslinge bezeichnen sie als Em- bryonen. Die Gründe gegen die Acinetentheorie sind, bis auf einen, die alten, sie werden diesmal von sehr umfas- senden Untersuchungen der Epistylis plicatilis hergenommen , die zu merkwürdigen Resultaten führten. Auf dem Stocke dieser Epistylisart wurde dieselbe Acinetenform angetroffen, die ich so häufig auf ihr beobachtete und als eine Entwickelungsstufe der E. plicatilis betrachtete; die Verfasser bezeichnen sie als Podophrya quadripartita 3 ). Sie sahen den aus ihr hervortretenden, durch den Besitz eines Wimperkranzes characterisirten Schwarmsprössling nach kurzer Zeit des Herumschweifens sich wieder auf dem Epistylisstocke niederlassen und in eine Acinete um- wandeln; zuerst verschwand der Wimperkranz, dann traten an zwei Puncten der Oberfläche Tentakeln hervor und etwas später begann die Ausscheidung eines Stieles. Hinsichtlich der von mir beschriebenen, kurzgestielten Epi- styliscysten, welche oft so zahlreich auf der Unterlage des Epistylisstocks vorkommen, wurde beobachtet, dass das eingeschlossene Thier später die Cyste wieder durchbricht, aus derselben auf einem neu gebildeten Stiele hervor- wächst und so die Grundlage eines neuen Epistylisstockes wird, dessen Basis von dem napfförmigen Reste der Cyste umfasst wird. Ausserdem wurde aber noch eine ganz andere Art von Cysten aufgefunden, welche auf dem Epistylisstocke selbst und zwar an den Enden der Zweige sassen. Sie enthielten entweder einen lebhaft rotirenden, auf der ganzen Oberfläche wimpernden und mit vielen contractilen Hohlräumen versehenen Körper, der sich beim Ausschlüpfen aus der Cyste als ein Amphileptus zu erkennen gab; oder es steckte in der Cyste der noch mit seinem Stiele in Verbindung stehende Epistyliskörper, und über diesen war der sich bald nach links, bald nach rechts bewegende Amphilcptuskörper so herüber gestülpt, wie der Handschuh über einen Finger. Zuletzt drehte der Amphileptus den Epistyliskörper von seinem Stiele ab, der contrahirte Epistyliskörper lag nun ganz im Innern des Amphileptus, und letzterer begann sofort seine unaufhörlichen kreisenden Bewegungen in der Cyste. Claparede und Lachmann deuten diese seltsamen Erscheinungen so und wollen dies auch einmal direct beobachtet haben, dass ein gewöhn- licher Amphileptus ein Epistyüsthier von vorn her mit seinem weiten Munde ergreife und sich dergestalt über das- selbe hinüberwürge, bis der Epistyliskörper ganz im Innern des Amphileptuskörpers liege; alsdann ziehe sich der Amphileptus kuglig zusammen und sondere eine Cyste ab. Wenn nichts weiter vorläge, als dass Epistylisthierchen von Amphileplen gefressen würden, so würde sich doch wohl schwerlich constant um den Amphileptus und seine Beute eine Cyste bilden. Mir will es scheinen, als hätten wir es hier mit noch lange nicht genügend erforschten Ver- hältnissen zu thun. Ich selbst habe schon bei meinen allerersten Beobachtungen der Epistyl. plicatilis im Jahre I847 die in Rede stehenden Cysten kennen lernen; sie kamen mir jedoch nur sehr vereinzelt vor und enthielten stets blos einen auf der ganzen Oberfläche wimpernden, lebhaft rotirenden Körper, den ich nicht ausschlüpfen sah. \) Zeitschrift für Wissenschaftliche Zoologie 1856. Band VIII. S. 307' — 10. — 2) Der Podophrya lixa Ehby. am nächsten verwandt ist die Acineta mystacina Ehbg. ; letztere hätte also höchstens Podoph. mystacina genannt werden können. — 3) Da die Einschnitte am vordem Ende des Acinetenkörpers nur sehr seicht sind und nur bis zur Mitte reichen, so zog ich oben die Bezeichnung quadriloba für diese Acinetenform vor. 51 Die Cyste war eben so innig mit dorn Ende der Stockaste verwachsen , wie dies sonst bei Epistyliscysten der Fall ist. Da ich nicht wusste, was ich mit diesen Cysten anfangen sollte, so habe ich sie in meiner Schrift ganz mit Stillschweigen übergangen. Claparede und Lachmann beobachteten auch auf Carchesium die angeblich parasitischen Amphilepluscysten. Auf Epistylis plicatilis entdeckten sie noch ein sehr merkwürdiges Geschöpf, welches sie Urnula Epistylidis nennen und worin sie einen parasitischen Rhizopoden erkennen wollen; ich komme darauf spater zu sprechen. Nach diesen Erfahrungen musste auch die auf Epist. plicatilis so vielfach angetroffene Acinetenform mehr und mehr als ein blosser Parasit erscheinen. Den entschiedensten Beweis, dass sie nicht in den Enlwickelungs- kreis der Ep. plicatilis gehören könne, finden aber Claparede und Lachmann darin, dass sie im Innern des letztern Thieres sich auf dieselbe Weise Embryonen entwickeln sahen, wie bei den Acinetinen. und damit falle jeder Grund weg, weshalb sich ein Epistylisthier in eine Acinete verwandeln solle. Betrachten wir zunächst die Thatsache selbst. Wenn Epistylisthierchen Embryonen erzeugen, so thun dies gewöhnlich alle oder doch die meisten Individuen eines Stockes und man erkennt die fruchtbaren sogleich daran, dass sie an der Seite des Körpers einen an der Spitze durchbohrten Höcker, eine Art os uteri , besitzen , durch welchen die Embryonen nach aussen hervortreten. Letztere entwickeln sich ebenfalls vom Nucleus aus, indem sich von diesem ein Stück abschnürt, welches entweder selbst zum Embryo wird oder betrachtlich aufschwillt und dann in seinem Innern eine Anzahl rundlicher oder ovaler Körperchen entwickelt. Jedes dieser Körperchen wird ein Embryo, der mit einer contraclilcn Blase und einem Wimperkranze versehen ist und mittelst desselben sich nach und nach von seiner Bildungsstätte durch die Leibessubslanz hindurch bis zur Basis des nach aussen geöffneten Höckers bewegt. So wie der Embryo geboren war, bewegte er sich so stürmisch durch das Wasser, dass sein weiteres Schicksal nicht erforscht werden konnte. Claparede und Lachmann nehmen ohne Weiteres an, dass sich der Embryo früher oder später direct in ein Epistylisthier verwandeln werde. Grade dieser Punct hätte aber auf das Zuverlässigste bewiesen werden müssen, wenn die Acinetentheorie wirklich widerlegt sein sollte. Der Epistylisembryo gleicht offenbar ganz und gar dem Schwärmsprössling der Acineta quadriloba, er muss also doch jedenfalls einmal dieselbe Metamorphose durch- machen, die ich für den letztern voraussetzte und die meinen Gegnern so unwahrscheinlich erschien. Wenn sich nun aber herausstellen sollte, was für mich kaum noch zweifelhaft ist, dass die Epistylisembryonen in Folge einer geschlechtlichen Zeugung entstehen, ist es dann wohl nolhwendig, oder auch nur sehr wahrscheinlich, dass die Epistylisembryonen, die so viel kleiner sind, als die gewöhnlichen Epistylisthiere und eine wesentlich andere Orga- nisation besitzen, sofort wieder ein Epistylisthier liefern werden? Kann nicht vielmehr ein Generationswechsel eintreten und der Epistylisembryo auf dieselbe Weise, wie der ihm gleiche Schwärmsprössling der Acinete, sich in eine Acinete umbilden, die eine Zeit lang auf ungeschlechtlichem Wege nur ihres Gleichen producirt, um zuletzt mit einer Schwärmsprösslingsgeneration zu endigen, die wieder die Form des Epistylisthieres annimmt? Es ist das freilich einstweilen nur eine Hypothese, sie erklärt aber ganz einfach das immer wieder constatirte Zusammen- vorkommen von Vorticellinen und Acinetinen, und sie ist nicht im Widerspruch mit den in anderen Thierklassen nachgewiesenen Entwickelungsgesetzen. Von einer Umwandlung encystirter Vorticellinen in Acinetinen kann natürlich fernerhin nicht mehr die Rede sein ; diese Seite der Acinetentheorie ist hinlänglich von ihren Gegnern widerlegt und von mir selbst schon 1856 auf der Nalurforscherversammlung in Wien als irrig bezeichnet worden. Keineswegs ist aber über allen Zweifel festgestellt, dass die Acinetinen wirklich selbstständige Infusionslhierc sind, im Gegentheil , es existiren Thatsachen, die mir mit dieser Ansicht unvereinbar erscheinen. Von diesen Thatsachen, die Claparede und Lach- mann gänzlich ignoriren, bin ich bereits auf der Naturforscherversammlung in Wien ausgegangen, um der Acineten- Iheorie eine neue Basis zu geben 1 ). Die Embryonen sehr verschiedenartiger Infusionsthiere (z.B. von Paramaecium, \) Tageblatt der 3 2. Versammlung deutscher Naturforscher und Aerzte in Wien im Jahre (856. No. 3. S. 53. 13* 52 Stylonychia und Urostyla) tragen nämlich alle Charactere der Acinetinen an sich, sie besitzen bei gleich einfacher innerer Organisation genau dieselben aus- und einziehbaren, am Ende geknöpften Tentakeln, wie die Acinetinen, sie können sich mittelst derselben an anderen Infusionsthieren festsaugen und ihnen Körpersafte entziehen , und sie verwandeln sich, so weit meine Erfahrungen reichen, nie direct in das Mutterthier, sondern nachdem sie die Form einer ungestielten Podophrya angenommen haben, vermehren sie sich genau auf dieselbe Weise, wie Podophrya, durch Quertheilung. Die näheren Angaben hierüber sind in den folgenden Abschnitten enthalten. Wenn nun die Uebereinstimmung zwischen dem Embryo z. B. von Paramaecium bursaria und dem Theilungssprössling von Podo- phrya fixa so vollkommen ist, dass sich auch nicht der leiseste Unterschied zwischen beiden auffinden lässt, wenn ferner jener Embryo bis zur Umwandlung in eine ungestielte Podophrya verfolgt und an dieser die Theilung in derselben Weise beobachtet wurde , wie an grossem ungestielten und gestielten Podophryen , so ist gewiss der Schluss erlaubt, dass die Podophryen keine selbstständigen Infusionsthiere sind, sondern nur eine acinetenartige Entwickelungsphase der Paramäcien darstellen. Dies sind die Gründe, die mich bestimmen, die Acinetentheorie auch jetzt noch aufrecht zu erhalten, jedoch in einer wesentlich modificirten Gestalt; ich nehme nämlich an, dass sehr verschiedene höhere Infusionsthiere während ihrer Entwickelung ein acinetenarliges Stadium durchlaufen und dass dieses unmittelbar aus der Embryonalform hervorgeht. Ich habe bereits von Embryonen der Infusionsthiere gesprochen; dieser Ausdruck setzt voraus, dass wir es mit einer Nachkommenschaft zu thun haben, die auf dem Wege einer geschlechtlichen Zeugung entstanden ist. Die Entdeckung derselben gehört zu den bedeutendsten Errungenschaften der neuesten Zeit. Zuerst wurde, wie wir bereits oben sahen, bei geissellragenden Infusionsthieren eine geschlechtliche Fortpflanzung nachgewiesen. Die ersten auf die geschlechtliche Zeugung der bewimperten Infusionsthiere bezüglichen Thatsachen wurden von J. Müller, Lieberkühn, Claparede und Lachmann entdeckt 1 ), doch wagten diese Forscher noch nicht, ihren Beobachtungen eine entschiedene Deutung zu geben ; nur Claparede und Lachmann sprachen sich in einem Nachtrage zu dem Auszuge aus ihrer Preisschrift 2 ) bereits zu Gunsten einer geschlechtlichen Fortpflanzung bei den Infusionsthieren aus. Aber erst E. G. Balbiani wies 1858 mit überzeugenden Gründen dieselbe bei Paramaecium bursaria nach 3 ), indem er zeigte, dass unter gewissen Umständen der Nucleus dieser Thiere als Geschlechtsorgan fungire und zwar der eigentliche Nucleus als weibliches, der Nucleolus als männliches Organ. Ich ziehe es vor, diese neuesten, noch in der ersten Entwickelung begriffenen Entdeckungen im folgenden Abschnitt im Zusammenhange mit meinen eigenen gleichzeitigen Beobachtungen über die geschlechtliche Fortpflanzung der Infusorien zu besprechen. Schluss. Begriffsbestimmung der Infusionsthiere. Fassen wir alle neueren Infusorienforschungen zusammen, so ergiebt sich das erfreuliche Resultat, dass über den Onjanisationscebalt der Infusionsthiere kaum noch erhebliche Meinun^sdifferenzen herrschen. Vollkommen einig ist man darüber, dass die Infusionsthiere nicht jene complicirte innere Organisation besitzen, die ihnen der Begründer der neueren Infusorienkunde vindicirte und dass seine Olgandeutungen in den Hauptpuncten durchaus verfehlt waren. Es haben sich bei den Infusorien weder Muskeln, noch Nerven und eigentliche Sinnesorgane nachweisen lassen; nur bei den contractilstieligen Vorticellinen pflegt man noch fast allgemein den dunklen Streifen in der Axe 1) Joh. Müller »Einige Beobachtungen an Infusorien. « Monatsberichte der Berliner Academie. Juli 1856. S.390 — 92. — 2) A.a.O. S. 243—44. — 3) Note relative a l'existence d'une generation sexuelle chez les Infusoires par E. G. Balbiani. Journal de la Physiologie publ. par E. Brown- Sequard. Paris I8S8. p. 347 — E52. 53 des Stiels als Muskel zu bezeichnen. Da jedoch hei den übrigen Infusorien, auch wenn sie der energischsten Con- traclionen fähig sind, keine gesonderten contractilen Fasern aufgefunden werden können ; da ferner Muskeln Nerven voraussetzen, die doch nicht vorhanden sind, so kann ich in dem sogenannten Muskel jener Vorticellinen nur eine strangförmige Fortsetzung des contractilen Kürperparenchyms erblicken. Auch eine Zusammensetzung aus Zellen oder zellenähnlichen Elementen hat sich bei keinem lnfusionsthiere erkennen lassen ; stets besteht der Körper aus einer homogenen, ungeformten, mehr oder minder contractilen Substanz. Mit den überzeugendsten Gründen ist ferner dargethan und allseitig anerkannt worden, dass die lnfusionsthiere keine polygastrischenThiere sind, und dass sie überhaupt kein gesondertes Verdauungsorgan besitzen; die Nahrungsstoffe gelangen oft durch einen mehr oder weniger entwickelten Schlund in das Innere des Körpers, hier aber werden sie stets von der umgebenden Körper- substanz verdaut. DerNucleus hat sich unbestreitbar als das wahre und einzige Forlpflanzungsorgan der Infusorien herausgestellt; eine geschlechtliche Fortpflanzung existirt zwar, aber in einer ganz anderen Weise, als Ehrenberg annahm. Ueber die Bedeutung der contractilen Behalter sind die Meinungen noch getheilt, jedoch darin vollkommen einig, dass sie in keiner Beziehung zu geschlechtlichen Functionen stehen. Von den meisten neueren Forschern werden sie als die herzartigen Mittelpuncte eines sehr unvollkommen entwickelten Blutkreislaufssyslems angesehen; ich theile diese Ansicht nicht, sondern ich werde zu zeigen suchen, dass die contractilen Behälter und ihre gefäss- artigen Fortsetzungen dem Wassergefässsystem der Raderthiere, Turbellarien und vieler Würmer entsprechen. Auch über die Begrenzung der lnfusionsthiere hat man sich immer mehr ein und demselben Ziele genähert. Dass die Raderthiere ganz aus dem Verbände mit den Infusionsthieren zu lösen sind, ist langst und allgemein anerkannt; nur darüber bestehen noch Differenzen, ob sie dem Kreise der Würmer, oder dem der Arthropoden einzureihen sind. Ich entscheide mich für die erstere Ansicht und betrachte die Iläderthiere als die unterste Klasse im Kreise der Würmer, die sich durch die Ichlhydinen am nächsten an die Turbellarien anschliesst; auf letztere lasse ich die Entozoen und dann die Annulaten folgen. Allgemeine Zustimmung hat ferner die Aufstellung der Rhi- zopodenklasse gefunden, und dieser müssen natürlich die so lange zu den Infusionsthieren gerechneten Amöbaen, Arcellinen und Aclinophryen einverleibt werden. An den Closterinen und Bacillarien Ehrenberg's, die vielfach Gegenstand neuerer umfassender Untersuchungen gewesen sind, hat kein unzweifelhaft thierischer Character nach- gewiesen werden können; das von Ehrenberg angenommene Bewegungsorgan hat Niemand bestätigt, und auch die nur bei einigen Naviculen und unter ungewöhnlichen Verhältnissen beobachtete Aufnahme von Indigo- und Carminpartikelchen hat alle Beweiskraft für die thierische Natur dieser Organismen verloren, seitdem TA. Hurtig entdeckt hat, dass auch der Kern der Pflanzenzellen Indigotheilchen aufzunehmen vermag. Wir werden daher die Closterinen und Bacillarien dem Pflanzenreiche überweisen müssen. Dasselbe gilt auch von den Vibrionien , wie bereits oben (S. 38j näher dargethan wurde. Dagegen müssen die Volvocinen, die bereits eine Zeit lang als Pflanzen behandelt wurden, aus den S. 37 angeführten Gründen wieder ihren Platz unter den Infusionsthieren einnehmen. Auch Claparede und Lachmann vertreten diese Ansicht. Von den 2i Familien der poh gastrischen Infusorien Ehrenberg's bleiben also nur die folgenden 19 als Be- stand der eigentlichen lnfusionsthiere übrig: 1) Monadina. 2) Cryptomonadina, 3) Volvocina (nach Ausschluss der Gattung Gyges und nach Beschränkung der Galtung Gonium auf G. pectorale) , 4) Hydromorina , 5) Astasiaea, 6) Dinobryina , 7) Cyclidina, 8) Peridinaea. 9) Vorticellina , 10) Ophrydina, 11) Enchelia (nach Ausschluss von Actinophrys und Trichodiscusj, 12) Colepina, 1 3) Trachelina, 1 4) Ophryocercina, 1 5) Aspidiscina, 1 6) Colpodea, 17) Oxytrichina, 18)Euplola. Hierzu kommen 1 9) die Acinetina (Acineta . Podophrya, Dendrosoma), von denen sich noch nicht mit Sicherheit sagen lässt, ob sie selbständige lnfusionsthiere oder ob sie nur Entwickelungs- stufen anderer Infusorienformen sind. An diesen Kreis von Formen schliessen sich alle späteren Entdeckungen leicht und ungezwungen an. Ein gemeinsamer Plan der Organisation zieht sich durch alle diese Formen hindurch und schliesst sie zu einer durchaus natürlichen Klasse des Thierreichs zusammen. Sie besitzen nämlich sämmllich äussere Wimpern, Stein, Organismus der lnfusionsthiere. ]4 54 wenn auch bisweilen (die Acinelinen) nicht für die ganze Lebenszeit, und ihre innere Organisation ist so einfach, dass man sie hiernach als Protozoen bezeichnen nniss. Folgender Character dürfte die Infusionsthiere genügend sowohl von allen andern Thieren. wie auch von den ihnen ahnlichen vegetabilischen Organismen unterscheiden. »Die Infusionsthiere sind mit äussern Wimpern ausgerüstete Thiere , deren homogenes, durchsichtiges,« »nie aus Zellen oder Zellenderivalen zusammengesetztes Körpergewebe wenigstens an gewissen Stellen willkühr- « »licher Contractionen und Expansionen fähig ist. Ein abgeschlossener Darmkanal und ein besonderes Verdauungs-« »organ fehlen ihnen gänzlich; desgleichen auch Muskeln und Nerven. Alle besitzen ein scharf umschriebenes« »inneres drüsenartiges Organ ohne Ausführungsgänge. den Nucleus. welcher wenigstens bei den höheren Formen« »entschieden als Forlpflanzungsorgan fungirt. Die meisten, vielleicht alle, sind mit inneren contraclilen Behältern« »versehen, welche sich abwechselnd aus der umgebenden Leibessubstanz, oft durch besondere zuführende Kanäle, « »mit einer wässerigen Flüssigkeit füllen und dieselbe dann wieder austreiben (wahrscheinlich direct oder mittelbar« »nach aussen). Ihre gewöhnlichste Fortpflanzung besteht in der freiwilligen Theilung, die jedoch noch nicht bei« »allen nachgewiesen ist. Wahrscheinlich gehen alle zeitweis durch Encystirung in einen ruhenden Zustand über,« »welcher auch die Erhaltung der Art sichert, wenn derselben die gewöhnlichen Lebensbedingungen mangeln.« Die Infusionsthiere gehören in den Kreis der Protozoen. Innerhalb desselben bilden sie eine eigene und zwar die am höchsten stehende Klasse. Zweiter Abschnitt. Lieber die Organisation der Infnsionsthiere im Allgemeinen. 1. Vom Körperparenchyin der Infnsionsthiere. Die Grundmasse, aus welcher der Infusorienkörper geformt ist, nennen wir das Körperparenchyin. Dieses besieht aus einer ganz gleichartigen, klaren, durchsichtigen, von sehr feinen Molecularkörperchen mehr oder weniger getrübten Substanz, welche auch mit den allerslärksten Vergrösserungen und bei Anwendung der verschiedenartigsten Reagentien keine Spur von Zusammensetzung aus bestimmt geformten und gruppirten Ele- menten erkennen lässt, also in Wahrheit amorph ist. Während sich der Körper aller andern, nicht in den Kreis der Protozoen gehörigen Thierformen aus Zellen aufbaut, die in verschiedenartige Gewebe von bestimmter physiologi- scher Wirksamkeit umgewandelt werden, zeigt das Parenchym der Infusorien und der Protozoen überhaupt niemals eine zellige oder auf Zellen zurückfuhrbare Slructur; ihr Körper ist zu keiner Zeit ihres Lebens ein Complex von Zellen. Hieraus folgt jedoch ganz und gar nicht, dass die Protozoen einzellige Organismen seien, wofür sie v. Siebold, Kölliker und nach ihnen verschiedene jüngere Forscher ausgegeben haben. Dazu sind die morphologischen Diffe- renzirungen, die im Körperparenchyin namentlich der höheren Infusionsthiere auftreten, viel zu eigenthümlich ; auch erreichen sie einen Grad von Complication, bis zu welchem eine blosse Zelle niemals fortschreitet. Das Parenchym der Infusionsthiere ist zwar eine völlig structurlose, aber darum doch keineswegs unter- schiedslose Substanz. Nicht nur bei den verschiedenen Infusorienformen zeigt das Parenchym ein sehr verschie- denes Verhalten hinsichtlich seiner Consistenz, sondern auch bei einer und derselben Art sind in der Richtung von aussen nach innen mehr oder weniger beträchtliche Unterschiede in der Dichtigkeit des Parenchyms wahrzunehmen. Stets besitzt wenigstens das Parenchym an seiner äussersten Gränze einen viel höheren Grad von Cohäsion und Resistenz, als weiter nach innen zu. Je weicher und nachgiebiger das gesammte Parenchym eines Infusionsthieres ist, und je weniger die äussern Schichten in der Dichtigkeit von den innern differiren, um so mehr kann der Körper seine Totalform verändern, sich lang ausrecken und bis zur Kugelform zusammenziehen, sich nach den verschie- densten Richtungen biegen, krümmen und winden. Wir wollen dergleichen Infusionsthiere im Allgemeinen als metabolische bezeichnen. Unter den metabolischen Infusionst liieren zeichnen sich viele noch dadurch aus, dass ihr Körper plötzlich aus dem Zustande seiner grössten Ausdehnung in den seiner grössten Verkürzung übergehen kann; diese unter- scheiden wir als schnei lende Infusionsthiere, z. B. Vorlicellinen, Ophrydinen, Stentor. Spirostomum ambiguum, Lacrymaria, Tracheiocerca. Das Schnellvermögen muss bei der Aufstellung von Gattungen berücksichtigt werden, und es können schnellende und nicht schnellende Formen nicht wohl in einer Galtung vereinigt bleiben. Dies lehrt recht augenfällig die Gattung Spirostomum; denn das nicht schnellende Spirost. virens unterscheidet sich auch durch andere Charactere, namentlich durch einen sehr entwickelten, im Innern wimpernden Schlund sehr wesentlich von dem schnellenden, schlundlosen Spirost. ambiginim. Aus der erstem Art bilde ich daher eine neue Gattung Clima- costomum. Den metabolischen Infusionsthieren stehen die formbeständigen gegenüber; ihr Parenchym hat bis zu einer mehr oder weniger beträchtlichen Tiefe eine viel grössere Consistenz und zähere Beschaffenheit, als das weiter nach innen zu gelegene Parenchym. Sie vermögen daher die Totalform des Körpers entweder gar nicht, oder doch nur in einem geringen Grade zu verändern; niemals kann sich der Körper lang ausstrecken und kugel- 14* 56 förmig zusammenziehen, noch können gegenüberliegende Rander der Körperperipherie einander bis zur Berührung genähert werden. Nur in seiner Totalitat vermag sich der Körper etwas zu krümmen und zu winden, auch wohl ein wenig zu strecken und zu verkürzen. Als Beispiele formbeständiger Infusorien nenne ich: Paramaecium, Ophryo- elena. Nassula, Pleuronema, Urocenlrum, Chlamydodon, Prorodon, Holophrya, Bursaria. Eine besondere Unterabtheilung der formbeständigen Infusorien bilden die gepanzerten Infusorien. Uuter diesem Namen begreife ich nur diejenigen formbeständigen Infusorien, bei welchen eine massig dicke Schicht des äussersten Parenchyms fast ganz starr und glasartig durchsichtig geworden ist und ihr selbstständiges Contractions- vermögen eingebiisst hat. Diese Schicht, der Panzer, kann nicht wohl ein Absonderungsproduct des gesammten Körpers sein, wie Colin annimmt 1 ); denn zwischen dem Panzer und dem innern contractu bleibenden Parenchym eiebt es keine sichtbare Gränze, beide gehen ganz allmahlig in einander über, und sie hangen so innig zusammen, dass sie weder durch mechanische Manipulationen , noch durch chemische Einwirkungen von einander gesondert werden können. Bei Anwendung von Essigsaure, die sich sonst so wirksam zeigt, wenn es sich um die Trennung innig verbundener Theile handelt, schrumpft der Körper der gepanzerten Infusorien unter den verschiedenartigsten Aufblähungen, Krümmungen und Verwerfungen des gesammten Parenchyms zusammen, niemals aber hebt sich der Panzer als ein für sich bestehendes Gebilde ab. Gepanzerte Infusorien sind z. B. Stylonychia, Euplotes. Aspidisca, Spirochona, Coleps, Peridinium. Prorocentrum und Cryptomonas. Zwischen den vier, nach der Beschaffenheit des Körperparenchyms von mir unterschiedenen Gruppen von Infusionsthieren giebt es keine scharfen Gränzen, sondern sie gehen durch zahlreiche Zwischenformen in einander über, und das Urtheil bleibt oft schwankend, ob man eine gegebene, Form in die eine oder andere Gruppe bringen soll. Es lässt sich daher die Beschaffenheit des Körperparenchyms nicht zu einem Haupteintheilungsgrunde der Infusionsthiere benutzen, wie von Ehrenberg und neuerlich wieder von Perty geschehen ist, sondern man wird davon höchstens bei Aufstellung der Gattungscharactere Gebrauch machen können. Eltrenberg unterschied nur zwei Kategorien von Infusionsthieren. die gepanzerten und die panzerlosen. Zu den gepanzerten rechnete er auch alle diejenigen Infusorien . welche entweder ein Gehäuse bewohnen, wie die Gattungen Vaginicola, Cothurnia, Trache- lomonas. Chaetoglena, Dinobryon und Lagenella, oder auf einer von dem Körper abgesonderten Gallerle aufsitzen, wie Ophrydium. oder von einer solchen umschlossen werden, wie die Volvocinen. Diese Gebilde können aber doch unmöglich mit dem Panzer identificirt werden, der stets einen integrirenden Bestandteil des Körpers, und nicht ein todtes Absonderungsproduct desselben darstellt. Als panzerlose Infusorien wurden alle übrigen metabolischen und die meisten formbeständigen Infusorien im engeren Sinne zusammengefasst. Abgesehen von diesen logischen Mängeln, leidet die Eintheilung der Infusionsthiere in gepanzerte und panzerlose auch noch daran, dass sich beide Gruppen noch immer nicht scharf genug von einander unterscheiden, sondern ganz unmerklich in einander über- gehen. So sehe ich z. B. nicht ein, warum die Gattung Stylonychia von Ehrenberg zu den panzerlosen Infusorien gestellt wird, da doch namentlich Stylonych. mytilus eben so entschieden gepanzert ist, als Euplotes charon. Bringt man aber Stylonychia zu den gepanzerten Infusorien, so muss man auch die nahe verwandte, wenn auch mit einem etwas biegsamen Körper versehene Gattung Kerona folgen lassen ; diese schliesst sich wieder ganz unmerklich an die Gattung Uroleptus an , und durch letztere werden wir ebenso allmahlig in die entschieden panzerlose Galtung Oxytricha hinübergefuhit. Ehrenberg rechnet ferner die Gattung Chlamydodon zu den gepanzerten Infusorien, ihr Parenchym ist aber nicht im mindesten von dem der Gattungen Paramaecium. Ophryoglena und Nassula verschie- den, die als panzerlos bestimmt werden. Perty-) (heilte die Infusionsthiere nach der Beschaffenheil des Körperparenchyms in drei Gruppen, nämlich in schnellende oder zuckende (Spasticaj , in beharrende Monima) und in formwechselnde (Metabolica). Zu den erstem werden die Vorticellinen und üphrydinen Ehrenberg's gerechnet; darunter befinden sich auch die nie schnel- lenden Urocenlrum turbo , Trichodina vorax und grandinella. Die zweile Gruppe umfasst nicht blos die wirklich formbeständigen, sondern auch sehr entschieden metabolische Infusorien, wie z. B. Trachelius, Amphileptus, Oxy- tricha, Stichotricha , Urostyla. In die drille Gruppe endlich sind nur die Gattungen Trachelocerca und Lacrymaria gebracht, die sich doch durchaus nicht hinreichend von den schnellenden Infusorien unterscheiden. Wie wenig die verschiedenen Modificationen des Parenchyms geeignet sind, zur Basis der Classification der Infusionsthiere zu die- nen, das lehrt das von Perty aufgestellte System. Nahe verwandte Formen, wie die Oxytrichinen und Euplotinen. lj Zeitschrift für wissenschaftliche Zoologie Band IV S. 259. — i, Perty »Zur Kennlniss kleinster Lebensformen.« S. 137. 141 u. 158. 57 ferner die Trachelinen und Opliryocercinen Perly's, werden weil von einander getrennt, und die heterogensten, wie Aspidisca und Coleps, Paramaeeium und Blepharisma folgen unmittelbar auf einander. An dem Parenchym mancher Infusionsthiere lassen sich namentlich durch künstliche Behandlung drei ver- schiedene Schichten unterscheiden, die aber ohne scharfe Glänzen in einander übergehen. Am leichtesten sind dieselben bei Vorticellinen, namentlich bei den Gattungen Epistylis und Opercularia, ferner bei Paramaeeium, Ophryoglena und verwandten Formen nachzuweisen. Behandelt man z. B. Opercularia nutans oder 0. rnicrostoma mit Essigsaure, so hebt sich im ganzen Umfange des contrahirlen Körpers eine kr\ stallhelle, völlig struclurlose, elastische, membranarlige Schicht ab, welche eine weit abstehende, bald ganz glatte, bald faltige Hülle um das übrige, die Form des contrahirlen Körpers beibehaltende Parenchym bildet und mit demselben nur am vordem und hintern Ende im Zusammenhang bleibt. Diese Schicht bezeichne ich ihrer Slructurlosigkeit svegen nach dem Vor- gange von Colin 1 ) alsCuticula. Andern innern contrahirlen Parenchym unterscheidet man ferner eine lichtere, keine körnigen Ablagerungen enthaltende, consistentere Aussenschicht, die eine ziemliche Mächtigkeit besitzt und eine schwache, der Oberfläche parallele Streifung zeigt. Diese Schicht ist das Rin denparenchy m ; ihre Streifung rührt wahrscheinlich daher, dass sie selbst wieder aus mehreren concentrischen, von aussen nach innen zu an Dichtigkeit abnehmenden Lagen zusammengesetzt ist. Den ganzen übrigen, vom Rindenparenchym umschlossenen Raum füllt continuirlich das breiartige Innen parenchym aus; es ist von körnigen Ablagerungen mehr oder weniger getrübt und schliesst die verschluckten Nahrungsmittel und deren Zersetzungsproducle ein. Schon an lebenden Thieren fällt das Innenparenchym durch seine grosse Nachgiebigkeit und Verschiebbarkeit auf; wir sehen Nahrungsstoffe in dasselbe eintreten und darin eine längere oder kürzere Strecke weit vermöge des ihnen durch das Spiel der äussern Wimpern ertheilten Impulses fortbewegt werden. Bei den Paramäcien verhalten sich die drei Schichten des Parenchyms folgendermaassen, wie man am leich- testen bei Paramaeeium bursaria sehen kann. Die ebenfalls nur durch Anwendung von Essigsäure für sich darstell- bare Culicula ist eine unebene, mehr einer aufgequollenen Gallerte, als einer scharf begränzlen Membran gleichende, krystallhelle Schicht, welche die Wimpern trägt und an der ganzen Oberfläche ein sehr regelmässiges, fein chagri- nirtes Ansehen zeigt. Das Rindenparenchym ist dadurch sehr markirt, dass es von zahllosen, dicht neben einander und auf der Cuticula nahebei senkrecht stehenden, starren, stabförmigen Körperchen durchsetzt wird, und dass in ihm dicht unter der Stäbchenschicht zahlreiche Chlorophyllkörner eingebettet liegen, welche die lebhaft grüne Farbe des Körpers verursachen. Die Spitzen der stabförmigen Körperchen lassen in der Cuticula feine punetförmige Ein- drücke zurück, und lediglich davon rührt das fein chagrinirle Ansehen derselben her, keineswegs aber von zwei," nach entgegengesetzten Richtungen spiralig um den Körper herumlaufenden und sich kreuzenden Liniensystemen, wie Colin glaubte 2 ) und ich selbst früher annahm 3 ). Mit Unrecfit bestritt Colin die stabförmigen Körperchen im Rindenparenchym; sie lassen sich durch Quetschen des Thieres ohne Schwierigkeit isolirt darstellen, und sind auch an lebenden Individuen , wenn man erst mit ihnen vertraut geworden ist, so leicht zu beobachten, dass man sich nur darüber wundern kann, wie wir sie bei unseren früheren Untersuchungen übersehen konnten. Das Innenparenchym von Param. bursaria hat dadurch ein ungewöhnliches, aber wie mir jetzt scheint, unverdientes Interesse erregt, dass dasselbe in einer unaufhörlichen Rotationsströmung begriffen ist, die zuerst von Focke*) bemerkt wurde und die man seitdem noch nicht genügend zu erklären vermocht hat. Bei dieser Er- scheinung ist besonders beachtenswert!), einmal, dass die äussersten, an das Rindenparenchym gränzenden Besland- theile des Innenparenchyms eine viel stärkere Rotation erfahren, als die inneren, welche nur wenig und regellos unter einander geschoben werden, aber keineswegs ein ganz ruhendes Mittelfeld bilden , und sodann, dass die Rotation unabänderlich in derselben Richtung erfolgt. Die rotirende Masse bewegt sich nämlich, wie zuerst von mir nachgewiesen wurde, auf der linken, längeren und gekrümmteren Seite des Körpers aufwärts, biegt dann im vordem Ende nach rechts um, steigt auf der rechten, kürzeren und gradereu Seite nach abwärts, und wendet sich dann im hintern Ende wieder nach links. Erwägt man nun, dass in der hintern Körperhälfte und zwar auf der rechten Seite der kurze trichterförmige Schlund liegt, dass dessen hinteres Ende nach links gekrümmt ist, und dass durch ihn unausgesetzt, auch wenn das Thier völlig still steht, ein kräftiger Nahrungsstrom in das Innenparenchym getrieben wird, der nur von den in der Nähe des Mundes stehenden Körperwimpern erregt zu werden braucht, so muss man in diesem Nalirungsstrome die Ursache der Rotation des Innenparenchyms erkennen; denn er erklärt I) Zeilschrift für wissenschaftliche Zoologie Band V. S. 420 — 28. — 2) F.bendaselbsl S. 424. — 3) Stein Die Iufusionsthiere. S. 239. — 4) Isis 1836. S. 786. S i e i ii , Organismus der lafusionsthiere. 1 -> 58 durchaus befriedigend die beiden Hauplmomente dieses Phänomens. Weil der Nahrungsstrom im hintern Ende des Körpers und zwar von der rechten Seile her in schiefer Richtung in das Innenparenchym tritt , so muss dieses beständig auf der linken Seite in die Hohe gelrieben werden , und weil der Nahrungsstrom gemäss der Lage des Schlundes dicht unter dem Rindenparenchym nur auf die äusserste Schicht des Innenparenchyms einwirkt, so müssen die äussersten Bestandteile desselben in eine stärkere Rotation versetzt werden, als die inneren. Zu Gunsten der eben vorgetragenen Erklärungsweise des Rotationsphänomens sprechen noch zwei andere Thatsaehen. Bei Paramaecium aurelia rotirt nämlich ebenfalls das Innenparenchym, jedoch minder energisch und conlinuirlich, als bei P. bursaria. Dies rührt offenbar daher, dass P. aurelia bei sonst ganz gleichem Körperbau beträchtlich länger und schmaler ist, als P. bursaria; der bei P. aurelia im hintern Drittel des Körpers eindringende Nahrungsslrom hat mithin den Widersland einer weil längeren Strecke vom Innenparenchym zu überwinden, als bei P. bursaria, seine Wirkung muss daher eine schwächere sein. Die zweite Thatsache ist die, dass, sobald sich im Innern der Paramaecien die voluminösen Keimkugeln entwickelt haben, aus welchen die Jungen hervorgehen, die Rotation des Innenparenchyms nicht mehr stattfindet ; der Fortbewegung desselben durch den Nahrungsstrom stellen sich jetzt die Keimkugeln entgegen. Die breiartige Beschaffenheit des Innenparenchyms und seine grosse Verschiebbarkeit hat neuerlich Lach- mann zu der Ansicht geführt 1 ), dass dasselbe nicht einen Theil des Körperparenchyms bilde, sondern dass es als Chymus zu betrachten sei, der den Inhalt einer grossen Verdauungshöhle oder eines Magens ausmache. Als Körper- parenchjm sieht Lachmann nur unser Rindenparenchym an, welches allein contractu sein soll, die Cuticula bezeichnel er, was gleichgültiger ist, als die eigentliche Oberhaut der Infusorien; dafür gilt sie auch uns. es wurde aber der Name Culicula vorgezogen, weil wir mit ihm die Vorstellung von einer slructurlosen Haut verbinden. LaehmawrCs Anschauungsweise ist bereits von Frey für eine sonderbare erklärt und mit mehreren triftigen Gründen bekämpft worden 2 ); auch ich muss mich gegen dieselbe auf das Entschiedenste aussprechen. Es ist bereits daraufhingewiesen worden, wie unmöglich es sei, selbst bei denjenigen Infusorien, an wel- chen wir durch künstliche Hülfsmittel drei verschiedene Schichten des Parenchyms zu unterscheiden vermögen, ganz bestimmte, scharfe Glänzen zwischen denselben anzugeben. Bei der grossen Mehrzahl von Infusionsthieren können aber überhaupt solche Schichten in keiner Weise mehr nachgewiesen werden. Schon bei den gepanzerten Infusorien bleiben wir zweifelhaft, ob wir den für sich nicht darstellbaren Panzer als eine verdickte, starr gewor- dene Cuticula, oder nicht vielmehr als ein Verschmelzungsproduct von Cuticula und Rindenparenchym aufzufassen haben, da ein besonderes Rindenparenchym absolut nicht zu unterscheiden ist. Bei den meisten metabolischen Infusorien, wie z. B. bei Stentor, Spirostomum , Urostyla, Amphileptus , Trachelius, und vielen formbeständigen, z. B. Bursaria, Prorodon, Chilodon, Chlamydodon, ist nicht einmal eine besondere Cuticula darzustellen, die wir doch hier, wie bei allen Infusorien, annehmen müssen, da die äusserste Gränzschicht des Körpers stets augenfällig resistenter ist, als das übrige Körperparenchym. Letzteres bildet bei den eben genannten Gattungen eine unter- schiedslose Masse, die nur von aussen nach innen zu ganz allmählig an Dichtigkeit abzunehmen scheint. Die Nah- rungsmittel werden nach allen Richtungen hin durch dieselbe geschoben, und sie streichen sehr häufig ganz nahe unter der äusseren Oberfläche hin. Wie kann man nun von einer Leibeshöhle der Infusionsthiere sprechen, wenn deren Gränzen bei den mei- sten absolut unbestimmbar sind, und wenn selbst in den wenigen Fällen, wo scheinbar eine Leibeshöhle vorhanden ist, diese nie für sich, sondern immer nur als ein continuirlich mit organischer Substanz erfüllter Raum beobachtet werden kann? Lachmann will die Zusammensetzung des Infusorienkörpers auf die des Polypenkörpers zurückführen; allein die Organisation des einfachsten Polypen (Hydra) ist denn doch noch sehr wesentlich von der der Paramäcien und Vorticellen verschieden. Bei den Polypen unterscheiden wir stets eine wahre, nach innen zu ganz scharf umschriebene und durch einen eigenen Epithelialuberzug vom übrigen Körperparenchym abgegränzte Leibeshöhle, die bald völlig leer ist, bald mehr oder weniger verdaute Nahrungssloffe enthält, aber niemals in der Art mit orga- nischer Substanz erfüllt ist, dass ihre Gränzen dadurch undeutlich oder gar völlig unangebbar würden. Wäre bei den Infusionsthieren eine mit Chymus erfüllte Leibeshöhle vorhanden , so müsste bei allen hin- länglich tief verletzten Individuen der Chymus herausfliessen und zuletzt die leere Leibeshöhle ihrem ganzen Um- fange nach übersehen werden können. Dies ist jedoch nie der Fall, wie man sich leicht überzeugen kann, wenn I) Müller's Archiv für Anatomie elc. 1856. S. 35S — 39. — 2) //. Frey Das einfachste thierische Leben. Zürich 1858. S. 43. 59 man z. B. eine grosse Stylonycliia inytilus, was nicht schwerhält, quer durchschneidet. Die Schnittfläche bleibt dann lange unverändert, es legen sich die Ränder derselben nicht etwa an einander, und doch fliesst gar keine Masse aus dem Innern heraus. Ebensowenig ist dies an zufallig verstümmelten Exemplaren anderer Oxytrichinen zu beobachten, die zu den alltäglichsten Erscheinungen unter dem Mikroscope gehören. Bei den meisten Infusorien, welche lebendige Junge gebären, z. B. bei Stylonycliia mytilus, Urostyla grandis, Paramaecium aurelia und P. bur- saria bilden sich ansehnliche, das ganze Parenchym bis zum Körpercentrum durchsetzende und an der äussern Oberfläche mit weiter Oeffnung ausmündende kanalartige Lücken, durch welche die im Innern entwickelten Jungen ausschwärmen (vergl. unsere Taf. VII, VIII und XIV). Auf diesem Wege miisste auch der Chymus, wenn er exi- stirle, herausfliessen; davon ist jedoch nie etwas zu beobachten. Lachmann fasste unser Innenparenchym auch deshalb als blossen Chymus auf, weil er an isolirten Parthieen desselben keine Contractionserscheinungen wahrnehmen konnte; aber an blossen Fragmenten des Rindenparen- chyms, in welches Lachmann allein den Silz des Contractionsvermögens verlegt, sind ebenfalls keine Contractionen und Expansionen zu beobachten , sondern immer nur an grössern , noch von der Cuticula zusammengehaltenen Körperstücken. Die Thatsache, auf welche sich Lachmann beruft, dass nämlich eine Stylonychia , deren innerste Parenchymmasse von einer Acinete ausgesogen worden war, sich noch bewegte und den begonnenen Theilungs- prozess vollendete, beweist nicht entfernt, dass das Centrum der Stylonychien aus blossem Chymus bestehen müsse, sondern sie lehrt nur, dass der Körper auch nach Verlust eines beträchtlichen Theils seiner innern Paren- chymmasse sein Contractionsvermögen und seine Lebensfähigkeit noch nicht eingebüsst hat. Es giebt aber auch Thatsachen, welche unzweideutig lehren, dass das breiartige Innenparenchym der Infu- sorien mit selbstständiger Contractilität begabt sein müsse. Die gepanzerten Infusionsthiere können ihren Körper nicht von allen Punclen der Peripherie her senkrecht zur Längsaxe zusammenziehen , die verschluckten Nahrungs- mittel müsslen mithin z. B. bei den Euplolen und Stylonychien, denen ein besonderer Schlund abgeht, in der Nähe des Mundes im Parenchym liegen bleiben; sie rücken aber nach und nach weiter, theils vorwärts, theils rückwärts. Freilich werden sie nicht selten von nachfolgenden Nahrungsmassen gedrängt, aber auch ohne dass dies geschieht, wandern alle verschluckten Stolle mit der Zeit immer weiter nach hinten. Ganz isolirt im Parenchym liegende Kör- perchen sieht man bei völlig stillstehenden Individuen plötzlich aus ihrem Ort verdrängt werden, was sich nur durch die Annahme erklären lässt, dass dem Innenparenchym ein selbstsländiges Contractionsvermögen zukommt. Ferner kann man bei den Vorlicellinen sich sehr leicht überzeugen, dass, während der Körper vollkommen ruhig ausgestreckt bleibt, unverdauliche Stoffe aus dem Centrum des Körpers sich nach vorn bewegen, ohne von nach- folgenden Nahrungsballen geschoben zu werden , und so zuletzt nach der Stelle gelangen , an welcher sie nach aussen entleert werden ] ). Ich verkenne nicht, dass es auf den ersten Anblick etwas Paradoxes hat, einer äusserst verschiebbaren breiartigen Substanz, deren Continuität jeden Augenblick durch zwischen dieselbe tretende fremde Körper unter- brochen werden kann, ein gemeinsames Contractions- und Expansionsvermögen zuzuschreiben; allein man über- sehe doch nicht, dass diese Substanz nicht isolirt im Cenlrum des Infusorienkörpers liegt, sondern dass sie mit dem äussern dichtem Parenchym innig verwebt ist und in diesem, so zu sagen, ihre Wurzeln hat. Und sind denn etwa die völlig sicher conslatirten Erscheinungen am Parenchym der Rhizopoden anderer Art und weniger wunderbar? Nichts ist bei diesen Thieren gewöhnlicher, als getrennte Theile des Körperparenchyms wieder zusammenfliessen und als einheitliche Masse wirken zu sehen. Wollen gewisse Rhizopoden, z. B. Actinophrys, Nahrung aufnehmen, so weicht an einer beliebigen Stelle der Körperoberfläche das Parenchym aus einander, umfasst den zu verzehrenden Körper und schliesst sich rings um denselben wieder zusammen. Die getrennt aus dem Rhizopodenkörper hervor- tretenden und sich vielfach verästelnden Pseudopodien verbinden sich leicht unter einander in querer Richtung durch zahlreiche Substanzbrücken. Letztere dehnen sich oft zu umfänglichen Platten aus, von denen wieder, wie aus dem eigentlichen Körper, besondere Pseudopodien ihren Ursprung nehmen. Um fremde Körper, die als Nahrung verwendet werden sollen, fliesst die Substanz der Pseudopodien ebenfalls plattenförmig aus einander, bis ein solcher Körper ganz eingehüllt ist 2 ). Wahrlich nach solchen Erfahrungen muss auch das letzte Bedenken schwinden, welches gegen die Annahme, dass die innerste Masse des Infusorienkörpers zum Parenchym gehöre und contractu sei, gel- tend gemacht werden könnte. Wir werden demnach dem Körperparenchym der Infusionsthiere den fundamentalen I) Vergl.: Stein Die Infusionsthiere Tat II. Fig. 10. A'. i. — 2) Vergl. Max Schultze: Ueber den Organismus der Polylhalamien S. 17 und Taf. I. Fig. I. 15* 60 Character beizulegen haben, dass dasselbe den gesammten Raum des Körpers continuirlich erfüllt, und dass es das Bestreben besitzt, die durch fremde Korper unterbrochene Continuilat wieder herzustellen, sobald dieselben ver- drängt worden sind. Auch das chemische Verhalten lehrt , dass das gesammte Körperparenchym der Infusionsthiere nach Abzug der Cuticula eine untrennbare, unterschiedslose Einheit bildet. Man kann sich davon am leichtesten bei den Vorti- cellinen überzeugen 1 ;. Behandelt man den Körper z. B. von Vorticella. Carehesium, Zoothamnium, Epistylis, Oper- cularia mit Jodtinctur, so färbt sich das gesammte Parenchym tief goldgelb, nur die Cuticula bleibt farblos. Ganz ahnlich ist die Wirkung von Salpetersäure , nur färbt sich das Parenchym weniger intensiv goldgelb. Tränkt man den Körper mit einer concentrirten Zuckerlüsung, so schrumpft er ausserordentlich zusammen, quillt aber beim Zusatz eines Tropfens Schwefelsäure noch über seinen ursprünglichen Umfang auf; das Parenchym färbt sich tief rosenroth . die Cuticula aber bleibt ebenfalls farblos. Kalte Salpeter- und Salzsäure und kalte Kalilauge greifen die Cuticula nicht an ; werden aber diese Flüssigkeiten im kochenden Zustande angewendet . so wird die Cuticula auf- gelöst. In concentrirter Schwefelsäure quillt die Cuticula sehr schnell auf und löst sich zuletzt vollständig auf. Aus diesen Reactionen folgt, dass die Cuticula aus einem der Cellulose und dem Chitin nahe verwandten Stolle bestehen muss und dass das gesammte übrige Parenchym eine Proteinverbindimg ist. Die äussere Oberfläche des Körpers vieler Infusionsthiere ist mit seichteren oder tieferen , gleich weit von einander entfernten und meist sehr dicht auf einander folgenden Furchen versehen, die mit mehr oder weniger erhabenen Zwischenräumen abwechseln. Sie verlaufen entweder der Länge nach von einem Ende des Thieres zum andern, z. B. bei Prorodon, oder ziehen sich in schräger Richtung zur Längsaxe rings um den Körper herum, indem sie mehr oder weniger genau weit ausgezogene Spirallinien um die Längsaxe des Thieres beschreiben, z. B. bei Loxodes rostrum. Nicht selten kommen zwei nach entgegengesetzten Richlungen verlaufende und sich daher kreu- zende Systeme von spiralen Furchen vor. z. B. bei Spirostomum ambiguum und Trachelocerca. Manche Infusions- thiere zeigen zwei ganz verschiedene und nicht in einander übergehende Systeme von Furchen, z. B. Stentor und Spirostomum virens; andere besitzen nur auf einem Theil der Körperoberfläche, welche dann immer die untere ist, Furchen, z. B. Chilodon, Chlamydodon und Scaphidiodon. Da die erhabenen Zwischenräume zwischen den Furchen in der Regel dicht bewimpert sind , so scheinen die Wimpern reihenweis angeordnet zu sein , was jedoch streng genommen nicht der Fall ist. Bei manchen Vorticellinen, z. B. Epistylis digitalis. Opercularia berberina, ist der Körper auch im Zustande vollkommener Expansion häutig mit sehr dicht auf einander folgenden und zarten ringförmigen Furchen versehen. Die Körperoberfläche der gepanzerten Infusorien ist meist ganz glatt, sie zeigt aber grosse Nei- gung zur Entwickelung scharfkantiger vorspringender Leisten und flugeiförmiger oder dornartiger Fortsätze ; der- gleichen linden sich z. B. bei Euploles und Aspidisca. Bei einigen Infusorien treten in Folge partieller Verdickung der Cuticula ganz starre, hakenförmige Fortsätze zum Anklammern auf. nämlich bei Opalina uncinata 2 ; und Opal. armata 3 ). Noch auffallender ist der Haftapparat von Trichodina pediculus und Tr. mitra 4 :; er besteht aus einem starren, das hintere abgestutzte Ende des Körpers einnehmenden , uhrrädchenähnlichen Hornringe, von dem eine ebenfalls hornarlige, aber sehr biegsame und feine quergestreifte ringförmige Membran ausgeht, die die Form eines Saugnapfes annehmen und auch als solcher fungiren kann. Bei Opalina secans . einer neuen, langen, im Darmkanal verschiedener Naidinen lebenden Species , entwickelt die Cuticula eine schneidende, hornarlige Längs- leiste, welche sich vorn vordem Körperende mehr oder weniger weit nach rückwärts erstreckt. '1 Von den stabförmigen Körperchen im Parenchym der Infusorien. Unmittelbar unter der Cuticula finden sich bei einer massigen Anzahl von Infusionsthieren eigenlhümliche, starre, stabförmige Körperchen, welche in transversaler Richtung die äusseren Schichten des Parenchyms durch- setzen. Sie wurden von Ehrenberg im Jahre I 832 bei Bursaria vernalis entdeckt und sehr kenntlich abgebildet und beschrieben 5 ). »Die Wimpern,« sagt Ehrenberg in der Erklärung der Abbildungen, »sind bei dieser Form sehr 1) Vergl. Stein Die Infusionsthiere S. 8 1 . — i) M. Schnitze Beilrage zur Naturgeschichte der Turbellarien. Greifswalde 1851. S. 68. Taf. VII. Fig. 8.9. — 3) Stein Die Infusionsthiere S. 185. Tai' V. Fig. 24. — 4) Ebendaselbst S. \ 74— 75. Taf. VI. Fig. 54 — 57. "> AbhandJ. der Berliner Acad. von 1833. S. 236 und S. 324. Taf. III. Fig. 4. d. 61 stark und dazwischen liegen kleine prismatische Stäbchen in der Körpersubstanz, wie die von mir neuerlich ent- deckten Krystalle bei Fröschen und Fischen.« Im Text heisst es: »Verdunstet der Wasserlropfen , welcher das Thierchen auf dem ObjecUräger des Mikroscopes enthält, so bleibt dasselbe ruhig liegen, wird immer breiter und fangt, ohne im Wirbeln aufzuhören, an sich aufzulösen. Es berstet an irgend einer Stelle und man sieht dann, wahrend der Inhalt ausfliesst, die gallertige Haut des Körpers mit den Wimpern wie mit lauter feinen Nadeln und Stabchen belegt.« Im grossen Infusorienwerke wird in der Beschreibung von Bursaria vernalis S. 329 nur ganz kurz erwähnt, dass der Körper mit prismatischen kleinen Stabchen durchwirkt sei. und die altern Abbildungen werden einfach reproducirt. Ehrenb&rg's Entdeckung blieb ohne weitere Folgen, bis 0. Schmidt im Jahre 1849 die slabförmigen Kör- perchen wieder zur Sprache brachte; er beobachtete sie bei Bursaria leucas. Paramaecium aurelia und P. caudatum und verglich sie sehr treffend mit den stabförmigen Körperchen im Parenchym der Turbellarien l ). Schmidt wird daher gewöhnlich für den Entdecker dieser Gebilde bei den Infusionsthieren ausgesehen, aber mit Unrecht, wie die vorstehenden Stellen aus Ehrenbery's Schriften beweisen. Im Jahre 1855 besiatiglo Allmann das Vorkommen der stabförmigen Körperchen bei Bursaria leucas. deutete sie aber als Nesselorgane, weil er beobachtet haben wollte, dass bei Zusatz von Essigsäure aus der Spitze der stabförmigen Körperchen ein feiner Faden hervortrete 2 ). Im folgenden Jahre fügte Lochmann zu den bereits bekannten Fallen noch Paramaecium bursaria und die Gattung Ophryoglena hinzu, auch bemerkt dieser Forscher, dass er in Gemeinschaft mit Claparede bei einem acinetenartigen auf Campanularien schmarotzenden Thiere dickere, den Nesselorganen der Campanularien täuschend ähnliche Kör- perchen beobachtet habe 3 ). Ich selbst habe die stabförmigen Körperchen bei Bursaria leucas und B. vernalis. Ophryoglena atra und 0. acuminata, Paramaecium aurelia und P. bursaria, Pleuronema chrysalis Dujard., Nassula ornata, Cyclogramma rubens Pertij, Urocentrum turbo, Trachelius ovum, Amphileptus anser, A. meleagris und A. lon- gicollis angetroffen und darüber im Jahre 1856 auf der Nalurforscherversammlung in Wien einen Vortrag gehalten, in welchem ich die stabförmigen Körperchen als Tastkörperchen deutete 4 ). Diesem Namen gebe ich auch jetzt noch vor andern Bezeichnungen den Vorzug, da ich mich noch immer nicht habe überzeugen können, dass die in Rede stehenden Gebilde den in andern Thierklassen vorkommenden Nesselorganen entsprechen, wohl aber glaube ich eine Beziehung derselben zum Tastsinn nachweisen zu können. Die Tastkörperchen sind sehr scharf contourirte , gerade, starre Stäbchen, die sich nach beiden Enden hin mehr oder weniger scharf zuspitzen , mithin sehr langgezogene spindelförmige Körperchen darstellen. Sie bestehen durch und durch aus einer ganz homogenen, farblosen, glasartigen Substanz, und es lässt sich an ihnen keine Spur von einer centralen Höhle erkennen. Ihre Länge beträgt bei Bursaria leucas und Nassula ornata , wo ich sie am entwickeltsten fand, -j-^tj- bis höchstens x-g-ö". Isolirt man sie durch Zerquetschen des Thieres. so quellen sie bald nachher auf, besonders wenn viel Wasser hinzutritt, sie werden immer blasser und alldeutlicher, fangen an zu zer- fliessen und verschwinden zuletzt spurlos. Noch viel schneller lösen sie sich in Essigsäure auf. In allen diesen Eigenschaften stimmen sie ganz und gar mit den slabförmigen Körperchen der Turbellarien überein, die uns M. Schnitze geschildert hat 3 ), entfeinen sich dagegen weit von den hei Polypen, Quallen, Würmern und Mollusken zu beobachtenden Nesselorganen. Letztere werden weder von Wasser noch Säuren aufgelöst und enthalten stets eine Höhle, die mit einer terminalen Oeffnung versehen ist, durch welche der im Innern erzeugte Nesselfaden hervortritt. Mir ist es nie möglich gewesen, ungeachtet ich diesem Gegenstande meine angestrengteste Aufmerksamkeil widmete, und obgleich mich seit langer Zeit eigene Untersuchungen mit allen Formen der Nesselorgane bei Uydroi- den und Würmern vollkommen vertraut gemacht haben, an lebenden Infusionsthieren aus den Tastkörperchen Fäden hervortreten zu sehen. Eben so wenig vermochte ich an den unzählige Male von mir isolirten Tastkörperchen irgend eine Spur eines faden- oder borstenartigen Fortsalzes zu beobachten. Ich kann daher Allmann nicht beistimmen, dass die Tastkörperchen Nesselorgane sein sollen. Leider kenne ich Allmann's Arbeit über Bursaria leucas nur aus dem kurzen Referate von R. Leuckart 6 ,, daraus scheint mir aber hervorzugehen, dass Allmann, wie auch Leuckart, () Froriep's Notizen von 1849. Band IX. p. 5 und 0. Schmidt Handbuch der vergleichenden Anatomie. Jena 1849. S. 75. — 2) Report of British Association (855. p. (05 und Quarlerly Journal of raicroscop. Society (855. No. XI. p. 177. — 3) Müller' s Archiv (856. S. 358. — 4) Tageblatt der 32. Versammlung deutscher Naturforscher und Aerzte in Wien (856. No. 3. S. 55. Das Referat ist sehr ungenau und theilweis unrichtig. — 5) Beiträge zur Naturgeschichte der Turbellarien S. (4. — 6j Wiegmanns Archiv für Natur- geschichte 1856. S. 433 — 34. Stein, Organismus der infusionslliiere. jß 62 der sich für Allmann' s Ansicht ausspricht, nur dieselbe Erscheinung beobachtet habe, auf die ich schon in meiner Beschreibung von Paramaeciura bursaria ') aufmerksam machte. Behandelt man nämlich Par. bursaria, Ophryoglena atra und acuminata und Bursaria leucas mit concentrirter Essigsaure , so treten im ganzen Umfange des Körpers lange borstenförmige, theils gekräuselte, theils geknickte und regellos durch einander gewirrte Faden hervor. Diese sind wahrscheinlich für die hervorgeschnellten Nesselfaden gehalten worden ; allein es lässt sich nicht beweisen, dass sie von den Tastkörperchen ausgehen , da letztere nach der Einwirkung von Essigsaure verschwunden sind. Wären die langen Borsten wirklich Nesselfäden, so müssten doch ausserdem auch noch die Körperwimpern zu unterscheiden sein, da dies aber nicht der Fall ist, so kann ich in ihnen nur die widernatürlich verlängerten Körper- wimpern erkennen. Bringt man die genannten Infusionsthiere durch Einwirkung sehr verdünnter Essigsäure ganz allmählig zum Absterben, so behalten die Wimpern ihre normale Länge, und es treten zwischen ihnen durchaus keine längern Fäden hervor, was docli gewiss geschehen würde, wenn die Tastkörperchen Nesselorgane wären. Dass bei den Infusionsthieren auch wirkliche Nesselorgane vorkommen können , will ich nicht in Abrede stellen; schon die oben erwähnte Beobachtung von Lachmann und Claparede scheint dafür zu sprechen, und es wird mir dies auch nach einer eigenen Beobachtung sehr wahrscheinlich, die ich an einem in der Ostsee bei Wismar aufgefundenen Thiere anstellte , welches in seiner gesammten Organisation die grösste Uebereinslimmung mit Am- phileptus meleagris des süssen Wassers zeigte. In dem Halstheile dieses Thieres und zwar in dem convexen Seiten- rande lagen nämlich nahe hinter einander, so wie auch zerstreut im ganzen übrigen Bande des Körpers, transversal gestellte, den Tastkörperchen sehr ähnliche, aber etwas dickere, länglich ovale Stäbchen, von welchen ich bei meh- reren Individuen, die in voller Lebensthätigkeit waren, eine die Körperwimpern um das Doppelte überragende, gradausgestreckte Borste ausgehen sah. Mit noch grösserer Aufmerksamkeit untersuchte ich nun den Amphileptus meleagris der süssen Gewässer, aber ich fand hier immer nur die gewöhnlichen Tastkörperchen, und niemals konnte ich über die Wimpern hinausragende Borsten wahrnehmen. Die Tastkörperchen durchsetzen von der Culicula aus bald in senkrechter, bald in mehr oder weniger schräger Bichtung das Bindenparenchym und liegen meist gleichweit entfernt und sehr dicht neben einander; sie bilden zusammen immer nur eine einzige Schicht, nie stehen von aussen nach innen zu mehrere Tastkörperchen hinter ein- ander. Ganz gleichförmig im ganzen Umfange des Körpers vertheilt und dicht gedrängt neben einander stehen die Tastkörperchen bei Paramaecium aurelia (wovon ich P. caudatum nicht als besondere Art zu trennen vermag), Par. bursaria, Pleuronema chrysalis. Ophryoglena atra und 0. acuminata, Cyelogramma rubens, Bursaria leucas, und Urocentrum turbo. Wird bei der Beobachtung eines dieser Thiere das Mikroscop so eingestellt, das nur der mittlere Theil der Körperoberfläche im Focus des Instrumentes liegt, so zeigt dieser ein fein chagrinirtes Ansehen, weil jetzt nur die Spitzen der Tastkörperchen gesehen werden. Bei tieferer Einstellung bleibt der Anblick in der Mitte im Wesentlichen derselbe, weil hier nur die Querschnitte der Tastkörperchen zur Ansicht gelangen können, nach aussen zu aber treten die Tastkörperchen als ungleich lange, radiale oder centrifugale Strichelchen auf, die um so länger werden, je mehr man sich dem Bande nähert. Gelangt man endlich bis zur mittlem horizontalen Durch- schnittsebene des Thieres, so übersieht man die Tastkörperchen unverkürzt ihrer Länge nach; sie erscheinen nun als ein den ganzen Band des Körpers säumendes, aus gleich langen queren Sirichelchen zusammengesetztes Band. Bei Nassula ornata finden sich die sehr ansehnlichen Tastkörperchen zwar auch im ganzen Umfange des Körpers, sie sind aber viel weiter aus einander gerückt und unregelmässiger vertheilt, indem sie theils in kleinen Gruppen beisammen liegen, theils ganz vereinzelt stehen. Sie wurden bereits im Jahre 1832 von Ehrenberg 2 ) unter- schieden, aber irrthümlich für stärkere, zwischen den gewöhnlichen Wimpern stehende Borsten gehalten, obgleich bemerkt worden war, dass sie beim Zerlliessen des Thieres »wie kurze Nadeln« erscheinen. Amphileptus anser, womit A. margaritifer zu vereinigen ist. besitzt feine borstenförmige, regellos und vereinzelt im ganzen Körper zer- streut liegende Tastkörperchen, ausserdem aber noch eine sehr scharf markirte Zone dicht hinter einander liegender borstenförmiger Tastkörperchen, welche sich an dem gewöhnlich convexen Seitenramie des langen, plattgedrück- ten, sehr beweglichen Halses von der Spitze desselben bis zu dem an seiner Basis gelegenen Munde herabzieht. Bei der Flächenansicht des Halses erscheinen die Tastkörperchen als feine transversale Streifung des ganzen vor dem Munde gelegenen Seitenrandes; ist aber die Kante dieses Seitenrandes dem Beobachter zugekehrt, so sieht man auf derselben einen schmalen, aus sehr feinen Pünclchen zusammengesetzten Streifen von der Spitze des Halses I) Stein Die Infusionsthiere S. 240. - - 2) Abhandl. I . ii. Die Arten der Galtung Euglena sind noch nicht befriedigend festgestellt; Focke geht aber in der Zusammenziehung der Ehrenberg' sehen Arten offenbar zu weil. Nach ihm soll auch Amblyophis viridis nur eine Entwickelungsform von Euglena viridis sein. — 3) Vergl. Stein »Die Infusionsthiere« Taf. I. Fig. I. g. Taf. II. Fig. f . i. Taf. V. Fig. 31. h 17* 68 Zerquetschen der Thiere überzeugt. Ob die Körnchen Fettkörnchen sind, lasse ich dahin gestellt sein; ein grösseres centrales Korn ist niemals zu beobachten. Zu demselben Ergebniss ist auch bereits Lieberkühn gelangt 1 ). Dem von diesem Forscher hei Ophryoglena flavicans und Bursaria flava entdeckten uhrglasförmigen Organe 2 ) , welches ich bei dem letzteren Thiere aus vielfacher eigener Anschauung kenne, dürfte wohl kaum eine tiefere Bedeutung zukom- men. Auffallend ist allerdings sein constantes Vorkommen und seine in allen Individuen sich sehr gleich bleibende Gestalt. Das uhrglasförmige Organ von Burs. flava zeigte sich mir als ein sehr kleines, dunkel contourirtes, hyalines Napfchen mit sehr dickwandigem Boden . dessen Querdurchmesser seilen mehr als T -f^" betrug ; es lag stets dicht neben dem Munde, an der obern Wand des kurzen, weiten Schlundrohres und kehrte die offene, concave Seite nach oben und vorn. Der optische Eindruck des uhrglasförmigen Organs ist ganz und gar der von gewöhnlichen Fettkörnern , wie sie in seiner unmittelbaren Umgebung vorkommen, ja in gewissen Lagen ist es von solchen gar nicht zu unterscheiden. Wahrend es im Profil gesehen einer planconvexen, von der planen Seite her seicht aus- gehöhlten Linse gleicht, erscheint es bei der Ansicht auf die letztere wie ein rundes, von doppelten Contourlinien eingefassles Fettkorn. Bei Öxytricha pellionella ist das centrale, in dem vordem und hintern Körnchenhaufen gele- gene grosse Feltkorn, abgesehen von dem hellen Hofe, von dem es umgeben ist, meist auch von doppelten Contour- linien begranzt ; vielleicht ist es auch von der einen Seite her etwas ausgehöhlt. Nicht selten treten im Parenchym der Infusorien und zwar meist an Stellen, wo sich weniger dichte körnige Ablagerungen finden, isolirte, grosse und sehr dunkel contourirte Fetlkugeln auf, welche von einem mehr oder weniger weit abstehenden hellen Hofe eingefasst sind. Am häufigsten sind dergleichen Fettkugeln, welche einiger- maassen einem Gehörbläschen mit einem Otolithen ähneln , im vordem und hintern Körperende von Stylonychia mytilus zu beobachten (vergl. Taf. VI. Fig. I — 3. f. f. und Taf.VIIl. Fig. 3. 4. fij. Man kann hier aber auch leicht alle Uebergänge von gewöhnlichen Fettkörnern zu solchen mit einem ganz schmalen Hofe bis zu den grössten Kugeln mit weit abstehendem Hofe verfolgen. Der helle Hof rührt höchst wahrscheinlich daher, dass die Fettkugel an der Peripherie in der Schmelzung begriffen ist; das aufgelöste Fett vermag sich nicht sofort mit dem wasser- haltigen Parenchym zu mischen , es häuft sich einstweilen rings um die Fettkugel an und wird dann nach und nach von dem benachbarten Parenchym aufgenommen. Ganz ähnliche , von einem weit abstehenden Hole eingefasste. sehr dunkel contourirte Kugeln iinden sich in grösserer oder geringerer Anzahl bei Loxodes rostrum ; sie liegen hier in einer Reihe parallel dem convexen Rückenrande des Thieres und im vordem Unde meist dicht hinter einander. Joh. Müller machte zuerst auf sie aufmerksam 3 ;; er beschrieb sie als eigene blasenartige Organe mit centralen, run- den Körperchen, was sie sicherlich nicht sind. Hin und wieder kommen endlich im Parenchym auch kleine, eckige, spröde, dunkelgerandefe, durchsichtige Körperchen vor. die sehr unentwickelt gebliebenen Krystallen ähnlich sehen. Sie fehlen bei Paramaecium aurelia fast nie und liegen regellos im ganzen Körper zerstreut; im vordem und hinlern Körperende sind sie meist in grös- serer Anzahl und in kleinen Gruppen zusammengehäuft vorhanden. Bei Param. bursaria sah ich sie mit den Excre- menten nach aussen entleert werden. Auch bei Euplotes charon und manchen andern Infusorien sind sie eine gewöhnliche Erscheinung; vielleicht stellen sie eine Art Hnrnkörperchen dar. — Bei Polytoma uvella finden sich nach den Untersuchungen von A. Schneider 11 ) bald nur im hintern Körperende angehäuft, bald durch das ganze Parenchym massenhaft vertheilt dunkelcontourirle Körnchen, die beim Zusatz von Chlorzinkjod etwas zerfliessen uud sich schön blau färben. Diese amylonartigen Körper, welche nicht von aussen aufgenommen zu sein scheinen, verwandeln sich zuweilen in ein blaues, indigofarbiges Pigment. 4. Von den Bewegungsorganen und der darauf zu gründenden Eintlieilung der lnfusionstlüere. Das allgemeinste und wesentlichste Locomolionsorgan der Infusorien , durch welches oft ganz allein die Ortsveränderungen vermittelt weiden , sind die Wimpern. Unter diesem Namen begreifen wir sämmtliche von der Culicula und deren nach innen sich erstreckenden Fortsetzungen entspringende, linear- conische Fortsätze, I) Müllers Archiv 1856. S. ii — 23. - - 1) Ebendaselbst S. 22. — 3) Monatsberichte der Berliner Acaderaie 1856. S. 389. — i ! Schneider Beitrüge zur Naturgescli. der Infusorien. Müllers Archiv 1854. S. 193. 69 welche schnell hinter einander in schwingende oder wirbelnde Bewegung verselzt werden können. Die Wimpern bieten hinsichtlich ihrer relativen Lange und Dicke bei den verschiedenen Infusorienformen die auffallendsten Ver- schiedenheiten dar; sie erscheinen bald als ganz feine Härchen, bald als längere oder kürzere, stärkere oder schwächere Borsten , bald als dicke, gerade, geschlängelte oder hakenförmig gekrümmte Griffel, bald als lange Geissein. Scharf begränzle Arten von Wimpern lassen sich jedoch in keiner Weise aufstellen; die extremsten For- men gehen durch zahllose Zwischenglieder allmahlig in einander über. Im Allgemeinen lässt sich nur sagen, dass die Wimpern um so zartere Härchen sind, je dichter sie zusammengedrängt stehen; je zerstreuter sie auftreten, um so mehr nehmen sie die Form von Borsten und Griffeln oder von Geissein an. Die geisselartigen Wimpern sind allein auf die niederen, monadenähnlichen Infusorien beschränkt; die bor- sten-, haken- und griffel förmigen Wimpern kommen vorzüglich bei ihn Familien der Oxytrichinen , Euplotinen und Aspidiscinen vor. Auch die lediglich auf einzelne kranzförmige oder spirale Zonen beschränkten Wimpern der Vor- licellinen. Ophrydinen und Trichodineen sind meist langhaarig bis borstenfönnig, ja bisweilen selbst griffel form ig, wie namentlich bei manchen im Meere lebenden Arten der Gattung Halferia Duj. Die übrigen Infusionsthiere sind entweder nur mit sehr feinen und dichtstehenden Wimpern versehen, oder sie besitzen ausser diesen noch eine Zone längerer borslenförmiger Wimpern, welche stets am Munde endigt und demselben die Nahrungssloffe zutreibt. Ich werde die Wimpern dieser Zone als ad orale Wimpern bezeichnen. Die feineren Körperwimpern sind an lebenden filieren oft sehr schwer direct zu beobachten, bringt man die Thiere aber sehr allmahlig durch Zusatz von verdünnten Säuren, namentlich von schwacher Essigsäure oder von verdünnter Jodtinctur zum Absterben, so wird man sich stets, wenn auch nicht gleich beim ersten Versuche, selbst die kürzesten und zartesten Wimpern zur Anschauung bringen. Wendet man zu starke Reagentien an, so schrumpfen die Wimpern entweder bis zur Unkenntlichkeit zusammen, oder sie dehnen sich auch wohl übermässig aus. Ohne genaue. Kenntniss der Bewimpeiungsverhältnisse bleibt die Bestimmung vieler Infusorien, namentlich solcher, die sonst keine auffallenden äussern Merkmale besitzen, durchaus unsicher, und noch weniger vermag man einem Infu- sionsthier, dessen Bewimperung nicht genügend erforscht ist, einen bestimmten Platz im Systeme anzuweisen. Aus diesem Grunde ist mit den meisten Darstellungen , welche die altern Forscher von den von ihnen beobachteten Infusorienformen gegeben haben, so wenig anzufangen, selbst Ehrenberg's Abbildungen lassen in Bezug auf die Bewimperung der Infusorien noch sehr viel zu wünschen übrig. Es sind nicht blos die feineren Körperwimpern oft übersehen worden, z. B. bei den Gattungen Enchelys, Trichoda, Lacrymaria. Trachelocerca, Phialina und sonst bei einzelnen Arten, sondern auch die Zahl und Stellung der grobem Wimpern ist meist sehr unvollständig oder geradezu falsch angegeben, wie wir namentlich bei den Oxytrichinen und Euploten sehen werden. Noch viel mangelhafter hat Perlt/ die Bewimperung dargestellt. Ehrenberg wollte vier verschiedene Arten von Bewegungsorijanen bei den Infusorien unterscheiden 1 ), näm- lich Wimpern (ciliae), Borsten (setae;, Griffel (styli) und Haken (uncinij; die geisselartigen Wimpern sah er für Rüssel an. Die Wimpern wurden als wirbelnde, auf einer zwiebelarlig verdickten Basis sitzende Haare bestimmt, welche entweder mit der Zwiebelbasis ein Continuum bilden otler in dieselbe eingelenkt sein sollten und daher von ihr abfallen könnten. Eine geringe schwankende Bewegung der Zwiebelbasis in ihrer Gelenkpfanne oder um ihren Befestigungs- punet. welche Ehrenberg durch die Annahme von je zwei mit der Basis in Verbindung stehenden Muskeln erklärbar fand soilte die Ursache der Wirbelbewegung sein und bewirken , dass die Spitze der Wimpern fortwährend sehr schnell einen grösseren Kreis beschreibe. Unter Borsten wurden den Wimpern ähnliche steife bewegliche Haare verstanden, die nicht zum Wirbeln, sondern nur zum Stützen und Klettern verwendet würden. Die Griffel delmirt Ehrenberg als nicht wirbelnde, gerade, dicke Borsten ohne zwiebelartige Basis, welche wie die Schwanzfedern der Vögel am hintern Körperende auf der Bauchseite sitzen und ebenfalls zum Stützen und Klettern dienen. Die Haken endlich sollten nicht wirbelnde , aber allseitig bewegliche, hakenartig gebogene, dickere und kürzere, auf einer Zwiebelbasis sitzende Borsten sein, welche auf der Bauchseite die Stelle der Fusse sehr anschaulich verträten. Zu der Annahme von viererlei verschiedenen Bewegungsorganen haben die bei den Oxytrichinen und Eu- plotinen vorkommenden Wimperformen Veranlassung gegeben, die Ehrenberg mit Recht zur Unterscheidung von Gattungen benutzte; er hat dieselben jedoch bei keiner einzigen Form hinlänglich genau beobachtet, und deshalb sind seine Gattungsdiagnosen unhaltbar. Die Gattung Slylonvchia soll nach Ehrenberg alle vier Arten von Bewe- )J Abhandlungen der Berliner Acad. vom Jahre 1831. S. 29 — :s I und Ehrenberg Die Infusionsthierchen S. 3G3. S i e i ii , Organismus der Infusionsthiere. i !> 70 gungsorganen besitzen. Als Wimpern werden hier allein die sich an beiden Seiten des Körpers herabziehenden Wimpern (Taf. VI. Fig. 1. r. r.) und die adoralen Wimpern (I. p.) angesehen; die keineswegs gleichartigen, bald gerad ausgestreckten, bald hakenförmig gekrümmten , griffeiförmigen Wimpern neben der Mittellinie der Bauchseite (st. b. b.) bezeichnet Ehrpnberg als Haken, die fünf dahinter in einer Querreihe stehenden dicken, meist gerad aus- gestreckten Wimpern (a.) als Griffel, die drei langen terminalen Wimpern (s.) endlich als Borsten. Ein Blick auf meine Abbildungen muss schon die Ueberzeugung gewähren, dass diese verschiedenen Körperanbängsel nur Modi- ficationen eines und desselben Organs, dass sie nur Wimpern sein können, und dass es unmöglich ist, sie nach ihrer Form in scharf gesonderte Arten zu trennen. Sie können aber auch sammtlich in wirbelnde Bewegung versetzt werden, und ich muss Ehrenberg's Behauptung, dass Haken, Griffel und Borsten nicht wirbelten, entschieden ent- gegentreten. Die Griffel sind wahrend des Schwimmens oft in heftig vibrirender Thätigkeit und unterstützen dann die stets lebhaft wirbelnden Bewegungen der Hakenwimpern; in ihrem gewöhnlichen ausgestreckten Zustande wirken sie durch Drehung nach links oder rechts zusammen als Steuerruder. Auch an ganz stillstehenden Thieren sieht man häufig alle oder einzelne Griffel sich plötzlich heftig nach vorn umbiegen (Taf. VIII. Fig. 1 und Taf. X. Fig. 4) und sie gleichen dann vollkommen den vor ihnen stehenden Haken. Von den drei terminalen Borsten beobachtete ich ebenfalls nicht selten die eine oder andere in der lebhaftesten Rotation um ihren Anheftungspunct, in der Art, dass die Borste einen Kegelmantel beschrieb. Zum Klettern werden übrigens nicht blos die Haken und Griffel, sondern oft auch die Randwimpern verwendet. Es ist feiner unrichtig, dass Wimpern, Haken und Borsten mit einer Zwiebelbasis versehen sein sollen, die Griffel aber nicht. Eine Zwiebelbasis ist nirgends vorhanden und noch weniger Muskeln, die dieselbe regieren; alle wimperarligen Bewegungsorgane, welches auch ihre Form sein mag, sind vielmehr stets unmittelbare Auswüchse der Cuticula und als solche ganz homogene, solide, hyaline Gebilde, welche mit ihrer sich allmählig verbreiternden Basis continuirlich und ohne irgend eine bemerkbare Gränze in die Cuticula übergehen. Zu Ehrenberg's Vorstellung von einer besondern, mit der Cuticula gelenkig verbundenen zwiebelartigen Basis mag ein doppelter Umstand Veranlassung gegeben haben. Krümmt sich nämlich eine stärkere Wimper über ihren Anheftungspunct nach vor- wärts (man vergleiche z. B. die zwei Reihen hakenförmiger Wimpern auf Taf. V. Fig. I und 2, feiner die linke Randwimperreihe auf Taf. VI. Fig. I oder die eine der mittleren Wimperreihen auf Taf. X. Fig. 14 und 15), so erscheint der ungekrümmt bleibende Grundlheil als ein besonderer rundlicher Abschnitt; dass ein solcher jedoch nicht existirt, lehren alle gerad ausgestreckten, der Körperoberfläche anliegenden Wimpern, am deutlichsten aber die fünf sogenannten Griffel. Sodann zeigt sich nicht selten um die Basis der drei terminalen Borstenwimpern von Stylonychia mylilus, sowie auch an den Wimpern des Hinterrandes bei Euplotes charon , ein mehr oder weniger deutlicher ringförmiger Eindruck, der allenfalls für eine Gelenkpfanne gehallen werden kann; er rührt jedoch ledig- lich daher, dass die starre Wimper sich nur zufällig ein wenig in das nachgiebigere Körperparenchym an ihrer Basis eingesenkt hat. Viel wesentlicher als die Form der Wimpern ist für die Oxytrichinen, Euplotinen und Aspidiscinen die Gruppirung derselben , die für die einzelnen Gattungen vortreffliche Charactere darbietet. Bei allen findet sich eine nach links gekrümmte bogenförmige Zone von adoralen Wimpern (Taf. III. Fig. 4. o. Taf. IV. Fig. 7. I. p. Taf. VII. Fig. 1 . 1. p.). Zu beiden Seiten des Körpers zieht bei den Oxytrichinen eine dichte Reihe borstenförmiger Wimpern herab (Taf. VI. Fig. 1. r. r.) ; diese bezeichne ich als Randwimpern. Beide Randwimperreihen gehen am Hinter- rande entweder in einander über (Taf. IX. Fig. 17. Taf. X. Fig. 5. 7), oder sie sind hier unterbrochen und dann zeigen sich in dem Zwischenräume drei längere borslenförmige Wimpern (Taf. VI. Fig. 1. 5), die Schwanz Wim- pern; es sind dies die Borsten Ehrenberg's. Die Aspidiscinen besitzen keine Randwimpern, die Euplotinen meist einige wenige, griffelförmige, weit von einander entfernt stehende (Taf. IV. Fig, 7. r. r'). Sehr allgemein kommt in einiger Entfernung vom hintern Körperende eine quere Reihe von 5 — 12 borsten- oder griffeiförmigen Wimpern vor (Taf. IV. Fig. 7. a. Taf. VI. Fig. 1. a. Taf. XIII. Fig. 2. 7 8. a.) ; diese bezeichne ich, da sich in ihrer Nähe immer die Afterstelle findet, als Afterwimpern, es sind die Griffel Ehrenberrjs. Die sonst noch vorkommenden Wimpern sind in gerade oder schlage Längsreihen geordnet , deren bald nur zwei und dann stets der Mittellinie genäherte (Taf. VI. Fig. 1 . st b. b. Taf X. Fig, 1 4), bald mehrere vorhanden sind (Taf. X. Fig. I . Fig. 5-7. Taf. XIII. Fig. 2. und 5). Meistens unterscheiden sich die am vordem Körperende rechts neben dem Eingange zum Munde gelegenen Wimpern durch bedeutendere Grösse und andere Gruppirung von den übrigen Bauchwimpern ; ich nenne sie in diesem Falle Stirn wimpern (Taf. VI. Fig. I. st. Taf. XIII. Fig. 2 st. Taf. XIV. Fig. 5. st.). 71 Die stärkein Wimpern der Infusionsthiere zeigen eine grosse Neigung, durch eine theils an der Spitze, theils an den Seiten beginnende und bis zum Anheftungspunct fortschreitende Zerspaltung in eine kleinere oder grössere Anzahl von gesonderten Fasern zu zerfallen. Diese Zerklüftung kann man zu jeder Zeit an den Stirn-, Bauch- und Afterwimpern und selbst an den Randwimpern der Stylonychia mylilus, so wie an den griffeiförmigen Wimpern anderer Oxytrichinen und der Euplotinen beobachten, wenn sich die Thiere in einem sehr flach ausgebreiteten Wasser- tropfen belinden, in dem sie nicht mehr zu schwimmen vermögen. Sie tritt aber auch sofort bei reichlicher Anwe- senheit von Wasser ein , wenn man demselben eine kleine Quantität verdünnter Essigsäure zusetzt. Die dicksten Wimpern lösen sich dann in ein aus vielen, oft ungleich dicken Fasern zusammengesetztes Büschel auf. während die dünneren Wimpern sich nur einfach gabeln oder in wenige Aeste zerfallen (Taf. VIII. Fig. l.a.st. Fig. 3. Taf. IV. Fig. 5). An der dicksten, rechten Afterwimper von Stylonychia mylilus bemerkt man gewöhnlich zuerst, bald Hin- auf der einen Seile (Taf. VIII. Fig. 3. 4.), bald auf beiden Seiten (Taf. VIII. Fig. I . a.) kleine zahnförmige Vorsprünge, die Einschnitte zwischen denselben werden dann immer tiefer und zuletzt entsteht ein Büschel ungleich langer Fasern. Beginnt die Auflösung vorzugsweise an der Spitze der Wimpern, so entstehen ziemlich gleich lange Fasern. Bei Euplotes palella traf ich die beiden rechten Randwimpern am hintern Körperende (Taf. IV. Fig. 6 — 1 I. r) an der Spitze beständig fiederartig verästelt. Lachmann machte zuerst auf das Vorkommen von ästigen Wimpern bei diesem Thiere aufmerksam, er lässt aber nur eine Wimper verästelt sein 1 ). Sehr beachtenswert h ist, dass , wenn eine dicke Wimper sich in ein Faserbüschel auflöst, jede Faser für sich noch eben so gut schwingende und wirbelnde Bewegungen ausführt, wie die unzerlheilte Wimper, ja selbst die vorhin erwähnten kleinen zahnförmigen Fortsätze an der dicksten Afterwimper von Stylonychia mytilus zeigen schon ein selbstständiges Bewegungsvermögen, indem sie sich bald an den Wimperkörper anlegen, bald aufrichten, wodurch das Ansehen entsteht, als sei derselbe an den Seiten von einem undulirenden Saume eingefasst. Diese Thatsachen beweisen, dass die Wimpern in und durch sich selbst beweglich sein müssen; der Grund ihrer Bewe- gung kann unmöglich ausserhalb der Wimpern, etwa in Muskeln, die sich ihrer Basis inseriren, liegen, wie Ehrenbmf glaubte. Eine solche Annahme wird schon durch das Vorkommen von Wimpern bei vegetabilischen Organismen, wo doch von Muskeln nicht die Rede sein kann, widerlegt. Aber auch von allen, durch das ganze Thierreich sonst noch so verbreiteten Wimpern ist völlig sicher constatirt, dass sie keinen Zusammenhang mit Muskeln haben, son- dern autonomisch beweglich sind. Ferner lehren besonders die langen geisseiförmigen Wimpern gewisser Mona- dinen, z. B. von Heteromita Duj. (Bodo grandis Ehbg.), Peranema und Anisonema Duj.. dass nicht ein besonderer Bewegungsmechanismus an ihrer Basis angebracht sein kann ; man sieht dieselben oft ganz gerade ausgestreckt, und nur der äusserste Spitzentheil ist in vibrirender, peitschender Bewegung. Die erste Entstehung der Wimpern und ihr allmähliges Hervorwachsen aus der Cuticula lässt sich bei den Infusorien sehr genau während ihrer Vermehrung durch Theilung beobachten, namentlich bei solchen Formen, die durch den Besitz stärkerer, nur auf gewisse Regionen des Körpers angewiesener Wimpern ausgezeichnet sind, wie die Oxytrichinen und Euplotinen. Bei diesen Thieren wird während der Theilung eine grosse Anzahl der Wimpern für beide aus der Theilung hervorgehende Individuen von Neuem gebildet, worüber der specielle Theil meiner Schrift zu vergleichen ist. Hier sei nur bemerkt, dass alle Wimpern, auch die dicksten, zuerst als äusserst feine und kurze, sogleich bewegliche Auswüchse der Cuticula auftreten, die in sehr kurzer Zeit ihre definitive Gestalt erhalten, später aber nur in demselben Verhältnisse weiter wachsen, in dem sich der Umfang des gesammten Körpers vergrössert. So schnell neue Wimpern gebildet werden , eben so schnell können bereits vor- handene wieder verschwinden. Diese Erscheinung ist ebenfalls in grosser Ausdehnung bei der Theilung der Oxy- trichinen, Euplotinen und Aspidiscinen zu beobachten. Die ausscheidenden Wimpern scheinen jedoch nicht einlach abgeworfen , sondern resorbirt zu werden. Ein anderes bekanntes Beispiel bieten die Vorlicellinen und Ophrydinen dar. Wenn diese Thiere sich von ihrem Stiel oder von der Hülse, in der sie sitzen, lösen, sind sie vor ihrem hin- teren Ende mit einem Wimperkranze versehen, mittelst dessen sie längere oder kürzere Zeit umher schwärmen. Sobald sie sich wieder festsetzen und einen neuen Stiel oder eine neue Hülse auszuscheiden beginnen , geht der hintere Wimperkranz wieder ein, die Wimpern werden zuerst in ihren Bewegungen matter, schrumpfen dann zusammen und verschwinden bald darauf spurlos. Von hohem systematischen Werthe ist die Vertheilung der Wimpern über den Infusorienkörper. Nach meiner I) Müllers Archiv S. 358 und 365 18' 72 Kenntniss der Inf'usorienwelt ist kein Organisationsverhältniss geeigneter, zum obersten Eintheilungsprincipe der Infusionslhiere zu dienen, als die Anordnung und Vertheilung der äusseren Körperwimpern, die ja auch den unter- scheidenden Character dieser Tliiere von den übrigen Protozoen ausmachen, und von denen augenscheinlich die gesammte Lebensweise der Infusorien sehr wesentlich abhängig ist. Dies ist theilweis auch bereits anerkannt wor- den, indem man seit Dujardin die Infusorien ziemlich allgemein in die beiden Ordnungen der geisseltragenden (Fla- gellifera) und bewimperten Infusorien (Ciliata) eintheilt. Allein die letztere Ordnung ist im Verhällniss zur ersten viel zu umfangreich und in sich zu heterogen ; ich habe sie daher nach der Art der Bewimperung in vier, den Flagelliferen gleich werthige Ordnungen aufgelöst, die ich als Holotricha , Heterotricha, Hypotricha und Peritricha bezeichne 1 ). Sollten sich die Acinetinen doch noch als selbstständige Infusorien herausstellen, so würden sie eine sechste, zwischen den geisseltragenden und hololriclien Infusorien einzureihende Ordnung bilden. Die geisseltragenden Infusorien besitzen einen nackten Körper, der nur an einem Puncte. meist am vordem Körperende, seltener auf der einen Seite (Peridinium , Glenodiniüm) ein oder zwei, bisweilen mehrere höchstens zehn) sehr lange faden- oder peilschenförmige Wimpern trägt, die den Körper gewöhnlich bedeutend, oft um das Doppelte und Dreifache an Länge übertreffen, oder doch wenigstens nahebei seine Länge erreichen. Gleich- zeitig finden sich zuweilen (bei den Peridinäen) noch äusserst zarte, kurze, schwer wahrnehmbare Wimpern, die sich jedoch immer nur auf gewisse Zonen beschränken, so dass der grösste Theil des Körpers nackt bleibt. Hierher gehören Ehrenberg's Monadina, Cryptomonadina, Volvocina, Hydromorina, Astasiaea, Dinobryina und Peridinaea, so wie sein Trachelius trichophorus und globulifer. woraus Dujardin die Gattung Peranema gebildet hat. Eine einzige Geissei findet sich z. B. bei Monas, Uvella , Mallomonas Perly , Prorocentrum, Trachelomonas , Lagenella, Euglena, Peranema und Peridinium. Doppelle Geissein besitzen die Volvocinen. Polytoma, Chlorogonium. Heteromita . Ani- sonema und Zygoselmis. Bei den drei letzten von Dujardin aufgestellten Galtungen ist eine der beiden Geissein viel kurzer und lebhafter beweglich als die andere; bei Heteromita wird die längere, gewöhnlich starr nach rückwärts ausgestreckte, einerseits zum Fixiren des Körpers, andererseils zum plötzlichen Fortschnellen verwendet. Vier bis fünf Geissein kommen den Gatt. Spondylomorum und Chloraster 2 ) zu; Phacelomonas besitzt 8 — 10 Geissein. Bei den holotrichen Infusorien ist der Körper auf der ganzen Oberfläche dicht mit gleichartigen, fein- haarigen Wimpern besetzt, die stets sehr viel kürzer sind, als der Körper. Da letzterei - in der Begel der Länge nach gestreift ist, so scheinen die Wimpern in Längsreihen geordnet zu sein. In der Umgebung des Mundes finden sich zuweilen etwas längere Wimpern . niemals aber kommt eine wahre adorale, aus längeren borstenförmigen Wimpern gebildete Zone vor. Hierher gehören von bekannten Formen die Gattungen Opalina, Cyclidium, Trichoda. Colpoda, Glaucoma, Coleps, Holophrya, Prorodon, Enchelys, Lacrymaria ;mit Phialina), Trachelocerca 3 ). Amphi- leptus, Trachelius, Dileptus Duj., Loxophyllum Duj. , Loxodes (nur L. rostrum) . Nassula . Acidophorus St. , Liosi- phon 4 ) Cyrtostoujum Sl., Paramaecium, Pleuronema Duj. und Ophryoglena. Die h etero trieben Infusorien stimmen mit den holotrichen in der gleichmässigen, dichten Bekleidung der gesammten Körperobei fläche mit kurzen, feinhaarigen Wimpern überein, die auch hier gewöhnlich in Folge von Längsstreifung reihig geordnet erscheinen. Ausserdem ist aber stets noch eine deutlich entwickelte Zone von bor- sten- oder griffeiförmigen adoralen Wimpern vorhanden. Die bekanntesten Repräsentanten dieser Ordnung sind die Gattungen Bursaria 5 ), Leucophrys 6 !, Plagiotoma Duj. , Blepharisma Perty, Lembadion Perly , Condylosloma Duj., Spirostomum, Climacostomum Sl., Stentor und Tintinnus. Die hy.potrichen Infusorien sind nur partiell bewimpert und zeichnen sich durch den scharfen Gegen- 1) Ich habe diese Eintheilung der Infusionslhiere schon seit dem Jahre 1855 bei meinen zoologischen Vorträgen befolgt und sie auch in der Sitzung der K. Böhmischen Gesellschaft der Wissenschaften vom 19. Ocl. 1857 entwickelt. — 2) Die von mir beschriebene Pha- celomonas bodo {Stein Die Infusionslhiere S. 191) ist jedenfalls mit Ehrenberg's Spondylomorum qualernarium (Monatsber. der Berliner Acad. 1848. S. 236) identisch, daher der von mir gegebene Name zu unterdrücken ist. Die von mir a. a. 0. erwähnten isolirlen, in der Knospenbildung begriffenen Individuen von Phacelo. bodo waren Ehrenberg's Chloraster gyrans (a. a. 0. S. 237). — 3) Die Galtung Trachelocerca beschränke ich auf Tracheioc. sagitta Ehbg. (Monatsber. der Berliner Acad. 1840. S. 202); die übrigen Trachelocercen vermag ich nicht von Lacrymaria zu trennen. — 4) In diese Gattung gehört meine Nassula ambigua (Siein Die Infusionsth. S. 2 48 — 49), die daher Liosiphon ambiguus heissen muss. — 5) Die Galtung Bursaria wird auf B. truncatella zu beschränken sein, da wesentlich auf diese Art 0. F. Müller die Gattung Bursaria gründete. B. vorticella Ehbg. ist vielleicht gar nicht von B. truncatella verschieden. — 6) In Ehrenberg's Leucophrys patula kann ich nur Burs. truncatella erkennen. L. spathula gehört in die Gatt. Enchelys, L. Anodontae zu Plagio- toma Duj., L. piriformis und L. carnium wohl zu Trichoda. Als Repräsentant der Gattung Leucophrys bleibt mithin nur die sehr aus- gezeichnete L. sanguinea übrig; eine ihr nahe verwandte Art ist L. entozoon (Burs. entozoon und intestinalis \on Ehrenberg). 73 salz von Rucken- und Bauchseite aus. Die Rückenseite ist stets ganz nackt und nur die Bauchseite allein trägt Wim- pern. Hierher gehören vier sehr natürliche Familien, nämlich die Oxytrichinen Ehrenberg's, denen auch seine Gattung Uroleptus zuzugesellen ist, die Euplotinen, Aspidiscinen und die Familie der Chlamydodonten , welche ich aus Ehrenbergs Gatt. Chilodon und Chlamydodon, ferner aus den Gatt. Ervilia und Trochilia von Dujardin und aus den neuen Gatt. Phascolodon, Opisthodon und Scaphidiodon ') zusammensetze. Nur die Chlamydodonten besitzen dicht gedrängt stehende , gleichartige, feinhaarige Wimpern , welche bald die ganze Bauchseite, bald nur den mittlem Theil derselben einnehmen. Die drei übrigen Familien zeichnen sich durch zerstreut stehende, borsten- oder uri (Tel förmige Wimpern aus. deren Stellungsverhältnisse S. 70 besprochen wurden. Die peritrichen Infusorien besitzen einen drehrunden, stets nur partiell bewimperten, auf dem grösslen Theil der Oberfläche nackten Körper. Die meist langhaarigen, nicht selten borstenförmigen Wimpern bilden theils einen ringförmigen, auf der Längsaxe des Körpers senkrecht stehenden Gürtel, theils eine niedrige Spiralzone um das vordere Körperende; im letzteren Falle sind die Wimpern stets adorale. Zuweilen kommen noch einzelne zer- streute Wimpern oder ein Wimperbüschel auf der sonst ganz nackten Körperoberfläche vor. Die bekanntesten Repräsentanten dieser Ordnung sind die Vorticellinen (Vorticella, Scyphidia Duj. Lac/im., Carchesium, Zoothamnium, Epistylis, Opercularia) und die Ophrydinen (Vaginicola, Colhurnia, Lagenophrys St. , Ophrydium). Hieran schliesst sich die neue Familie der Ophryoscolecinen (Ophryoscolex St. und Entodinium St.) , deren Mitglieder parasitisch im Pansen der Wiederkäuer leben 2 ), ferner die Spirochoninen Spirochona St. und Dinophysis Ehbg.), sowie die Galtungen Trichodina, Urocentrum , Halteria Duj. Trichodina vorax und grandinella von Ehbg. nebst mehreren im Meere lebenden Arten und die Gattung Didinium St. 3 ) Einen sehr breiten, medianen Wimpergürtel treffen wir bei der Gattung Urocentrum, die ausserdem noch am hintern Körperende einen stielähnlichen excentrischen Wimperschopf besitzt. Die Gattung Didinium hat einen vordem und hintern geschlossenen Wimperkranz, Tricho- dina dagegen eine vordere adorale Wimperspirale 4 ) und einen hintern Wimperkranz. Bei den Vorticellinen, Ophry- dinen und Spirochoninen sind lediglich adorale Wimpern vorhanden 5 ), und nur bei den Mitgliedern der beiden ersten Familien entwickelt sich zeitweilig noch ein hinterer Wimperkranz , wenn sie sich von ihrem Anheftungs- punete ablösen wollen. Nächst den Wimpern kommen bei den Infusorien noch in ziemlicher Verbreitung zarte, glashelle, hautartige Fortsetzungen der Cuticula vor, welche nach Belieben zusammengefaltet und ausgespreitzt oder in wellenförmige Bewegungen versetzt werden können. Ich nenne diese Gebilde nach dem Vorgange v. Siebohrs ) undulirende Membranen. Am häufigsten finden sie sich in der nächsten Umgebung des Mundes, und sie dienen dann zum Ergreifen der Nahrungsmittel. Die entwickeltste undulirende Membran besitzt die Gattung Pleuronema Duj. Para- maecium chrysalis Ehbg.) ; sie zieht sich hier vom vordem Körperende in einer Furche des Bauchrandes bis zu dem weit nach hinten gelegenen Munde herab, ist im ausgespreitzten Zustande mehr als halb so breit, als der Körper und zeigt auch dann noch mehr oder weniger zahlreiche wellenförmige Falten. Sie wurde deshalb von Dujardin und Perty irrig als ein Büschel langer beweglicher Fäden aufgefasst, und auch Ehrenberg 7 ) beschreibt sie als »sehr lange merkwürdige Mundwimpern, die einer wellenartig bewegten Membran gleichen.« Bei den Oxytrichinen und vielen Bursarieen. z. B. bei Leinbadion, Condylosloma, Blepharisma, zeigt sich am Innenrande des weiten Peristom- ausschnittes , den adoralen Wimpern gegenüber, eine meist schmal bandförmige undulirende Membran Tat" V. Fig. I . i. Taf. VI. Fig. 1 . i. Taf. X. Fig. I . i. und Taf. XII. Fig. I 8. I 9. i. i. , welche gewöhnlich durch schräge Faltung innig an den Innenrand angelegt werden kann; bei Lembadion bildet sie dann einen zipfelförmigen Vorsprang über das vordere fbeim Schwimmen gewöhnlich nach hinten gerichtete Körperende. Wo die bandförmige Membran sehr lebhafter Undulationen fähig ist, da zeigt sie während derselben an ihrem freien Rande stumpfere oder spitzere zahn förmige Vorsprünge (Taf. V. Fig. ö. u. 6. an dem hintern Individuum . und sie kann dann leicht für einen aus Wimpern zusammengesetzten Saum gehalten werden. In die Kategorie der undulirenden Membranen gehören auch l\vv von mir bei der Gattung Opercularia 1) Vergl. Stein Characteristik neuer Infusorien- Gattungen in der Prager Lotos Januar 1859. S. 2 — 3. — 2) Prager Lolos März 1859. S. 57 — 58. — 3) Ebendaselbst S. 5. — 4) Dass die vordem Wimpern nicht kreisförmig, sondern spiral angeordnet sind, wurde für Trichodina pediculus zuerst von XV. Busch nachgewiesen (Müller's Archiv 1855. S. 357). — 5) Lachmann zeigte zuerst, dass die am vordem Körperende der Vorticellinen vorkommenden Wimpern zusammen eine einzige adorale Wimperzone darstellen (Müller's Archiv 1856. S. 346 — 50. — 6) v. Siebold »Ueber undulirende Membranen«, Zeitschrift für Wissenschaft. Zoologie 1850. Band II. S. 356—64. 7) Ehrenberg »Die Infusionslhiere« S. 35i. S I c i ii , Organismus der Infusionsthiere. )Q L I B R A R Yi = 74 beobachtete, mit dem Wirbelorgan aus dem Peristom hervortretende manschettenartige Fortsatz 1 . ferner die zit- ternde Klappe am Munde von Glaucoma scintiilans 2 ) und endlich die am hintern Körperende von dem uhrrädchen- förmigen Gerüst der Trichodinen ausgehende ringförmige Membran 3 ). Dagegen ist der von Ehrenberg bei seinem Stentor Mülleri, coeruleus und Roeselii beobachtete und zur Unterscheidung der Arten benutzte seitliche Wimper- kamm*), welcher nach den Abbildungen leicht für eine undulirende Membran gehalten werden könnte, nichts weiter, als der Anfang zu einer neuen adoralen Wimperzone für einen durch schiefe Theilung spater abzuschnürenden Theilungssprössling. Der seitliche Wimperkamm iindet sich daher auch keineswegs bei allen Individuen, sondern nur bei solchen, die im Begriff stehen, sich zu (heilen , und bei diesen zeigt er sich wieder auf sehr verschiedenen Entwicklungsstufen, indem er bald aus äusserst kurzen und zarten, bald aus längern borsten- oder griffeiförmigen Wimpern besteht. Wenn Ehrenberg bei einem schon ziemlich weit in der Theilung vorgeschrittenen Stentor Roeselii ausser den beiden adoralen Wimperzonen noch einen seitlichen Wimperkamm hinter jeder derselben darstellt 5 ), so ist dies ein offenbarer Irrthum Claparede und Lachmann haben bereits auf die wahre Bedeutung des seitlichen Wimperkammes der Stentoren aufmerksam gemacht 6 ). Manche Infusionsthiere besitzen wahre, nicht wirbelnde, aber biegsame Borsten, andere bewegliche oder unbewegliche Stacheln. Bei den Vorticellen ragt eine tief im Rachen entspringende, lange, gebogene Borste aus dem Peristom hervor, welche erst von Lachmann entdeckt wurde 7 ); ich kann ihre Anwesenheit für viele Vorticel- linen und Ophrydinen bestätigen. Bei Mallomonas Perty ist der ganze Körper dicht mit langen, feinen, abstehenden Borsten besetzt, welche nur passiv beweglich zu sein scheinen. Ein beweglich eingefügter, starrer, griffeiförmiger Stachel findet sich am hintern Körperende bei den Gattungen Ervilia und Trochilia Taf. II. Fig. 17. I 8. a. Fig. 28. a.); drei bis fünf kurze, zabnförmige, bewegliche Stacheln kommen am hintern Körperende bei der Gattung Coleps vor. In einen langen, an der Basis nicht articulirten. aber biegsamen, stachelarligen Fortsalz läuft das hintere Körperende von Ophryoscolex Purkinjei St. aus; dicht vor dem Schwanzstachel sitzen auf dem Rucken und an den Seiten des Thieres noch zahlreiche, in mehrere fast ringförmige Gürtel geordnete, sehr ansehnliche , gekrümmte Stachelfort- sätze. Aehnliche Slachelfortsätze finden sich auch bei zwei Allen von Entodinium Sl. am hintern Körperende. Dicht neben einander stehende, feine, biegsame Borstenhaare säumen den ganzen freien Rand des spiraltrichter- förmigen Peiistoms von Spirochona Scheutenii 8 j. Eine sehr eigentümliche Art beweglicher Körperforlsätze , welche den Pseudopodien der Rhizopoden, namentlich denen der Actinophryen am nächsten stehen, sind endlich die Tentakeln, sehr enge, röhrenförmige, an der Spitze in einem rundlichen Knöpfchen oder in einer scheibenförmigen Erweiterung endende Ausstülpungen des Körperparenchyms , welche gewöhnlich gerad ausgestreckt sind und dann eine ganz glatte Oberfläche zeigen, wahrend ihr Inneres aus einer äusserst verschiebbaren, dem breiartigen Innenparenchym des Körpers gleichenden Substanz besteht. Die Tentakeln köunen sich verlängern und verkürzen, sie können ganz in den Körper zurück- gezogen, aber auch zu enormer Länge und Feinheit ausgedehnt werden; Beides geschieht in der Regel allmählig und langsam. Sie vermögen aber auch, wenn sie weit genug ausgestreckt sind, plötzlich eine andere Stellung anzu- nehmen, indem sie sich in weiten Bogen krümmen oder um ihren Fusspunct nach irgend einer Richtung drehen. Beim Verkürzen legen sie sich nicht selten in schrauben- oder zickzackförmige Windungen , oder sie schwellen unregelmässig auf. Die Tentakeln sind bisher nur bei den Embryonen der höheren Infusionsthiere (vergl. Taf. VIII. Fig. I. 4. 6. e. e. und Tai'. XIV. Fig. 5. a — e.) und bei den Acinetinen beobachtet worden; von letzteren besitzen jedoch einige (Dendrocometes paradoxus und Acineta digitata) statt der Tentakeln nur ganz starre, nicht retraclile. einfache oder ästige Köiperfortsälze. Die Tentakeln dienen als Greif- und Haftorgane; aucli findet durch sie, wie wir gleich näher sehen werden, die Aufnahme flüssiger Nahrungsstoffe statt. I) Sta>i»Die Infusionsthiere« Taf. II. Fig. 1. c. II). A. b. Taf. V. Fig. 3 I . b. — 2) Ebendaselbst Taf VI. Fig. 4 6. a. — 3) Eben- daselbst Taf. VI. Fig. 54— 57. f. — 4) Ehrenberg Die Infusionsthiere Taf. XXIII. Fig. I. 2. 3. und Taf. XXIV. Fig. II. 1 . — 5) A. a. 0. Taf. XXIV. Fig. II. 4. — 6) Annales des scienc. nalur. 1857. IV. Ser. Tome VIII. p. 234. — 7) Müllers Archiv 1856. S. 348 und Taf. XIII. Fig. I. 3. g. — 8) Ich habe dies Thier neuerlich lebend in der Ostsee beobachtet und mich überzeugt, dass bei ihm das Peristom wesentlich eben so gebaut ist, als bei Spiroch. gemmipara; die Borsten, welche ihm eigenlhiimlich sind, sitzen nicht, wie Scheuten angab (vergl. 'Stern Die Infusionsthiere S. i I 6 und Taf. V. Fig. 29), blos auf einer Seite des Peristomrandes , sondern rings herum und dichter hinter einander. 75 5. Von dem Emährimgsorganisnms der Infusionsthiere. Die Infusorien nehmen entweder nur flüssige, oder sowohl feste als flüssige Nahrungsstoffe auf. Im ersleren Fall können die Nahrangsstoffe von der ganzen Körperoberfläche absorbirt oder durch eigentümliche tentakelartige Körperfortsatze aufgesogen werden; im letzleren Fall ist stets ein Mund und auch wohl immer eine constante Stelle vorhanden, an welcher die unverdaulichen Stoffe wieder ausgeschieden werden; sie wird After genannt , obwohl nur selten eine eigentliche Afteröffhung zu beobachten ist. In allen Fallen gelangen die Nahrungsstoffe, ohne zuvor irgend eine Veränderung erlitten zu haben, direct in das Köi perparcnehym selbst; hier erst erfolgt ihre Verdauung oder ihre Assimilation, und was nicht verdaut werden kann, wird durch die Contractionen des Parenchyms allmählig der Afterstelle zugedrängt. Ein besonderes Verdauungsorgan ist bei keinem Infusionsthiere nachzuweisen. Wenn ein Mund vorhanden isl . so ist die äussere Umgebung desselben oft eigentümlich gestaltet oder durch eine beson- dere Stellung der Wimpern ausgezeichnet, wodurch eine reichlichere und sicherere Nahrungszufuhr zum Munde bezweckt wird. Ich werde diese durch Form oder Bewimpcrung oder durch Beides zugleich ausgezeichnete Um- gebung des Mundes im Allgemeinen als Peristom bezeichnen. Der Mund setzt sich häufig nach innen in einen längern oder kürzern, von eigenen Wandungen begränzten Schlauch fort, durch welchen die Nahrungsstoffe in das Parenchym übergeführt werden. Er repräsenlirt bald nur den Schlund, bald Schlund und Speiseröhre der höheren Thiere zugleich; der Kürze wegen werde ich ihn blos Schlund nennen. Bisweilen steht auch mit dem After, der dann stets eine jederzeit sichtbare Oell'nung ist, ein kurzer ausführender Kanal, eine Art Afterdarm in Verbin- dung; niemals aber spannt sich bei den Infusorien zwischen Mund und After ein continuirlicher Darmkanal aus. Die Grunde, welche Ehrenberg bestimmten, den Infusorien einen ganz vom Parenchym abgeschlossenen, polygastrischen Darmkanal zuzuschreiben und denselben zu ihrem wesentlichsten Character zu erheben, sind bereits im ersten Abschnitt umständlich erörtert und hinlänglich widerlegt worden. Nicht eine Vielheit von Mägen, die vom Munde oder einem Darm aus mit Nahrungsstoffen erfüllt werden, characlerisirt die Infusionsthiere, sondern der gänz- liche Mangel eines Magens oder eines mittleren verdauenden Darinabsclmilles. Hierdurch unlerscheiden sich auch die vollkommensten Infusorienformen sofort von sämmtlichen Räderthieren und Strudelwürmern, die unter allen über den Infusorien stehenden Thierklassen doch noch die meisten Analogien mit denselben darbieten, und möglicher Weise mit ihnen verwechselt werden können; diesen beiden Thierklassen kommt jedoch stets ein für sich bestehender allseitig abgeschlossener Darmkanal zu. Die seltsamen Gestalten der Gattungen Ophryoscolex und Entodinium wird man beim ersten Anblick viel eher für Räderthieie, als für Infusorien hallen; die Nahrungsmiltel werden aber bei ihnen im Parenchym abgelagert und darum sind sie unzweifelhaft Infusorien. Manche holotriche Infusorien, nament- lich Cyrtostomum leucas und verwandle Formen nähern sich sowohl in ihrem Habitus, als auch in manchen Organi- sationsverhältnissen unverkennbar den rhabdocolen Strudelwürmern, was 0. Schmidt veranlasste 1 ), die Infusions- thiere unmittelbar an die Strudelwürmer anzuschliessen, allein der slets abgeschlossene, wenn auch meist innig mit dem umgebenden Parenchym verwachsene Darmkanal der lelzlern scheidet sie fundamental und leicht kenntlich von den Infusorien. Entschieden mund- und afterlos ist unter den entwickelten , bewimperten Infusionsthieren nur die arten- reiche holotriche Gattung Opalina. Sämmtliche Opalinen leben schaarenweis im Darmkanal oder in abgeschlosseneu Leibeshöhlen z. 13. Opal, branchiarum St.) anderer Thiere. und sie erreichen eine so ansehnliche Grösse Opal, ranarum gehört zu den grössten bekannten Infusorienformen), dass ein Mund, wäre er auch sehr klein, sich nicht den bisher so oft und von so verschiedenen Seiten her auf diese Thiere gerichteten Forschungen hätte entziehen können. Es sind auch noch bei keiner Opaline im Parenchym die geringsten Spuren von fremden festen Körpern, zwischen denen sich doch die den Darmkanal bewohnenden Formen beständig umhertummeln, beobachtet worden. Die Nahrung der Opalinen kann daher nur in den in ihrer Fmgebung stets reichlich vorkommenden thierischen Flüssigkeiten bestehen, und diese müssen von der gesammten Körperoberllache aufgesogen werden können, da Leine Stelle derselben eine andere, hierzu geeignetere Beschaffenheit zeigt, als die übrige Oberfläche. I) 0. Schmidt Lehrbuch der Zoologie. Wien 1854. S. 73— 85. Mit den Infusorien werden auch die Gregarinen und Hliizopoden dem Organisationsplane der Würmer einverleibt. Bei diesem Verfuhren kann natürlich von einer scharfen Begriffsbestimmung der Würmer nicht die Hede sein. 19* 76 Auch die Acinelinen und die mir bekannten Embryonen der höheren Infusorien besitzen keinen Mund und After. Sie nehmen niemals fremde feste Körper aus der Aussenwelt auf, und jeder Versuch, sie mit Karmin oder Indigo zu futtern, bleibt erfolglos. Diejenigen Acinetinen und Embryonen, welche mit retraclilen Tentakeln ver- gehen sind, leben von den flüssigen Bestandtheilen und Fetten anderer Infusorien, welche sie denselben mittelst der knopflormigen Enden ihrer Tentakeln entziehen. Am deutlichsten konnte ich diesen Vorgang bei den grösseren Acinetinen. namentlich bei Acineta Operculariae und A. cothurnala beobachten, und ich muss durchweg die genaue Schilderung, welche zuerst Lachnunm hiervon gegeben hat 1 ;, bestätigen. Schwimmt ein Infusionsthier in erreich- barer Nähe an den Acineten vorüber, so fahren die zunächst gelegenen Tentakeln schnell gegen dasselbe zusammen, wobei sie sich oft betrachtlich verlangern, bogenförmig zusammenkrümmen, sehr verschieden winden und regellos durch einander wirren. Diejenigen Tentakeln, deren knopfförmiges Ende in unmittelbare Berührung mit der Ober- flache des umstrickten Thieres kommt, erweitern dasselbe scheibenartig und saugen sich damit fest. Ist dies erst mehreren gelungen, so vermag sich das gefangene Thier nicht mehr loszureissen, seine Bewegungen werden immer matter und erlöschen nach und nach gänzlich. Nunmehr, oft aber auch schon früher, verkürzen und verdicken sich diejenigen Tentakeln , welche sich am festesten angesaugt hatten, beträchtlich und ziehen, während andere wieder loslassen, die Beule näher an den Körper heran; wobei sie entweder gerad gestreckt bleiben oder sich hakenförmig seitwärts oder sogar nach abwärts umbiegen. Plötzlich sieht man . sobald die Haflscheibe die Cuticula des gefan- genen Thieres durchbohrt hat. von demselben aus einen continuirlichen, sehr rapiden, durch die beigemengten überaus feinen Fellkürnchen bezeichneten Strom sich durch die Axe des Tentakels ergiessen und an seiner Basis in das benachbarte Körperparenchym ausströmen, was so lange währt, bis das gefangene Thier entweder zerfliesst, oder bis ihm der grössle Theil seines halbflüssigen Innenparench\ms entzogen ist und es nun eine ganz zusammen- geschrumpfte, unkenntliche Masse bildet. Wodurch die auffallend schnelle und conlinuirliche Strömung im Innern des Tentakels bedingt wird, ist mir nicht genügend erklärlich : sie ist eben so rapid, wenn der Tentakel, an dem die Beute haftet, nach abwärts gekrümmt, die innere Strömung also eine aufwärts steigende ist. Irgend welche von den Wandungen des Tentakels ausgeführte schluckende oder peristal tische Bewegungen Hessen sich nicht beobachten, die Contouren des Tentakels blieben vielmehr ganz unverändert, während ein ununterbrochener Körnchenstrom durch seine Axe floss. — Bei den mit starren, armartigen Körperfortsätzen versehenen Acinetinen (Dendrocometes und Acineta digitata, kann von einem Fangen und Aussaugen anderer Infusorien nicht die Bede sein; jedenfalls werden aber auch sie nur mit den weniger starren, zugespitzten Enden ihrer Arme flüssige Nahrungsstoffe auf- nehmen. Woher diese stammen und wie sie ihnen zugeführt werden, das ist noch völlig dunkel. Den säinmtlichen geissellragenden Infusorien wurde nach dem Vorgange Duj ardin' s und v. Siebotd s bis in die neueste Zeit sehr allgemein Mund und After abgesprochen und bei ihnen nur eine endosmotische Aufnahme von Wasser und der in demselben gelösten Stoffe angenommen, während Ehrenberg diesen Thieren durchweg einen an der Basis der Geissein gelegenen Mund zuschrieb, der zugleich die Stelle des Afters vertreten sollte. Der Mund wurde zwar von Ehrenberg nirgends deutlich direct beobachtet, aber auf seine Anwesenheit aus der bei vielen nicht grUn gefärbten Formen bewirkten Fütterung mit Indigopartikelchen geschlossen. Ich glaube, dass Ehrenberg's Ansicht der Wahrheit weit näher kommt, als die entgegenstehende, und auch Colin-) und Lachmann 3 ] haben sieh bereits in ähnlicher Weise ausgesprochen. Ich selbst habe bei mehreren, zu verschiedenen Familien gehörigen geissellragenden Infusorien mit grösster Bestimmtheit eine Mundöffnung und einige Male auch an einer vom Munde verschiedenen Stelle die Ausscheidung von Excrementen beobachtet. Am deutlichsten sah ich den Mund an zahl- reichen riesigen, bis T V langen und T V" breiten Exemplaren der Zygoselmis nebulosa Duj. , ferner bei Peranema [Trachelius Ehbg.) trichophora , Heteromita (Bodo Ehbrj.) grandis und Petalomonas (Cyclidium Duj.) abscissa St. i ; er ist bei den drei erstgenannten Formen eine von dem Insertionspuncte der Geissein in der Mittellinie der Bauch- seite nach rückwärts verlaufende, klaffende Längsspalte, die bei Heteromita fast bis zur Körpermitte reicht, während Petalomonas an derselben Stelle nur eine kurz elliptisch grubige Mundöffnung besitzt. Im Innern von Zygoselmis traf ich sehr häulig grosse , verschluckte thierische Körper, einmal auch einen sehr dicken und langen Conferven- I, Müllers Archiv 1856. S. 37 1—72. Vergl. auch oben S. 49. — 2) No\a Acta Acad. Caes. Leop. Car. Vol. XXIV. P. I. p. (62. — 3 Müllers Archiv 1836. S. 3 67. — 4) Die Gallung Petalomonas gründe ich auf Cyclidium abscissum Duj. Der Körper dieser Gatlung ist gepanzert, hyalin, sehr plattgedrückt, blattartig, auf der Rückseite mit ein oder zwei Längskielen und am vordem Ende mit einer einzigen hingen fieissel verseilen. Der Name Cyclidium kann nicht beibehalten werden, da er bereits von Ehrenberg für eine ganz andere holo- triche Infusoriengatlung verbraucht ist. 77 faden, der einen beträchtlichen Theil des innern Körperraumes einnahm. Auch Peraaema ist sehr gewöhnlich mit fremden Körpern erfüllt, die diesem Thier eine schmutzig gelbbraune Farbe ertheilen; hier sah ich auch am hintern Körperende die Ausscheidung von Excreinenten. Im Innern von Heteromila beobachtete ich vielfach verschluckte grüne und braune Körncrmassen, auch einige Male eine kleine Naviculacee. Bei einer achten Monas wahrscheinlich M. guttula) liess sich zwar der Mund nicht deutlich erkennen, aber im Innern zeigten sich vielfach fremde, zum Theil grün gefärbte Körnerhaufen; auch sah ich öfters am hintern Ende sehr klar das Auswerfen von Kothballen. Unter zahllosen Individuen von Polytoma uvella fand sich eine geringe Anzahl solcher, welche in der vordem Hälfte nahe vor dem Nucleus eine mehr oder weniger dichte Zusammen- häufung von überaus feinen, grünen Molecülen zeigten. Ich möchte auch diese von aussen durch eine sehr enge, an der Basis der beiden Geissein gelegene Mundöffnung, die ich freilich nicht direct zu constatircn vermochte, ein- gedrungen sein lassen, da es mir nicht recht einleuchten will, dass Polytoma so sporadisch Chlorophyll entwickeln sollte. Die grünen und braunen geissei tragenden Infusorien sind zwar noch nicht zur Aufnahme von Farbstoffen zu bewegen gewesen, auch haben sich in ihrem Innern noch nicht mit völliger Sicherheil aus der Aussenwelt stam- mende Körper nachweisen lassen, allein deshalb dürfen wir ihnen einen Mund noch keineswegs absprechen. Ich habe sogar bei Amblyophis viridis mit vollkommener Ueberzeugung den Mund erkannt; er liegt hier in der Aus- randung am vordem Ende und zeigt sich, wenn dasselbe sich gerade gegen den Beobachter hin umbiegt, als eine sehr deutliche, kreisrunde, nach innen zu trichterförmig verengerte Oeffnung; sie führt in einen kurzen, engen, etwas geschlangelten , medianen, lichten Kanal, welcher in der Gegend des rothen Augenflecks endigt. Dieselbe Organisation ist auch bei Euglena viridis vorhanden, sie lässt sich aber bei diesem Thiere. das unaufhörlich seine gesammle Körperform verändert, weit schwieriger wahrnehmen. Auch bei Cryptomonas ovata sah ich deutlich von der vordem Ausrandung einen kurzen, engen, lichten Kanal sich nach innen erstrecken. Bei den Volvocinen, wo ein Mund und Kanal noch nicht nachweisbar war, zeigt sich das vordere zugespitzte Körperende, von dem die Geissein entspringen, stets farblos und augenscheinlich aus einer viel weichern, nachgiebigem Substanz gebildet; ohne Zweifel werden nur durch diese hindurch flüssige Stolfe aufgenommen und ausgeschieden. Sämmfliche bewimperte Infusorien, mit Ausnahme der bereits betrachteten Opalinen, sind mit einem Munde versehen, dessen Lage und Gestalt sich meist jederzeit leicht ermitteln lässt, zumal wenn ein mehr oder weniger entwickeltes Peristom vorhanden ist. In manchen Fällen ist jedoch der Mund schwer zu conslatiren, nämlich dann, wenn er für gewöhnlich fest geschlossen und wenn kein Schlund vorhanden ist, wie z. B. bei Amphileptus und Loxophyllum Duj. Bei diesen Thieren wird der Mund nur in dem Momente, wo Speisen in denselben eintreten, sichtbar; aber auch wenn man diesen Moment nicht zu belauschen vermag (mir glückte dies z. B. bei sehr zahl- reichen Beobachtungen des Loxophyllum Meleagris Duj. noch niemals), kann doch über die Anwesenheit eines Mundes kein Zweifel übrig bleiben, da man oft genug Individuen antrifft, deren Innenparenchym aus der Aussenwelt stammende feste Körper cinschliessl. Die Lage und Form des Mundes muss in solchen, glücklicher Weise nur sehr vereinzelten Fällen aus der Analogie mit den nächst verwandten Formen erschlossen werden. Der Mund liegt bei allen Infusorien . deren Körper einen scharf ausgeprägten Gegensatz von Rucken- und Bauchseile zeigt, also z. B. bei allen hypotrichen Infusorien, stets auf der Bauchseite. Wir werden daher auch bei den übrigen Infusorien, wo ein solcher Gegensatz nicht vorhanden ist, diejenige Körperseite, welche den Mund enthält, als Bauchseite zu bezeichnen haben, und können demnach auch von einer linken und rechten Seite spre- chen, da durch die Bewegung des Thieres der Gegensalz von vorn und hinten gegeben ist. In diesem Sinne besitzt z. B. Glaucoma scinlillans einen plattgedrückten. Colpoda cucullus dagegen einen zusammengedrückten Körper; letzteres Thier ist für gewöhnlich ein Seitenschwimmer, sein convexer Rand stellt die wahre Bückseite, der coneave. den Mund enthaltende , die Bauchseite dar. Liegt aber der Mund am vordem Körperende genau in der Längsaxe. wie z. B. bei den Galtungen Enchelys , Prorodon , Holophrya, Goleps , Laci ymaria , Trachelocerca , Didinium, so wird jede Unterscheidung von Rücken- und Bauchseite, und von linker und rechter Seite unmöglich. Sobald jedoch selbst bei ganz drehrundem Körper der am vordem Ende gelegene Mund aus der Längsaxe herausrückt, wie bei Sientor und Vorticella, so können wir auch wieder entgegengesetzte Körperseiten unterscheiden, was natürlich die genauere Bestimmung der Lage der einzelnen Körperlheile wesentlich erleichtert. Bei den meisten bewim- perten Infusionsthieren findet sich der Mund in der vordem Körperhälfte, und hier wieder viel häufiger in grösserer oder geringerer Entfernung von dem vordem Ende, als an diesem selbst; seltener liegt der Mund in der hintern Körperhälfte, z. 13. bei Paramaecium aurelia , Pleuronema chrysalis Duj., Spirostomum ambiguum. Siein, Organismus der lufusionst liiere. 20 78 ferner bei Äspidisoa (Taf. IM. Fig. 4. o.i, Plagiotoma lumbrici Ihij. , Lembadion Perly und Opislhodon Taf. I. Fig. 26). Sehr häufig ist der Mund von einem mehr oder weniger ausgebildeten Peristom umgeben. Dasselbe besteht in seiner einfachsten Gestalt in einer gruben- oder spaltförmigen Vertiefung der Bauchseite, in deren Grund die Mundöffnung liegt, z. B. bei Ophryoglena atra und acuminata und Cyrtostomum leucas. Deutlicher tritt das Peristom schon bei Paramaecium aurelia und bursaria hervor; hier erscheint es als eine in der ganzen Breite des vordem Körperendes beginnende und bis hinter die Körpermitte sich erstreckende muldenförmige oder hohlkehlen- artige Vertiefung, die sich nach hinten zu stetig verengert und vertieft, und ganz hinten, an der tiefsten Stelle die schräg elliptische Mundöffnung enthalt. Bei Stentor und Spirostomum wird das Peristom hauptsachlich von einer adoralen Zone längerer und stärkerer Wimpern gebildet , die sich wenigstens an ihrem hintern Ende spiralig ein- rollt und zugleich trichterförmig vertieft; in der Vertiefung liegt der runde Mund. Bei Spirostomum ambiguum ver- lauft die adorale Wimperreihe vom vordem Körperende in gerader Richtung bis weit nach rückwärts und krümmt sich dann auf einem sehr beschrankten Räume nach rechts, vorn und innen. Bei Stentor beschreiben die adoralen Wimpern um das vordere, trompetenförmig erweiterte Körperende eine sehr niedrige, fast in einer Horizonlalcbene gelegene, rechtsgewundene Spirale, indem Anfang und Ende derselben dicht neben einander liegen. Die Spirale beginnt nämlich etwas rechts von der Mittellinie der Bauchseite, wendet sich dann in horizontaler Richtung nach rechts und oben, und wenn sie bis zur linken Seite gelangt ist, senkt sie sich wieder auf die Bauchseite übergehend stetig etwas nach abwärts , um sich dann in der Nähe der Mittellinie nach vorn und innen einzurollen und trichter- förmig zu vertiefen. Die ganze von der Wimperspirale umschlossene Körperoberfläche kann als Peristom fe Id bezeichnet werden, der trichterförmig vertiefte Endtheil der Spirale ist eine Art Vorhof zum Munde, kein Schlund. Spirostomum besitzt kein eigentliches Peristomfeld, sondern nur den Vorhof. Noch häufiger wird das Peristom von einer halhrinnenförmigen oder muldenarligen Vertiefung, ja selbst von einer tiefen sackförmigen Aushöhlung und von adoralen Wimpern zugleich gebildet. So zieht sich bei der Gat- tung Plagiotoma (wozu ausser PI. lumbrici Duj. und PI. concharum Pcrly auch Bursaria cordiformis Elibij. und meine Burs. blaltarum gehören) von dem vordem Ende des stark zusammengedrückten Körpers längs der Bauch- kante bis zur Mitte derselben oder noch darüberhinaus ein spallförmiger Ausschnitt herab, in dem die feinbor- stigen adoralen Wimpern dicht hinter einander stehen und an dessen sich etwas einwärts krümmenden hinterm Ende die trichterförmige Mundöffnung liegt. Bei den Oxytrichinen und Euplotinen bildet das Peristom einen meist ansehnlichen, flach muschelförmig ausgehöhlten, von dem Vorderrand des Körpers sich in der linken Hälfte der Bauchseite mehr oder weniger weit nach rückwärts erstreckenden Ausschnitt (Taf. IV. Fig. 7. 1. p. i. Taf. VI. Fig. 1. I. p. i.), welcher ohngefähr die Form eines sphärischen Dreiecks hat, dessen Basis von dem Vorderrand des Körpers gebildet wird und dessen Spitze nach hinten und innen gerichtet ist. An diesem Peristom sind drei Ränder zu unterscheiden, nämlich der Vorderrand (1.), welcher mit dem Vorderrand des Körpers zusammenfällt, der Aussen- rand (p.j , welcher von der linken Ecke des Vorderrandes aus einen sanft gekrümmten Bogen nach der Mittellinie der Bauchseite hin beschreibt, und der Innenrand (i), welcher mit dem Aussenrand unter einem spitzen Winkel (ich nenne ihn Peristomwinkel) zusammenstösst , den Vorderrand des Peristoms aber gewöhnlich nicht erreicht, so dass dieses vorn nach rechts offen ist. Längs des Vorder- und Aussenrandes vom Peristom läuft stets eine conlinuirliche Bogenlinie adoraler Wimpern, welche, wie ein Vergleich mit Stentor lehrt . ein Segment von einer rechtsgewun- denen Spirale darstellt. An dem scharfkantig vorspringenden Innenrand des Peristoms ist wenigstens bei allen Oxytrichinen eine schmale undulirende Membran befestigt und unter dieser versteckt liegt die lange spallförmige Mundöffnung (Taf. X. Fig. I. o. Taf. XII. Fig. 12. o. Taf. XIV. Fig. 2. und 5. o.). Ein ganz ähnliches Peristom findet sich auch noch hei verschiedenen bursarienai ligen Infusorien, namentlich bei Condylostoma , Blepharisma, Lembadion und Climacostomum. Bei letzterer Gattung ist der Innenrand des Peri- stoms, der sich bis zur rechten Ecke des Vorderrandes fortsetzt, ohne undulirende Membran, und die weile runde Mundüffnung liegt im Peristomwinkel. Sehr eigentümlich gestaltet ist das Peristom von Bursaria truncatella. Dieses Thier besitzt einen ahnlichen Peristomausschnitt , wie Climacostomum virens; dieser begranzt jedoch kein blos muldenförmig vertieftes Peristomfeld, sondern er führt nach rechts und hinten in eine geräumige sackförmige Höhle, die sich vom hintern Ende des Ausschnitts oder der Peristommündung an ganz allmählig trichterförmig verengert, bis tief in den hintern Theil des Körpers hinabsteigt und hier nach links umbiegend in das Parenchym ausmündet. Der vordere weitere Theil dieser Höhle muss wohl als Vorhof. der hintere engere als Schlund gedeutet werden. 79 Eine bestimmte Glänze zwischen beiden Abtbeilungen ist jedoch nicht vorhanden. Von der linken Ecke des Vorder- randes zieht sich an der linken Seite des Vorhofes, dem Aussenrande des Perisloms parallel, eine breite, quer- gefurchte, bandförmige Zone herab, die sich bis zum hinlern Ende der schlundartigen Fortsetzung des Vorhofes erstreckt; ihrem rechten Rande sind die adoralen Wimpern eingefügt, die also hier grösstenteils innerliche sind 1 ). Die coHiplicirtesten Formen des Peristoms kommen bei den peritrichen Infusorien vor, namentlich bei den Vorticellinen, Ophrydinen, Spirochoninen und Ophryoscolecinen. Bei den beiden erstem Familien besieht das Peri- stom aus einer weiten ringförmigen Mündung an dem gerad abgestutzten Vorderende des Körpers, deren vor- stehender Rand gewöhnlich wulstförmig verdickt und nach aussen umgeschlagen ist. Aus der Mundung ragt als zweiler Bestandtheil des Peristoms das Wirbelorgan hervor, ein langer oder kürzer gestielter, mutzen- oder deckei- förmiger Fortsatz, der von der innern Wand der Peristomhöhle ausgeht und wohl als das nach aussen umgestülpte Peristomfeld gedeutet werden muss. Das Wirbelorgan kann nach Relieben in das Innere des Körpers zurückgezogen werden, alsdann zieht sich die Perislommüudung sphinctcrarlig zusammen und schliessl den innern Körperraum vollständig von der Aussenwelt ab. Die Peristommündung führt zwischen dem Stiel des Wirbelorgans und der ihm gegenüberliegenden Körperseile (die als Bauchseite zu bezeichnen ist, da ihr der Mund zunächst liegt; in einen geräumigen Vorhof 2 ), der bei Opercularia und Lagenophrys, wo der Stiel des Wirbelorgans lang und dünn ist, eine verticale, den grössten Theil des vorderen Körperraumes einnehmende Höhle bildet, bei Vorticella, Carchesium und Epistylis dagegen, deren Wirbelorgan einen kurzen, dicken, die Peristommündung fast ausfüllenden Stiel besitzt, einen fast horizontalen, sich nur wenig nach abwärts senkenden, bogenförmig nach links und innen gekrümmten Schlauch darstellt. Am Grunde des Vorhofes liegt erst der eigentliche Mund. Die. adoralen Wimpern beschreiben eine die Scheibe des Wirbelorgans säumende und in den Vorhof hinabsteigende linksgewundene Spirale. Diese beginnt nämlich (bei Vorticella und Epistylis) rechts am untern Rand der Scheibe, geht dann nach links um den ganzen Rand der Scheibe herum und senkt sich, wenn sie fast den Anfangspunct wieder erreicht hat, am Stiele des Wirbel- organs in den Vorhof hinab. Die dem untern Theil der Spirale angehörigen Wimpern zeigen sich meist über den Rand der Peristommündung nach aussen umgeschlagen; hierdurch und durch die innige Annäherung des abstei- genden Theils der Spirale an ihren Anfangspunct wurde ich in meinen früheren Arbeiten zu der irrigen Ansicht verleitet, dass die Scheibe des Wirbelorgans von einem geschlossenen Wimperkranz eingefasst werde, und dass auch die Peristommündung Wimpern trage. Lachmann hat diesen Irrthum berichtigt und überhaupt die Kenntniss des Ernährungsapparates der Vorticellinen in mehreren Puncten wesentlich gefördert 3 ). Die Ophryoscolecinen besitzen ebenfalls am vordem Körperende eine weite, innig verschliessbare Peristom- münduns und aus dieser ragt nur unbeträchtlich ein hohles, weitmündiges, manschettenartiges Wirbelorgan hervor, "8 welches von einer häutigen, auf der einen Seite der Länge nach aufgeschlitzten Röhre gebildet wird, deren einer Seitenlappen um die Längsaxe spiral nach innen gerollt ist und von dem andern Seitenlappen theilweis umfasst wird. Der Vorderrand und der eine freie Seitenrand des Wirbelorgans ist mit langen und dicken griffeiförmigen Wim- pern besetzt, die zusammen eine sich nach innen hinabziehende Spirale beschreiben. Das Wirbelorgan kann schnell geschlossen und in das Innere des Körpers zurückgezogen werden. — Bei den Spirochoninen trägt das vordere Körperende ein weitmündiges, nicht verschliessbares , trichterförmiges Peristom 4 ), welches auf der einen Seile der Länge nach gespalten ist; dereine der beiden Seitenlappen rollt sich um die Längsaxe spiral und trichterförmig nach innen ein und beschreibt mehrere nach rechts aufsteigende Umgänge, die an ihrem Grunde durch eine gemein- same Spindel verbunden sind. Der eingerollte Theil entspricht dem Wirbelorgan der verwandten Familien; er ist jedoch ganz starr, und kann nicht in das Innere des Körpers zurückgezogen werden. Ganz im Grunde der in ein- ander steckenden Trichter, um die Spindel herum, sitzen die sehr zarten adoralen Wimpern; der Mund selbst liegt im Grunde des Peristoms hart an der Spindeibasis. — Das Peristom der Trichodinen ist dem der Vorticellinen ver- wandt. Bei Halteria Duj. findet sich ein terminales, verengertes, halbringförmiges Peristom, welches von sehr langen, gebogenen, griffeiförmigen Wimpern eingefasst wird; die offene Bauchseite des Peristoms führt in einen I) Ehrenberg hat (Die Infusionslhiere Tat. XXXIV. Fig. 5. I.j nur die Mündung des Peristoms richtig dargestellt, den nicht ganz klar ausgeführten Vorhof und seine schlundartige Fortsetzung aber in die linke Korperhälfte verlegt. Auch giebt er am Vorder- und Inueiirande der Perislominündung grillelartige Wimpern an, hier rinden sich jedoch nur gewöhnliche Wimpern. Die eigentliche adorale Wiraperzone ist ganz übersehen worden. — 2) Ich habe den Vorhof früher als Kachen beschrieben, ziehe aber jetzt, da er zugleich den After enthält, die von Jon. Müller vorgeschlagene und zuerst von Lachmann (Müllers Archiv 1850. S. 317) gebrauchte Benennung vor. - 1. A. a. 0. S. 346 — 54. — 4) Vergl. Stein Die Infusionslhiere Taf V. Fig. I. c. 20* 80 nach rechts gekrümmten spaltförmigen Ausschnitt, dessen linker Rand zartere, nach einwärts gewendete adorale Wimpern tragt, die mit den langern vorderen Wimpern zusammen eine continuirliche Spirale bilden. Der Mund führt bei vielen bewimperten Infusorien ohne Vermitlelung eines Schlundes direct in das Körper- parenehym. Dies ist z. B. bestimmt bei den Gattungen Colpoda, Cyclidium. Glaucoma, Enchelys, Holophrya. Lacry- maria, Trachelocerca . Amphileptus, Loxodes, Loxophyllum , Spirostomum , Stentor und Lemhadion der Fall. Bei Enchelys bildet die terminale Mundöffnung eine klaffende, wulstig gerandete Spalte. In dem wulstigen Rande sah ich (besonders deutlich bei einer sehr grossen und langgestreckten neuen Art, E. gigas, die sich durch zahlreiche contractile Behalter und durch zahlreiche, kleine, dicht zusammengehäufte Nuclei auszeichnet) sehr kurze und feine, dicht neben einander stehende Stäbchen eingebettet, die aller Wahrscheinlichkeit nach in die Kategorie der Tast- körperchen gehören. Durch die beträchtlich erweiterungsfähige Mundöffnung treten oft Nahrungsstoffe, z. B. ganze Vorlicellenkörper ein. deren Umfang merklich grösser ist, als der Halstheil des Thieres l ). Haben die Mundränder aber erst die Beute sicher gepackt, die von dem Thier gewöhnlich gegen einen Widerstand leistenden Gegenstand gedrängt wird, so weicht das innere Parenchym aus einander und die Beute gleitet langsam durch den sich stark aufblähenden Hals immer weiter nach abwärts, ohne irgendwo eine Lücke im Parenchym zu hinterlassen, dessen momentan getrennte Theile sich vielmehr sofort wieder vereinigen. Wo soll nun hier wohl eine besondere ver- dauende Leibeshöhle liegen? Dieselben Erscheinungen sind beim Durchgänge gröberer Nahrungsmittel durch den langen und engen Hals von Lacrymaria und Trachelocerca 2 ) zu beobachten. Bei Amphileptus und Loxophyllum ist für gewöhnlich gar kein Mund wahrnehmbar, dieser tritt erst, wie ich oft bei Amphileptus beobachtete, in dem Momente deutlich hervor, wo ein grösseres Infusionslhier verschlungen wird. Die Amphilepten wickeln sich um ihre Beute auf die verschiedenste Weise zusammen, schrauben sich um dieselbe herum und stemmen nun ihren sehr beweglichen Hals, der sich dabei beträchtlich verkürzt und verbreitert, gegen dieselbe. Plötzlich zeigt sich dann auf der einen Seite des Halses, parallel seiner convexen Bauchkante, eine lange, am vordem Ende weit klaffende Spalte; in diese wird die Beute in Folge der fort und fort andrängenden Bewegungen des Halses hineingeschoben, das innere Parenchym weicht sichtlich aus einander und der Bissen gleitet bald längs der Mundspalte, die dann auch in ihrem untern Theile klaffend wird, nach abwärts, bald bewegt er sich in schräger Richtung durch das Parenchym nach der entgegengesetzten Körperseite. Von einem Schlünde ist auch nicht die leiseste Andeutung vorhanden, ebensowenig von einem mittlem Raum, der etwa die verschluckten Nahrungsmittel aufnähme; diese bleiben vielmehr an den verschiedensten Puncten im Parenchym liegen und werden daselbst verdaut. Der Mund schliessl sich, nachdem der Bissen eingedrungen ist, meist sofort wieder vollständig. — Bei der nahe verwandten Gattung Loxodes liegt der Mund an derselben Stelle, wie bei Amphileptus, nämlich auf der rechten Seite dicht neben der hier coneaven Bauchkante des Halses ; er ist aber eine stets weit offen stehende, sichelförmige Spalte. Ihr innerer Band wird von einem derben, dunkelbraunen Saum eingefasst, welcher sich vom hintern Winkel der Mundspalte aus in schräger Richtung nach hinten und innen in einen noch festern und dunklern stielartigen Streifen fortsetzt, der fast solang ist. als die Mundspalte. Stiel und Mundspalle zusammen gleichen vollkommen einer gewöhnlichen Handsichel 3 !. Ein eigentlicher Schlund fehlt zuverlässig. Eine lange, klaffende, spaltförmige Mundöffnung ohne Schlund wird auch bei Leucophrys sanguinea und L. entozoon angetroffen. Sie erstreckt sich vom vordem Körperende in fast medianer Richtung durch das erste Drittel der Bauchseite und ist jederseits von einem schmalen häutigen Saume eingefasst; unter dem etwas stärker entwickelten linken Randsaume treten kräftigere, griffeiförmige Wimpern hervor, vermittelst welcher die Nahrungs- mittel durch die Mundspalte in das Parenchym hineingedrückt werden. Bei Glaucoma scintillans geschieht dies mit- telst der undulirenden häutigen Klappe, welche von dem rechten Rande der elliptischen Mundspalte ausgeht. Bei den Oxytrichinen , Euplotinen und Aspidiscinen vermochte ich ebenfalls keinen eigentlichen Schlund nachzuweisen. Laclnnaim nimmt zwar einen solchen an und lässt denselben von dem Peristomwinkel aus in querer Richtung eine I ) Man vergl. Ehrenberg 's getreue Darstellung des Verschlingungsactes von Enchelys fareimen (Die Infusionsthierehen Tat. XXXI. Fig. 2). Von dieser Art scheint mir Leucophrys spathula Ehbg. nicht specitisch verschieden zu sein. — 2) Bei Lacrymaria findet sicli in geringer Entfernung von der terminalen Mundöffnung eine ringförmige Einschnürung, aus der längere, über den Mund hinausragende Wimpern entspringen. Der abgeschnürte Endlheil des Halses bildet ein sehr bewegliches, rüsselartiges Köpfchen. Bei der Galtung Trachelocerca, die ich auf Tr. sagitla Ehbg. beschränke, ist kein abgegliedertes Köpfchen vorhanden. — 3) Joh. Müller hat bereits auf diese seltsame, skelet- arlige Umgra'nzung des Mundes von Loxodes losirum aufmerksam gemacht (Monatsberichte der Berliner Academie von 1856. S. 390'. Er beschreibt sie als einen «dunklen, ganz derben und festen Längsstreifen von leichter SigmafÖrmiger Biegung.« 81 kurze Strecke nach rechts verlaufen und innerlich bewimpert .sein ') , allein ich kann darin nichts weiter, als das unterste Ende des adoralen Wimperbogens erblicken, der von dem Innenrande des Peristoms überragt wird (vergl. Taf. IV. Fig. 17. und Taf. VI. Fig. I). Dass ein solcher Schlund wenigstens bei den Oxylrichinon nicht exisliren kann, wird sowohl durch die von mir bei vielen Formen direct beobachtete, dem ganzen Innenrande des Peristoms parallel laufende lange Mundspalte, so wie auch durch die colossalen Nahrungsmittel, welche die Oxytrichinen zu verschlingen vermögen (vergl. Taf. XIII. Fig. 3. ß. 7 ). bewiesen. Die adoralen Wimpern schleudern die Nahrungs- stofl'e über das Peristomfeld gegen den Fnnenrand des Peristoms, und durch die an demselben befestigte unduli- rende Membran werden sie dann aufgefangen und durch die Mundspalte direct in das Parenehym hineingedrückt. Wo ein deutlicher Schlund vorhanden ist. da besteht derselbe aus einer kurzem oder langern, geraden oder gekrümmten . hautigen oder hornigen Röhre, welche am hintern Ende gerad oder schräg abgestutzt ist und stets offen in das Parenehym ausmündet. Die innere Oberfläche (\os Schlundes ist entweder glatt oder längsgefaltcl und bald nackt, bald bewimpert, bald mit slabförmigen Zahnchen ausgekleidet. Einen kurzen, engen, nackthäuligen Schlund besitzen z. B. Blepharisma lateritia, Plagiotoma lumbrici, Paramaecium colpoda. Der ebenfalls sehr kurze und enge, häutige Schlund von Paramaecium aurelia und bursaria ist auf der ganzen innern Oberfläche mit zarten Wimpern bekleidet. Bei Bursaria flava ist ein kurzer, weiter, längsgefalteter und in der Buhe mehr oder weniger um die Längsaxe eingerollter, walzenförmiger Schlund vorhanden, an dessen innerer Oberflache kurz vor der hin- tern Mündung längs der obern Wand ein dreieckiger hin und her schwingender Lappen befestigt ist, auf den Lieberkühn zuerst aufmerksam machte'). Einen kurzen, geraden, längsfaltigen Schlund unterschied ich auch bei Coleps , doch ist er hier meist schwer und nur unter günstigen Umständen zu beobachten. Einen langen, längs- faltigen, auf der ganzen innern Oberfläche dicht mit zarten Wimpern bekleideten und sehr beträchtlich erweiterungs- fähigen Schlund besitzt Climacostomum virens ; er erstreckt, sich hier von dem Peristomwinkel aus in querer, etwas aufsteigender Richtung nach rechts und krümmt sich dann in einem weilen Bogen bis zur Mitte des rechten Seiten- randes hinab , dem der absteigende Theil fast parallel läuft 3 ). Ein ebenfalls sehr langer, quer bogenförmiger und mehr oder weniger weit in die hinlere Körperhälfte hinabsteigender Schlund ist bei Plagiotoma concharum , cordi- formis und blattarum vorhanden; bei den beiden letztern Allen setzt sieh die adorale Wimperreihe an der obern Wand des Schlundes bis zu seiner hintern Mündung fort. Der schlundartigen Fortsetzung des Vorhofes von Bursaria truncalella ist bereits gedacht worden; ihr hin- teres Ende ist so eng, dass die grossem thierischen Körper, welche man so häufig im Parenehym dieses Infusions- thieres antrifft, wohl kaum durch dasselbe hindurchgegangen sein können. Wahrscheinlich ist der Schlund an der untern Seite aufgeschlitzt und durch diesen Schlitz gelangen die grossem Nahrungsstoffe in das Parenehym. — Einen sehr entwickelten häutigen Schlund besitzen auch die Vorlicellinen , Ophrydinen, Spirochoninen und Tricho- dinen. Bei den Vorticellinen und Ophrydinen geht der Vorhof ohne scharfe Glänze in den meist stark gekrümmten und oft bis tief in das hinlere Körperende hinabi eichenden Schlund über. Einige starke borstenförmige Wimpern, welche die für die Ernährung nicht brauchbaren Stoffe aus dem Vorhof wieder nach aussen schleudern, bezeichnen die Gränze zwischen Vorhof und Schlund; unmittelbar hinler ihnen liegl also erst der eigentliche Mund. Lachmann will bei den Vorlicellinen das hinlere Ende des Schlundes , in dem die Nahrungsstoffe sich zu einem Bissen ansam- meln, als einen besondern Abschnitt unter dem Namen Pharynx von dem vordem Theil, den er Oesophagus nennt, unterscheiden 4 ), ich vermag jedoch keine scharfe Gränze zwischen diesem Endtheil und dem übrigen Theil des Schlundes aufzufinden ; ebensowenig konnte ich mich sicher überzeugen . dass sich die adoralen Wimpern bis in den sogenannten Pharynx hinab erstrecken. Bei Dileptus anser, wo der Mund in einer Ausrandung der Bauchkante an der Basis des Halses liegt und von dicken wulstigen Rändern eingefasst wird, ist der kurze trichterförmige Schlund an seiner innern Oberfläche mit sehr feinen vorspringenden Längsrippen versehen 5 ). Diese Schlundform bildet den Uebergang zu dem mit slabförmigen Zähnen ausgekleideten Schlund, der bei einer ziemlich beträchtlichen Anzahl von Infusoriengallungen I) Müllers Archiv I8ÖÜ. S. 365. — 2, Müller's Archiv 1856. S. 2i. Nach Lieberkühn ist dieser schwingende Lappen auch im Schlund der nahe verwandten, mir unbekannten Ophryoglena flavicans vorhanden (Ebendaselbst S. 22). — 3) Von Ehrenberg's Abbild düngen dieses Thieres (Die Infusionstierchen Tal'. XXXVI. Fig. I. 1—3.) ist die unter Hg. 3. gegebene die richtigste; sie stellt das Thier von der Rückseite mit von unten her durchscheinendem Perislom dar, der Schlund (bei t.) ist jedoch hier irrig als Sainendrü'se bezeichnet worden. — l) Müllers Archiv 183G. S. 348 und 350. — 5) Ehrenberg hat zwar die Lage des Mundes richtig angegeben (Die Iufusionslhierchen Taf. XXXVII. Fig. IV und V. o'), aber die genauere Gestalt desselben und den Schlund nicht dargestellt. Sie in, Organismus der Infusionslhiere. 21 82 vorkommt. Dämlich bei Prorodon , Chilodon, Phiaseolodon , Opislhodon, Chlamydodon, Scaphidiodon , Nassula, Aci- dpphorus, Cyrtostomum und Didinium. Der kurze, gerade und weite Schlund von Prorodon teres enthalt sehr zahl- reiche, dicht neben einander stehende, fein borsleuförmige Zahne, die kaum von blossen Längsleislen verschieden sind und sich nicht isolirt darstellen lassen. In dem langern und engern Schlund von Prorodon niveus sitzen die sehr biegsamen borstenförmigen Zahne so lose, dass sie schon bei einem massigen Druck auf den Körper ver- einzelt oder bündelweis nach aussen hervortreten oder sich in das innere Parenchym hinein schieben, wo sie sich dann stark verbiegen und krümmen, auch sich zopfartig verflechten oder regellos durch einander filzen. Der Schlund von Didinium nasutum gleicht dem von Prorodon; der Mund dieses Thieres liegt an der Spitze eines rüsselartigen, das vordere gerad abgestutzte Körperende krönenden Peristoms, welches bald Irichter-, bald nasen- förmig erscheint, je nachdem der Mund weit offen steht, oder fest geschlossen ist. Der Zusammenhang, in dem die Zahnstabchen mit dem Schlünde stehen, ist am leichtesten bei Chilodon und Nassula zu erkennen, wo die Zahnstabchen starker entwickelt sind und weiter von einander entfernt stehen. Man sieht hier deutlich (vergl. Taf. I. Fig. 6. ph.), dass die Zahnstabchen partielle, gleich weit von einander abste- hende, leislenartige Verdickungen der Schlundwandungen darstellen, die panzerartig erhärtet sind, gleichsam das Skelet des Schlundes bilden und demselben ein fischreusenartiges Ansehen ertheilen. Die Zahnstabchen sind vorn am breitesten und ihre Spitzen sind mehr oder weniger hakenförmig nach innen umgebogen; nach hinten zu ver- schmälern sie sich stetig und verlieren sich zuletzt ganz unmerklich in der Schlundwandung, die noch weiter nach rückwärts zu verfolgen ist, als die Zahnstabchen. Die innere Oberfläche des Schlundes ist stets wimperlos. Bei Cyrtostomum enthält die lange, gerade, häutige Schlundröhre nur in ihrem erweiterten zusammengedrückten Anfangs- theil zwei einander gegenüberstehende, der linken und rechten Wand angehörige bogenförmige Reihen von kurzen, liuealischen , dicht an einander stossenden Zahnstabchen , die man am deutlichsten erkennt, wenn man gerade in die Mundöffnung hinein sieht 1 ). — Dem mit Zahnstäbchen bewaffneten Schlund ist der ganz starre und glatte horn- artige Schlund nahe verwandt. Bei ihm sind die Schlundwandungen ihrer ganzen Ausdehnung nach gleichmässig verdickt und panzerarlig erhärtet; man kann ihn sich als einen fischreusenarligen Schlund vorstellen, dessen Zahn- stäbchen unter einander und mit den Schlundwandungen innig verschmolzen sind. Bisher war ein solcher Schlund nur bei Liosiphon bekannt, wo er eine birnförmige, vorn und hinten gerad abgestutzte Röhre bildet 2 j ; ich habe ihn ausserdem noch bei den Gattungen Ervilia (Taf. II. Fig. IG. ph.) und Troehilia (Taf. II. Fig. 28. ph.) angetroffen, wo er eine gerade, trichterförmige Röhre darstellt. Noch bedarf der Schlund und der scheinbar ganz abweichende Ernährungsorganismus von Trachelius ovum einer speciellen Betrachtung. Ehrenberg schrieb diesem Thiere eine sehr weite, sackförmige, an der Basis des Halses gelegene Mundhöhle zu, die in einen baumförmig verzweigten, am hintern Körperende ausmündenden Darmkanal führe, dessen Aeste in runden, sehr ausdehnbaren Magenblasen endeten 3 ), v. Siehold dagegen erklärte den angeb- lichen Darmkanal für einen fasrigen, keineswegs hohlen Strang, der das äusserst lockere Körperparenchym durch- ziehe und durch seine Verästelungen dem Thier ein grobmaschiges Ansehen ertheile 4 ). Hierauf lehrte Colin, dass der innere Körperraum von Trachelius ovum mit einer wässerigen Flüssigkeit erfüllt sei und dass sich durch die- selbe von dem Rindenparenchym ausgehende, netzförmig mit einander verbundene Parenchymstränge hindurchzögen; mit den Enden dieser innern verästelten Parenchymmasse ständen jetloch keineswegs Magenblasen in Verbindung, sondern was Ehren bevu dafür gehalten habe , seien contraclile Hohlräume , die in grosser Anzahl durch das ganze Rindenparenchym zerstreut lägen 5 ). Lieberkühn und Lachmann gaben zwar in dem letztern Punct Colin Recht, aber den baumförmig verästelten Strang erklärten sie für einen von bssondern Wandungen begränzlen und durch mit Flüssigkeit erfüllte Lücken von dem übrigen Parenchym getrennten Magen, da nur in ihm die verschluckten Nah- rungssloffe enthalten seien. In dem zum Magen führenden Schlund wurden Zahnstabchen beobachtet 6 ). Gegenbaur endlich schilderte den angeblichen verästelten Darmkanal oder Magen als ein die mit wässeriger Flüssigkeit erfüllte Leibeshöhle durchziehendes System von Trabekeln und bemerkte ausdrücklich, dass die Substanz, aus welcher die Trabekeln bestehen, von dem Rindenparenchym des Körpers nicht verschieden sei. Er unterschied ferner zwei ver- I) Ehrenberg hat diese Zahnstabchen bereits unterschieden (Die Infusionslhierchen S. 329 und Taf. XXXIV. Fig. VII und VIII. o'), er sagt iu der Beschreibung seiner Bursaria vernalis : »der Mund hat einen Kranz von starren kurzen Borsten, die fast Zähnen gleichen.« ij Vergl. Stein »Die Infusionsthiere« Taf. VI. Fig. 12. a. 3) Ehrenberg »Die Infusionslhierchen« S. 323 und Taf. XXXIII. Fig. XIII. K. i ' Sirbohl Lehrbuch der \ergl. Anatomie S. 16. Anmerkung. — S) Zeitschrift für wissenschaftliche Zoologie Band IV. S. 266 — 67. 6) Müllei's Archiv I8Ö6. S. 360 und 3G7. — 83 schiedene Oelfnungen, eine vordere enge, welche etwas unterhalb des rüsselartigen Halses, also an der Stelle liegt. wo sich nach Ehrenberg die Mundöffnung befindet, und eine weite spaltförmigo. etwas über der Mitte der Körper- länge gelegene, welche in eine mit Wimpern ausgekleidete laschen förmige Vertiefung führt. Diese hintere Spalte wird von Gegenbaur für die Mundöffnung gehalten , sie soll in den Hauptstamm des Trabekelsystems ausmünden und demselben die in ihm zu verdauenden Nahrungssloffe zuführen. Die vordere Oeffnung führt nach Gegenbaur zuerst in eine etwas erweiterte, starrwandige . dann trichterförmig zugespitzte, häufig längsgefallete Röhre, welche in einen quer ausgespannten Trabekel übergeht; sie soll durch eine Längsspalte in die Leibeshöhle munden, und auf diesem Wege soll durch die vordere Oeffnung von aussen Wasser aufgenommen und auch wieder ausgeschieden werden '). Meine zahlreichen Beobachtungen des Tracheh'us Ovum haben im Wesentlichen zu denselben Ergebnissen geführt, wie die von Gegenbaur, ich kann jedoch seine Deutungen ebensowenig, wie die von Lieberkühn und Lachmann gelten lassen. Ich finde nämlich, dass der Körper aus einem consistenlen , nicht sehr mächtigen und an verschiedenen Puncten des Umfanges ungleich dicken Rinden parenehym besieht, in dem zahlreiche runde, lebhaft contractile Behälter zerstreut liegen. Das Rindenparenchym zieht sich nach innen in ganz homogene, sehr ver- schieden starke Strange aus , die sich regellos kreuzen und netzförmig mit einander anaslomosiren. Dieses netz- förmige Balkenwerk, dessen Interstitiell von wasseriger Flüssigkeit erfüllt werden, hat fast bei jedem Individuum eine andere Form, es geht ohne irgend eine nachweisbare Grunze in das Rindenparenchym über und unterscheide! sich von demselben nur durch grössere Nachgiebigkeit und Verschiebbarkeit; ich kann darin nur das Innenparenchyin des Thieres erkennen. Die von Gegenbaur beschriebene vordere Oeffnung ist der Mund; er liegt ganz analog wie bei der am nächsten verwandten Gattung Dileptus, jedoch nicht unmittelbar an der Basis des Halses, sondern etwas weiter nach rückwärts, genau in der verlängerten Richtung der Bauchkante des Halses. Von der Spitze des Halses erslreckt sich bis zum Munde eine lineare Zone von feinen Tastkörperchen, wie bei Dileptus. Die enge runde Mundöffnung führt in einen sehr kurzen, aber dickwandigen, fast halbkugellörinigen Schlund, der ganz im Rinden- parenchym liegt und innerlich sehr fein längsgestreift ist. An seine breite, gerad abgestutzte Basis schliesst sich stets ein schräg nach rückwärts und innen verlaufender Strang des Innenparenchyms an, der mit den übrigen Strängen des Innenparenclnms direct oder mittelbar zusammenhängt. Durch diesen Strang werden die durch den jedenfalls sehr erweiterungsfähigen Mund und Schlund eindringenden Nahrungsmittel den übrigen, namentlich dem rückwärtigen Innenparenchyin zugeführt und in ihm verdaut. Tracheh'us ovum besitzt hiernach weder einen bäum- förmig verästelten Darmkanal, noch einen baumförmig verästeilen Magen; es wäre auch in der That seltsam, wenn dieses Thier allein unter allen Infusorien mit einem für sich bestehenden, abgeschlossenen Verdauungsapparal ver- sehen sein sollte. Die zweite der von Gegenbaur beschriebenen Oeffnungen liegt fast in der Mitte der rechten Körperseile; sie ist eine länglich elliptische Spalte, die in eine schräge trichterförmige Vertiefung führt, in welche hinein sich die gewöhnlichen Körperwimpern fortsetzen. Eine Oeffnung am Grunde des Trichters konnte ich nicht deutlich erkennen, ich zweifle jedoch nicht an ihrer Gegenwart und nehme an , dass auf diesem Wege das Wasser von aussen aufgenommen wird, welches die Interstitiell des Innenparenchyms ausfüllt und demselben eine so abweichende Form erlheilt. Bei den mit einem offen stehenden Mund und Schlund versehenen Infusorien wird entweder durch das Spiel der adoralen Wimpern oder, wo diese fehlen, der gewöhnlichen Körperwimpern unaufhörlich Wasser mit den in ihm enthaltenen lebenden Körpern und anderen festen Partikelchen in den Schlund hinabgewirbelt. Sind Schlund? wimpern vorhanden, so unterstützen diese theils die Action der aussein Wimpern, theils verhalten sie sich anta- gonistisch, indem sie die bereits in den Schlund gelangten Körper wieder nach aussen schleudern. Der fort und fort gegen das untere Ende des Schlundes gerichtele Flüssigkeitsstiom treibt häufig, wie man z. B. besonders schön bei Climacostomum virens beobachten kann, das dem abgestutzten Ende des Schlundes innig anliegende Parenehym eine kurze Strecke weit aus einander und höhlt es blasenartig aus; die Aushöhlung enthält Wasser und die durch den Schlund hinabgewirbelten festen Körperchen. Zulelzt bildet sich ein an der hintern Mündung des Schlundes hängender Tropfen oder lichtiger Nahrungsballen, der bis auf den Anheftungspunct ganz vom Innen- parenchym umschlossen ist. Plötzlich reisst der Nahrungsballen vom Schlünde ab, und er bewegt sich nun in der Richtung des Schlundes noch eine längere oder kürzere Strecke durch das Innenparenchyin fori. Zur Ruhe gelangt I) Gegenbaur »Bemerkungen über Traclielius ovum« in Müllers Archiv 185"/ S. 3 < > U — I 2. 84 stell! er das Gebilde dar, welches Ehrenberg als Magenblase bezeichnete, die also nichts weiter ist, als ein mit Wasser und in ihm schwebenden festen Körperchen erfüllter Hohlraum des Innenparenchyms. Bei manchen Infu- sorien, namentlich bei Plagiotoma lumbrici, cordiformis und blattarum erreicht der Nahrungsballen oft einen sehr bedeulenden Umfang, bevor er sieh von dem Schlünde ablöst, auch zeigt er sich nicht rundlich blasenförmig, sondern ganz unregelmässig eingebuchtet und aufgedunsen. Auf die Abstossung des Nahrungsballens vom Schlundencle wirkt sicherlich der fortgesetzt von aussen ein- dringende Flüssigkeitsslrom mit ein, allein er kann nicht Hauptursache der Forlbewegung sein. Er allein würde nur bewirken, dass die blasenartige Aushöhlung im Parenchym hinter dem Schlundende immer tiefer und liefer würde und sich nach und nach in eine kanalartige Lücke umwandelte. Offenbar drängt auch das Innenparcnchym von vorn her und von den Seilen gegen den sich mehr und mehr vom Schlund abgränzenden Tropfen, und wenn der Schlund nicht ganz verhornt ist. so nehmen dessen Conlraclionen gewiss einen sehr wesentlichen Anlheil an der Abstossung des Nahrungsballens. Bei Climacostomum virens beobachtete ich sehr kräftige perislallische Bewe- gungen des Schlundes, und auch an dem Schlünde der Vorticellinen sind diese leicht und sicher zu constaliren. Bei den Vorticellinen und Ophrydinen wird von dem Nahrungsslrom keine blasenartige Aushöhlung des Parenchyms an der hinlern Schlundmündung gebildet, sondern hier häufen sich die zu verschluckenden Körperchen in dem Endtheile des Schlundes an, wie man am besten erkennt, wenn man den Thieren Karmin als Füller dar- reicht. Bei Vorlicella, Carchesium und Epislylis wird der von den Wimpern des Wirbelorgans erregte Karminstrom von rechts her zwischen dem Perislomrand und dein Wirbelorgan zum Vorhof gelrieben; am Eingange zu dem- selben werden die meisten Karminlheilchen wieder über den Perislomrand nach aussen geschleudert, die eindrin- genden Theilchen durchlaufen den horizontalen Vorhof und den horizontalen Anfangstheil des Schlundes und häufen sich in dem verticalen , vorn etwas erweiterten, nach hinten zugespitzten, fast spindelförmigen Endlheil an. Dies ist der Pharynx von Lachmann. Wenn sich hier eine grössere oder geringere Menge von Karminlheilchen angesam- melt hat, zieht sich der Schlund zusammen und das in ihm enthaltene Wasser mit den Karmintheilchen dringt nun durch die sich öffnende hinlere Schlundmündung in das Parenchym ein, welches kanalartig aus einander weicht. Bisweilen füllt sich erst der ganze verticale Theil des Schlundes dicht mit Karmin und es vergeht darüber eine geraume Zeit (bis zu \ Stunde), bevor der Inhalt ausgestossen wird; gewöhnlich aber erfolgen die Verschluckungs- acte in kurzen Zwischenräumen auf einander, nachdem sich nur im hinlern Ende des Schlundes eine massige Anzahl Karminlheilchen angesammelt hat. Im erslern Fall wird nicht immer die ganze Karminmasse in das Parenchym getrieben, sondern häufig bleibt die vordere Portion zurück und sie tritt in dem Momente in den horizontalen Theil des Schlundes, ja selbsl in den Vorhof zurück, in welchem die hintere Portion in das Parenchym übergeht. Diese Thatsache lehrt, dass die Austreibung der Nahrungsstoffe aus ilem Schlünde durch Contractionen der Schlundwan- dungen bewirkt werden muss und nicht etwa durch neue Nahrungszufuhr. Der aus dem Schlund in das Parenchym übertretende Bissen beschreibt in der hintern Körperhälfte einen längern oder kurzem Bogen , indem er sich zuersl von dem Schlundende aus nach abwärts bewegt und dann in der Nähe des hintern Körperendes nach der dem Schlund gegenüberliegenden Körperseite umbiegt und hier gewöhnlich noch eine Strecke weit in die Höhe sleigl. Während dieses Verlaufes bildet er einen längern oder kurzem, vorn abgerundeten, hinten zugespitzten Strang, der bisweilen noch mit dem Schlundende zusammenhängt, während sein vorderes Ende bereits auf der entgegengesetzten Seite angelangt ist. In diesem Falle macht der einen continuirlichen , bogenförmigen Strang darstellende Bissen ganz den Eindruck eines sich an den Schlund anschlies- senden Darmkanales. Es währt jedoch nur wenige Momente, so schliesst sich das Parenchym, dessen Continuilät durch den Bissen unierbrochen wurde, von dem Schlundencle aus wieder zusammen, und dadurch werden die hinlern Bestandteile des Bissens an die vorderen herangeschoben, und es bildet sich mm an der Stelle, die das vordere Ende des sich nicht mehr weiter bewegenden Bissens einnahm, ein runder Ballen, Ehrenberg s Magenblase. Die später nachfolgenden Bissen drängen die bereits vorhandenen runden Nahrungsballen weiter nach der Mille des Körpers und nach vorn ; hierbei sind jedoch auch die Contractionen des Innenparenchyms sehr wesentlich thatig. Bei den Vorticellinen mit horizontalem Vorhofe setzt sich der hintere Theil des Schlundes nur deshalb als ein besonderer, anscheinend functionell verschiedener Abschnitt ab, weil er mit dem \ ordern horizontalen Schlund- theil ein starkes Knie bildet und wegen seiner fast verticalen Stellung zur Ansammlung von festen Parlikelchen besonders geeignet ist. Dass jedoch dieser hintere Abschnitt nicht wesentlich von dem vorderen verschieden sein kann, scheinen mir die verwandten Gatlungcn Opercularia und Lagenophrys zu beweisen, bei denen der von der 85 einen Seile des weiten verticalen Vorhofes abgehende Schlund eine einfache, abwärts steigende Röhre bildet. — Füttert man Paramaecium aurelia oder bursaria mit Karmin, so werden die in den Schlund eindringenden Karmin- theilchen von den Schi und wimpern zu einem kleinen Ballen zusammengewirbelt, der dann in das Parenchym aus- gestossen wird. Ein solcher Ballen im Schlünde hindert nicht, dass fortgesetzt Wasser durch den Schlund, dessen hintere Mündung immer offen steht, in das Parenchym getrieben wird und hier das Rotationsphänomen verursacht, welches bereits S. 57 in Betracht gezogen wurde. — Verschlucken die Infusionslhiere grössere Körper, z. B. ganze Räderthiere, grössere Infusorien, Arcellinen, Naviculaceen, Closterinen, Oscillarien, Confervenstücke u. s. w., so ist das mit diesen Körpern eindringende Wasserquantum meist zu unbedeutend, als dass es um dieselben einen blasenartigen flof bilden könnte, die verschluckten Körper liegen dann frei im Parenchym, und es sind nicht einmal scheinbare Magenblasen vorhanden. Die Bildung von runden mit Wasser und Nahrungspartikeln erfüllten Blasen- räumen im Parenchym wird natürlich vorzugsweise bei den mit einem Schlund versehenen Infusorien vorkommen, während bei den schlundlosen die Nahrungsstolle gewöhnlicher frei im Parenchym liegen, namentlich bei solchen die eine enge, spaltförmige Mundöffnung besitzen. Die verschluckten Nahrungsslolfe werden durch den unmittel baren Contact mit dem Parenchym verdaut; sie verandern nach und nach ihre Farbe und Consislenz und zerfallen in eine grumöse Masse. Waren sie von einer starren Hülle begränzl. so werden ihnen nur die leicht löslichen innern W'eiehtheile entzogen. Die in der Verdauung begriffenen Substanzen werden nach und nach durch das Parenchym fortgeschoben; sie beschreiben meist regellose Bahnen, erhalten jedoch im Allgemeinen eine solche Direction, dass sie der Stelle immer näher rücken, wo die Ausscheidung der unverdaulichen Massen erfolgt. Ein After kommt wahrscheinlich allen mit einem Mund versehenen bewimperten Infusionsthieren zu, er hat sich jedoch bei vielen Formen noch nicht direct ermitteln lassen. Die Bestimmung des Afters ist deshalb schwierig, weil er in den meisten Fallen keine wirkliche Oeilhung, sondern nur eine bestimmte, sonst durch nichts ausgezeichnete Stelle ist, an der die unverdaulichen Stolle nach aussen hervortreten. Diese Stelle lässt sich nur durch lang anhaltende Beobachtung von solchen Thieren ermitteln, die reichliche Nahrung zu sich genommen haben. Aber auch dann kann man noch leicht getäuscht werden; denn zu einer genauen Bestimmung der Auswurfsstelle ist erforderlich, dass das Thier still steht. Viele Infusorien sind jedoch dazu nicht zu bewegen, zwingt man sie aber durch Auflegen eines Deckgläschens oder durch flache Ausbreitung des Wassertropfens , in dem sie schwimmen, zum Stillliegen, so durchbrechen die verschluckten NahrungsstoÜe bald an dieser, bald an jener Stelle das Parenchym, welches sich alsbald wieder schliesst (vergl. z. B. Taf. VII. Fig. 10). Der Eindruck, den man hierdurch erhält, ist ganz derselbe, wie bei der Ausscheidung von Excremenlen durch die wahre Aflerstelle; das Thier wird dadurch auch nicht in seinem Lebensprozess gestört, sondern es bleibt ganz munter, sobald man es nur wieder rechtzeitig durch Zusatz von Wasser aus seiner bedrängten Lage bringt. Dergleichen Beobachtungen haben früher zu der irrigen Ansicht geführt, dass die Infusorien an jeder beliebigen Stelle ihrer Körperoberfläche die unverdaulichen Stoffe nach aussen befördern könnten. Unter normalen Verhältnissen geschieht dies immer nur an einer ganz constanten Stelle, diese ist jedoch mit Ausnahme einiger Fälle keineswegs scharf umschrieben, sondern das Parenchym bildet auch hier ein Continuum und zeichnet sich nur bis zu einer gewissen Glänze durch grössere Nachgiebigkeit und Permea- bilität aus. Sowie die Auswurfsstoffe durch die Aflerstelle hindurchgegangen sind, schliesst sich das aus einander gedrängte Parenchym sofort wieder innig zusammen. Eine wirkliche, zu jeder Zeit wahrnehmbare Afteröffnung beobachtete ich nur bei Plagiotoma blatlarum und cordiformis und bei den Galtungen Ophryoscolex und Entodinium. Bei den beiden erstem Infusorien liegt sie in einer Ausrandung am hintern körperende und führt durch eine kurze schräge kanalartige Lücke in das Innenparenchym. Die ebenfalls am hintern Körperende gelegene, ansehnliche, runde Afteröffnung von Ophryoscolex und Entodinium führt in einen kurzen, längsfaltigen, sehr erweiterungsfähigen, gegen das Innenparenchym scharf begränzlen und gerad abgestutzten Schlauch, der von eigenen häutigen Wan- dungen begränzt ist. Dieser Schlauch muss geradezu als ein Afterdarm bezeichnet werden. Die Afterstelle findet sich in der Regel am hintern Kürperende oder doch in geringer Entfernung von dem- selben und dann fast immer auf der Bauchseile. Vor dem hintern Korperende liegt der After namentlich dann wenn dasselbe zugespitzt oder stark plattgedrückt ist. Dieser Unterschied hat jedoch keinen sehr bedeutenden systematischen Werth , wie recht schlagend die Gattung Paramaecium lehrt; denn bei P. bursaria (indet sich die Afterstelle am hintern Körperende, bei P. auielia in der Bauchkante fast genau in der Mitte zwischen dem Mund und der hintern Körperspitze. Genau am hintern Körnerpol liegt die Afterstelle z. B. bei Enchelys, Holophrya, Coleps. Colpoda , Cyclidium, Glaucoma, Loxodes, Trachelius, Nassula , Pleuronema, Blepharisma. Plagiotoma, Stein, Organismus der lufusiouslliierc. 22 86 Bursaria, C.liinacostomum, Spirostomura, Halteria, Didinium; nahe vor dem hintern Körperende bei Chilodon (Taf. 1. Fig. 6. z.), Dileptus, Amphileptus, Loxophyllum , Uroleptus, Lacrymaria. Bei den Oxytrichinen findet sich die Afterstelle links neben der Insertion der Afterwimpern (Taf. VI. Fig. I. z.) , bei den Euplotinen und Aspidiscinen dicht hinter den mittlem Afterwimpern. Bei den Stentoren, Vorticellinen und Ophrydinen ist der After im vordem Körperende angebracht. Bei Stentor beobachtete ich den Austritt von Excrementen immer nur auf der linken Körperseite , dicht unter der ado- ralen Wimperspirale und unmittelbar neben dem contractilen Behälter 1 ). Bei den Vorticellinen und Ophrydinen mündet der Aller in den Vorhof aus. Die Gattungen mit horizontalem Vorhof, z. B. Vorticella , Carchesium, Epi- slylis, haben den After ganz im Hinteigrunde desselben an seiner obern Wand, dicht über der eigentlichen Mund- öffnung. Neben dem After ist die bereits erwähnte, bis über den Peristomrand hinausragende, starre, gebogene Borste eingefügt, welche wahrscheinlich bei der Fortleitung der Excrementballen nach aussen thälig ist. Bei den Galtungen mit verticalem Vorhof, z. B. Opercularia und Lagenophrys , liegt der After auf dem Boden desselben 2 ); Lagenophrys besitzt neben dem After ebenfalls eine lange, starre, fast verticale Borste. 6. Von den contractilen Behältern und dem Wasserkanalsystem der lnfiisionstliiere. Ein für die Infusionsthiere characteristisches , wenn gleich noch nicht bei allen nachgewiesenes Organsystem bilden die meist blasenförmigen , an constanten Stellen im Parenchym vorkommenden , mit einer klaren wässerigen Flüssigkeit erfüllten contractilen Behälter, die sich von Zeit zu Zeit plötzlich bis zum volligen Verschwinden zusam- menziehen und ihren Inhalt gänzlich entleeren und dann sich viel langsamer wieder mit Flüssigkeit erfüllen und zu ihrem frühern Volumen zurückkehren. Diese Behälter sind zwar sehr scharf begranzt, aber es ist bisher noch nicht gelungen, an ihnen eigene, häutige Wandungen nachzuweisen, wir müssen sie daher für blosse Aushöhlungen im Parenchym ansehen. Die Flüssigkeit, welche den contractilen Behälter bei der Diastole desselben füllt; enthält keinerlei körnige Elemente und ist anscheinend reines Wasser; dieses wird ihm aus dem umgebenden Parenchym zugeführt und zwar häufig durch gefässaitige Kanäle, welche in den contractilen Behälter ausmünden. Die während der Systole desselben entweichende Flüssigkeit geht theils auf demselben Wege, auf dem sie gekommen ist, wieder in das Parenchym zurück, theils wird sie durch bestimmt nachzuweisende Oeffnungen in die Aussenwelt befördert. Wegen des letztern Umstandes kann ich in den contractilen Behältern und den mit ihnen communicirenden Kanälen keinen Kreislaufsorganismus erkennen , wofür dieselben von den meisten neueren Forschern , namentlich mit grosser Bestimmtheit wieder von Claparede 3 ) , Lieberkühn 4 ), Lachmann 5 ) imdJoIi. Müller 6 ) ausgegeben werden, ich muss vielmehr durchaus Elirenberg beistimmen, der von Anfang an die contractilen Behälter der Infusorien mit den con- tractilen Blasen der Räderthiere verglich und wiederholt gegen die Deutung der contractilen Behälter als herzartige Organe geltend machte , dass die an ihnen zu beobachtenden Contractionen und Expansionen von Herzbewegungen ganz und gar verschieden seien. Die contraclile Blase der Räderthiere und die mit ihr in Verbindung stehenden beiden Längskanäle haben sich zusammen als ein Wassergefässsystem herausgestellt , welches Wasser aus der Leibeshöhle aufnimmt und mittelst der contractilen Blase nach aussen ejaculirt. Dieselbe Bedeutung schreibe ich auch dem contiactilen Kanalsystem der Infusionsthiere zu. Diese zuerst von 0. Schmidt (vergl. S. 33) begründete Ansicht vertheidigen auch R. Leuckart 7 ), Carter 6 ) und neueslens wieder sehr entschieden Leydig 9 ); Schmidt irrte nur darin, dass er die contractilen Behälter nicht blos Wasser ausscheiden, sondern auch von aussen aufnehmen liess. Eine der complicirleslen Formen des Wasserkanalsyslems , welche in der Infusorienwelt auftreten, ist die sternförmige, sie wurde am frühesten beachtet (vergl. S. 14) und seither so oft an Paramaecium aurelia studirt; sie findet sicli auch noch bei Bursaria flava und Ophryoglena flavicans und erreicht ihre höchste Entwicklung bei I) Lachmann giebt den Aflcr auf der Itückseite des Thieres dicht unter der Wimperspirale an [Aliiller's Archiv I85C. S. 361 und I;il. XIII. Fig. 8. e). — 2) Vergl. Stein Die Infusionsthiere Taf. II. Fig. X. A' i) — 3) Müller's Archiv 1854. S. 404. — 4) Eben- daselbst 185G. S. 26 — 35. — 5) Ebendaselbst S. 374 — 79. — 6) Monalsber. der Berliner Acad. 1856. S. 392. — 7) Bergmann und Leuckart Anatomisch- physiol. Tebersicht des Thierreichs S. 184. 214 und 282. — 8] Annate of natural history 1856. Vol. 18. p. I2G. 9) Lcydig Lehrbuch der llistiologie 1857. S. 395. 87 Cyrtostomum leucas. Von dieser Form hat Lieberkükn nach Beobachtungen an den drei zuerst genannten Infu- sorien eine höchst sorgfältige Schilderung gegeben, die ich, soweit sie Par. aurelia und Burs. flava betrifft, durchweg bestätigen rauss. Das Wasserkanalsystem liegt ganz und gar im Rindenparenchym , nahe unter der äussern Ober- fläche, wie man beim Wälzender Thiere um die Längsaxe erkennt ; es besteht entweder nur aus einem mittlem (Cyrt. leucas und öfters auch Burs. flava) oder aus einem vor und hinter der Mitte gelegenen runden, contractilen Behälter, von dessen Peripherie strahlenförmig und der Körperoberfläche parallel scharf begränzte, gefässartige Kanäle auslaufen. Par. aurelia besitzt nur eine geringe Anzahl von Kanälen, meist 8 — 10 fast ganz gerade; bei Burs. flava finden sich gegen 30 ebenfalls gerade und sehr feine Kanäle; eine noch grössere Anzahl besitzt Cyrt. leucas. Bei diesem Thiere sind die Kanäle am längsten und deutlichsten , überall gleichweit und wellenförmig hin und her geschlängelt; ich konnte sie bis nahe an das vordere und hintere Körperende und nach rechts und links bis weit auf die dem contractilen Behälter gegenüberliegende Körperseite hinauf verfolgen; sie gleichen hier auf das Genaueste den Wassergefässen der Strudelwürmer, erscheinen auch bisweilen nach dem Ende zu deutlich gega- belt, enthalten aber keine schwingenden Wimperläppchen. Kehrt Cyrtost. leucas dem Beobachter die Körperseite zu, in welcher der contractile Behälter liegt, und sieht man gerade auf denselben in dem Momente herab , wo die Wurzeln sämmtlicher Kanäle in der Horizontalebene liegen und vom Rande des Behälters nach allen Seiten hin ganz gleichartig ausstrahlen, so erblickt man genau über der Mitte des völlig ausgedehnten Behälters eine zwar enge, aber überaus deutliche, scharf umschriebene , runde Oefl'nung in der äussern Körperwand, welche vollkommen mit der ebenfalls sehr engen Mündung des Wasser- gefässsvstems der Strudelwürmer, namentlich mit der von Mesostomum übereinstimmt. Sie bleibt während der Systole und Diastole des contractilen Behälters ganz unverändert, und ist auch dann noch deutlich erkennbar, wenn sich der contractile Behälter ganz entleert hat und unsichtbar geworden ist. Dreht sich das Thier so, dass der con- tractile Behälter am Rande des Körpers erscheint, so sieht man ganz zweifellos, dass die Oefl'nung durch einen sehr kurzen Kanal in den contractilen Behälter fuhrt, und dass sich dieser bei der Systole gegen die Oeffnung hin zusammenzieht. 0. Schmidt gebührt das Verdienst, die Mündung des Wasserkanalsystems bei Cyrt. leucas entdeckt zu haben ; ich habe früher seine Angaben selbst in Zweifel gezogen, später aber mich von ihrer Richtigkeit unzählige Male und an sehr grossen Thieren, bei denen von irgend einer Täuschung nicht die Rede sein kann , auf das Posi- tivste überzeugt 1 ). Param. aurelia besitzt an derselben Stelle, wie Cyrt. leucas, eine äusserst feine und schwer zu beobachtende Ausmündung des contractilen Behälters; bei Burs. flava dagegen sah ich statt einer centralen Mündung nur ö — 7 sehr feine lichte Puncte über dem contractilen Behälter; es sind dies offenbar verdünnte Stellen der Körperwand, durch welche bei der Systole des Behälters Wasser hindurchgepresst wird, worauf sie sich, ähnlich wie die After- stellen der Infusorien, sofort wieder schliessen. Die Vorgänge bei der Systole und Diastole des contractilen Behälters lassen sich am besten bei Par. aurelia erkennen, obwohl beide Momente hier schnell aufeinander folgen und daher noch am meisten an Herzbewegungen erinnern. Beim Beginn der Systole schwellen die vom contractilen Behälter auslaufenden Kanäle in einiger Entfernung von dem Rande desselben plötzlich spindelförmig an , und in dem Maasse, als die Systole fortschreitet, rücken die sich immer mehr ausdehnenden Anschwellungen nach rückwärts gegen die Stelle hin, die der contractile Behälter einnahm. Ist derselbe gänzlich verschwunden, so erblickt man an seiner Stelle einen Stern von einander sehr genäherten, birnförmigen Strahlen, die nach aussen zu in lange, haarfeine Enden auslaufen. Beim Beginn der Diastole verschwindet zuerst die Flüssigkeit an der Basis der birnförmigen Anschwellungen, und sowie nun der contractile Behälter wieder zu erscheinen anfängt, ist der Rand desselben mit kegelförmigen Anschwellungen besetzt, die sich in dem Grade verkürzen, als die Diastole vorschreitet. Hat der Behälter seine grösste Ausdehnung erreicht, so sind die Anschwellungen verschwunden und statt derselben ein- fache, gleich weite Kanäle vorhanden. Diese Erscheinungen lehren unzweideutig, dass bei der Systole Flüssigkeit aus dem contractilen Behälter eine Strecke weit in die peripherischen Kanäle hineingetrieben und dass von diesen aus der contractile Behälter bei der Diastole mit Flüssigkeit erfüllt wird. Wäre das ganze Kanalsystem von besondern häutigen Wandungen begränzt und durchaus geschlossen , so müssten sich die peripherischen Kanäle während der Systole bis zu den i) Bereits auf der Naturforscherversammlung in Wien im Jahre 1836 bestäligte ich Schmidts Entdeckung (Tageblatt Nr. 3. S. 55); ich erklärte hier auch das System der contractilen Behälter lediglich für ein excernirendes Wasserkanalsyslem. 22 ' 88 äussersten Spitzen hin erweitern, was durchaus nicht der Fall ist. Da der eonlractile Behalter auch in offener Communication mit der Aussenwelt steht oder von derselben doch nur durch sehr verdünnte Stellen in der Körper- wand getrennt ist, so muss bei seiner stets sehr energischen und plötzlichen Contraction. die überdies sichtlich gegen die äussere Oberfläche gerichtet ist, nothwendig auch ein Theil seines Inhalts nach aussen entleert werden. Alan hat gesagt, dass wenn dies wirklich geschähe, so müsste man in dem Momente, wo die Systole des con- tractilen Behälters erfolgt , in der nächsten Umgebung desselben an der äussern Körperoberfläche eine Strömung oder ein Abstossen feiner im Wasser schwimmender Körperchen bemerken, wovon aber nichts zu beobachten sei; allein bei den grössten Rädertliieren, z. B. bei Hydalina senta, lässt sich ebenfalls keine Strömung in der Umgebung der Kloake nachweisen, wenn sich die contractile Blase zusammenzieht, und doch zweifelt gegenwärtig wohl Niemand daran, dass sie ihren Inhalt durch die Kloake nach aussen ergiesst. Die eigentliche Bedeutung der peri- pherischen Kanäle wird hiernach darin bestehen, Wasser aus dem Parenchym aufzunehmen und dieses dem con- tractilen Behälter zuzuführen ; hat sich dieser prall mit Wasser erfüllt, so erfolgt ein gewaltsames Zusammendrängen des umgebenden Parenchyms gegen den Behälter, um das Wasser in die Aussenwelt zu treiben, da jedoch die Oeffnung nach aussen zu eng ist, so kann nur eine geringe Menge Wasser nach aussen entweichen, das übrige wird wieder eine Strecke weit in die Kanäle zurückgetrieben. Ein sternförmiges, jedoch weniger entwickeltes oder der Beobachtung minder zugängliches Wasserkanal- system findet sich noch bei einigen andern Infusorien, z. B. bei Ophryoglena atra und acuminata, Glaucoma scin- tillans, Lembadion bullinum und Paramaecium bursaria. Bei Glaucoma scintillans glaube ich über dem contraclilen Behälter eine feine Oeffnung erkannt zu haben, bei Ophryogl. acuminata unterschied ich nur mehrere verdünnte punetförmige Stellen. — Sehr nahe verwandt ist das rosettenförmige Wasserkanalsystem; es besteht aus einem runden nahe unter der Oberfläche gelegenen contraclilen Behälter, von dem im Zustande seiner grössten Ausdeh- nung keinerlei Kanäle abgehen ; beim Beginn der Systole erscheinen aber rings um den Rand des Behälters blasen- oder perlarlige Vorsprünge, die sich gegen das Ende der Systole in eine mehr oder weniger regelmässige Rosette von abgeschlossenen, rundlichen oder länglichen, ungleich grossen Blasen umwandeln. Diese Form kommt in einfacher Anzahl und ziemlich in der Mitte des Körpers gelegen bei Nassula aurea, Acidophorus ornatus, Liosiphon ambiguus , Paramaecium colpoda und Plagiotoma concharum, in doppelter Anzahl bei Leucophrys entozoon vor. Ueber der Mitte des contraclilen Behälters entdeckte ich bei Acid. ornatus und Nass. aurea eine sehr deutliche, scharf umschriebene, enge, runde Oeffnung; auch bei Param. colpoda und Liosiphon unterschied ich mit Bestimmt- heit eine sehr feine centrale Mundung. Verschiedene Infusorien besitzen ein longit udinales Wasserkanalsystem; es besteht aus einem gewöhn- lich nur nach und nach zur Erscheinung kommenden Längskanal, der sich entweder an dem einen Ende, oder in der Mitte zu einem contractilen Behälter erweitert. Am leichtesten ist diese Form an Spiroslomum ambiguum zu beobachten, da hier der im vordem Körperende beginnende und bis weil nach rückwärts verlaufende Längskanal oft seiner ganzen Ausdehnung nach sichtbar ist; er erweitert sich allmählig nach rückwärts und geht in einen weiten sackförmigen contractilen Behälter über, der einen grossen Theil des hintern Körperraumes ausfüllt 1 ;. Durch eine seichte Ausrandung am gerad abgestutzten Hintereude ergiesst derselbe ohne Zweifel seinen Inhalt nach aussen; denn es wäre sonst ganz unbegreiflich , wo die grosse Menge Flüssigkeit, die während der sehr plötzlichen Systole aus ihm entweicht, bleiben sollte, da sich der Längskanal bei der Systole nicht merklich erweitert und sonst keine andern Kanäle erscheinen. Es vergeht auch immer eine sehr geraume Zeit, bevor der Behälter sich nur annähe- rungsweise bis zu seinem früheren Volumen wieder füllt. Bei Chmacostomum virens liegt der unregelmässig blasen- förmige contractile Behälter ebenfalls am hintern Körperende und in denselben mündet entweder nur auf dei linken, oder aul der rechten und linken Seite ein Längskanal aus, der aus dem vordem Körperende herabsteigt, sich nach hinten zu mehr und mehr erweitert und hie und da schnurförmige Anschwellungen zeigt. Diese Längskanäle sind nur zeilweise sichtbar, sie ziehen sich stets von der Spitze nach der Basis hin zusammen und ergiessen ihren Inhalt in den contraclilen Behälter; die Ausmündung des letztern scheint ganz mit dem seicht ausgerandeten After I) Ehrenberg hat nur den contraclilen Behälter und das hintere Ende des Längskanals gesehen (Die Infusionslhierchen S. 333 und Jaf. XXXVI. Fig. II. 4. S. 6). Den contraclilen Behälter beschreibt er fälschlich als eine halbcylindrisclie Aushöhlung, v. Siebold gab die erste richtigere Darstellung des Wasserkanalsystems von Spiroslomum (Lehrbuch der vergl. Anatomie S. 21). 89 zusammen zu fallen 1 ). Bei Stentor. wo der Afler im vordem Körperende liegt, findel sich auch der contraclile Behälter unmittelbar neben demselben und der ihm Wasser zuführende Längskanal erstreckt sich von hier aus bis in das hin- tere Körperende, das ganze System hat also die umgekehrte Lage im Vergleich zu Spirostomum 2 ). Bei Loxophyllum meleagris sieht man dicht unter den zahnförmigen Vorsprangen der Bückenkante eine Beihe rundlicher Bläschen, die von Zeit zu Zeit in einen Langskanal zusammenfliessen, welcher in einiger Entfernung vom hintern Ende kurz vor dem After in einem contraclilen Behälter endigt. Opalina planariarum und uncinata besitzen nur einen contractilen Längskanal ohne abgesonderten Behälter 3 ]. Besonders lehrreich ist das longitudinale Wasserkanalsystem von Stylonychia mytilus. Man kann hier leicht verfolgen, wie im vordem Körperende zuerst in der Gegend der vordersten Stirnwimpein und dann auch im Peristomfelde Wassertröpfeben auftreten (Taf. VIII. Fig. I. und .S.g. Taf. VII. Fig. 4.g.), von denen allmählig mehrere zu bisquit- und knollenförmigen Tropfen zusammenfliessen. Nach und nach entsteht ein kurzer, schnurförmiger Querstrang, der, indem er von vorn her immer neue Tröpfchen aufnimmt, sich mehr und mehr nach links verlängert und gleichmässig erweitert. Plötzlich fliesst die strangförmige Wassermasse in einem längern oder kurzem Bogen längs des linken Körperrandes ganz langsam nach abwärts, indem sie mit ihrem vorangehenden angeschwollenen Ende sichtlich das Parenchym aus einander drängt (Taf. VI. Fig. I. 2. 5. g. g. Taf. VII. Fig. 4. g.); ihr folgen oft schnell nach einander, bald in derselben Bahn, bald in einer sehr genäherten parallelen längere oder kürzere Wasserstränge, deren im vordem Körperende gewöhnlich mehrere fast gleichzeitig ihren Ursprung nehmen (Taf. VI. Fig. 5. g. Taf. VII. Fig. 4. g). Der absteigende Flüssigkeitsstrom mündet stets in den Vorderrand des hinter dem Perislom gelegenen runden, contractilen Behälters (Taf. VI. Fig. I. 2. c.) ein, der dadurch so ausgedehnt wird, dass er auf der Rückseite des Thieres meist stark blasenförmig nach aussen vorspringt (Taf. VII. Fig. I.c). Bei der Systole zieht sich der conlractile Behälter, der keinerlei Mündung nach aussen besitzt, nach innen zusammen, und es erscheint nun hinler demselben ein Flüssigkeitsstrang (Taf. VI. Fig. 2. g' und Taf. VII. Fig. I. g') , der bis zur Aflerslelle verläuft und dann plötzlich verschwindet. Bisweilen findet die Systole schon statt, wenn der von vorn kommende Flüssigkeilsstrom noch nicht vollständig in den contractilen Behälter aufgenommen ist, dann wird der erstere wieder eine Strecke weit nach vorn zurückgeslaut. In der rechten Körperhälfte sucht man vergebens nach einem etwa von hinten nach vorn aufsteigenden Flüssigkeilsstrom. Der contractile Behälter wird also fort und fort in Absätzen von vorn her mit Wasser gefüllt und treibt dieses beständig nach hinten bis zum After, durch den es ohne Zweifel nach aussen entleert wird, da sich eine weitere Verbreitung im Körper absolut nicht nachweisen lasst. Wir können uns das ganze System auch als eine Längslacune vorstellen, in deren Mitte der contraclile Behälter liegt. — Aehnlich verhält sich wahrscheinlich das Wasserkanalsystem aller anderen Oxytrichinen, da sie den con- tractilen Behälter an derselben Stelle besitzen, wie Stylonychia mytilus. Wer die eben geschilderten Verhältnisse selbst beobachtet hat, der wird unmöglich noch dem Gedanken Baum geben können, dass das Kanalsystem, mit dem wir es hier zu thun haben, ein in sich abgeschlossener Kreis- laufsorganismus sein könne, welcher selbstständige häutige Wandungen besitzt, obgleich selbst J. Müller, lediglich auf die Untersuchung von Paramaecium aurelia gestützt, dieser Ansicht das Wort redete. Wäre der conlractile Behälter die herzartig erweiterte Stelle eines geschlossenen Gefässsystemes, so rnüssle er unter allen Verhältnissen ein und denselben Ort einnehmen, ich sah ihn jedoch bei Stylonychia ui\tilus nicht selten innerhalb dev zufuhrenden Wasser- bahn mehr oder weniger weit nach vorn gerückt (Taf. VII. Fig. I I . c. Taf. VIII. Fig. 4. c), wenn in Folge der Enlwickelung von Embryonalkugeln an seinem gewöhnlichen Platze kein hinlänglicher Spielraum für seine Bewe- gungen vorhanden war; ja bei Uroslyla grandis sah ich den contractilen Behälter von seiner normalen Stelle hinter dem Penstom (Taf. XIV. Fig. I.c) mehrmals bis in das vorderste Körperende (Taf. XIV. Fig. 3. c,) verschoben und hier zeigte er nun auch bei der Systole ein anderes Verhalten, indem sich um ihn ein Stern von blasenfönnigen Ausläufern bildete. 1) Ganz ebenso würde sicli nach Lieberkühn Müller' s Archiv 1836. S. 33—34] das Wasserkanalsystein von Bursaria vorlicella ver- halten. Sollte nicht das von diesem Forscher als Burs. vorlicella Ehbg. bestimmte Thier Spirostomum \irens Ehbg. gewesen sein? Lieberkühn erklärt auch S. 35 — 36, dass ihm bei keinem Infusorium besondere Kanäle bekannt geworden seien, in denen die Flüssigkeit während der Systole in den Körper zurückströme. — 2) Mit dem contractilen Behälter von Stentor soll nach Lachmann (Müllers Archiv 1856. S. 376) auch noch ein dicht unter der adoralen Wimperspirale verlaufender Ringkanal in Verbindung stehen. — 3) Vergl. M. Schullzc Beilr. zur Naturg. der Turbellarien S. 68 — 69 und Taf. VII. Fig. ) — 5. und 8—9. Schnitze vermuthet, dass der Kanal an beiden Enden eine feine OefTnung nach aussen habe; wahrscheinlich ist jedoch eine solche nur hinten vorhanden. Eine Begränzung des Kanals von eigenen Wan- dungen, wie ich sie früher annahm, kann ich nicht mehr gelten lassen (Vergl. Stein Die Infusionsthiere S. 178 — 79). Stein, Organismus der Infusionsloiere. -•• 90 Auch Lieberkühn muss gestehen 1 ), dass es ihm nicht gelungen sei, »in irgend einem Falle eine Membran der conlraclilen Behälter oder der Gefässe zu isoliren.« Lachmann dagegen will aus dem Umstände, dass bei Spiro- slomum ambiguum Kotbballen den engen Raum zwischen der aussein Körperhaut und dem conlractilen Behälter passiren, ohne in den letztein durchzubrechen, auf eine häutige Begrenzung des conlractilen Behälters und seiner kanalartigen Fortsetzung schliessen 2 ). Hiergegen muss ich bemerken, dass ich mehrfach fremde Körper innerhalb des Wasserkanalsyslemes beobachtet habe. So traf ich einmal in dem Längskanal von Stentor polymorphus zwei fadenförmige, farblose Astasiäen, die sich in der Flüssigkeit sehr munter auf und nieder bewegten. Bei Stylonychia puslulata sah ich an vielen Exemplaren einer Localität ein dichtes Gewimmel von vibrionidenartigen Fäden im conlractilen Behälter (Taf. IX. Fig. 5. c), welche bei der Systole desselben mit dem Wasser durch eine kanalartige Lücke gegen den After hin getrieben wurden, in dessen Nähe sich gewöhnlich ein weiter Blasenraum (v.) mit dicht zusammengehäuften Fäden bildete. Bei einer grossen Menge von Infusorien erkennt man nur contractile Behälter in einfacher oder mehrfacher Anzahl, aber durchaus keine zuführenden Kanäle; bei vielen derselben füllt sich der contractile Behälter wahr- scheinlich dadurch, dass aus dem umgebenden Parenchym ganz allmählig Wasser in den Behälter, der gleichsam eine Cisterne vorstellt, hineinsickert. Es vergeht daher auch oft eine geraume Zeit, bevor sich der Behälter zusam- menzieht; dies geschieht aber dann stets sehr plötzlich, wie mit einem einzigen Ruck. Durch einige fünfzig kleine, im ganzen Rindenparenchyni zerstreut liegende contractile Behälter zeichnet sich Trachelius Ovum aus; nach ver- bindenden Kanälen zwischen denselben wird man vergebens suchen. Ich begreife daher nicht, wie diese vielen Behälter, die sich ganz regellos und unabhängig von einander conlrahiren, zusammengenommen ein Kreislaufssystem darstellen können; soll man einige fünfzig Heizen in einem Thiere annehmen? Viel weniger paradox ist doch wohl die Ansicht, dass jeder Behälter ein Saminelpunct von Wasser aus dem Parenchym ist, welches durch die Haut nach aussen gespritzt wird. Auch bei Dileptus anser finden sich zahlreiche, bläschenförmige contractile Behälter, namentlich längs der Rückenkante, desgleichen bei Amphileptus (Trachelius Ehby. meleagris 3 und Enchelys gigas. Drei oder mehrere zerstreut liegende contractile Behälter kommen bei Chilodon, Chlamydodon und Ervilia vor, drei oder vier in der Mittellinie der Rückseite liegende bei Nassula elegans. Ist blos ein contracliler Behälter vorhanden, so ist derselbe meist sehr geräumig, und er liegt entweder am hintern Körperende dicht neben dem After oder weit nach vorn in der Umgebung des Mundes. Diese Stellen würden doch schwerlich für ein herzartiges Organ gewählt worden sein, sie sind aber die günstigsten für einen nach aussen Wasser absondernden Behälter. Ganz an das hintere Körperende gerückt zeigt sich der contractile Behälter z. B. bei Colpoda, Cyclidium, Trichoda, Prorodon, Holophrya, Enchelys pupa, Coleps, Blepharisma, Urocentrum, Didinium. Liegt der After etwas vor dem hintern Körperende, so ist dies auch mit dem contractilen Behälter der Fall, wie wir recht deutlich bei Euplotes (Taf. IV. Fig. 1 2. I 4. c.) und Aspidisca (Taf. III. Fig. 1 . 4. c.) sehen können. Während der Systole entleert der Behälter den grüssten Theil seines Inhalts nach aussen und zwar wahrscheinlich durch den unmittelbar neben ihm gelegenen After. Recht deutlich beobachtete ich dies bei Plagiotoma cordiformis und blalta- rum ; hier häufen sich im hintern Körperende kleine und grössere Wassertropfen an , die nach und nach in den an der Bauchkanle, kurz vor der Spitze gelegenen conlractilen Behälter aufgenommen werden. Sowie sich dieser zusammenzieht, erweitert sich der oben beschriebene Afterkanal merklich und man sieht durch denselben die Flüs- sigkeit nach aussen entweichen. Auch bei Blepharisma laleritia sammeln sich im hinlern Körperende Wassertropfen an, die allmählig mit einander verschmelzen und so einen geräumigen Behälter bilden, der seinen Inhalt durch plötzliche Contraction sichtlich durch den Afler entleert. Man beobachte feiner nur einige Zeil das Spiel des con- lractilen Behälters von Prorodon leres, und man muss die Ueberzeugung gewinnen, dass bei der Systole der grösste Theil seines Inhalts durch den Afler hinausgespritzt wird; der übrige Theil drängt an verschiedenen Punclen das umgebende innere Parenchym aus einander und erscheint als ein unregelmässiger Haufen von Wasserlropfen , die später wieder zusammenfliessen und das erste Material zur Diastole des Behälters liefern. Bei den Vorticellinen, Ophrydinen und Spirochoninen findet sich der contraclile Behälter im vordem Körper- ende, in der Nähe des Mundes, desgleichen auch bei den geisseltragenden Infusorien, welche contractile Behälter I) A. a. 0. S. 31. - - 2) A. u. 0. S. 378. — 3) Ehrenberg hielt bei diesen Thieren die conlractilen Behälter für Organe zur Abson- derung eines Verdauungssaftes (Die Infusionstbierchen S. 321 und 353 und Taf. XXXIII. Fig. 8. Taf. XXXVII. Fig. 5). v. Siebold machte aber bereits darauf aufmerksam (Lchrb. der vergl. Anatomie S. 17 Anmerk. und S. 2 1), dass diese vermeintlichen eigenlhünilichen Organe nichts weiter, als contractile Behälter seien. 91 besitzen. Dass bei den Vorlicellinen der Behälter seinen Inhalt in den Vorhof ergiesse, ist schon mehrfach aus- gesprochen worden; ich schliesse dies daraus, ilass bei stark kuglig contrahirten Vorticellen in dem Momente, wo sicli der Behalter zusammenzieht, ein merkliches Anwachsen der Flüssigkeit im Vorhofe zu beobachten ist. — Unter den geisseltragenden Infusorien treten die contractilen Behalter am schärfsten bei Polytoma uvella 1 ) und Chlamydomonas pulvisculus hervor; es linden sich hier im vordem Ende nahe hinter der Insertion der beiden Geissein zwei kleine Bläschen, die abwechselnd verschwinden und wieder erscheinen. Eines derselben ist immer merklich grösser als das andere; ersteres halte ich für den eigentlichen Behälter, der bei der Systole einen Theil seines Inhalts durch den Mund oder die verdünnte Stelle an der Basis der Geissein nach aussen treibt, während der Hest seitwärts ins Parenchvm entweicht und hier als das kleinere Bläschen erscheint. Aehnlich verhalten sich die contractilen Behälter bei Pandorina, Gonium und Volvox. Bei Cryptomonas ovata und Chilomonas paramaecium beobachtete ich ein einfaches contractiles Bläschen in der convexeren Seite nahe hinter der vorderen Ausrandung; auch bei Chaetoglena volvocina und bei einer Monas erkannte ich deutlich ein contractiles Bläschen. Bei Heteromita und Peranema liegt der sehr langsam contraclile Behälter dicht neben der Mundspalte. Bei den Peridinäen haben sich noch keine deutlichen contractilen Behälter auflinden lassen, den Astasiäen und Dinobryinen scheinen sie aber zuzukommen. Ich sah sowohl bei Euglena, als namentlich bei Amblyophis die helle Stelle unter dem rothen Augen- fleck, welche Ehrenberg für ein Ganglion hielt, ihre Contouren ganz langsam verändern ; sie zeigte sich bald rundlich und scharf begränzt, bald unregelmässig gelappt, bald bisquitförmig eingeschnürt. Jedenfalls ist die helle Stelle ein veränderlicher, mit Wasser erfüllter Blasenraum-'); auch bei Dinobryon ist ein solcher im vordem Kürperende vorhanden 3 ). Unter den bewimperten Infusorien giebt es nur wenige Formen, bei denen noch keine contractilen Behälter nachzuweisen waren. Es sind dies meistens Opalinen, z. B. Opalina ranarum, lumbrici. armata. branchiarum ; diese zeigen zwar gewöhnlich zahlreiche, regellos zerstreute, mit wässeriger Flüssigkeit erfüllte Blasenräume im Paren- ehym, aber eine abwechselnde Systole und Diastole ist nicht an denselben wahrzunehmen. Auch bei Loxodes rostrum suchte ich vergeblich nach einem contractilen Behälter; bei diesem Thiere sah ich jedoch zeitweis den ganzen Baum zwischen Mund und After mit grossen, dicht an einander gedrängten , lichten Blasenräumen erfüllt, welche von sehr matten Contouren begränzt waren 4 ). Sollten nicht diese Blasenräume, die momentan klarer her- vortreten, einem Wasserkanalsystem angehören? Schliesslich muss ich noch hervorheben , dass bei den im Meere lebenden Infusorien die Systole des con- tractilen Behälters auffallend langsamer und in längern Zeitintervallen erfolgt, als bei den Süsswasserbewohnern. Die Systole macht bei jenen ganz den Eindruck, als ob ein grösserer Widerstand zu überwinden wäre. Ein solcher Unterschied würde schwerlich zu beobachten sein, wenn der Inhalt des contractilen Behälters Blut wäre; ist er dagegen Wasser, so begreift man. dass sich das Salzwasser im Parenchvm anders verhält als das süsse Wasser. 7. Von der Fortpflanzung und Entwickelung der rnfusionsthiere. Die Infusionsthiere pflanzen sich auf dreierlei Weise fort, nämlich durch Theilung, durch Knospenbildung und durch innere, dem Mutterthiere unähnliche Sprösslinge. Letztere gehen stets aus dem Nucleus hervor, dieser muss daher als das eigentliche Fortpflanzungsorgan der Infusionsthiere angesehen werden. Wenn sich die innern Sprösslinge in Folge eines vorausgegangenen Befruchlungsactes entwickeln, so nennen wir sie Embryonen. Die Befruchtung wird durch geschlängeile , fadenförmige Spermatozoen vermittelt, welche ebenfalls aus dem Nucleus ihren Ursprung nehmen. Ob in allen Fällen zur Erzeugung neuer Individuen aus dem Nucleus eine Befruchtung I) Hier wurden sie zuerst von Schneider (Müllers Archiv 1854. S. 102 im I Tal'. IX. Fig. I. c.) beschrieben. — 8) Nach Lachmann (Müllers Archiv 1856. S. 369) soll die helle Stelle nicht selbst contractu sein, sondern es würde gerade über oder dicht neben derselben ein besonderer contractiler Behüller liegen, wovon ich mich jedoch nicht überzeugen konnte. Lachmann beobachtete mit Claparede auch bei Syncrypla volvox einen contractilen Behälter. — 3) Focke (Physiologische Studien lieft II. S. \ 5) erwähnt zuerst einen contractilen Behälter bei Dinobryon sertularia. — i) Joh. Müller meinte offenbar diese Blasenräume, wenn er in der Beschreibung des Loxodes rostrum anführt, dass dieses Tbier auch durch ein netzartiges Aussehen der innern Körperwände kenntlich sei, welches entfernter Weise an die Zeichnung des Yerdauungsorganes in Ehrenberg's Abbildung von Trachelius ovum erinnere. (Monalsber. der Berliner Acad. 1856. S. 390). 23* 92 nothwendig ist . das lässl sich zur Zeil noch nicht übersehen; wahrscheinlich kann der Nucleus auch als blosser Keimstock fungiren. Für die ohne Befruchtung aus dem Nucleus hervorgehenden Sprösslinge behalte ich den von mir früher in einem weitein Sinn gebrauchten Namen Schwärmsprössling bei. Die Fortpflanzung durch Thei I ung ist die häufigste und verbreitetste Vermehrungsweise der Infusorien ; sie besteht darin, dass aus einem Thiere duich eine allmählig fortschreitende und immer tiefer eingreifende Einschnü- rung des Körpers zwei gleich grosse oder doch nur wenig in der Grösse dill'erirende Individuen . die Theilungs- sprösslinge, gebildet werden, welche genau dieselbe Organisation besitzen, wie das Mutlerlhier. Die Einschnürung des Körpers erfolgt entweder in der Richtung der Langsaxe, oder senkrecht auf dieselbe, oder unter einem spitzen Winkel gegen die Langsaxe; hiernach unterscheiden wir die Längstheilung, die Quertheilung und die diagonale Theilung. Jeder Theilung geht eine Vergrösserung des Körpers in einer auf der Theilungsebene senkrechten Rich- tung voraus; vor der Längslheilung vergrössert sich der Körper in querer Richtung, vor der Quertheilung in der Längsdimension. Dasselbe gilt auch von dem Nucleus. der stets eine solche Lage annimmt, dass jede der beiden Körperhälften eine nahebei gleiche Portion desselben erhall. Ist ein doppelter Nucleus vorhanden, wie z.B. bei den meisten Oxytrichinen Taf. VI. Fig. I. n. n. . so bekommt die eine Körperhälfte den einen, die andere den zweiten Nucleus; jeder Nucleus zerfällt dann bei fortschreitender Theilung in zwei Kerne (vergl. Taf. VI. Fig. 6). In gewissen Fällen verhält sich jedoch der Nucleus bei der Theilung wesentlich anders; so verschmelzen z. B. bei den Oxylri- chinen nicht selten während der Theilung beide Kerne mit einander. Die Theilung scheint dann noch eine andere Bedeutung zu haben, als blos zwei neue, dem Mutterthier gleiche Individuen zu liefern. Hierüber möge man die specielle Darstellung der Theilungsvorgänge in der Beschreibung der einzelnen Arten , namentlich bei Stylonychia niytilus vergleichen. Die Theilung geht nicht von dem Nucleus aus , wie man häufig angenommen hat ; denn sehr oft zeigt derselbe noch keine Spur von Veränderung, während an der äussern Oberfläche bereits mehr oder weniger tief eingreifende Metamorphosen stattgefunden haben. .Ueber die Theilung lässt sich sonst im Allgemeinen nicht viel sagen, da sie sich ganz und gar nach der specifischen Organisation des sich theilenden Thieres richtet, also fast für jede Art auf eigenlhümliche Weise erfolgen muss. Nur bei den einfachsten Infusorienformen ist die Theilung kaum mehr, als blosse Halbirung des Körpers und des Nucleus. so namentlich bei vielen Opalinen und demnächst bei den geisscltragenden Infusorien. Je complicirter dagegen die Organisation eines Infusionsthieres ist, um so verwickelter sind auch die Vorgänge, welche bei der Theilung stattfinden; denn jede Körperhälfte, welche zu einem neuen Individuum werden soll, muss so lange umge- staltet werden, bis sie wenigstens in allen wesentlichen Punclen wieder die Organisation des Multerthieres zeigt; alsdann erfolgt erst die vollständige Abschnürung. In der einen Hälfte kann meist ein grosser Theil der vorhandenen Organisation, z. B. das Peristom, Mund und Schlund, beibehalten werden, in der andern müssen dagegen grade diese Theile neugebildet und die hier hinderliche ursprüngliche Organisation vernichtet werden. Am verwickeltslen sind die Theilungsvorgänge bei den Oxytrichinen, Euplotinen und Aspidiscinen. Hier wird nicht blos in der einen Körperhälfte der Mund mit seinem complicirten Peristom neu gebildet, was auch bei den heterolrichen Infusorien geschieht, sondern es wird auch in jeder Körperhälfte ein ganz neues locomotives Wimpersystem angelegt und das vorhandene unterdrückt. Bei sehr vielen Infusorien kommt sowohl Quer- als Längstheilung vor. die diagonale Theilung ist viel sel- tener; am reinsten tritt diese bei der Gattung Lagenophrys auf 1 ). Die Vorticellinen und die Ophrydinen, mit Ausnahme von Lagenophrys , vermehren sich nur durch Längstheilung, die Ophryoscolecinen and Halteria nur durch Quer- theilung. Durch eine gleichzeitige mehrfache diagonale Theilung zeichnet sich Chlorogonium aus. Manche Infusorien vermehren sich in ihrem freien Lebensstadium gar nicht oder doch nur selten durch Theilung, sie thun dies aber, nachdem sie sich kuglig contrahirt oder wenn sie sich mit einer Cyste umgeben haben. Dies gilt namentlich von der Gattung Euglena und von Colpoda cucullus . auch von der Gattung Lacrymaria. die ich häufig im enevstirten Zustande sich theilen sab. Die Theilungssprösslinge sondern sich nicht immer von einander, sondern sie bleiben bei manchen Formen an einer Stelle dauernd mit einander verbunden ; durch fortgesetzte unvollständige Theilung entstehen alsdann kleinere oder grössere beerenförmige Familienstöcke. Bekannte Beispiele sind die Gattungen Uvella, Polytoma und Spondyloniorum. Bei Infusorien, welche eine Hülse bewohnen . wie Vaginicola. Cothurnia, Lagenophrys, Tinlinnus, theilt sich immer nur der Körper, die Hülse aber bleibt unverändert. Nach vollendeter i) Ver^l. Stein Die Infusionsthiere S. 89 und Taf. VI. Fig. i 93 Theilung verlässt der eine Theilungssprössling die Hülse, schweift eine Zeit lang frei umher, setzt sich dann irgendwo wieder fest und scheidet um sich eine neue Hülse ab. Ist die Mündung einer Hülse für den Austritt eines Theilungs- sprösslings zu eng, wie z. B. bei Trachelomonas, Lagenella und Cryptomonas lenticularis, so wird sie zuletzt von den Theilungssprösslingen gesprengt. Bei den Volvocinen dehnt sich , wie am leichtesten bei Pandorina zu verfolgen ist, die dem Körper innig anliegende Gallerthülle mit dem Wachsthum des Körpers und der aus ihm hervorgehenden Theilungsgeneralionen aus und so entsteht ein oft sehr umfangreicher, aus vielen Individuen zusammengesetzter Familienstock. Ophrydium versatile bildet dadurch kugel- oder knollenförmige Familienstücke , dass die durch Längstheilung entstehenden Theilungssprösslinge an ihrer Basis eine compacte Gallertmasse aussondern, die in demselben Maasse an Umfang wuchst, als die Zahl der sich über den ganzen Umfang der Gallertmasse ausbreitenden Individuen zunimmt. Unter den Vorticellinen bilden die Gattungen Carchesium, Zoothamnium, Epistylis und Opercularia bäum- oder strauch- artige, dichotomisch verästelte Familienstöcke, die an den Enden der Zweige die einzelnen Individuen tragen. Ein solcher Familienstock geht durch wiederholte Langstheilung aus einem einzigen Thier hervor, welches auf einem einfachen, vom hinlern Körperende ausgeschiedenen Stiel sitzt. Bei der Theilung, die sich niemals auf den Stiel erstreckt, zerfällt der Körper in zwei vollständig von einander gesonderte, nach vorn divergirende Theilungsspröss- linge. deren hintere Enden mit der Spitze des Stiels in innigem Zusammenhange bleiben. Jeder Theilungssprössling sondert nun aus seiner Basis einen neuen Stiel aus, der mit dem ursprünglichen völlig gleichartig ist und ohne Unterbrechung in denselben übergeht; dadurch verwandelt sich der einfache Stiel mit einem Thierkörper in einen gegabelten Stiel mit zwei Individuen. Früher oder später wiederholt sich an jedem Individuum derselbe Vorgang, und wir erhalten nun einen doppelt gegabelten Stock, der vier Individuen trägt. Der nächstfolgende Theilungsact liefert einen dreifach gegabelten Stock mit acht Individuen u. s. w. Wachsen die einzelnen Theilungsgeneralionen ganz gleichmässig fort und wiederholt sich an den zu derselben Ordnung gehörigen Individuen die Theilung fast gleichzeitig, so entsteht ein doldentraubiger Stock, der die einzelnen Individuen in nahebei gleicher Höhe trägt; Irill dagegen bei den einen Individuen derselben Generation die Theilung viel früher ein, als bei den andern, so entsteht ein rispenartig verästelter Stock, an dem die Individuen in sehr verschiedenen Höhen sitzen. Ersleres ist z. B. bei Epistylis plicatilis und digilalis, Letzteres bei Carchesium polypinum der Fall. Häufig trennen sich einzelne Individuen von ihrem Stocke, nachdem sie vor ihrem hintern Ende einen Wimperkranz entwickelt haben; sie setzen sich dann später irgendwo wieder fest, scheiden, während der hintere Wimperkranz eingeht, einen neuen Stiel aus und werden so zum Stammvater eines neuen Familienstückes. Bei der Gattung Vorticella bleibt der Stiel, welchen das Thier ausscheidet, beständig einfach, da nach erfolgter Langstheilung der eine Theilungssprössling sofort einen hintern Wimperkranz entwickelt und sich dann von seinem Gefährten trennt, der nun die Spitze des Stieles einnimmt und diesen nur in (\ev Läosrsrichtune; weiter entwickelt. Der Theilung nahe verwandt ist die Knospenb ildun g. Bei dieser Forlpflanzungsweise entwickelt sich nicht die Hälfte des mütterlichen Körpers, sondern ein viel kleinerer Theil desselben, der in Gestalt eines Hügels nach aussen hervorwächst und sich mehr und mehr von dem mütterlichen Körper abschnürt, zu einem neuenlndividuum, dem Knospensprössling, dessen Organisation ganz und gar durch Neubildung entsieht. Der vollständig entwickelte Knospensprössling bleibt, bei den Infusorien stels viel kleiner als das Mutterthier, und er löst sich zuletzt immer von demselben ab; daher durch Knospung bei den Infusorien niemals Familienstöcke gebildet werden. Die Knospen- bildung ist nur auf wenige Infusorienfamilien beschränkt, nämlich auf die Vorticellinen, Ophrydinen und Spirochoninen. Bei den beiden ersleren Familien kommt die Knospenbildung untergeordnet neben der viel häufigem Theilung vor 1 ); die Knospensprösslinge gleichen hier, abgesehen von ihrer Entstehungsweise und ihrer Grösse, vollkommen den Theilungssprösslingen, sie entwickeln auch, wie diese, vor ihrer Ablösung einen hintern Wimperkranz. Die Spiro- choninen pflanzen sich nur durch Knospenbildung, niemals durch Theilung fort. Nach Elnenberg 2 ), Lachmann 3 ] und Claparede*) soll auch bei der Acinetinengattung Dendrosoma Knospenbildung vorkommen, ich muss jedoch diesen Angaben widersprechen. Mir sind zwei Arten jener merkwürdigen Gattung bekannt geworden, nämlich Dendrosoma radialis Ehbg. und eine neue auf unserem Flusskrebs häufig von mir beobachtete Art, die ich Dendr. astaci nenne; I) Bei Epistylis aerea , einer neuen auf den Kiemen der Landasseln (Porcellio, Oniscus , Armadillidium und Ligidium) von mir ent- deckten Art, beobachtete icli die Knospenbildung fast noch häufiger als die Theilung. — 2) Monatsber. der Berliner Acacl. von 1837. S. 15"2— 53. — 3) Müller's Archiv 1856. S. 384—85. — 4) Annales des scienc. natur. 18Ö7. IV. Ser. Tome \Itl p. 242. Sicm, Organismus der luCiisioastliiere 2 1 94 ich kann jedoch nichts weiter finden, als dass der Körper hei diesen beiden Arien mehr oder weniger verästelt ist. Jeder Ast ist am Ende etwas kopfförmig angeschwollen, und diese Anschwellung ist mit zahlreichen Tentakeln besetzt; durch den gemeinsamen Stamm verlauft ein geschlängelter, strangförmiger Nucleus, der keineswegs in die einzelnen Aesle einen Zweig hineinschickt, wie Lachmann angiebt. Im Stamm sowohl wie in seinen Verzweigungen liegen kleine contractile Behälter regellos zerstreut. Warum nun der oft ausserordentlich langgestreckte Stamm ein Multerthier und die nicht selten ganz kurzen warzenförmigen Aeste Knospensprösslinge darstellen sollen , die beständig mit dem Mutterlhier in Verbindung bleiben, das vermag ich nicht einzusehen. Es fehlt den Aesten jedes Merkmal der Individualität; sie besitzen keinen besondern Nucleus, wie sonst die Knospensprösslinge, und sie sind auch nicht im mindesten vom Stamme abgegliedert. Letzterer stellt für sich ebensowenig ein Individuum dar; denn er besitzt gar keine eigenen Tentakeln. Die Theilung wird bisweilen der Knospenbildung dadurch sehr ähnlich , dass das Mutlerthier in zwei sehr ungleich grosse Theilungssprösslinge zerfällt. So schnürt sich z. B. bei der oft sehr langgestreckten Opalina secans, welche ich häufig im Darmkanal von Saenuris varieeata und von Enchvtraeus vermicularis beobachtete, nur ein sehr kleines Segment des hintersten Körperendes vom übrigen Körper ab. Dieses Segment gleicht im Verhältniss zu dem langen Vorderkörper einer an demselben hängenden Knospe; es erhält jedoch einen seiner Grösse entsprechenden Antheil von dem langen slrangförmigen Nucleus des Mutterthieres und characterisirt sich schon dadurch als ein blosses Theilungsproducl. In der Knospe bildet sich stets ganz unabhängig von dem mütterlichen Nucleus ein eigener Nucleus aus. Oft hat sich der knospenartige Theilungssprössling von Opalina secans noch nicht vom Mutler- thier getrennt, und es beginnt sich bereits wieder ein neues Segment von dem mütterlichen Körper abzuschnüren; von den drei Segmenten, aus welchen dann der gesammte Körper besteht, ist das mittelste stets das kleinste, es muss also nach der Ablösung des hintern, ähnlich wie eine Knospe, sich noch eine Zeit lang vergrössern, bevor es ebenfalls zur Abschnürung gelangt 1 ). Auch bei zwei Acinetinen (Acineta mystacina und Podophrya fixa), sowie bei den acinetenarligen Embryonen verschiedener höherer Infusorien kommt eine Theilungsweise vor, welche lebhaft an die Knospenbildung erinnert. Nachdem sich nämlich der wimperlose , Tentakeln tragende Körper durch eine ringförmige Einschnürung in ein vorderes und hinteres Segment geschieden hat, von denen ein jedes einen seiner Grösse entsprechenden Theil des verlängerten Nucleus aufnimmt, werden an dem vordem Segment die Tentakeln eingezogen oder doch sehr verkürzt und es entwickelt sich an seiner ganzen Oberfläche ein dichtes, feines Wimper- kleid. Nun schnürt sich das vordere Segment immer mehr von dem hintern ab; es verlängert und verschmälert sich, während das hintere wimperlose Segment, an dem die Tentakeln ausgestreckt bleiben, wieder die Kugelform annimmt. Der vordere Theilungssprössling, der sich demnächst ablöst, gleicht jetzt ganz einem bewimperten, von einem Acinetenkörper entwickelten Knospensprüssling. Die Theilung und Knospenbildung können in jedem Lebenssladium eines Infusionsthieres eintreten; durch Theilung vermehren sich schon die Embryonen im Mutterleibe. Es giebt nur wenige Infusionsthiere . bei denen bisher noch keine von jenen beiden Fortpflanzungsweisen nachgewiesen werden konnte. Dahin gehören namentlich alle Acinetinen mit Ausnahme von Acineta mystacina und Podophrya fixa, und von sehr häufig beobachteten bewim- perten Infusorien Trichodina pediculus und mitra und Opalina ranarum. Bevor wir die von dem Nucleus ausgehende Fortpfianzungsweise betrachten können, müssen wir uns mit dem Vorkommen, der Form und dem feinern Bau dieses Organs bei den verschiedenen Infusionsthieren bekannt machen. Der Nucleus fehlt wahrscheinlich keinem einzigen Infusionsthier ; er ist bei den meisten in allen Lebens- stadien, namentlich nach dem Zusatz von Essigsäure oder wenn sie abgestorben sind, sehr leicht zu beobachten. Bei manchen Infusorien, z. B. bei Dileptus anser, ist zu gewissen Zeilen selbst an den grössten Exemplaren keine Spur von einem Nucleus aufzufinden; wahrscheinlich wurde er zuvor ganz und gar zur Erzeugung von Jungen verbraucht, und er muss nun erst wieder ausgebildet werden. Bei Urostyla grandis entwickelt sich der Nucleus immer erst während der Theilung, und er geht dann merkwürdige Metamorphosen ein. die wir später bedachten werden. Bei Opalina ranarum suchte ich bisher vergeblich nach einem Nucleus. Die Form des Nucleus ist nicht blos bei den verschiedenen Infusorienformen sehr verschieden, sondern sie erleidet auch bei ein und derselben Art beträchtliche Veränderungen, sobald der Nucleus in Thätigkeit tritt, Nur in ») Die von Frey (Das einfachste Ihierische Leben S. 57 und Fig. 20) geschilderte und abgebildete Opaline ist wahrscheinlich mit meiner Opal, secans identisch. Frey hat das hintere Körperende für das vordere genommen; er beobachtete seine Thiere frei im Wasser, wohin sie wahrscheinlich nur zufallig gerathen waren. Einen Namen hat er denselben nicht gegeben. 95 seinem gewöhnlichen, nicht thaligen Zustande zeigt er bei jeder Art eine constante Form. In sehr vielen Fallen ist er ein einfacher runder oder ovaler Körper, so wahrscheinlich bei allen geisseltragenden Infusorien, ferner bei Cyclidium, Colpoda, Coleps, Prorodon leres, Glaucoma, Paramaecium, Pleuronema, Nassula, Cyrloslomum, Ophryo- glena, Leucophrys entozoon. Blepharisma, Plagioloma concharum, Chilodon (Taf. I. Fig. fi. n.), Chlamydodon (Taf. II. Fig. I. n.), Spirochona, Opercularia berberina und vielen Acinelinen. Breit bandförmig ist der Nucleus bei Bursaria flava und Trachelius ovum. Eine grosse Anzahl von Infusorien besitzt einen mehr oder weniger langen slrang- förmigen Nucleus, der bald ziemlich gerade, bald geschlängelt, bald nieren-, ring- oder hufeisenförmig zusammen- gekrümmt ist. Ein grader strangförmiger Nucleus findet sich z. B. bei den Ophryoscolecinen, bei Opalina lumbrici, armala, secans, ein geschlängelter bei Enchelys pupa, Dendrosoma radians und astaci, Vaginicola crystallina und Ophrvdium versalile. Der nieren-, ring- oder hufeisenförmig zusammengekriimmte Nucleus ist besonders den Vor- ticellinen, Ophrydinen , Euplotinen (Taf. IV. Fig. 13. n.) und Aspidiscinen (Taf. III. Fig. 3. n.) eigen, ferner den Galtungen Trichodina, Urocentrum, Didinium und Halteria. Einen lang strangförmigen , schleifenförmig zusammen- gekrümmten Nucleus treffen wir bei Bursaria truncatella , Climacostomum virens , Prorodon niveus , Holophrya discolor. Durch einen dendritisch verästelten Nucleus zeichnet sich Acinela Operculariae aus. Bei einigen Infu- sorien ist der Nucleus perlschnurförmig, er besteht aus hinter einander liegenden kugligen oder ovalen Segmenten, die durch sehr kurze fadenförmige Commissuren mit einander zusammenhangen ; dies ist namentlich bei Stentor coeruleus und polymorphus, bei Spirostomum ambiguum, Condylostoma patens und auch bei Dileplus anser der Fall; bei letzterem Thiere trennen sich jedoch die zahlreichen Glieder des Kerns leicht von einander 1 ). Nicht wenige Infusorien besitzen zwei oder mehrere, gar nicht mit einander zusammenhängende, ganz gleich gestaltete Kerne. Zwei ovale Kerne, dereine in der vordem, der andere in der hintern Körperhälfte gelegen, kommen fast allen Oxytrichinen (Taf. VI. Fig. I.n. n.) zu; zwei einander genäherte rundliche Kerne finden sich bei Amphileptus fasciola, meleagris , anas, ferner bei Lacrymaria und bei Opisthodon (Taf. I. Fig. 2ö. n. n.) , vier hinter einander liegende ovale Kerne bei Onychodromus grandis (Taf. V. Fig. 2. n. n.). Bei Loxophyllum meleagris beobachtete ich meist 8 — 10 einander genäherte ovale Kerne, bei Loxodes rostrum 12 — 20 sehr kleine zerstreut liegende; noch viel grösser ist die Zahl der Kerne bei Enchelys gigas. Der Nucleus besieht überall aus einer dem Parenchym ähnlichen, nur viel dichteren, homogenen, fein- körnigen Substanz, welche nach aussen von einer hyalinen, structurlosen, einer Cuticula gleichenden Hülle begränzt wird. Diese hebt sich an isolirlen Kernen oft schon nach längerer Einwirkung des Wassers von der Nucleussubstanz ab; viel schneller tritt die Sonderung beim Zusatz von Essigsäure ein. Die Nucleussubstanz ist bei einer und der- selben Art bald eine ganz gleichartige, von überaus feinen Molecülen getrübte Masse, bald treten in derselben, ohne dass der Nucleus seine gewöhnliche Form geändert hat, mehr oder weniger zahlreiche, verschieden grosse, dichtere Kerne von rundlicher, knollen- oder wurmförmiger Gestalt auf. In recht auffallendem Grade ist dies z. B. bei Para- maecium bursaria und bei Prorodon teres zu beobachten. Häufig, doch bei weitem nicht immer, umschliesst der Nucleus eine besondere Höhle; so besitzen z. B. sämmtliche Oxytrichinen in der Regel in jedem Nucleus eine quer- elliplische, spaltförmige Höhle (vergl. Taf. V. Fig. 2. Taf. VI. Fig. I . Taf. X. Fig. I . n. n.). Eine ähnliche Höhle findet sich im Nucleus der Gattungen Chlamydodon, Ervilia und Trochilia (Taf. II. Fig. 4. 17. 28. n.). Bei Phascolodon (Taf.I. Fig. 1 . n.), Chilodon (Taf.I. Fig. VI. n), Scaphidiodon (Taf. II. Fig. 7. und 9.n.) und bei Spirochona umschliesst der Kern eine mehr oder weniger umfangreiche rundliche Höhle, und in dieser liegt ein scharf begränztes , kleines, kernartiges Gebilde, der Nucleolus. Ein besonderer Nucleolus kommt noch bei einer massigen Anzahl anderer Infusionsthiere vor; bei diesen liegt er jedoch nicht im Nucleus eingeschlossen, sondern entweder an der äussern Oberfläche desselben in einer seichten Vertiefung oder ganz frei dicht neben dem Nucleus. Dieser äussere Nucleolus wurde zuerst von v. Siebohl bei Paramaecium bursaria erkannt (vergl. S. 44), ich fand ihn dann bei Prorodon teres auf 2 ), Lieberkühn bei Bur- saria flava und Ophryoglena flavicans 3 ; und Colin bei Nassula elegans 4 ). Ich habe ausserdem noch bei fast allen Oxytrichinen, bei den Ophryoscolecinen, ferner bei Paramaeciuin aurelia, Nassula aurea . Leucophrys entozoon. Isotiicha intestinalis 5 ; und einigen neuen Infusorienformen einen äussern Nucleolus beobachtet. In allen diesen Fällen ist derselbe ein kleines rundes, ovales, stabförmiges oder gerstenkornartiges Körperchen, welches aus einer I) Ehrenberg giebt bei Dileptus anser, svozu aueb sein Amphileplus margarilifer gebort, irrtbümlicb zwei ovale Kerne an (Die Infii- sionslhierehen S. 355 und Taf. XXXVII. Fig. IV). — 2) Stein Die Infusionstbiere S. 243. — 3) Müllers Archiv 1856. S. 24 — 25. — 4) Zeitschrifl für wissensch. Zoologie 1857. Band IX. S. 141. — 5) Prager Lolos. März 1859. S. 58. 24' 96 homogenen, kryslallhellen , das Licht stark brechenden Substanz und aus einer innig anliegenden, strukturlosen Hülle besteht, die wenigstens in mehreren Fällen, z. B. bei Param. bursaria. sich leicht beim Zusatz von Essigsaure von der innern Substanz abhebt. Einen relativ grossen, dem Nucleus adhärirenden gerstenkornartigen N'ucleolus besitzen Parara. bursaria, Ophryoglena flavicans und Prorodon leres. Gülten auf dem Nucleus sitzt der sehr kleine runde Nucleolus bei Param. aurelia, Bursaria flava, Nassula aurea und Isotricha intestinalis. Bei den Oxytrichinen liegt der sehr kleine, ovale, einem Fettkörnchen gleichende Nucleolus dicht neben dem Nucleus (Taf.V. Fig. I. 2. nl. Taf. VI. Fig. I. 2. n. Taf. X. Fig. 5. nl). Prorodon teres besitzt ausser dem gerstenkornartigen äussern Nucleolus noch einen grossen ovalen Nucleolus im Centrum des Kerns; hieraus darf vielleicht gefolgert werden . dass der innere Nucleolus eine andere Bedeutung hat, als der äussere. Was nun die Function des Nucleus anbetrifft, so konnte darüber schon längst nicht mehr der geringste Zweifel obwalten, dass derselbe das eigentliche Fortpflanzungsorgan der Infusorien darstelle, seitdem von mir über- zeugend dareelhan worden war, dass sich bei den Acinotinen die Anlagen zu neuen Individuen aus dem Nucleus entwickeln. Ein noch viel helleres Licht verbreiten aber die in neuester Zeit von Balbiani an Paramaecium bursaria angestellten Beobachtungen, sowie meine eigenen davon ganz unabhängig geführten Untersuchungen über die Bedeutung des Nucleus. Es geht aus denselben mit Evidenz hervor, dass bei den Paramäcien und wahrscheinlich bei allen Infusorien, deren Nucleus mit einem äussern Nucleolus versehen ist, unter gewissen Umständen der eigent- liche Nucleus als weibliches, der Nucleolus als männliches Geschlechtsorgan fungirt; aus ersterem entwickeln sich die Keime zu den Embryonen, aus letzterem Spermalozoen. Das grosse Verdienst, die ersten auf die geschlecht- liche Fortpflanzung der Infusorien bezüglichen Thatsachen entdeckt zu haben , gebührt aber unstreitig Joh. Müller, Liebevkühn, Claparede und Lachmann (vergl. S. 52). Die so eben genannten Forscher beobachteten bei den Stentoren in klaren Hohlräumen des Parenchyms, die constant im vordem Körperende in der Nähe des contractilen Behälters lagen, freie, sich schlängelnd bewe- gende, vibrionenähnliche Fäden, welche schnell ihre Bewegungen einstellten, wenn sie isolirt wurden und mit Wasser in Berührung kamen. Letzterer Umstand machte es sehr unwahrscheinlich, dass die Fäden von den Sten- toren gefressene Vibrionen seien; das Vorkommen ähnlicher, jedoch unbeweglicher Fäden im Nucleus einiger andern Infusorien schien vielmehr zu der Ansicht zu berechtigen, dass die beweglichen Fäden der Stentoren im Korper derselben ihren Ursprung nähmen. J. Müller hatte bereits im J. 1854 bei Paramaecium aurelia den ganzen Inhalt des vergrösserlen Nucleus in einen Bausch von Locken gekräuselter Fäden formirt gesehen; diese Erschei- nung zeigte sich aber unter sehr vielen Exemplaren nur sehr seilen. Einmal erschien der Nucleus noch viel mehr vergrösserl und in zwei Massen zerfallen, wovon die eine die gewöhnliche Stelle des Kerns einnahm, während die andere sich nach hinten über den Schlund ausgebreitet hatte; beide Massen enthielten eine grosse Menge discreter Fäden, welche aber nicht in Locken geordnet und dicht gepackt waren, sondern in verschiedenen Richtungen locker zerstreut lagen. Claparede und Lachmann beobachteten im Nucleus von Chilodon cucullulus kleine, gerade, unbeweg- liche, nach verschiedenen Richtungen zerstreut liegende Stäbchen 1 ]. Lieberkühn dagegen sah bei einem mit Colpoda ren verwandten Infusionsthier nicht im Nucleus selbst, sondern in dem Nucleolus fadenförmige Körperchen auf- treten. Obgleich J. Müller warnte, aus diesen Thatsachen vorzeitig weitere Schlussfolgerungen zu ziehen, so hob er doch selbst die Ehre» berg'sche Bezeichnung »Samendrüse« für den Nucleus wieder so auffallend hervor, dass wohl Jedermann auf den Gedanken kommen musste, die im Nucleus beobachteten fadenförmigen Korper seien in der Entwickelung begriffene Spermatozoon. Balbiani . dem die vorstehenden von J. Müller in der Berliner Academie im Juli 1856 vorgetragenen Ent- deckungen wohl nicht ganz unbekannt geblieben waren, wies nun in einer der Pariser Academie im März 1838 übergebeneu Abhandlung nach, dass bei Paramaecium bursaria eine wirkliche geschlechtliche Fortpflanzung vor- komme, und dass diese stets durch eine Gonjugation zweier Individuen eingeleitet werde, in deren Folge sich in dem Nucleus Eier, in dem Nucleolus aber Spermatozoon entwickelten; der Nucleus sei daher als Eierstock, der Nucleolus als Hodc zu deuten. Die Conjugation besteht nach Balbiani darin, dass sich zwei Individuen ihrer ganzen Länge nach so an einander legen und mit einander verwachsen, dass die gleichnamigen Körperenden und die Mund- öffnungen neben einander zu liegen kommen. Die conjugirten Individuen stellen denjenigen Zustand dar, welcher bisher als Längstheilung eines einfachen Thieres aufgefasst wurde. Nach erfolgter Conjugation vergrössert sich M Annales des scienc. nalur. IS57. Tome VIII. p. 243. 97 zunächst der Nucleolus jedes Individuums zu einer ovalen Kapsel mit längsstreifigem Inhalt, die dann durch Quer- theilung in zwei oder vier kleinere Kapseln zerfallt; jede derselben bestellt aus einem Bündel feiner Stäbchen, welche von einer gemeinsamen Hülle umschlossen werden. Auch mit dem Nucleus eehen Veränderungen vor, er wird runder und bekommt Einschnitte, die immer tiefergreifen und von ihm eine oder mehrere Portionen abson- dern. Diese, sowie auch öfters der ungeteilte Nucleus enthalten kleine scheibenförmige Körperchen mit einem centralen Fleck, welche Balbiani als Eier deutet, während er die aus dem Nucleolus hervorgegangenen Kapseln als Samenkapseln bezeichnet. Der Befruchtungsacl soll darin bestehen, dass die beiden conjugirlen Individuen die in ihnen enthaltenen Samenkapseln durch die dicht neben einander liegenden Mundöflfnungen austauschen. Ist dies geschehen, so trennen sich die Individuen von einander, und es gelangt nun erst in jedem eine der Samenkapseln zu ihrer volligen Reife. Die reife Samenkapsel hat einen beträchtlichen Umfang und umschliesst unzählige spindel- förmige Spermatozoen , die aus derselben herausgequetscht hin und her schwankende Bewegungen zeigen. Erst 5 — 6 Tage nach der Begattung sollen die ersten Keime zu den Embryonen als kleine homogene Kugeln erscheinen, welche noch keinen Kern und keinen contractilen Behälter besitzen. Aus ihnen gehen endlich die zuerst von Colin genauer beschriebenen (vergl. S. 43), mit Kern und contractilem Behälter versehenen acinetenartigen Embryonen hervor. Ich bin bei Param. bursaria zu ganz ähnlichen Resultaten gelangt, wie Balbiani, den vorliegenden Erschei- nungen muss ich jedoch nach einem vergleichenden Studium von Param. aurelia eine wesentlich andere Deutung geben. Als ich von J. Müllers Vortrag über die Entwicklung von fadenförmigen Gebilden im Nucleus einiger Infusorien, namentlich von Param. aurelia, Kenntniss erhalten halle, ging ich sofort von Neuem an die Untersuchung der Paramäcien , deren Embrvonen ich in den J. 1855 und 5G wieder vielfach zu beobachten Gelegenheit gehabt hatte. Ich überzeugte mich zuvörderst, dass auch bei Param. aurelia constant ein besonderer, sehr kleiner, runder Nucleolus vorhanden ist, der mitten auf dem ovalen Nucleus in einer seichten Vertiefung sitzt; J. Müller hatte nach demselben vergeblich gesucht. Im Januar 1857 traf ich endlich unter ungeheuren Schaaren von P. aurelia eine geringe Anzahl von Individuen, die genau die von J. Müller beschriebenen Erscheinungen zeigten. Der Nucleus, an dem sich jetzt kein Nucleolus unterscheiden liess , war nämlich beträchtlich vergrössert, so dass er bisweilen zwei Drittel des ganzen Körperraumes einnahm ; in seiner ganz homogenen Substanz lagen nach allen Richtungen hin zahllose, ganz gerade, sehr feine Stäbchen regellos und locker zerstreut, die sich durch Quetschen des Thieres isoliren liessen und -j-^ — tW ' an S waren. Ein Individuum mit einem solchen Nucleus sah ich einmal von Urostyla Weissei gefressen werden (vergl. Taf. XIII. Fig. 3. s.). Mehrmals war der sehr verlängerte Nucleus in zwei Massen gesondert, die jedoch noch durch eine gedrehte strangförmige Commissur zusammenhingen. Diese Sonderung darf nicht als eine weitere Entwicklungsstufe des Nucleus aufgefasst werden . sondern sie ist lediglich ein Product der krampfhaften Windungen, die das Thier unter dem belastenden Deckglas ausfuhrt. Bei einer ziemlich beträchtlichen Anzahl anderer Individuen bot sich mir im Innern eine ganz neue über- raschende Erscheinung dar. Sie enthielten gar keinen Nucleus, sondern statt desselben eine grosse Anzahl blasser rundlicher oder ovaler Körperchen von sehr ungleicher Grösse, die erst nach dem Zusatz von Essigsäure ganz klar hervortraten. Es sondert sich dann an den grossem eine zarte, krystallhelle Membran von dem ganz homogenen feinkörnigen Inhalt, aus dem meist ein deutlicher Kern hervorschimmert. Die grössern kugelförmigen Körper liegen regellos zerstreut zwischen den kleinen, dicht zusammengedrängten, ovalen Körperchen, welche oft eine sehr unregelmässige Form haben und wie Bruchstücke eines grössern Ganzen erscheinen. Sämmtliche runde und ovale Körperchen zusammengenommen nehmen einen grossen Theil des innern Körperraumes ein, sie sind ohne Zweifel aus dem Nucleus hervorgegangen, der sich zuvor beträchtlich vergrösserte und dann durch eine unregelmässige, an verschiedenen Punclen gleichzeitig eintretende Theilung in kleinere und grössere Bruchstücke zerfiel. An mehreren Individuen war dieser allmählige Zerfall des vergrösserten Nucleus mit Bestimmtheit zu erkennen. Die kugelförmigen Körper, welche aus dem Nucleus hervorgehen, sind die Anlagen zu neuen Individuen, ich nenne sie aus Gründen, die wir gleich kennen lernen werden, Keimkugeln, nicht Eier. Als ich diese Thatsachen gefunden hatte, war ich natürlich der Meinung, dass die Individuen, welche in dem vergrösserten Nucleus stabförmige Körperchen enthielten, Männchen, die mit eiähnlichen Körpern erfüllten dagegen Weibchen seien; ich glaubte, dass der Nucleus bei den einen Individuen als Hoden fungire und Sperma- tozoen erzeuge, bei den andern aber die Rolle eines Eierstocks spiele und in einen Haufen Eier zerfalle. Von dieser Ansicht kam ich jedoch bald zurück. Als ich nämlich im Juli 1857 abermals unter dichten Schaaren von Par. aurelia._ Siein. Organismus der Infusionsthiere. 25 98 • dieselben Entwickelungszustände antraf, fiel es mir auf, dass gleichzeitig sehr viele in der Liingstheilung begriffene Individuen vorhanden waren. Ich war nicht wenig überrascht, als ich beim Zerquetschen derselben dicht, neben dem Nticleus jeder Hälfte eine rundliche Kapsel bemerkte, welche sehr zarte, parallel neben einander liegende Faden enthielt.« Die weitere Untersuchimg sehr vieler in der Längstheilung begriffener Individuen lehrte, dass die Kapsel nichts weiter als der vergrösserle Nucleolus sei, dessen Inhalt zuerst ein längsstreifiges Ansehen bekommt, und sich dann in parallel neben einander liegende Fasern sondert. Die Kapsel verlängert sich nach und nach zu einem ansehnlichen nach beiden Enden angeschwollenen Schlauch, der dicht an einander liegende feine Fäden umschliesst und öfters durch Quertheilung in zsvei gesonderte Spindel- oder eiförmige Kapseln zerfällt. Die in der schlauchförmigen Kapsel enthaltenen Fäden sind in der Entwickelung begriffene Spermatozoon, die erst zur Reife gelangen ,' wenn sich die beiden Theilungssprösslinge von einander getrennt haben. Von einem Austausch der schlauchförmigen Samenkapseln durch die neben einander liegenden Mundöffnungen der noch zusammenhängenden Theilungssprösslinge kann bei der bedeutenden Grösse der Samenkapseln nicht die Rede sein. In Gesellschaft der in der Längstheilung begriffenen Paramäcien fanden sich häufig einfache Individuen, die offenbar die weitem Entwickelungszustände der aus der Theilung hervorgegangenen Individuen darstellten. Sie enthielten einen grossen ovalen Ballen von dicht zusammengepackten, lockenförmig gekräuselten Fäden, welcher in der Regel unmittelbar vor dem gleichzeitig vorhandenen Nucleus lag; letzterer war natürlich ohne Nucleolus. Der Ballen war bald noch von einer besondern Membran umschlossen, bald nicht; im ersteren Falle waren die ein- geschlossenen Fäden weit zarter, und sie Hessen sich beim Quetschen nur unvollständig isoliren, im letzteren Falle löste sich der Ballen schon bei einem massigen Druck mit dem Deckglase in eine zahllose Menge von kurzen, geschlängelten, nach beiden Enden zugespitzten Fäden auf, die tW lang waren und sich unter hin und her schwankenden Bewegungen weithin durch das Wasser verbreiteten. Dies sind die reifen Spermatozoen; sie werden im Wasser nur mechanisch fortgetragen, eine automalische Bewegung konnte ich bisher noch nicht an ihnen con- staliren. Der Spermatozoenballen ist nicht selten grösser als der Nucleus selbst, häufig sind zwei kleinere gesonderte Ballen vorhanden, von denen der eine vor, der andere hinter dem Nucleus liegt; zuweilen sah ich drei bis vier Ballen vor dem Nucleus. Endlich traf ich auch Paramäcien, deren mehr oder weniger vergrösserter Nucleus dicht mit zahllosen reifen geschlängelten Spermatozoen erfüllt war, die sich noch leicht aus demselben isoliren liessen, aber ebenfalls keine selbstständigen Bewegungen zeigten. Wahrscheinlich war es diese Enlwickelungsstufe, welche bereits